Totenfang: Simon Beckett schickt David Hunter erneut in die Ödnis

19 Dez

David Hunter ist zurück. Sechs Jahre lang war der britische forensische Anthropologe untergetaucht, weil sich sein Schöpfer eine Denkpause genommen hat, wenn man mal von einer Kurzgeschichte absieht.

Die Kriminalromane um David Hunter waren ab 2006 so ziemlichste das Aufregendste, das in jenen Jahren zu lesen war. Immer wenn Beckett seinen Mediziner mit dem fatalen Hang in desaströse Dramen zu schliddern in die Ödnis der britischen Inseln schickte, konnte man sich darauf verlassen, für einige wenige Tage im Bann von Sumpfen, Grotten und sturmumtosten Klippen zu landen. Wenn Beckett sich anderer Themen annahm, war das als Lektüre gelegentlich allerdings außerordentlich schrecklich schlecht. (Bei einigen Stoffen hatte er offenbar geübt. Dass die vor der Hunter-Reihe geschaffenen und nachher in Deutschland veröffentlichen Romane Leser erreichen konnten, war vermutlich weniger publizistischen als ökonomischen Gründen geschuldet.)

In Totenfang verschlägt es David Hunter nach Essex

Jetzt also Totenfang, der fünfte Band der Reihe. Aufatmen gleich zu Beginn. Das Leben schickt Hunter, der seit seinem letzten Fall auf dem Abstellgleis für Mediziner mit detektivischen Ambitionen gelandet ist, wieder in einen abgelegenen Winkel der britischen Insel. Es geht in die englischen Backwaters an der Nordseeküste, ein Landstrich in Essex, der verarmt und vereinsamt ist und zu Teilen im Rhythmus der Gezeiten unter Wasser steht.

Ermittlungen im Überschwemmungsgebiet

Die örtlichen Behörden haben eine Wasserleiche entdeckt – und da die sich gerne in eher schlechter Form präsentieren, haben die Entscheider bei der Polizei beschlossen, Hunter als forensischen Anthropologen hinzuziehen, damit die Identifizierung rasch geschehen kann. Das soll allerdings gewaltig schief gehen. Hunter bleibt nach der Bergung des Toten auf dem Weg zur Leichenhalle mit seinem Wagen auf einem dem Tidenhub zum Opfer fallenden Damm stecken. Diese Panne löst eine Kette von Ereignissen aus, bei denen noch weitere Leichen an Land treiben, alte und neue Mordfälle geklärt werden und Hunter Ansätze eines Privatlebens entwickelt. Zum  furiosen Showdown fährt Beckett noch einen ordentlichen Sturm und ein Springflut auf.

Simon Beckett spielt meisterhaft mit der Ödnis der britischen Proviz

Totenfang ist der perfekte Roman für die dunkle Jahreszeit. Beckett versteht es, die ganze Ödnis des verlassenen Küstenstreifens und die Gewalt der See noch im Inneren des Landes fühlbar zu beschreiben, so dass man beim Lesen unweigerlich die Beine hochnimmt, um nicht am Ende noch nasse Füße zu bekommen. David Hunter schafft es jedenfalls kaum ein mal für ein paar Stunden trockene Kleidung am Leib zu behalten.

David Hunter hat ein Talent für die falschen Entscheidungen

Ansonsten mag man David Hunter auch deshalb gerne beim Ermitteln zuschauen, weil er mit stoischer Konsequenz die falschen Entscheidungen zu treffen scheint. Damit dürfte er vielen Lesern Nahe sein, auch, wenn der durchschnittliche Krimi-Leser natürlich nur äußerst selten in Mordermittlungen oder finstere Komplotte schildert. Hunter passiert das ständig

Schwächen? Hat der neue Beckett auch. Die Geschichte ist gut erdacht, der Brite müht sich um Komplexität und überraschende Wendungen. Der versierte Krimileser fühlt sich allerdings bisweilen, als würden ihm subtile Hinweise regelrecht um die Ohren gehauen. Man ahnt früh, in welche Richtung sich viele Handlungsstränge bewegen. Dennoch macht Totenfang wegen des des gelungenen Hauptdarstellers und der gekonnt inszenierten Kulisse Spaß.

Simon Beckett, Totenfang, Wunderlich, 560 S., 19,99€, VÖ: 14. Oktober 2016