Tobias Radloff, Amoralisch: Kein Krimi, kein High-tech-Thriller, aber ein spannender Familienroman

27 Jan

Als Krimi ist das Buch im Prinzip eine Fehlbesetzung. Auch ein Hightec-Thriller ist „Amoralisch nicht wirklich. Und das, obwohl ein Privatdetektiv im Umfeld einer Firma für Biotechnologie ermittelt.  Das bedeutet jetzt nicht, dass „Amoralisch“ ein schlechtes Buch ist. Es ist auf eine schwer erklärbare Weise sogar ganz ordentlich

„Amoralisch“ ist am ehesten ein spannender Familienroman

Am ehesten hat Tobias Radloff wohl einen sehr spannenden Familienroman geschrieben. Der Verlag nennt das ganze jedenfalls auch einen Biotech-Roman Noir.

Philip Strasser, ein mieser kleiner Spitzel

Im Zentrum steht jedenfalls der sehr gescheiterte Privatdetektiv Philip Strasser Im Grunde ist er ein mieser kleiner Schnüffler, wie er im Buche steht, eine Stufe über dem Kaufhausdetektiv. Er hält sich mühsam über Wasser, in dem er für seine Auftraggeber mutmaßlich untreuen Partnern hinterhersteigt und für einen Pharmakonzern dessen Mitarbeiter bespitzelt.  Ansonsten ist er im wesentlichen damit beschäftigt, seiner Verflossenen hinterher zu trauern und um seine Tochter zu kämpfen.  Damit ist auch schon das wichtigste Pfund des Buches genannt. Versagern folgt man im Krimi immer gerne, und Philip Strasser ist ein außerordentlich sympathisches Exemplar dieser Spezies.

Mal wieder ein Detektiv, der sich durchs Leben stümpert

Es macht also viel Spaß, dem armen Philip Strasser, dabei zuzuschauen, wie er sich unbeholfen durchs Lebens stümpert – und dabei am Ende doch noch einen Fall um eine dubiose Amor-Pille  (man ahnt beim Namen, worum es gehen könnte) und Experimente am Menschen aufklärt.

Tobias Radloff erklärt zu viel und fesselt doch

Eigentlich schreibt Tobias Radloff zu viel, zumindest erschlägt er seinen Leser zu Beginn mit vielen Wörtern. Auch die Themen sind nicht wirklich neu: Gescheiterter Privatdetektiv, der ersten Schuld auf sich geladen hat, zweitens gescheitert ist und drittens in eine amoralischen Welt versucht, anständig zu bleiben? Das hat man schon mal gelesen. Auch von Menschen, die unwissentlich über Pillen zu willenlosen Werkzeugen werden hat man schon gehört. Und dennoch. Auf seine ganz eigene Art entfaltet „Amoralisch“ eine Sogwirkung, wie man sie von veritablen „Thrillern“ gewohnt ist – und das macht ihn am Ende dann doch lesenswert.

Tobias Radloff, Amoralisch, Divan, 252 S., 15,90, 5. Oktober 2015