Tess Gerritsen, Der Schneeleopard: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof

21 Mai

Was sagt man über eine Krimi-Serie, die in Buchform mittlerweile elf Fortsetzungen aufweist und überdies seit fünf Staffeln für das Fernsehen zweitverwertet wird? Das scheint schwierig, ist aber bei den „Rizzoli&Isles“-Krimis dann doch einfach: Der 11. Band, „Der Schneeleopard“ ist wieder lesenswert.

Ein Krimi auf höchstem handwerklichen Niveau

Tess Gerritsen arbeitet auf sehr hohem handwerklichen Niveau und hat der Versuchung widerstanden, ihr naturgegeben bislang schon sorgsam ausgeleuchtetes Personal zu immer neuen, unglaubwürdigen Höhen zu treiben. In „Der Schneeleopard“ erzählt die US-Amerikanerin eine spannende, komplexe, aber nicht über das Krimi-Maß hinaus übverdrehte Geschichte.

Brutaler Mord an einem Jäger und Präparator

Die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli muss in einem eher ungewöhnlichen Mord ermitteln. Ein profilierter (und provozierender) Jäger und Präparator wird sozusagen mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Jedenfalls endet er kopfüber in seiner Garage hängend, ausgeweidet und brutal ermordet. Die Pathologin Maura Isles entdeckt Parallelen zu anderen Fällen, glaubt lange als einzige an einen Serienmörder. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit nimmt die Polizei Ermittlungen auf, es deuten sich Verbindungen zu einer Mordserie in Botswana an – von der Tess Gerritsen allerdings von Beginn an in einem eigenständigen Erzählstrang berichtet.

Spannende Krimihandlung, gesellschaftliche Relevanz

„Der Leopard“ ist sehr solide erzählt. Tess Gerritsen versteht es, Spannung aufzubauen. Sie legt zudem hinreichend falsche Spuren, so dass die Krimi-Handlung hinreichend komplex bleibt. Die Themen Jagd, Tierschutz und Geschäftemacherei mit seltenen Tieren verhelfen dem Bostoner Krimi zudem zu einer gesellschaftlichen Relevanz. Gerritsen erledigt auch das mit einer unaufdringlichen Routine: Der Leser hat nie das Gefühl hat, dass mit der moralischen Keule verbal auf ihn eingeprügelt wird.

Cop-Krimi: Tess Gerritsens „Der Schneeleopard“

In der aktuellen Krimi-Landschaft sticht Gerritsen zudem durch eine weitere Stärke hervor, die allerdings auch die eine Schwäche in sich trägt. Die Autorin hält, da hat das Fernsehformat die literarische Vorlage verändert, den erzählerischen Blick in erster Linie auf ihren beiden Ermittlerinnen. Dieser Cop-Krimi ist in Zeiten, in der sich beinahe jeder Autor in die Psyche abgründig böser Verbrecher hineinversetzt (um sie dann episch vor seinem Leser auszubreiten), eine angenehme Abwechslung. Dieser Fokus auf die Ermittlerinnen (und eine weitere Person aus „der Schneeleopard“ ist allerdings so stark, dass die Motivation des (oder der) Täter(in), der (die) immerhin für eine ganze Reihe Morde verantwortlich ist, beinahe vollständig im Dunkeln bleibt – und das hinterlässt bei allem Lesevergnügen am Ende dann doch eine minimale Spur der Enttäuschung.

 

Tatort: Botswana

Das Jagdrevier von Jane Rizzoli und Maura Isles ist üblicherweise die Neu-England-Stadt Boston. In „der Schneeleopard“ verlegt Tess Gerritsen einen Teil der Handlung nach Botswana. Auch Jane Rizzoli muss in Afrika ermitteln. Tess Gerritsen hat selber auf einer Safari recherchiert und lässt den Lesern ausgiebig an ihren Erfahrungen im Busch teilhaben. Die Erkenntnisse, die sie krimigerecht gruselig mitteilt, lassen sich kurz so zusammenfassen: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof. Allerlei Getier in jeder denkbaren Größe trachtet dem Eindringling Mensch nach dem Leben. Insbesondere Großkatzen betrachten den Zweibeiner in erster Linie als Abwechslung auf der Speisekarte.

Tess Gerritsen, Der Schneeleopard, Limes, 415S., 15,99€, VÖ: 27. April 2015

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