Jesper Stein treibt in Weißglut zum Vergnügen der Leser seinen Ermittler über dessen Grenzen hinaus

28 Jan

Es ist harter Stoff, den uns Jesper Stein da zumutet. Sein Kommissar Axel Steen zerstört sich langsam aber sicher selber. Er stößt, wo er nur kann, seinen Mitmenschen vor den Kopf, natürlich in erster Linie solchen, denen er nahe steht. Seinen Verstand benebelt er durch regelmäßigen Haschischkonsum. Dazu passend, lässt er seine Wohnung und sein äußeres Erscheinungsbild verkommen. Auch bei seinem Arbeitgeber, der Kopenhagener Polizei hat Steen kaum noch Freunde.

Ein Polizist im freien Fall

Vor dieser Ausgangslage stößt der Polizist in „Weißglut“ bei der Suche nach einer adäquaten Beschäftigung auf einen von seinen Kollegen missachteten Vergewaltigungsfall im Stadtteil Norrebro. Weil das Opfer sehr aufmerksam war, kann Axel Steen eine Verbindung zu einem älteren Mordfall herstellen. Dieser sogenannte „Blackbird“-Fall, bei dem eine Studentin ebenfalls vergewaltigt und anschließend ermordet hatte, kostete den Polizisten seinerzeit die Ehe und beinahe alle Freunde.

In „Weißglut“ wird Axel Steen zum ermittelnden Berserker

Steen, soviel weiß man aus dem ersten Band „Unruhe“ bereits, ist ein Besessener, wenn es um die Suche nach Tätern gibt. Die Motivation für das Berserkerhafte bei den Ermittlungen ist auch in „Weißglut“ noch nicht völlig erklärt, aber man erfährt schon, dass hinter der Fassade des harten Cops viel Mitgefühl, aber – soviel wird klar – auch eine große Portion Schuldgefühl steckt.

Jesper Stein lässt einen kalt berechnenden Serientäter antreten

Jedenfalls treibt Axel Steen gegen alle Widerstände die Ermittlungen voran: Schnell wird klar, das im Kopenhagen, dessen Bewohner sich selber oft so idyllisch-provinziell denken, ein gnadenloser Serientäter sein Unwesen treibt, der nicht nur brutal, sondern überaus kalt berechnend vorgeht, und so zum schwierigen Gegner wird, der den Kopenhagener Polizisten wieder weit über dessen Grenzen hinaus treibt.

Axel Steen, eine vielschichtige Hauptfigur höchst unterhaltsamer Krimis

Einen wesentlichen Teil der Faszination für Kriminalromane von Jasper Stein entsteht mit dem Protagonisten, mit Axel Steen. Der Polizist ist so vielschichtig und widersprüchlich angelegt, dass es trotz seiner vielen schlechten Eigenschaften ein Vergnügen ist, ihm beim Leben und Leiden zuzusehen. So ungehobelt und unsensibel er oft ist, so liebevoll kümmert er sich um seine Tochter, die er für seinen Geschmack nur all zu selten zu sehen bekommt. Es hilft für seine innere Ausgeglichenheit auch nicht, dass der neue Partner seiner Ex-Frau durch eine unselige Fügung jetzt zu seinem Chef wird.

„Weißglut“ ist wie sein männlicher Hauptdarsteller: Derbe, direkt, auf den Punkt geschrieben und hinter einer rohen Schale hoch emotional und ungemein mitreißend. Kurz: die perfekte Unterhaltung im Krimi-Gewand.

Tatort:Norrebro

Norrebro ist ein Stadtteil Kopenhagens mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. Seither ist das Viertel dauerhaft im Blickpunkt. Der einstige Arbeiterbezirk wurde früh von Studenten bevölkert, hat heute einen hohen Anteil von Anwohnern mit Migrationshintergrund – und ist berühmt-berüchtigt für seine bunte, alternative Lebenswelt, aber auch für notorische Krawalle und eine relativ hohe Kriminalitätsrate. Jesper Stein porträtiert diesen lebendigen, aber problembeladenen Stadtteil mit sehr viel Liebe als ein verlorenes Viertel, dem sich zu entziehen für seinen Kommissar aber unmöglich scheint: In schlechter, wie aber auch in guter Hinsicht. Für die harten Krimis um Kommissar Steen ist Norrebro so die perfekte Kulisse.

Jesper Stein, Weißglut, KiWi, 415S., 12,99€, VÖ: 8. Januar  2015

Autor: