In M.C. Poets Berechnung wird eine Gejagte zur Jägerin

27 Mai

Wer orientierungslos und mit Filmriss in einem Motelzimmer aufwacht, kann sich sehr sicher sein, dass ein gewaltiger Kater das geringste Problem sein wird, mit dem er sich nach dem Wachwerden rumschlagen muss. So geht das auch Hannah Marcks. Als die junge Deutsche zu sich kommt, beugen sich mehrere schlecht gelaunte FBI-Fahnder über sie, um sie zu verhaften.

Auf dem Weg in die Todeszelle

Ein Unbekannter hat nicht nur alle Papiere der Mathematikerin auf Urlaubsreisen gestohlen, sondern ihr gleichzeitig die Identität einer dringend gesuchten, mehrfachen Mörderin übergestülpt. Hannah Marcks hat von da an wirklich keine gute Zeit: Sie landet in U-Haft, vor Gericht und am Ende sogar auf dem Weg zur Todeszelle. Erst nach langem Martyrium bekommt sie von sehr unerwarteter Seite Hilfe.

Lohnenswert: „Berechnung“ von M.C. Poets

Ganz kurz gesagt ist „Berechnung“ von der deutschen Übersetzerin und Autorin M.C. Poets eine Variation des Grundthemas der Gejagten, die – um die eigene Unschuld zu beweisen – zur Jägerin wird. Um es genau so kurz zu sagen: Das hat die Autorin ausordentlich gut gemacht.

Eine „Jagd“-Geschichte mit hoher Sogwirkung

„Berechnung“ ist ein weitgehend schnörkelloser Thriller, dessen Plot von der Autorin mit angenehm hohem Tempo vorangetrieben wird. Hohe Erzählgeschwindigkeit löst ja häufig einen Sog aus, der den Leser an den Stoff fesselt. So ging das mir zumindest – und laut Klappentext 100.000 Lesern, die das Buch schon in einer E-Paper-Variante verschlungen haben.

Erfolg durch eine gut erdachte Protagonistin

Der Erfolg von „Berechnung“ ist vermutlich in erster Linie mit der gut erdachten Protagonisten zu erklären. Hannah Marcks ist eine hochintelligente Mathematikerin mit einem sympathischen Drang zur Lebensuntüchtigkeit. Dass die junge Frau trotz Mathematikstudiums an einer Elite-Uni ausgerechnet ihr Leben als Schäferin hinterm Deich plant, ist einerseits krimi-technisch irgendwie typisch deutsch, andererseits für den Plot vermutlich auch notwendig – wer vermisst schon eine Schäferin ohne nennenswerte Familie hinterm Deich?

Mathematik als Krimi-Hilfsmittel

Jedenfalls macht es enorm viel Spaß, Hannah Marcks beim Rechnen zuzuschauen, gleich, ob es darum geht, die Zeit totzuschlagen, alltägliche Probleme zu klären oder sich allen möglichen Bösewichten zu stellen. Eine absolute Leseempfehlung, die einen Krimi suchen, der ohne großen gesellschaftlichen Entwurf oder gruselige Psycho-Abgründe auskommen darf.

Tatort:Texas

Zwischen den dicht besiedelten Küstenstaaten an Atlantik und Pazifik bieten die USA mittendrin schier unendliche Weite, die perfekt geeignet scheint, sich vor anderen Menschen und insbesondere der Staatsmacht zu verstecken. Diese Ödnis des Mittleren Westens war schon Schauplatz für viele hervorragende Krimis. Die Weiten der USA nutzt auch M.C. Poets für „Berechnung“. Auch ohne viele Worte für die Szenerie zu verwenden, vermittelt die Autorin ein glaubwürdiges Bild der Einsamkeit, die auch im 300-Millionen-Staat USA möglich ist – auch, wenn sie dabei natürlich auf das bestens bekannte Stilmittel der einsamen Hütte als Festung und Falle zugleich zurückgreift. Aber es funktioniert.

M.C. Poets, Berechnung, Rowohlt, 350S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015

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