Schwere Jungs und preußische Ordnung: Verbrechen in Berlin von Regina Stürickow

18 Feb

Wer regelmäßig Krimis liest, beschäftigt sich zwangsläufig mit den Abgründen der menschlichen Seele. Wer darüberhinaus noch die Nachrichten verfolgt, muss leider immer wieder feststellen, dass die Wirklichkeit oft viel grausamer ist als jede noch so tiefschwarze Phantasie eines Schriftstellers. Der Mensch ist eben ein kreatives Wesen – und das zeigt sich leider auch im kriminellen Bereich.

Echte Morde in „Verbrechen in Berlin“

Echte Verbrechen, brutale Morde und die Suche nach den Tätern stehen also im Mittelpunkt des kleinen Bandes „Echte Verbrechen“. Genauer gesagt geht es um Morde und andere Untaten, die im historischen Berlin zwischen 1890 und 1960 begangen wurden.

Einblicke in den preußischen Obrigkeitsstaat

Das Buch der Historikerin Regina Stürickow lohnt allein wegen der darin zusammengetragenen Originaldokumente, die einen faszinierenden Blick in die deutsche Geschichte gewähren. So verrät ein Foto aus dem Inneren eines Polizeireviers aus dem Jahre 1906 mit wilhelminischen Bärten tragen uniformierten Polizisten so ziemlich alles, was man über Preußen wissen muss. Gestus und Habitus der Beamten, die in dem Moment festgehalten sind dokumentieren einen Obrigkeitsgläubigen Staat.

Außerdem gibt es einige wenige Straßenaufnahmen, die zeigen, wie Berlin eins aussah. Anrührend sind auch die vielen Tatortskizzen, Aktenvermerke und Flugblätter. So richtete sich ein Aufruf an alle Barbiere und Friseure der Stadt. Darin war die Suche nach einem Vollbart-tragenden Verbrecher aufgeführt. An die Friseure wandten sich die Ermittler, weil sie glaubten, dass der Täter, um sich zu tarnen das auffällige Stück wohl abnehmen lassen werde. Tatsächlich wurde der Täter, der im Hotel Adlon einen Geldbriefträger ermordet hatte, dann in Dresden wegen eines anderen Mordes gefasst und überführt.

Regina Stürickow hat 32 spektakuläre Fälle zusammengetragen

Insgesamt 32 Fälle führt die Autorin auf, beginnend in der Kaiserzeit, durch Weimarer Republik und Nazi-Deutschland hindurch bis zum Nachkriegs-Berlin. Neben der Typologie des Verbrechens bekommt der Leser auch einen Einblick in die sich wandelnden Aufklärungsmethoden, wobei offenbar auch die Persönlichkeit der Ermittler, Täter zu Geständnissen zu bewegen, eine Rolle spielt. Das erinnert dann wieder sehr an die fiktionalen Kriminalromane.

Ein reales Bild der Berliner Halbwelt

„Verbrechen in Berlin“ ist kein besonders bedeutsames Buch, es ist noch nicht einmal besonders schön gestaltet, aber es ist für denjenigen, der sich sowohl für Krimis als auch Geschichte interessiert, eine überaus unterhaltsame Lektüre. Regina Stürickow hat zahlreiche Details aus der Geschichte der Berliner Unterwelt zusammengetragen, die ein bedrückend reales Bild jener oft verklärten Halbwelt der Metropole zwischen 1890 und 1960 zeichnen.

Regina Stürickow, Verbrechen in Berlin, Eisengold, 206S. 24,95€, VÖ: September 2014

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