„Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen: Starkes Thema zwiespältig umgesetzt

18 Nov

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Berlin. Vier Frauen wurden verschleppt, misshandelt, erdrosselt und am Ende achtlos weggeworfen. Die Polizei ist sehr sicher, den Täter gefunden zu haben. Allein der junge Psychiater Dalus zweifelt an der Schuld seines ehemaligen Patienten obgleich de wahrlich kein Sympathieträger ist.

Suche nach einem Serienmörder und der lieben Verwandtschaft

Das ist die Ausgangslage in „Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen. Dalus muss nicht nur seinen Patienten auftreiben, bevor die Polizei, die nicht gerade zimperlich ist, den Mann zu Tode hetzt. Auch seine Schwester, die der junge Mediziner vor Jahren aus den Augen verlor, ist verschwunden, nachdem sie kurz zuvor noch überraschend ihren Besuch angekündigt hatte.

Verschwörung in den 20er Jahren

„Bevor die Nacht kommt“ spielt in den Nachkriegsjahren des 1. Weltkrieges mit allen Verwerfungen und politischen Wirrungen, die jene Zeit mit sich brachte. Simon Jaspersen rührt daraus einen sehr interessanten Plot mit vielen überraschenden Wendungen, einer veritablen Verschwörung und einer schier übermächtigen Zahl an Bösewichten zusammen. Insofern ist „Bevor die Nacht kommt“ ein sehr reizvoller, lesenswerter Kriminalroman.

Kriminalroman mit zwiespältiger Resonanz

Insgesamt hat das Debüt bei mir jedoch eine zwiespältige Resonanz ausgelöst. Ich habe ein Faible für historische Krimis und bin großer Fan von Philip Kerrs „Berlin Noir“-Serie um Bernie Gunther, die in der Vorkriegszeit zum 2. Weltkrieg spielt. Dort wo der Schotte Kerr ohne Hemmungen jedes Klischee über Deutsche hervorholt und mit einer gewissen Lust ein grobes, aber eben doch sehr dichtes, emotionales und deshalb stimmiges Bild des historischem Berlins pinselt, bewahrt der Hamburger Jaspersen eine merkwürde Distanz. Ich fand jedenfalls die alte Reichshauptstadt in „Bevor die Nacht kommt“ nie wirklich greifbar.

Diffuses Stadtbild, schwer greifbare Protagonisten

Das unbehagliche Gefühl des Diffusen ist mir beim Lesen nicht nur beim Tatort sondern auch bei den Protagonisten erhalten geblieben. Natürlich erfährt man vieles über den Psychiater Dalus, dessen Schwester und ihre gemeinsame Familiengeschichte, aber insgesamt sind mir die beiden, vor allem aber auch alle anderen Figuren nicht wirklich Nahe gekommen. Schwer zu sagen, ob Jaspersen das nicht besser hinbekommen hat, er es vielleicht sogar genau so wollte, oder ich beim Lesen einfach nur eine schlechten Tag hatte. Auf jeden Fall hat mich „Bevor die Nacht kommt“ trotz des perfekten historischen Aufhängers nicht restlos überzeugen können.

Tatort:Berlin

Eigentlich bleiben zur Darstellung des historischen Berlins in „Bevor die Nacht kommt“ nur zwei Fragen offen. Eine dreht sich um kulinarische Themen, die andere um die Illumination der Stadt.

Die erste Frage: Gab es 1920 in Berlin eine chinesische Garküche? Das wäre noch interessant herauszufinden, ob die Esskultur damals schon derart internationalisiert war. Der Psychiater Dalus besuchte in Berlin jedenfalls in einer Szene besagte Garküche. Zwar gab es seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in bildungsbürgerlichen Schichten eine gewisse Faszination für die chinesische Kultur (die Faszination erstreckte sich aber keineswegs auf die Menschen, die als eher minderwertig betrachtet wurden). Ob die Faszination so weit ging, dass es die chinesiche „Fastfood“-Restaurants nach Berlin schafften, ist zumindest fragwürdig…

Die zweite Frage: Dalus blickt bei einem nächtlichen Spaziergang auf eine Neon-Reklame. Das brachte mich zu der Frage, ob es 1920 eigentlich schon Neon-Reklamen gab? Antwort, ja, gab es: Offen ist allerdings, ob sie seinerzeit bereits für Reklame an Häusern eingesetzt wurden. Die frühen Leuchtwerbungen wurden, hier kann ich mich allerdings leider nur auf einen Wikipedia-Artikel stützen durch Glühbirnen erhellt Außerdem war offenbar, wenn man den Wikipedia-Autoren glauben darf, noch bis 1923 ein aus dem Weltkrieg stammendes Leuchtwerbungsverbot in Kraft.

Dass soll jetzt ausdrücklich nicht die Fähigkeit oder Integrität des Autoren in Frage stellen, sondern nur mein individuelles Unbehagen mit dem Berlin-Bild, das Simon Jaspersen zeichnet: An den Stellen, an denen es greifbar wird, bleibt es unglaubwürdig. Das ist natürlich für das Gelingen einer Fiktion auch nicht nötig, aber für einen Krimi, wie ich ihn mag, der sich zudem historischer Ereignisse bedient, eben doch wichtig.

Simon Jaspersen, Bevor die Nacht kommt, Rowohlt, 439S., 9,99€, VÖ: 24. Oktober 2014

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