Patricia Cornwells Paranoia: Es ist kein Raum mehr für literarische Verschwörungstheorien

20 Okt

Zu den Marathon-Schreiberinnen im Krimi-Betrieb gehört auch Patricia Cornwell. Seit 1990 geht ihre Pathologin Kay Scarpetta jetzt schon auf Mörderjagd. Die ersten Folgen der Serie waren sensationell: extrem dicht geschrieben, spannend, und häufig harte Kost. Wie das bei lang laufenden Serien so ist, stellten sich irgendwann Ermüdungserscheinungen ein, die Verbrechen, die Verschwörungen und die Fähigkeiten der Supernichte Lucy wurden immer bombastischer.

Annäherung nach langer Kay-Scarpetta-Abstinenz

Nach einer gefühlt mindestens zehnjährigen Abstinenz jetzt also eine erneute Annährung. „Paranoia“ heißt der bislang neueste Krimi von Patricia Cornwell. Schnell wird klar: Die Autorin verdichtet die Handlung wie immer, erzeugt Spannung und Grusel wie am ersten Tag. Und doch ist ihr Thriller auf den zweiten Blick reichlich merkwürdig.

Ungereimtheiten bei einem Haushaltsunfall

Kay Scarpetta, mittlerweile in Neuengland tätig, wird zu einem Todesfall gerufen, von dem alle vermuten, es sei ein Haushaltsunfall. Die Gerichtsmedizinerin entdeckt am Fundort der Leiche jedoch schnell Ungereimtheiten, und das, obwohl sie abgelenkt ist. Irgendwer schickt ihr einen Link zu Videos, die ihre Nichte zeigen. Videos, die heimlich aufgenommen wurden, und – so entdeckt Scarpetta schnell – schon einige Jahre alt sind. Kein Wunder, dass Fragen aufkommen: Muss Scarpetta das Bild ihrer Nichte revidieren? Inszeniert jemand seit 20 Jahren schon den Versuch, ihre in Ermittlerkreisen höchst umstrittene Nichte Lucy weiter zu diskreditieren? Droht akute Gefahr?

Ein Fest für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker

Die Pathologin lässt ihren Tatort im Stich, und macht sich auf den Weg zu ihrer Nichte. Der droht Ungemach, nicht von Bösewichten, sondern von höchst offizieller Stelle. Ermittler des FBI haben sich auf dem Anwesen breit gemacht. Bereits hier verändert sich „Paranoia“ zur Leib- und Magenlektüre für Aluhuttragende Verschwörungstheoretiker. Obgleich Scarpetta selber seit Jahrzehnten Ordnungshüterin ist, seit geraumer Zeit mit einem FBI-Agenten verheiratet ist, wittert sie Verrat von staatlicher Seite. Spätestens ab diesem Moment beginnt der Leser sich zu fragen, ob – so viel volkstümliche Formulierung sei ausnahmsweise einmal erlaubt – die Autorin einen an der Waffel hat.

Patricia Cornwell: Verwirrstück um Verfolgungswahn

Man kann den Band als raffiniert gewebtes Verwirrstück lesen, dessen Titel Programm ist. Formal spielt sich die gesamte Handlung innerhalb eines einzigen Tages ab, ein Tag, an dem die Protagonistin und ihre Freunde alle Gewissheiten verlieren, Verwandte, Freunde, Partner zu potentiellen Verschwörern werden. Lange Zeit ist offen, ob Kay Scarpetta und ihre Nichte tatsächlich verfolgt werden, oder sie nur einen schweren Schub der titelgebenden „Paranoia“ durchleben.

Cornwells „Paranoia“ bleibt merkwürdig

Wirklich gelungen ist das nicht, weil die Konstruktion, so spannungsgeladen sie ist, so komplex sie erdacht wurde, ganz genau zwischen den Buchdeckeln funktioniert. Wenn man die Handlung in den größeren Bogen der ganzen Serie einbettet, erscheint das Thema konstruiert, wenn die Realität als Schablone hinzukommt, verstärkt sich der Merkwürdig-Effekt bei allem Verständnis und Faible für dichterische Freiheit ganz gewaltig.

Es gibt zu viele Verschwörungstheoretiker

Vielleicht funktionieren Verschwörungsthemen im Thriller auch im Social-Media-Zeitalter nicht mehr. Wenn AfD-Wähler, Donald-Trump-Anhänger und andere unkritische bzw durchgeknallte Facebook-Nutzer die abstrusesten Theorien über Staaten und Gesellschaften für wahr halten, teilen und mit erbittertem Ernst und wirrer Logik verteidigen, macht es keinen Spaß mehr, sich im Krimi mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen.  Die abwegigsten Phantasien von Thriller- Autoren werden  mittlerweile häufig vom politischen Wahn rechthaberischer Rechter überflügelt – und das ist dann nicht unterhaltsam, sondern sehr gefährlich.

Patricia Cornwell, Paranoia, Hoffmann&Campe, 400 S., 24€, VÖ: 17. September 2016