Silja Ukena, Der Eismann: Gelungenes Krimi-Debüt mit packendem Plot

28 Okt

Im Moloch Berlin hat die Vorweihnachtszeit selten etwas Besinnliches. Das muss auch Kommissar Bruno Kahn erleben. Mitten in den Vorbereitungen auf den Feierabend wird der Polizist aus seiner Dienststube in eine Kleingartenkolonie nach Lichtenberg gerufen, weil dort ein Toter gefunden wurde. Es ist relativ schnell klar, dass es sich um Mord handelt, wurde der ältere Mann doch nackt an einen Stuhl gefesselt gefunden.

In rascher Folge tauchen weitere Tote auf. Für Kahn, der als klassischer einsamer Wolf durchs Leben grantelt, ist es damit endgültig mit der besinnlichen Zeit vorbei, Weihnachten hin oder her.  Kaum jemand will ihm zunächst glauben, als er in scheinbar völlig unterschiedlichen Fällen Zusammenhänge erkennt.

Ermittlungen in einem sibirisch kaltem Berlin

Der arme Mann hat dabei nicht nur mit komplizierten Ermittlungen, einer vorlauten jungen Kollegin und Vorgesetzten, die seine Akten schnell abgeschlossen sehen wollen, zu kämpfen, sondern zu allem Überfluss mit einem nachgeradezu sibirischen Winter.

Die Journalistin Silja Ukena hat sich Bruno Kahn und seine Fälle ausgedacht. „Der Eismann“ heißt ihr erster Roman, der sehr unterhaltsam gelungen ist.

Einige kleine Schönheitsfehler in „Der Eismann“

Auf den ersten Seiten war ich offen gestanden eher skeptisch.

Ich kann es nicht leiden, wenn im Krimi im Dialekt geschrieben wird. Insbesondere, wenn damit auf den beschränkten Bildungshorizont der Figuren hingewiesen wird. Und wenn schon „berlinert“ wird, dann auch konsequent. Nicht nur der Lichtenberger Kleingärtner, auch die Kreuzberger Jungpolizistin mit italienischen Wurzeln, die im Kiez aufgewachsen ist, dürfte eine leichte Klangfärbung aufweisen.

Auch mit Berlin-Mitte als Lebenszentrum des Ermittlers ist für mich als Vielleser eher mäßig originell. Man immer das Gefühl, dass hier für den Markt geschrieben wird. Viele Touristen werden den Hackeschen Markt,  Museumsinsel und Friedrichsstraße wiedererkennen.

Und schließlich sind viele Figuren rund um Kommissar Kahn reichlich blass geraten.  Teile des Ermittlerteams aber auch andere Nebenfiguren stehen eher unmotiviert  im Bühnenbild herum.

Silja Ukena sucht vertrautes Terrain fürs Debüt

Meine Interpretation: Die Autorin hat sich für ihr Debüt erstens vertrautes Terrain gesucht, von dem man annehmen kann, dass es beim Publikum „funktioniert“ und zweitens beim Schreiben schon eine Fortsetzung im Kopf gehabt. Beides wäre ja legitim, stört vermutlich auch nur den viellesenden Krimi-Blogger

„Der Eismann“ ist spannend, und damit richtig gut

Ukena erfüllt aber bei allen kleineren Schönheitsfehlern die wichtigste Schlüsselqualifikation für eine Krimi-Autorin: Sie hat sich eine ungemein spannende Geschichte, die weit in die deutsch-deutsche Geschichte zurückreicht,  ausgedacht und diese auch noch mit krimi-gerechten Verwicklungen und hohem Tempo aufgeschrieben. Insofern ist „Der Eismann“ richtig gut geworden: Es ist eines von diesen Büchern, bei denen der Alltag nicht beim Lesen stören darf.

Und so ganz nebenbei ist ihr mit dem Eigenbrötler Bruno Kahn auch ein hinreichend komplexer Ermittler gelungen, dem man gerne beim Ermitteln und beim genre-typische Durchs-Leben-stolpern folgt.

Silja Ukena, Der Eismann, Blanvalet, 384S., 19,99€