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Carsten Germis „Sayonara Bulle“: Ein Landei aus Peine mischt höchst unterhaltsam Tokio auf

Eine gute Idee ist ja oft schon die halbe Miete. Das gilt auch beim Kriminalroman. Und so ist „Sayonara Bulle“ von Carsten Germis grundsätzlich erst einmal sehr gelungen. Germis verpflanzt einen Kriminalbeamten aus der niedersächsischen Provinz in die japanische Mega-Metropole Tokio. Das riecht auch in Zeiten der Globalisierung noch schwer nach Kulturschock – und nach vielen unterhaltsamen Ideen.

Ein niedersächsischer Sturkopf landet in Tokio

Bernie Ahlweg heißt der eher schwierig-sture Bulle aus der Provinz, der laut Erstcharakterisierung nicht wirklich eine Zierde seines Berufsstandes ist, von seinem Chef nicht besonders geschätzt und deshalb zum Erlernen moderner Polizeiarbeit nach Tokio abgeschoben wird. Keine Frage, dass der notorische Querulant auch dort sofort aneckt. Immerhin entdeckt der Sturkopf aus Peine einen raffiniert getarnten Mord und im weiteren Verlauf Verstrickungen von Politik und Polizei zur Yakuza, der japanischen Mafia.

Kulturelle Gegensätze mit hohem Unterhaltungswert

Germis’ Idee trägt tatsächlich sehr weit. „Sayonara Bulle“ ist wegen dieses kulturellen Gegensatzes außerordentlich unterhaltsam. Der Autor ist Ostasienkorrespondent der FAZ, kennt sich also am Ort des Geschehens aus, und ist mit den Besonderheiten der japanischen Kultur hinreichend vertraut, so dass sein Krimi überdies auch noch außerordentlich lehrreich ist.

Kleinere Schwächen bei Carsten Germis

Mir sind beim Lesen allerdings zwei Dinge aufgefallen, die ich als Vielleser mal als Schwächen oder kleinere Schönheitsfehler bezeichnen würde. Zunächst geschieht der Wandel des Hauptdarstellers aus Peine, dessen Lebensmittelpunkt die wöchentliche Skatrunde im Peiner „Härke-Eck“ darstellt, vom latent rassistischen Landei zum geschmeidig durch Tokio gleitenden Weltmann deutlich zu schnell. Anders gesagt, Germis baut einen Konflikt auf, den er selber nur wenige Seiten später umstandslos wieder einkassiert, weil er seinen Kommissar für den Plot als Motor braucht. Das ist ok, stellt aber einen Bruch dar (und Germis verzichtet auf jede Menge Potentielle Pointen und Tiefe in der Figurenzeichnung).

Gelegentliche Ausflüge ins Professorale

Der zweite kleine Schönheitsfehler liegt ausgerechnet in der unbestrittenen Kompetenz des Autors, der Japan sehr gut zu kennen scheint. Germis neigt in „Sayonara Bulle“ in bester journalistischer Manier zum Dozieren. Und wer wird im Krimi schon gerne erkennbar belehrt? Germis erscheint es zudem zu gehen, wie vielen Japanologie-Studenten, die vom Auslandssemester zurückkehren: Sie sind häufig von der anderen Kultur fasziniert, aber sie bleibt ihnen am Ende doch fremd. Das lässt auch Carsten Germis seine Leser spüren.

„Sayonara Bulle“ ist unbedingt lesenswert

Den beiden „Schönheitsfehlern“ – wie ich sie wahrgenommen habe – zum Trotz halte ich „Sayonara Bulle“ für unbedingt lesenswert. Der Krimi steckt voller guter Einfälle, er hat einen sehr interessanten Plot mit hinreichend verwickelten Wendungen und viele lustige Stellen – und darüber hinaus mit dem Landei in der fernen Metropole eine sehr gute Grundidee…

 

Tatort: Tokio

Wenn man „Sayonara Bulle“ folgt, ist Tokio ein Moloch, ein gesichts- und charakterloser aus Stahl und Beton noch dazu. Architektonisch gleicht die Stadt laut Carsten Germis seinen Bewohnern, die versuchen, sich an den Durchschnitt, eine Norm anzupassen, um auf keinen Fall aufzufallen. Das wahre Wesen Tokios, alle dunklen, abgründigen oder auch nur interessanten Seiten erfährt der Außenstehende nie. Und das gilt auch für die Bewohner der Stadt…

Dennoch hat die Metropole mehr Facetten unter der glänzenden Fassade. Auch diese zeigt Carsten Germis seinen Lesern, der dann die Erkenntnis mitnimmt, dass Tokio erst dann richtig schön ist, wenn man es eigentlich schon fast verlassen hat. Das Ganze erzählt der Autor so plausibel, dass „Sayonara Bulle“ Tokio-Reisenden als vorbereitende Lektüre unbedingt zu empfehlen ist.

Carsten Germis, Sayonara Bulle, Rowohlt, 334 S., 9,99€, VÖ: März 2015

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