Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern „Anonym“ und erfolgreich im Darknet

8 Nov

Das österreichisch-deutsche Autorengespann Ursula Poznanski und Arno Strobel hat sich erneut zusammen gesetzt und einen Krimi geschrieben, weil das bei „fremd“ schon ganz gut funktioniert hatte. Der neue Krimi heißt „Anonym“ und ist wieder nach dem Prinzip aufgebaut. Zwei Figuren tragen die Handlung, und je ein Autor schreibt aus der Perspektive eines Ermittlers.

Ermittler am Rande der Funktionstüchtigkeit

Poznanski und Strobel haben sich dazu zwei interessante Gestalten ausgedacht, beide sind Polizisten in Hamburg. Nina Salomon ist neu in der Stadt, aus dubiosen Gründen aus der Nachbarstadt Bremen an ihren neuen Dienstort geflüchtet, eine ziemlich kaputte Gestalt und so gerade eben an der Grenze zur Funktionstüchtigkeit. Ihr Partner, Daniel Buchholz, ist auf ersten Blick das genaue Gegenteil. Er funktioniert perfekt, präsentiert eine makellose Oberfläche – und ist im Inneren beinahe so kaputt wie seine Kollegin.

Ursula Poznanski und Arno Strobel stöbern im Darknet

Das Ermittlerteam muss sich mit einem besonders widerlichen Mörder auseinandersetzten. Dieser nutzt die neuen Medien, Internetforen und Social Media, um die Menschen an seinen Verbrechen teilhaben zu lassen. Genauer gesagt lässt er abstimmen, welches seiner Opfer, die er als sterbenswürdig erachtet, er umbringen soll. Zur Auswahl stehen Kandidaten, die nach gemeinem Volksempfinden als unsympathisch gelten und Verbrechen unterschiedlichen Kalibers begangen haben. Ein Rechtsextremer, der Flüchtlingsheime anzündet, ein Arzt, der intrigiert und sich bereichert, eine untreue Ehefrau und ein Hundebesitzer, der seinen Hund in fremde Gärten kacken lässt, geraten unterschiedslos auf die Todesliste

Ankläger, Richter und Henker im Personalunion

Die Polizisten laufen dem Täter, der seine Aktivitäten in das sogenannte Darknet verlegt hat, lange vergeblich hinterher. Immer perfider werden die Runden, irgendwann lässt der Mörder die Menschen im Internet nicht mehr nur Richter spielen, sie werden Ankläger und Henker in Personalunion, die sogar selber Todeskandidaten nominieren dürfen.

Anonym erfüllt alle wichtigen Qualitätskriterien

Streng genommen bietet das Buch von Poznanski und Strobel wenig innovative Ideen. Auch, wenn die Autoren mit ihrem Krimi formal nicht wirklich Neuland betreten, ist „anonym“ perfekte Unterhaltung. Das Buch ist handwerklich einfach außerordentlich gut gemacht. Die Protagonisten blicken hinreichend oft in klare, aber auch vom Nebel der Erinnerung verhangene Abgründe, dass sie gleichzeitig interessant und auf einer empathischen Ebene sympathisch sind (soll heißen, sie sind nicht wirklich immer sympathisch, aber der Leser mag sie trotzdem). Außerdem ist die Geschichte schön verwoben komplex und gleichzeitig schnörkellos klar erzählt, dass sie ein atemberaubendes Tempo aufnimmt, was für ein Krimi ja ein wichtiges Qualitätskriterium darstellt. Vermutlich ist das Thema Darknet und Internetjustiz dem Einfluss von Ursula Poznanski zu verdanken, die sich beim Schreiben ja immer ein gesellschaftlich relevantes Zeitgeistphänomen vornimmt und erklärt. Das bleibt genre-bedingt natürlich oft etwas oberflächlich, verhilft ihren Krimis aber zu einer diffusen gesellschaftliche Relevanz und gleichzeitig zu einer Erdung im Leben – und das ist eine weitere Stärke. Anonym erfüllt also alle (wichtigen) Qualitätskriterien. Wem für graue Novembertage also noch eine Empfehlung fehlt: Lesen. Macht Spaß!

Ursula Poznanski, Arno Strobel, Anonym, Wunderlich, 378 S., 19,95€, VÖ: Oktober 2016