Blinder Feind von Jeffery Deaver: Spannend und überraschend wie immer, aber leider auch flach wie nie

9 Mrz

Jefferey Deaver ist meiner Meinung einer der Großmeister des perfekten Plots in der Kriminalliteratur. Der US-Amerikaner hat mich zumindest mit einigen der überraschendsten Wendungen unterhalten. Deaver ist dabei ein außerordentlicher Vielschreiber, er hat mehrere Reihen und zahllose „Stand-alone“-Thriller geschrieben. Sein neuester Thriller gehört in die letzte Kategorie.

Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren?

Wenn man streng ist, könnte man „Blinder Feind“ als Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren betrachten, weil er formal erst einmal ungewöhnlich und ungewohnt sperrig daherkommt. Aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn er seine Leser nicht doch gehörig in die Irre führen würde.

Deaver entwickelt ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel

Die Geschichte beginnt mit einer New Yorker Büroangestellten, Garbriela McKenzie, deren Tochter entführt wurde. Damit wollen die Entführer die Frau, die als Office-Managerin eines Anlageberaters gearbeitet hatte, Geheimpapiere ihres Chefs und ein sattes Lösegeld erpressen. Wir lernen zudem im Inneren Monolog den Täter, sowie in ganz normalen Dialogen Spezialisten einer Geiselbefreiungsfirma kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer Maus und wer Katze ist

„Blinder Feind“, ein Exemplar von Flughafen-Lektüre

Deaver treibt seine Geschichte mit gewohnt hohem Tempo voran, seine Thriller zeichnen sich genau dadurch aus, dass jedes Wort sitzt und dieser Stelle seinen Sinn hat. Dennoch hat er sich bislang immer auch Zeit für interessante Figurenzeichnung genommen und interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen – und beschrieben. Bei „Blinder Feind“ ist das anders. Für mein Gefühl hat sich Deaver hier sehr deutlich auf das Niveau von Flughafen-Literatur begeben. (Das sind Bücher, die gleichzeitig so spannend und so schlicht sind, dass sie auch in 12.000 Meter Höhe bei mittelstarken Turbulenzen, eingekeilt zwischen übergewichtigen Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen mit Domina-Komplex, noch gut zu lesen sind.)

Unerwartet nervige Figurenzeichnung von Jeffery Deaver

Jedenfalls beschränken sich die Eigenschaften der Männer, das sie kräftig gebaut sind, leuchtend blaue Augen haben und ansonsten entfernt wie George Clooney aussehen – es sei denn natürlich, sie seien Bösewichter: Das erkennt man an irgendwelchen körperlichen Defiziten. Bei den Frauen ist mit leichter Variation ähnlich: Langes, wallendes Haar, schmale Hüften und große Brüste stehen hier für einen „guten Charakter“.

Enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch enttäuschend flach…

Offen gestanden verliere ich, wenn ich nicht gerade in 12.000 Metern Höhe in einer schmalen Aluminiumröhre sitze, bei derartigen Figurenzeichnungen unmittelbar die Lust, weiterzulesen. In diesem Fall habe ich es dennoch getan, weil ich im Urlaub nicht unbegrenzt auf mein Bücherregal zugreifen konnte, um eine Alternative zu finden – und so bleibt, auch wenn am Ende der flache Figuren-Schein zu trügen scheint, mein Lesefazit eher ungnädig. Ja, enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch total und enttäuschend flach. Also eigentlich nur für Viel- bzw. Langstreckenflieger zu empfehlen…

Jeffery Deaver, Blinder Feind, blanvalet, 382S., 9,99€, VÖ: 19. Januar 2015

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