„Nordseegrab“ von Tilman Spreckelsen: Ein Krimi wie eine buddhistische Atemübung

9 Jun

Es ist nicht gut, wenn Krimi-Autoren zu klug sind. Kriminalromane haben ja in erster Linie die Aufgabe, ihre Leser zu unterhalten. Dass erfordert eine gewisse Gradlinigkeit im Denken. Ein Krimi verlangt meiner Meinung nach zwar viele falsche Fährten, aber eben auch einen stringenten Spannungsbogen, der im Idealfall zu einem furiosen Finale aufsteigt. Dass heißt nicht, dass man im Krimi nicht auch etwas lernen können sollte, aber ein intellektuelle Reflektionen stören doch meistens.

Nordseegrab, ein Krimi mit Theodor Storm als Detektiv

Das vorausgeschickt, muss man konstatieren, dass Tilman Spreckelsen sehr klug ist. Spreckelsen ist – das nur zur Einordnung – hauptberuflich Redakteur der Sonntags-FAZ, Autor mehrerer gelehrter Anthologien und Herausgeber einer eigenen Buchreihe. Jetzt hat er einen Kriminalroman geschrieben: „Das Nordseegrab“, mit dem Dichter Theodor Storm als Detektiv. Das ist streckenweise recht unterhaltsam, aber insgesamt eher eine intellektuelle Fingerübung. Echte Spannung will auf 272 Seiten nicht aufkommen

Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier

Darum geht’s: Im Haus des Vaters von Theodor Storm wird eine Leiche gefunden, die wächserne Nachbildung einer Leiche, genauer gesagt, in einem Fass versteckt und in Blut getaucht. Immerhin löst dieser Fund eine Kette von Ereignissen aus, die mit dem Untergang eines Schiffes vor der Küste zusammenhängen und die später zu echten Toten führen. Es geht um ein Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier.

Tilman Spreckselsen schreibt über die frühen Jahre Theodor Storms

Eigentlich aber geht es Spreckelsen darum zu zeigen, wie der Großdichter Theodor Storm lebte, bevor er zu dichten begann: Die Ereignisse in „Nordseegrab“ setzen zu dem Zeitpunkt ein, als Storm sich nach dem Jura-Studium in seiner Husumer Heimat als Anwalt niederlässt. Ernsthafte Erwerbsarbeit scheint dem Storm des Jahres 1843 eher lästig, seine Leidenschaft gilt dem örtlichen Chor, weinseligen Nächten in einschlägigen Kneipen und auf eine eher tugendhafte Weise der Damenwelt. Dazu kommt ein Faible für die düsteren Aspekte des Lebens.

Ein Mord, Moor und mystische Momente

Diese Mischung dominiert auch den Krimi. Spreckelsen montiert naiv Heiteres neben mystisch Düsteres, das direkt dem Werk Storms entnommen scheint. So gibt beispielsweite es den Schreiber Storms, den geheimnisvollen Peter Söt, der offenbar von finsteren Figuren getrieben wird. Außerdem dabei: Ein Mord im Wald und ein tückisches Moor in finsterer Nacht. Dazu hat Spreckelsen versucht, die Mitte des 19. Jahrhunderts inhaltlich und sprachlich wieder zum Leben zu erwecken. Der Historiker in mir hat über die gleichermaßen kenntnis- wie detailreiche Beschreibung jener Jahre jubiliert, der Krimikonsument hat sich angesichts des eher gemächlichen Erzählflusses gefühlt wie in einer buddhistischen Atemübung aus dem Body-Balance-Kurs, in dem der Trainer seinen Nachwuchs-Yogis das Mantra vorgibt, „es gibt kein Anfang und kein Ende“. Da fühlt man sich ja nie wirklich schlecht, aber eben auch latent fehl am Platz.

Tilman Spreckelsen, Das Nordseegrab, Fischer, 272S., 9,99€, 23. April 2015

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