Besonders fiese Morde in Neuntöter von Ule Hansen

6 Apr

In der Liste der fiesesten Morde nimmt folgende Variante einen Spitzenplatz ein. Das Opfer wird fest in Panzertape eingewickelt und lebendig an einem einsamen Ort in lufiiger Höhe mit (trügerischer) Aussicht auf Freiheit aufgehängt. Der Tod ist, man ahnt es, extrem langsam und besonders qualvoll.

Berlin-Krimi-Debüt eines neuen Autorenduos

Diese besonders hinterhältige Mordvariante hat sich das unter dem Kunstnamen Ule Hansen schreibende Autorenduo Astrid Ule und Eric T. Hansen für ihr Krimidebüt „Neuntöter ausgedacht. Eine derart zugerichtete Leiche findet jedenfalls ein abenteuerlustiger Junge, der verbotenerweise in dem virtuellen Haus am Leipziger Platz in Berlin herumtobt. Für alle Nichtberliner: Mitten im Herzen Berlins, am ansonsten schick bebauten Leipziger Platz, gibt es noch immer eine Baulücke, die mit einer Art Potemkinschen Dorf (einem Potemkinschen Haus, um genau zu sein) kaschiert wird.

Ule Hansen finden einen neuen Tatort im Herzen Berlin

Mitten im trubeligen Berlin nahe dem Touristenmagnet Potsdamer Platz haben die Autoren tatsächlich einen einsamen, hinreichend mysteriösen Ort gefunden, der sich perfekt als Tatort eignet.  Schnell merken die Polizisten bei der Besichtigung des Tatorts: Es gibt nicht eine, sondern gleich drei Leichen, weshalb die Kollegen von der operativen Fallanalyse hinzugezogen werden, die Profile von Serienmördern erstellen helfen.

Eine Ermittlerin, die zwischen Abgründen balanciert

Im Zentrum dieser Truppe steht Emma Carow, die psychisch selber dicht am Abgrund entlang balanciert, insbesondere, nachdem der Mann, der sie einst verschleppt und über Tage misshandelt und vergewaltigt hatte, sehr ungeniert die öffentliche Bühne betritt. Carow blickt also beruflich wie privat in ausgesprochen hässliche Abgründe, die wie es Nietzsche einst formulierte, natürlich zurückstarren.  Allen Widrigkeiten zum Trotz nähert sich die Fallanalytikerin in schleifenartigen Gedanken und  Analysen langsam  einem Täterprofil an – und deckt dabei in Person des Täters, der zuvor noch weitere Menschen auf grausige Weise umbringt, weitere dunkle Seiten des menschlichen Daseins auf.

Neuntöter lohnt wegen einer sperrigen Ermittlerin

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit der neuesten Schöpfung in der deutschen Krimi-Ermittler-Szene? Ja, aber. Ein deutliches ja, weil „Neuntöter“ mit hohem Tempo und emotional sehr fesselnd aufgeschrieben ist. Es fällt zudem leicht, mit der sperrigen Ermittlerin durch deren kompliziertes Leben zu stolpern. Ein Randaspekt: Für diejenigen, die die Hauptstadt mögen, wird das Berlin-Feeling gut eingefangen.

Einige kleine Schönheitsfehler bei Ule Hansen

Und nun zum  „aber“. Wer komplexe, raffiniert verwickelte Kriminalgeschichten mag, wird meiner Ansicht nach nicht sehr zuvorkommend bedient. Ein hohes Erzähltempo geht im Krimi ja häufig zu Lasten der Raffinesse. Das ist hier, obgleich die Geschichte einfallsreich mit vielen Ideen angereichert wurde, der Fall, auch wenn das widersprüchlich erscheint. Außerdem hatten Plot und Charaktere leichte Glaubwürdigkeitsdefizite, die über das Maß, das man in einem herausragenden Krimi erwarten würde, hinausgehen.

„Neuntöter“ von „Ule Hansen“ ist also insgesamt spannende Krimi-Unterhaltung mit leichten Schönheitsfehlern. Für Vielleser würde ich eine Leseempfehlung abgeben, weil genug originelle Ideen den Erstling über den Krimi-Durchschnitt erheben.

Ule Hansen, Neuntöter, Heyne, 495 S., 16,99€, VÖ: 29. Februar 2016