Stefan Ahnheims Herzsammler, ein guter Krimi in fragwürdiger Verpackung

2 Aug

Gelegentlich nehmen auch Nicht-Krimi-Leser Krimis in die Hand. So ging mir das vergangene Woche. Die Reisebegleitung nahm „Herzsammler“ von Stefan Ahnhem in die Hand, und sie war schnell durch mit dem Urteil: „Merkwürdig, was die sich immer für Titel und Cover ausdenken. Ich weiß nicht, ob ich das lesen würde.“ Ich reagierte schnell und erzählte von Marketing-Abteilungen in Verlagen, die seit dem Sensationserfolg von Stig Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“  und „Vergebung“ Krimis beinahe ausschließlich Einworttitel und möglichst psychedelisch-mystische Cover verpassen. Dann dachte ich noch einmal nach und überlegte, dass „Herzsammler“ wirklich ein wenig merkwürdig ist. Und das ist schade, weil es einem guten Krimi nicht wirklich gerecht wird.

Stefan Ahnhem rückt seinen Ermittlern dicht auf die Pelle

Stefan Ahnhem bewegt sich in bester Tradition schwedischer Krimi-Autoren, in dem er seinen Protagonisten sehr dicht auf die Pelle rückt. Sein Krimi ist so zum guten Teil auch Familienroman, der das ganze Bündel von Problemen seiner Kommissare ausbreitet. Das schafft Nähe, die den Leser an den Krimi fesselt.

Raffinierter Plot und düstere Elemente in „Herzsammler“

Dazu hat Ahnheim die Fähigkeit, einen raffinierten Plot mit vielen düsteren Elementen aufzuladen, dass sich der angenehme Krimi-Grusel über die schlechte Welt einstellt. In seinem neuen, nach „und morgen Du“ zweiten Fall muss sich Fabian Risk mit einem Unbekannten auseinandersetzen, der seine Opfer regelrecht ausweidet. Die Ermittlungen kommen ins Rollen, weil ausgerechnet der Justizminister des Landes entführt wird. Damit beginnt nicht nur eine Serie ganz besonders gruseliger Morde, sondern auch eine politische Intrige, die in den Polizeiapparat hineinreicht.

Subtile Kritik an skandinavischer Sprachlosigkeit

Zur gleichen Zeit ermittelt von Dänemark aus eine Polizistin in ähnlich gruseligen Fällen. Dass die Polizisten bis zum Schluss nicht mit einander reden und so die Ermittlungen verzögern, darf durchaus als subtile Kritik an dem öffentlich postulierten, aber allzuoft nicht wirklich gelebten skandinavischen Miteinanders verstanden werden – ein Thema, dass sich mittlerweile seit den siebziger Jahren immer wieder als mehr oder weniger komische Fußnote im Krimi festgesetzt hat.

Wer es düster mag, und auch hautnah am Leben der Ermittler teilhaben will, wird mit „Herzsammler“ sein Vergnügen finden – Titel und Cover sieht man ja nur einmal in der Buchhandlung…

Stefan Ahnhem, Herzsammler, List, 569S., 14,99€, VÖ: 10. Juli 2015