Das Hexenmädchen von Max Bentow: Düsterer Thriller mit leichtem Déjà-vu-Effekt

17 Aug

Zu Beginn läuft es nicht gut für Nils Trojan, Kriminalkommissar in Berlin. Der arme Mann, seit Jahren von Panikattacken geplagt, bricht ausgerechnet vor seiner Tochter zusammen. Die Halbwüchsige verfrachtet ihren Vater ins Krankenhaus, wo er von den Ärzten belächelt den Abend in eine Tüte atmend verbringt. Die Angst bleibt beherrschendes Thema in Trojans Leben, bis – und da wäre es interessant zu wissen, ob sein geistiger Vater, der Schriftsteller Max Bentow, da eine gewisse Absicht verfolgt – der deutsche Polizeibeamte, sich mit seiner Ex-Frau einen Joint gönnt. Es wäre ja, sollte ein Plan des Autors dahinter stecken, mal ein origineller Therapie-Ansatz: Jedenfalls spielt nach der kleinen Episode mit der Ex die Angst keine Rolle mehr in „Das Hexenmädchen“.

Max Bentow verwandelt gekonnt verlorene Seelen in Serienmörder

„Das Hexenmädchen“ ist seit seinem Debüt mit „Der Federmann“ mittlerweile der vierte Triller von Max Bentow. Der schreibende Schauspieler besetzt mit seinen Büchern das Genre des Psychothrillers. Es sind besonders gestörte Figuren, die die Romane des Berliners bevölkern. Von Traumata getrieben, verwandeln sich immer wieder verlorene Seelen in Serienmörder.

Kommissar Nils Trojan ermittelt in „Das Hexenmädchen“

Diese Düsternis eines Lebens am Abgrund fängt Bentow auch in seinem neuesten Krimi wieder gut ein, ihm gelingt erneut ein Plot, der eine magnetische Wirkung hat. In „Das Hexenmädchen“ werden gleich zu Beginn drei Tote gefunden, denen gemein ist, dass sie grausam verstümmelt wurden. Genauer gesagt, wurde ihnen mit einem glühend heißen Ofen das Gesicht verbrannt. Außerdem verschwinden rasch zwei Kinder. Der Zusammenhang zwischen den „Ofen-Toten“ ist leicht hergestellt, erst Nils Trojan beginnt zu ahnen, dass auch das Verschwinden in einem Zusammenhang stehen könnte. Die Ermittler geraten unter Druck, weil sie fürchten müssen, dass es mit jedem Tag mehr Tote werden können.

„Das Hexenmädchen“, düsterer Thriller mit Lichtblicken an den richtigen Stellen

Für „Das Hexenmädchen“ von Max Bentow gibt es zwei Einschätzungen. Wenn man das Buch für sich nimmt, ist es ein spannender Psychothriller, gut konstruiert, spannend geschrieben, mit hinreichend kaputten Gestalten, die dem geneigten Krimileser einen wohlig gruseligen Schauer durch die Nackenhaare treiben. Allerdings gönnt der Autor seinem Ermittler bei allen Problemen immer seine persönliche (halbwegs) heile Welt. Dass die Finsternis am Ende nicht siegt, ist natürlich schön, für einen richtig düsteren Psychothriller aber auch ein Problem. Bentow bewahrt aber hier die richtige Balance, dass die gelegentliche Lichtblicke glaubhaft, aber nicht kitschig wirken.

Ein kritisches Wort: Bentow gönnt seinen Figuren leider keine Entwicklung

Die zweite Einschätzung zum „Hexenmädchen“ fällt ein wenig kritischer aus. Bentow hat sein Rezept gefunden und ändert es – leider – nicht ab. So entsteht beim Leser, der mehr als einen der Bände Bentows gelesen hat, der Eindruck, der Berliner habe eine Blaupause, die er über neue Manuskripte legt, um dann nur noch bekannte Muster nachzuzeichnen. Das mag den Seltenleser nicht stören, aber der Vielleser in der Kriminalliteratur wird sich angesichts der Fülle der Konkurrenz ein ständiges Déjà-vu nicht antun wollen. Dass es mit ein und derselben Hauptfigur abwechslungsreich geht, haben unter anderem die Schweden Sjowall/Wahlöö (MartinBeck, zehn Bände) oder der Niederländer Robert van Gulik (Richter Di, 15 Bände) gezeigt. Vielleicht ist der Vergleich mit Ausnahmeerscheinungen der Kriminalliteratur, die ihren Figuren massive menschliche und biographische Wandlungen gegönnt haben, ungerecht, aber wer Serien anlegt, muss sich auch daran messen lassen, ob er seine Protagonisten weiterentwickelt: Und hier hat Max Bentow bei aller Sympathie für die einzelnen Folgen Schwächen.

Max, Bentow, Das Hexenmädchen, Page&Turner, 381S, 14,99€, VÖ: Juli 2014

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