Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen: Menschliche Abgründe in Münsteraner Wohlfühlatmosphäre

3 Nov

Jung, schön, tot. Das Leben der jungen Anna-Lena Beeck endet in einer dunklen Nacht abrupt auf der Landstraße. Als die Rechtsmediziner die Leiche der jungen Frau obduzieren, stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall ein besonders tragisches Ende war. Die Frau war, so wird sich später herausstellen, offenbar einem Monster knapp entkommen, auf der Flucht vor Folter und Misshandlung in Panik auf die Straße gelaufen und dort von einem Auto erfasst worden.

Familienvater und Serienmörder

Bei der Obduktion wird auch offenbar, dass die junge Frau nicht das einzige Opfer ihres Peinigers war. Es stellt sich heraus, dass der schnell „Glatzenmann“ genannte Täter bereits eine ganze Reihe von Frauen im Münsterland., aber auch im benachbarten Holland auf seinem Gewissen hat. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwer, weil es dem Täter offenbar gelingt, zwei Leben zu führen. Der Mörder und Vergewaltiger lebt gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Existenz mit Frau, Kindern und einem anspruchsvollen Job.

Ermittlungen und Beziehungsprobleme in Münster

Der Münsteraner Kommissar Bastian Matt, der in Münster eigentlich nur so eine Art kriminalistischer Ersthelfer ist, wird von der Leiterin der Ermittlergruppe ins Team gerufen. Dass passt ins Karrierekalkül des wackeren Beamten, stellt ihn aber dienstlich wie privat vor die eine oder andere Herausforderung. Matt muss nämlich nicht nur gegen den wachsenden Widerstand seiner Vorgesetzten den Fall, sondern auch die Beziehungsprobleme mit seiner Freundin, der für seinen Geschmack etwas zu unabhängigen Yasi Ana lösen. In beiderlei Hinsicht, ist er mehr als bemüht, aber – wie man heute so schön sagt – eher mittelerfolgreich.

Jürgen Kehrers Lambertus-Singen, der zweite Fall für Bastian Matt

„Lambertus-Singen“ ist der zweite Band von Jürgen Kehrer um den Münsteraner Polizisten Bastian Matt. Wie im ersten Teil verbindet Kehrer erneut gekonnt die heile Welt der nordwestdeutschen Provinz mit den düsteren Abgründen menschlicher Grausamkeit. Kehrer, der bereits den durch die zahlreichen ZDF-Verfilmungen bekannt gewordenen Privatdetektiv Georg Wilsberg (der ebenfalls in Münster ermittelt) erfand, bleibt seinem Erfolgsrezept treu. Er setzt auf sympathische, angenehm schusselige Protagonisten, die auf ihrem Weg durchs Leben, mehr oder wenig zufällig in allerlei Abenteuer stolpern. In der Serie um den Polizisten Matt ist der Gegensatz vielleicht größer, weil die Verbrechen düsterer sind. Aber das funktioniert. Die Kehrer-Krimis bleiben vielleicht nicht lange im Gedächtnis, weil sie weder in Form noch in Inhalt ganz besonders außergewöhnlich sind, aber sie unterhalten mit ihrer eigenwilligen Mischung aus leichter, aber intelligenter Unterhaltung und wohlig-düsterem Krimi-Gruselgefühl höchst angenehm. Und mehr kann man von einem Kriminalroman eigentlich nicht verlangen.

Tatort: Münster

Bastian Matt und seine Kollegen sitzen viel im Auto. Das gehört wohl zu den Kernkompetenzen eines jeden Polizisten, aber die Münsteraner Beamten müssen was das angeht, offenbar besonders viel Sitzfleisch mitbringen. Die Stunden hinter dem Lenkrad, die Jürgen Kehrer seinen Ermittlern in „Lambertus-Singen“ zumutet, verraten viel über die Mühen der norddeutschen Tiefebene. Die Wege sind lang und eintönig, eine von Landwirtschaft geprägte Gegend wird nur gelegentlich von Dörfern unterbrochen. Münster, das Zentrum dieser Region scheint, obgleich die nächsten Großstädte wahrlich nicht weit sind, eine einsame, Geborgenheit bietende Zufluchtsstätte inmitten einer verlassenen Ödnis. Dieses Gefühl schier unerträglicher Weite gibt Kehrer auch ohne dass er die Landschaft in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt, in „Lambertus-Singen treffend wieder.

Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen, Rowohlt, 316S., 9,99€, VÖ: November 2014

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