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Rose Gerdts verleiht Bremen in Dornenkinder einen Hauch von Gotham-City

Dornenkinder, der neue Krimi von Rose Gerdts, verbindet wieder genauso gekonnt wie unaufdringlich spannende Handlung, interessante Protagonisten und gesellschaftliche Relevanz
Vermutlich bin ja voreingenommen, weil die Krimis von Rose Gerdts in meiner alten Heimat spielen. Auf jeden Fall gefällt mir die Serie um das Ermittler-Duo Frank Steenhoff und Navideh Petersen, die in Bremen auf Verbrecherjagd gehen, außerordentlich gut.

Rose Gerdts schreibt, wenn man einen Vergleich anstellen will, eher in skandinavischer Tradition: Sie kreist ausführlich um das Leben glaubhaft in Szene gesetzter Protagonisten, sie entwickelt vielschichtige „Bösewichte“ und sie verwendet beinahe immer Themen mit politischer Relevanz. Die Bremer Krimis scheinen – und das passt ja zu der Hafenstadt, die schon bessere Zeiten gesehen hat – auf eine spezielle Weise sozialdemokratisch angehaucht. (und falls das missverständlich sein sollte: das war eher als Kompliment gemeint).

Auch „Dornenkinder“ ist wieder gelungen fesselnd

Jedenfalls fühle ich mich in den Kriminalromanen von Rose Gerdts immer sehr wohl und hatte auch beim jüngsten Band, „Dornenkinder“ beim Blick auf das im zweiten Drittel steckende Lesezeichen, das bedauernde Gefühl „Mist, gleich schon wieder vorbei“. Größeres Lob gibt es aus meiner Sicht für ein Buch kaum.

Ungereimtheiten hinter einer bürgerlichen Fassade

„Dornenkinder“ kreist um den Tod einer Lehrerin. Diese wurde als Wasserleiche aus der Weser gefischt. Selbstmord könnte man auf ersten Blick meinen, Selbstmord glaubt auch die Polizei zunächst. Frank Steenhoff, den wieder allerlei private Probleme plagen, entdeckt aber schnell Ungereimtheiten – es war wohl doch Mord. Die Polizei beginnt zu ermitteln und findet schon bald Brüche in der bürgerlichen Fassade. Das Opfer hatte einen Geliebten, ging mit Geisterbeschwörern in den Wald – und war eine bis zur Schmerzgrenze engagierte Lehrerin. Hier wäre es interessant, ob die Autorin Berufswahl und Eigenschaft als bewussten Gegensatz konstruierte. Jedenfalls besuchte die Lehrerin in ihrer Freizeit Problemschüler auch zuhause, in diesem Fall Kinder mit bulgarischen Wurzeln, die in einem Elendsquartier im Arbeiterviertel Gröpelingen hausen, die „Dornenkinder“. Besonders ein jugendliches Zwillingspaar war der Lehrerin ans Herz gewachsen: Als eine der der beiden spurlos verschwindet, nehmen die Ermittlung der Polizisten und der Krimi von Rose Gerdts immer mehr Fahrt auf.

Rose Gerdts hat ein Gespür für die düsteren Ecken Bremens

Es ist eine besondere Mischung, die die Bremer Krimis besonders lesenswert erscheinen lässt. Rose Gerdts gönnt ihren Lesern heile Welt bei ihren Ermittlern, gerade weil deren durchschnittliche Existenz von feinen Rissen, durch die dunkle Stellen hervorscheinen, durchzogen ist, wirken sie besonders glaubwürdig. Diese sympathische Normalität bildet den perfekten Gegensatz zu den Abgründen der Verbrechen. Dazu hat Rose Gerdts ein Talent, die düstersten Ecken der bei allen wirtschaftlichen Problemen doch eher beschaulichen Stadt gekonnt in Szene zu setzen, so dass Bremen bisweilen sogar ein Hauch von Gotham-City anhaftet.

Tatort:Bremen

Kein Roland, kein Marktplatz, kein „Viertel“. Rose Gerdts Dornenvögel kreist um das düster-heruntergekommene Gröpelingen im Bremer Norden. Dieser Ortsteil umschließt bis heute weite Teile des Hafens, aus diesem Teil strömten einst die Hafenarbeiter zur AG Weser. Auch wenn das Werftensterben mittlerweile Jahrzehnte her ist, hat Gröpelingen seinen Ruf als Bremer Armenhaus (und das will schon was heißen, bei einem Bundesland, das chronisch als Armenhaus der Republik gilt) bis heute nicht verloren. Anders gesagt, es gibt lebens- und liebenswerte Viertel in Bremen. Gröpelingen gehört nicht zwingend dazu. Diese Atmosphäre, den ganzen Stapel Probleme, die die schwierige soziale Lage mit sich bringt, schildert Rose Gerdts glaubhaft. Über die mittlerweile fünf Folgen der Serie entsteht so mittlerweile auch ein gelungenes Bremen-Portrait.

Rose Gerdts, Dornenkinder, Rowohlt, 345 S., 9,99€ VÖ: Dezember 2014

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