Till Raethers Blutapfel führt seine Ermittler in die Hamburger Vorstadthölle

29 Jul

Adam Danowski hat es nicht leicht. Sein Partner gönnt sich in einer Art Wachkoma eine Art Auszeit, seine Vorgesetzen dulden den Hamburger Polizei bestenfalls, die Kollegen üben sich in der Kunst der Intrige. Die meisten Schwierigkeiten hat Danowski allerdings mit sich selbst. Es ist weniger der Alltag mit seinen Tücken (obwohl der auch jede Menge lästige Herausforderungen bereithält). Das Problem steckt irgendwo in seinem Kopf – und das ist für den Leser höchst unterhaltsam.

Innere Monologe und Gedankenfetzen sorgen bei „Blutapfel“ für Unterhaltung

Adam Danowski beim Denken zuzusehen, gehört zu den größten Vergnügungen, die „Blutapfel“, der neuen Krimi von Till Raether, bereithält. Innere Monologe, Beobachtungen und Gedankenfetzen des Ermittlers sind immer höchst unterhaltsam, mit einem staubtrockenen Humor aufgeschrieben und meist sehr lustig. Allein deshalb lohnt „Blutapfel“.

Till Raether hat viele gute Ideen und ein Blick für Details

Es gibt noch mehr Gründe, Blutapfel zu lesen. Till Raether hat viele gute Ideen und einen guten Blick für die Details. Das beginnt bereits mit dem Auftakt: Ausgerechnet im perfekt überwachten Elbtunnel stirbt ein Mann, erschossen im tagtäglichen Stau unter dem Strom. Vom Täter fehlt, trotz aller Kameras, natürlich jede Spur. Danowski, der seit seinem ersten Fall auf einem verseuchten Kreuzfahrtschiff (Treibland) als schwierig und unzuverlässig gilt, wird an einen Randaspekt abgeschoben und ermittelt in der Vorstadthölle auf der anderen, der „falschen“ Elbseite. Dort, wo die Metropole im Umland versandet, muss sich der Polizist mit seiner neuen Partnerin Meta Jurkschat durch geplatzte Träume der Bewohner arbeiten. Wenig überraschend gerät dieser Friedhof kleinbürgerlicher Visionen doch noch ins Zentrum der Ermittlungen.

Das unauffällige Interesse eines Geheimdienstes

So richtig kommt Adam Danowski nicht weiter. Immer, wenn er glaubt, den Fall in den Griff zu bekommen, ergeben sich neue Wendungen. Unter anderem interessieren sich die Kollegen von der Organisierten Kriminalität und später der amerikanische Geheimdienst auffällig unauffällig für die Ermittlungen der Polizisten.

Adam Danowski ermittelt im Hamburger Untergrund

Till Raether überzeugt mit Ideenreichtum und interessanten Einfällen. So erfährt der Leser viel über das Leben im Untergrund. Das ist in diesem Fall buchstäblich zu nehmen, da Raether seine Ermittler in die Hamburger Eingeweide, in verborgene und halb vergessene Tunnelsystem unter Michel und Hafen schickt.

Ein Plot am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala

Der Ideenreichtum und der Blick fürs Detail bedingen aber auch eine kleinere Schwäche. Ganz subjektiv gesehen, war „Blutapfel“ bei allem Lesevergnügen um einige Seiten zu lang. Auch der Plot, der zu einem veritablen Showdown führt, liegt bei aller Freiheit, denen Krimi-Autoren zusteht, in der Nachbetrachtung eher am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala. Wegen des Feuerwerks an Unterhaltung kann man darüber aber gut hinweglesen. Insofern ist „Blutapfel“ ein sehr guter Krimi, aber kein großer, der wegen der relevanten oder zumindest ergreifenden Geschichte nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Till Raether, Blutapfel, Rowohlt-Polaris, 473 S., 14,99€, 30. Mai 2015