Stefan Keller unterhält mit dem „Ende aller Geheimnisse“

14 Feb

Ein alter Kalender, einige vergilbte Postkarten, altersgraue Wände, Möbel und Gesichter. Deutscher Behördenalltag, genauer gesagt Polizistenleben. So zumindest schildert Stefan Keller in „Das Ende aller Geheimnisse“ den Zustand des KK12 bei der Düsseldorfer Polizei.
Heidi Kamemba, die Neue, die Keller in diese Bürohölle zum Dienstantritt schickt, merkt schnell, dass  sich unter der alltagsstaubbedeckten  Oberfläche tiefe Risse und Abgründe auftun. Von Beginn an steht Kamemba im Abseits, nicht nur weil sie die erste schwarze Kriminalkommissarin ist, sondern vor allem, weil sie motiviert und engagiert ihrer Arbeit nachgeht. Das stört die Routine der Kollegen.

Deutsche Defizite in „Das Ende aller Geheminisse“

Dass Kamemba seit der Ausbildung den Spitznamen „Die Deutsche“ trägt, ist dabei genauer betrachtet mehr als ein harmloser kleiner Scherz Kellers. Er beschreibt die Defizite unseres Landes. Das eine Schwarze grundsätzlich erst mal keine Deutsche sein kann, ist Teil eines latenten Rassismus, den wir noch immer nicht losgeworden sind. Jeder der anders aussieht ist einer verdrehten Logik zufolge auch ein „Ausländer“.

Unterhaltsames Spiel mit Vorurteilen

Keller greift diese Vorurteile auf und spielt mit ihnen. So kommt die Polizisten an ihrem ersten Arbeitstag in ihrem neuen Job nur mit Mühe und misstrauisch beäugt an ihren neuen Arbeitsplatz.  Das kennt man so ähnlich spätestens seit „Happy Birthday Türke“ von Jakob Arjouni, ist aber dennoch unterhaltsam. Im Kommissariat erwarten die Nachwuchs-Polizisten skeptische Kollegen, ein genervter Chef – und gleich ein Mordfall. Unbekannte haben einen Mann umgebracht seine Leiche mit Messern und Feuer derart zugerichtet, dass eine Identifizierung unmöglich scheint. Dennoch gelingt es wegen der Beobachtungsgabe Kamembas, den Namen des Opfers herauszufinden.

Stefan Keller führt seine Ermittler in zahllose Sackgassen

Viel weiter bringt die Identifizierung des Opfers die Polizisten nicht. Jede Spur scheint nur ein einer neuen Sackgasse zu enden, schnell bemerkt die Polizistin mit kongolesischen Wurzeln, dass die Geheimnisse um ihren Vorgänger, der offenbar Selbstmord beging, die innerhalb des Kommissariats sich der Entschlüsselung entziehen, mindestens genauso abgründig sind wie ihr erster Mordfall im Wald vor den Toren der Stadt.

Konventionell, aber gerade deshalb gut

„Das Ende aller Geheimnisse“ ist ein überaus unterhaltsamer, fesselnder Krimi, obgleich er in vielerlei Hinsicht durchschnittlich scheint. Formal und sprachlich ist Kesslers Roman eher konventionell gehalten, der Plot ist weder besonders gruselig noch besonders spektakulär. Aber gerade das macht den Reiz des Kriminalromans aus, gerade weil es ausnahmsweise nicht um Serienmörder, Superschurken oder Weltverschwörung geht, ist der Roman eine wohltuende Abwechslung.

Eine Protagonistin, der man gerne folgt

Die größte Stärke von „Das Ende aller Geheimnisse“ liegt aber daran, dass Keller eine Hauptdarstellerin geschaffen hat, der man gerne folgt. Er baut eine sympathische Figur auf, deren Perspektive er in der Erzählung kaum einmal verlässt. Er gibt genug Preis, dass der Leser die Figur kennen lernt, lässt aber genügend Fragen offen, dank derer sie interessant bleibt. So baut Keller geschickt auch die Erwartungshaltung für eine Fortsetzung auf, was aus Sicht eines Krimiautoren ja meist lohnt.
Heidi Kamemba ist also eine absolute Bereicherung der Krimilandschaft.

Stefan Keller, Das Ende aller Geheimnisse, Rowohlt, 333 S., 9,99€, VÖ: Februar 2017