Kathrin Langes Gotteslüge, ein Hochgeschwindigkeitskrimi mit leichten Schwächen

21 Apr

Viel Zeit bekommt der Leser nicht. Er hat ungefähr so lange Ruhe, wie ein durchschnittlich trainierter Jogger braucht, um den ehemaligen Runway des Flughafens Tempelhof zu überqueren. Genau dort ereilt den Berliner Polizisten Faris Iskander der Anruf von Kollegen, der ihn an den Tatort in einem Berliner Hotel beordert. Dort wurde die ehemalige Lebensgefährtin Iskanders vergewaltigt und ermordet aufgefunden.

Kathrin Lange drückt in Gotteslüge gewaltig aufs Tempo

Zeit für einen Schock oder gar Trauer bleibt Iskander nicht. Kathrin Lange, die sich den Kommissar mit ägyptischen Wurzeln erdacht hat, drückt so gewaltig aufs Tempo, dass der Leser mindestens genauso außer Atem gerät wie ihr Kommissar bei seiner Hetzjagd durch die Hauptstadt. Der Beamte, der sich eigentlich noch vom Trauma des vergangenen Falles („40 Stunden“) erholt, als sein Freund und Kollege in die Luft gesprengt worden war, hat es offenbar erneut mit einem psychopathisch getriebenen Täter zu tun.

Ein Unbekannter will Kommissar Iskander zum Mord treiben

Jedenfalls muss Iskander, noch immer in Laufklamotten, hilflos mitansehen, wie sich unter dem Schatten der Gedächtniskirche ein Jugendlicher in die Luft sprengt. Zuvor übermittelt der junge Muslim dem Polizisten noch eine Botschaft: Das nächste Mal werde er, Iskander, auf den Auslöser drücken. Tatsächlich sieht sich der Ermittler bereits wenige Seiten weiter derart in die Enge getrieben, dass er von den Kollegen verfolgt mit einem Sprengsatz in der Tasche durch Berlin irrt. Verzweifelt versucht er herauszufinden, wer seine Schwester in der Gewalt hat und ihn zu der tödlichen Hatz zwingt, bei er zugleich Jäger und Gejagter ist.

Faris Iskander, eine gelungene Ermittlerfigur

Kathrin Lange hat mit Faris Iskander eine gelungene Figur erdacht, einem Polizisten, dem man gerne bei der „Arbeit“ zusieht. Außerdem versteht sie sich darauf, ihren Plot mit hohem Tempo voranzutreiben und so eine gute Portion an fesselnder Spannung zu servieren: Insofern ist „Gotteslüge“, der zweite Fall von Faris Iskander sehr gelungen.

Gotteslüge, ein gelungener Krimi mit drei kleineren Schwächen

Lange fokussiert sich allerdings noch stärker als im ersten Band auf ihren Protagonisten, alle anderen Figuren bleiben vergleichsweise blass. Ausnahme wäre allenfalls der Gegenspieler, der in inneren Monologen als „der Andere“ eingeführt wird. Hier greift die Autorin zu einem gleichermaßen beliebten wie abgenutzten Stilmittel. Das wäre die erste von drei kleneren Schwächen, die ich bei Kathrin Langes neuem Krimi auflisten möchte. Die beiden anderen kommen ziemlich zum Ende des Krimis zum Tragen: Am Schluss wird zweitens der Plot mit immer ausgeklügelteren Fallen für den Polizisten leider über das Maß hinaus unglaubwürdig und drittens bin ich kein großer Fan vom Cliff-Hanger im Kriminalroman. Das ist so eine Unsitte, die offenbar die Lektoren den Autoren in jüngerer Zeit immer häufiger ins Manuskript diktieren, damit die Vermarktungsmaschinerie perfekt läuft. Richtig gute Krimis haben das auch in Zeiten verkürzter Aufmerksamkeitsspannen der Mediennutzenden im 21. Jahrhundert nicht nötig.

Ein wenig verdirbt sich die Autorin am Schluss einen insgesamt ordentlichen Krimi-Eindruck…

Kathrin Lange, Gotteslüge, Blanvalet, 413S., 9,99€ VÖ: 16. März 2015

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