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Raymond Chandlers „Der große Schlaf“, Geburtsstunde Philip Marlowes

Es ist ein Traumsatz eines jeden Bloggers, einmal einen Post mit „Adorno sagt“ zu beginnen. Was das mit Kriminalromanen zu tun hat? Eigentlich nichts, aber andererseits geht auf den deutschen Philosophen der schöne Satz „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ zurück. Die Romanfigur Philip Marlowe ist der Großvater all jener Ritter von der traurigen Gestalt, die mit einer gewissen naiv-bewundernswerten Sturheit mit dem Kopf voran gegen eine betonharte Realität anspringen.

Adornos und Chandlers ähnlicher und doch anderer Blick auf die Gesellschaft

Der US-Amerikaner Raymond Chandler schuf seinen eigenwilligen Privatdetektiv in den 30er Jahren, ebenjener Zeit, in der Theodor Adorno von den Nazis ins Exil getrieben worden. Beide beobachteten aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und mit unterschiedlichen Denkergebnissen – eine zutiefst amoralische, verrohte und bis ins Mark verdorbene Gesellschaft. Auch wenn sie dabei ihren Blick auf gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, Adorno den Totalitarismus und Faschismus, Chandler einen dekadenten, korrupten Kapitalismus kamen beide zu gleichermaßen vernichtenden Urteilen. Während der deutsche Philosoph im amerikanischen Exil daraus ein moralisches Manifest entwickelte, schuf der US-amerikanische Journalist Unterhaltung

Raymond Chandler und seine Krimis der „Schwarzen Serie“

Raymond Chandler gilt als einer der wichtigsten Vertreter und Mitbegründer des Noir-Genres, der Schwarzen Serie, in der sich der Protagonist in einer moralisch verderbten Gesellschaft bewegt, versucht, immer das richtige zu tun, dabei aber bei der Wahl der Mittel ebenfalls nicht zimperlich ist. Philip Marlowe wurde so neben Hammetts Sam Spade, Christies Hercule Poirot und Conan Doyles Sherlock Holmes zu den berühmtesten Detektiven der Kriminalliteratur.

Ein Welterfolg mit Phlip Marlowe

Chandler ging einen wechselvollen Weg mit zahlreichen beruflichen Stationen bevor er sich als Journalist und schließlich als Kriminalautor versuchte. 1988 geboren begann er in den 30er Jahren Kurzgeschichten zu schreiben, sozusagen, um das Genre Kriminalroman üben. 1939 erschien sein Debüt-Roman „Der große Schlaf“. Philip Marlowe wird von einem Auftraggeber, dem schwer kranken General Sternwood, gebeten, sich um einen Erpressungsversuch gegen eine seiner beiden Töchter zu kümmern. Marlowe muss schnell feststellen, dass beide, auf ihre Weise, vollkommen verdorben sind und in tiefe Machenschaften um Verbrechen und Korruption verstrickt sind. Dennoch versucht Marlowe beiden zu helfen, den Auftrag seines Klienten zu erfüllen und seinen eigenen moralischen Standards gerecht zu werden: vor allem letzteres stellt Marlowe in einer prinzipienlosen Welt vor immer neue Herausforderungen.

Die Vorlage des Film-Klassikers mit Humphrey Bogart

Das im Vergleich zu heutigen Kriminalromanen angenehm dünne Büchlein wurde rasch zum Bestseller und begründete Chandlers Weltruhm. Insgesamt sieben Philip-Marlowe-Romane schrieb der US-Schriftsteller, der unter anderem in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. Die Filmstadt an der Westküste, die Chandler in so düsteren Farben beschrieb, setzte dem Krimi-Autor ein filmisches Denkmal. Howard Hawks verfilmte „The Big Sleep“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in den Hauptrollen. Ein Remake gab es in den siebziger Jahren mit Robert Mitchum als Philip Marlowe. Beide Verfilmungen sind in der Kritik nicht unumstritten, das aber interessierte das Kino-Publikum nicht. Wie die Bücher sind auch die Filme, insbesondere die Bogart-Version echte Klassiker.

Tatort: Los Angeles.

Die Stadt der Engel ist in den Romanen Raymond Chandlers ein Ort von düsterner Schönheit. Die Stadt über dem Pazifik schimmert insbesondere Nachts verführerisch, wenn man dem US-Autor glauben darf. Wie viele Metropolen übt die Stadt insbesondere aus der Fernsicht große Faszination aus, aber wehe, wenn man dem Moloch zu nahe kommt, dann springt der ganze Schmutz, die versammelte Verderbtheit einer zutiefst korrupten Gesellschaft ins Auge. All das beschreibt Chandler in einem desillusionierten Ton, allein über die Menschen, die seine Romane bevölkern – und doch zeichnet er, ohne es oberflächlich darauf anzulegen, ein äußerst präzises Bild der Stadt der 30er und 40er Jahre. Manch einer befürchtet, dass sich unter einer kernsanierten Fassade der Kern der Stadt unvermindert verrottet bleibt.

Raymond Chandler, Der große Schlaf, Diogenes, 9,99€, VÖ: 1939
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Xavier Kieffer, Tom Hillenbrands ermittelnder Koch, deckt eine Verschwörung auf

Die Ermittlerszene in der Kriminalliteratur ist vielfältig, Seit kurzem gibt es auch einen Koch mit Spürsinn. Xavier Kieffer heißt der Mann und ermittelt – wenn er nicht gerade in seinem Restaurant am Fuße des Berges hochwertige Hausmannskost zubereitet, im beschaulichen Luxemburg.

Lästige mundartliche Einsprengsel, spannender Krimi

„Letzte Ernte“ heißt der mittlerweile dritte Kriminalroman von Tom Hillenbrand. Das Ergebnis der Schreibarbeit des ehemaligen Spiegel-Online-Journalisten ist zwiespältig. Insbesondere der Beginn hat mich genervt, wobei dem Krimi zugestanden werden muss, dass es Geschmackssache ist: Ich jedoch kann mundartliche Einsprengsel in der Literatur, die auf eine merkwürdige Art regionale Einbettung verstärken soll, nur ganz selten ertragen. Insofern war ich – durch ein Überangebot von eitlen TV-Köchen kulinarischen Beschreibungen nicht eben gnädig gestimmt, geneigt, „Letzte Ernte“ früh wegzulegen. Eine gewisse Hartnäckigkeit zahlt sich aber eben gelegentlich eben doch aus. Hillebrand hat nämlich, wie sich im Verlauf seines Krimis herausfinden soll, ein hochinteressantes Thema gefunden, um das er eine sehr spannende Krimi-Handlung spinnt. Da er zudem noch bei Seitenaspekten einen unterhaltsam bissigen Humor beweist, macht sein Krimi doch noch richtig viel Spaß.

Eine Verschwörung rund um den internationalen Lebensmittelmarkt

Darum geht es. Xavier Kieffer läuft auf einem Fest in Luxemburg ein scheinbar verwirrter Mann in die Arme. Es ist eine kurze Begegnung, die Kieffer dennoch in Erinnerung bleibt, weil ebenjener Mann am nächsten Morgen tot ist, angeblich hat er sich von einer Brücke zu Tode gestürzt. Kieffer zweifelt das an – und gerät zusätzlich ins Grübeln, weil der Fremde seiner Freundin heimlich einen Satz Schlüssel und eine Keycard zugesteckt hatte: Da den genussfreudigen Koch sein Metier nicht völlig ausfüllt, beginnt er nachzuforschen und legt sich schnell mit der Polizei und allerlei Finsterlingen an. Das ist natürlich keine ungefährliche Angelegenheit, auch weil Kieffer einer weitereichenden Verschwörung im Lebensmittelmarkt auf die Spuren kommt. Insgesamt ist „Letzte Ernte“ eine hochspannende Angelegenheit mit kleinen Schönheitsfehlern…

Tatort Luxemburg

Luxemburg besteht, wenn man Tom Hillebrand glauben darf, aus drei Teilen. Luxemburg ist EU-Standort mit internationalem Personal und repräsentativ-hässlichen Gebäuden, Bankenstandort mit Personal und hässlichen Gebäuden und einem ursprünglichen Teil, der noch Lebenswert ist – und überlebensfähig, weil die Personengruppen der ersten beiden Teile gelegentlich in diesen „gemütlichen“ Teil des Landes, der Stadt (das ist ja beinahe deckungsgleich im „Großherzogtum“. Die Beschreibungen Hillebrands von Stadt und Einwohnern ist jenseits mundartlicher Einsprengsel unterhaltsam und nachvollziehbar, so dass man sich ein gutes Bild des kleinen Staats zwischen Deutschland und Frankreich machen kann.

Tom Hillenbrand, Letzte Ernte, Kiwi, 299S., 8,99€, VÖ: Juli 2013
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„Hier spricht Edgar Wallace“: Die Krimi-Vorlage des Fernsehklassikers

Mehrere Generationen jugendlicher deutscher Fernsehzuschauer sind mit dem knappen und doch ins Mark dringenden Satz „Hier spricht Edgar Wallace“ zum Fernsehabend begrüßt und mit einem wohligen Gruseln ins Bett entlassen worden.  Die Filme mit Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arend und natürlich Klaus Kinski waren in den sechziger und siebziger Jahren Kult.

Das bewegte Leben von Edgar Wallace

Die Verfilmungen basieren auf dem Werk von Edgar Wallace und das ist noch einmal ein paar Jahre älter. Wallace führte ein bewegtes Leben, kam 1875 als uneheliches und verstoßenes Kind von ganz unten, eignete sich ohne große Schulbildung wissen an und berichtete sogar als Kriegsberichterstatter vom Burenkrieg in Südafrika. 1905 schrieb er seinen ersten Roman, „Die vier Gerechten“, was ihn beinahe ruinierte, weil er offenbar Lesern, die die Lösung fanden, 500 Pfund Preisgeld versprach. Vermutlich war sein Rätsel einfach nicht komplex genug…

Edgar Wallace, ein fleißiger Krimi-Autor

Insgesamt schrieb Edgar Wallace bis zu seinem frühen Tod 1932 um die einhundert Kriminalromane und Krimi-Erzählungen, sowie zahlreiche Afrika-Romane, einige Sachbücher und andere Stoffe.  Zu den berühmtesten (wegen der Verfilmungen) gehören wohl „der Hexer“, „Die toten Augen von London“ oder „Der Frosch mit der Maske“. Auch wenn man ihn in Deutschland wegen der deutschen Verfilmungen kennt. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten Krimi-Autoren Großbritanniens.

Ein Krimi-Klassiker: „Das Gesetz der vier“

Ich habe mir mal „Das Gesetz der Vier“ noch einmal vorgenommen, eine Fortsetzung von „Die vier Gerechten“. Darin sind im Prinzip eine Sammlung von kürzeren, lose verbundenen Kriminalgeschichten enthalten. Die „Vier“ sind hier auf Zwei geschrumpft, weil einer der „Vier“ – eine Vereinigung von Rächern, die für Gerechtigkeit kämpfen, wo Polizei und Behörden versagt haben – gestorben ist und ein weiterer im Ruhestand auf seinem Landgut in Spanien lebt. Die verbleibenden Zwei klären jedoch jede Menge perfide Morde und andere Verbrechen auf.

Ermittler, die die moderne Wissenschaft in ihren Dienst nehmen

Die Edgar-Wallace-Romane sind deshalb so interessant, weil sie in eine völlig andere Zeit führen, sie spielen unbestimmt in einer Ära, in der Kutschen und Automobile einigermaßen gleichberechtigt das Straßenbild beherrschten. Es war eine Zeit, in der die Wissenschaft sich auch in der Kriminalistik durchzusetzen begann. Wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes benutzen die fortschrittlichen Rächer – anders als die Behörden – die Wissenschaft zur Aufklärung ihrer Fälle, sie diskutieren die Möglichkeit, Fingerabdrücke zu nehmen, analysieren chemische Substanzen.

Anwandlungen von Sozialdarwinismus bei Edgar Wallace

Bedenklich scheint aus heutiger Sicht die Idee, die Verbrecher anhand ihrer Physiognomie ausmachen zu können. Aus der Form des Schädels, der Größe der Ohren, der Form des Unterkiefers vermeinten Wallaces Detektive Verbrecher messen und erkennen zu können. Das war Sozialdarwinismus in reinster Form – damals leider weit verbreitet, auf die politische Gesinnung Wallace schließen zu wollen, ginge wohl zu weit.

Spannend, kurzweilig, vorbildlich präzise

Abgesehen von diesen irritierenden Ausflügen jener Zeit hat Wallace unterhaltsame, recht spannende Geschichten geschrieben, die zwar aus der historischen Distanz gelegentlich etwas drollig wirken, aber als Kriminalgeschichten bis heute funktionieren. Insofern könnte es ich lohnen, mal einen Edgar-Wallace-Krimi in die Hand zu nehmen. Das dauert auch nicht lang. Wallace hat kurz geschrieben, einfach verständlich, aber eben auch mitreißend – und das hat angesichts einiger langatmiger, um nicht zu sagen geschwätziger Neuerscheinungen beinahe Vorbildcharakter.

Edgar Wallace, Das Gesetz der Vier, VÖ: 1929
Autor:

Das Gesetz der Vier: Ein Edgar-Wallace-Krimi gibt es gratis als Kindle-Edition

Edgar Wallace gibt es natürlich gedruckt:

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Ein drolliges Universum: Colin Cotterills „der fröhliche Frauenhasser“

Colin Cotterill schickt seine Leser jedes Mal auf eine Reise in eine andere, vergessen geglaubte, skurrile Welt. Seine Krimi-Serie um den laotischen Pathologen Dr. Siri hat der Brite in die siebziger Jahre verlegt, als Steinzeitkommunisten das Land mit aller Kraft ins Chaos zu stürzen versuchten. Und,  so weiß man nicht nur aus der Geschichte, so liest man mit viel Vergnügen auch bei  Cotterill.

Colin Cotterill Auf angenehm altmodische Weise unterhaltsam

Zwei Besonderheiten lassen die Romane rund um Dr. Siri zum besonderen Vergnügen werden. Cotterill hat ein wahrhaft lustiges Panoptikum an Personal versammelt und er schildert das Leben unter den Schwingen einer allerdings sehr lendenlahmen Revolution überaus unterhaltsam.  Aus beidem, fiktiven Charakteren und real existierendem Wahnsinn, konstruiert Colin Cotterill wie schon in „Die Tote im Eisfach“ ein Universum, das am besten als „drollig“ zu bezeichnen ist, aber im besten Sinne. Das ganze ist jedenfalls auf eine angenehm betuliche, beinahe altmodisch Weise unterhaltsam. Das gilt auch für „Der fröhliche Frauenhasser“.

Pathologe, Hobbydetektiv, Schamane

Eines Tages bekommt Dr. Siri, der sich mal wieder mit den laotischen Behörden, ungnädigen Funktionären und allerlei Alltagssorgen rumärgern muss, eine Frauenleiche in sein Labor gebracht.  Der einzige Pathologe des Landes entdeckt schnell, dass ein besonders grausames Verbrechen passiert ist. Ein offenbar Geistesgestörter lauert Frauen auf. Da Dr. Siri nicht nur Arzt ist, sondern auch begeisterter Detektiv – und den Schamanen natürlich wieder die Geister drängen – beginnt er mithilfe seines Partners, dem Polizisten Phosy mit den Nachforschungen. Das aber soll ihn schnell selber in Gefahr bringen.

Krimi und Parabel

Natürlich ist „Der fröhliche Frauenhasser“ in erster Linie ein unterhaltsamer Kriminalroman, wer will kann den Stoff aber durchaus metaphorisch sehen. Gerade dadurch, dass Cotterill seine Handlung in ein fernes Land in einer überwunden geglaubten Zeit verlegt und einen spielerischen Ton pflegt, kann er quasi im Vorübergehen Autoritäten, Behördenwahn und totalitäre Tendenzen entlarven. Das ist auch im sechsten Band noch lesenswert.

 

Tatort:Laos

Im Prinzip knüpft Colin Cotterill dort an, wo er in „Die Tote im Eisfach“ aufgehört hat: Er beschreibt eine exotische Welt mit für Mitteleuropäer denkbar fremden Kulturen. Auch das macht seine Krimis so reizvoll. Natürlich hat sich Laos seit den siebziger Jahren verändert, aber die Menschen und ihre über Jahrhunderte gewachsene Lebensweise, die auch Diktaturen und Technokraten nicht zerstören konnten, sind beinahe unverändert durch die Nachkriegsjahrzehnte gegangen. Insofern bleibt Cotterill aktuell.

Colin Cotterill, Der fröhliche Frauenhasser, Manhattan, 320S.,17,99€,  VÖ: Juni 2013

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Eine schön düstere Gangsterballade: „Ghostman“ von Roger Hobbs

Endlich mal wieder ein durch und durch guter, gelungener und extrem fesselnder Thriller. „Ghostman“ heißt das Buch, geschrieben hat es der erst 24-Jährige Roger Hobbs. Das Debüt des US-Amerikaners ist sein langem mal wieder ein vollständig begeisternder Krimi, ohne jede Sentimentalität düster, direkt, dreckig, packend. Hobbs versteht es, seine Geschichte schnörkellos, aber mit viel Raffinesse voranzutreiben. „Ghostman“ ist, kurz gesagt, die perfekte Krimi-Unterhaltung.

Ein Spezialist in Sachen Untertauchen

Im Mittelpunkt steht Jack Delton, oder genauer gesagt, ein Mann, der Jack Delton war oder sein könnte. Jedenfalls gibt es einen Pass dieses Namens. Die wahre Identität des Mannes, der den Pass besitzt ist unbekannt. Und das ist Absicht, denn Delton ist ein „Ghostman“, einer der in Verbrecherkreisen aufräumt und keine Spuren hinterlässt. Andere oder sich selber verschwinden zu lassen, ist das Spezialgebiet des „Ghostman.“

48 Stunden Zeit für den „Ghostman“

Jack Delton jedenfalls soll für einen anderen Kriminellen, der er nach einem schief gegangenen Millionenraub, noch einen Gefallen schuldet, die Spuren eines gründlich schief gelaufenen Überfalls auf ein Spielcasino in Atlanta beseitigen und im Idealfall gleich noch die Beute sicher stellen, denn die ist genauso verschwunden, wie einer der Handlanger des Überfalls. Viel Zeit hat er nicht, genau 48 Stunden bleiben ihm. Dann gehen diverse Sicherungsmaßnahmen hoch, Peilsender und Farbpatrone inklusive.

Roger Hobbs inszeniert gekonnt einen Bandenkrieg

In Atlanta muss der Ghostman sich nicht nur mit den lokalen Behörden herumärgern, auch das FBI hat die Spur aufgenommen, weit aus drängender wird die Lage jedoch, als klar wird, dass ihm auch rvialisierende Gangsterbanden auf den Pelz rücken. Rund um den Ghostman beginnen sich die Leichen zu stapeln und Delton muss tief in seine Trickkiste greifen, um sich den näher kommenden Häschern zu entziehen. Roger Hobbs hat eine interessante Figur erdacht, einen raffinierten Plot überlegt und treibt ersteren durch letzteres mit einem beinahe atemberaubenden Tempo. Herausgekommen ist dabei ein eine richtig gute, schön düstere Gangsterballade. Der Leser hat den Nutzen – extrem viel Spaß. Wer nicht gerne liest, muss sich etwas gedulden, wird Jack Delton vermutlich dennoch kennen lernen. Warner Bros. hat sich die Filmrechte bereits gesichert.

Tatort:Atlantic City

Im Bewusstsein ist Atlantic City eine heruntergekommene Stadt für billige Vergnügungen, so eine Art Las Vegas für Arme. Wenn man Roger Hobbs glauben darf, hat sich daran trotz Millioneninvestitionen in stahl-, glas und marmorglänzende Prunkbauten nicht viel verändert jenseits der großen Boulevards regiert der Schmutz, bleibt Atlantic City eine zwielichtige Kommune mit hinreichend miesen Rattenlöchern für allerlei zwielichtige Gestalten. Hobbs zeichnet sein Bild von Atlantic City beinahe nebenbei, ihm gelingt das Portrait einer Stadt mit wenigen, wohlgesetzten Worten. Auch das ist große Kunst, ganz nebenbei – mit einem ganz andren Ziel vor Augen -, mit wenigen Strichen ein eindrückliches Bild zu zeichnen.
Roger Hobbs, Ghostman, Goldmann 384 S., 14,99€, VÖ: 22. Juli 2013

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Bei Jan Fabers „Kalte Macht“ wirkt jedes Haifischbecken wie ein Streichelzoo

Politik ist ein mörderisches Geschäft Das muss auch die junge Politikerin Natascha Eusterbeck erkennen, als zur parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeskanzleramt berufen wird. Die Kanzlerin möchte, dass die Mittdreißigerin vordergründig die Effizienz der Stäbe und Abteilungen untersucht, ihr zweiter, hochvertraulicher Auftrag lautet, dass sie mit dem Blick der Außenstehenden das Kanzleramt auf versteckte Seilschaften und Netzwerke untersucht.

Verschwörung im Kanzleramt

Eusterbeck macht sich an die Arbeit und muss schnell erkennen, dass im Vergleich zur deutschen Machtzentrale jedes Haifischbecken ein Streichelzoo ist. Die Nachwuchspolitikerin wird bespitzelt, bedrängt, bedroht. Schnell wird der Frau klar, dass sie sich auf ein lebensgefährliches Spiel eingelassen hat. Schnell deckt sie aber auch eine gigantische Verschwörung auf, in die die hochrangigsten Politiker Deutschlands verstrickt sind.

Ein Mann, den der Verlag „Jan Faber“ nennt, hat „Kalte Macht“ geschrieben. Angeblich kennt selbst der Verlag den Autoren nicht, es soll sich um einen „Berater mehrerer hochrangiger Regierungsmitglieder“ handeln, vermutlich aber ist es ein politischer Korrespondent eines Nachrichtenmagazins oder einer nationalen Tageszeitung.  Die Tarnung vermutlich ein Schachzug der Marketingabteilung, die denken sich solche kreativ-originellen Ideen  ja gerne mal aus.

UnterhaltsameParallelen zur wirklichen Welt bei Jan Fabers Kalte Macht

Die Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist jedenfalls beabsichtigt und nur mit einem hauchdünnen Schleier kaschiert. Die in „Kalte Macht“ namenlose Kanzlerin ist selbstverständlich Angela Merkel, der Finanzminister sitzt zwar nicht im Rollstuhl, ist aber dauerhaft versehrt und entsprechend humorlos, der Kanzleramtsminister wiederum ist ein ausgemachter Widerling, der auch deshalb an Roland Profalla erinnert.

Präziser Blick in den Maschinenraum der bundesdeutschen Macht

Die Ähnlichkeit mit lebendenden Personen, der glaubhafte Einblick ins Kanzleramt, macht jedenfalls den Reiz von „Kalte Macht“ aus. Die Beschreibungen aus dem „Maschinenraum der Politik“, die Präzision, mit der Jan Faber (wir behalten Autorennamen mal bei) das Innenleben des Kanzleramtes seziert, fesseln den Leser so nachhaltig, als sei er der Kanzlerin, die spinnenhaft im Inneren des Amtes sitzt persönlich in ihr Netz gegangen.

Mord an Alfred Herrhausen als Grundlage des Plots für „Kalte Macht“

Jan Faber vermag es, in bester US-amerikanischer Thrillertradition, seine Handlung mit höchstem Tempo voranzutreiben, zumindest über zwei Drittel der knapp 450 Seiten liefert einen mitreißenden Plot ab, der ohne großes Vorgeplänkel beginnt und dann rasant an Fahrt aufnimmt. „Kalte Macht“ hat allerdings eine (eigentlich eher zwei) Schwäche. Faber konstruiert einen politischen Mord, an einem hochrangigen Banker, und leiht sich den Mord an Alfred Herrhausen, der 1989 bei einem Bombenattentat starb. Hier wird die Nähe zur Realität zum Problem. Jan Faber hängt zwar unter anderem einem Altkanzler die Mitwisserschaft an, kann sich dann aber doch nicht ganz dazu durchringen, die Geschichte konsequent zu Ende zu denken. Jedenfalls kommt es dann doch zu einem gewöhnlichen Show-down wie aus einem US-Spionage-Thriller der 70er Jahre.  Das funktioniert, springt aber unter der Latte durch, die Faber sich mit seiner Idee selber gelegt hat. Es scheint, als sei dem Mann am Ende leicht die Puste ausgegangen, auch einige Spuren, die er zuvor gelegt hat, versanden. Insgesamt ist „Kalte Macht“ trotz kleinerer Schönheitsfehler eine absolut lesenswerte Krimi-Entdeckung.

 

Tatort: Berlin

Die Bundeskanzlerin bewohnt einen Trakt im 7. Stock des Bundeskanzleramtes, einige „unwichtigere“ Staatssekretäre ebenfalls, allerdings im anderen Flügel. Vieles von dem, was Jan Faber schreibt, kann man vermutlich auch so recherchieren, seine Kenntnis der Detail lassen aber vermuten, dass er dort zumindest einmal eine besondere Tour erhalten hat, seine Kenntnis aus dem Bundespresseamt und die Tatsache, dass er ausgerechnet diesen Dienst besonders genau beschrieben hat, deuten auf den journalistischen Hintergrund des Mannes hin. All das, was Jan Faber beschrieben hat, hätte ich als Journalist mit Erfahrungen im politischen Betrieb in einer ähnlichen Detailgenauigkeit beschreiben können. Das soll die Arbeit von Jan Faber nicht schmälern, höchstens einen Hinweis auf den Autoren als Teil des Berliner Korrespondentennetzwerkes liefern. Ansonsten beschreibt Faber punktuell die Lebensmittelpunkte Berliner Politik. Ja, sie gehen gerne ins Borchhardt, und ja sie wohnen irgendwo in Mitte, möglicherweise direkt an den Hackeschen Höfen, und nein, es wundert nicht, dass die politische Kaste (und das meint Politiker wie Korrespondenten gleichermaßen) dann nicht so ganz genau weiß, wie es das Leben in Berlin so spielt.

Jan Faber, Kalte Macht, Page&Turner, 444S., 19,99€, VÖ: 15. Juli 201

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Merkwürdige Menschenbilder bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“

Menschen mit Charakterschwäche haben schütteres Haar, Schwulen kann man nicht wirklich trauen, Menschen mit Bauch taugen höchstens als komischer, geistig eher minderbemittelter Side-Kick. Andererseits  darf man (genauer gesagt in diesem Fall Frau) von Männern nur das Beste erwarten, wenn sie erstens volles Blondes Haar haben und zweitens durchtrainiert sind. Wenn diese kein harmloser kleiner Krimiblog wäre, könnte einen ob solch eines darwinistisch, blond-blauäugigen Menschenbildes die pure Abscheu packen. Das der krimi-radar aber ein harmloser kleiner Krimiblog ist, sei an dieser Stelle nur auf die bis zur Schmerzgrenze grobschlächtige Figurenzeichnung hingewiesen, die die britische Autorin A.J. Cross bei ihrem Debüt „Kalter Schlaf“ verwendet.

Die Rückkehr der ermittelnden Super-Frau

Das Drama beginnt schon bei der Protagonistin, der Psychologin Kate Hansen. Die ist erstens Akademikerin, unterrichtet zweitens an der Uni von Birmingham, unterstützt viertens als Beraterin die örtliche Polizei bei besonders vertrackten Fällen, ist sechstens Mutter, siebtens das selbstverständlich alleinerziehen, um dann neuntens natürlich vor ihren Studenten perfekt gestylt mit lang wallender Mähne und Chanel-Kostüm aufzutreten, sich aber dann zehntens als Gegenprogramm abends zur Entspannung die Zehennägel zu lackieren.  Wer das für glaubwürdig hält, ist bei A.J. Cross und ihrem „Kalter Schlaf“ genau richtig. Ja, das ist zunächst einmal einfach nur platt, wenn der krimi-radar nicht nur ein harmloser kleiner Krimiblog wäre, würde er die Frage stellen, ob sich noch jemand wundert, dass angesichts solcher tonnenschwer drückenden Role-Models junge Frauen heute gelegentlich ein Problem mit der Selbstfindung haben. Aber glücklicherweise ist krimi-radar ja nur ein Krimiblog.

Keine gute Idee: A.J. Cross hat das eigene Leben als Vorbild genommen

Vielleicht führt A.J. Cross, die als forensische Psychologin in Birmingham lebt und mit Sexualstraftätern arbeitet, nicht ihre eigene Geschichte aufschreiben sollen. Mit allen Facetten trägt „kalter Schlaf“ so deutlich autobiografische Züge, und die Autorin ist vermutlich der allzu lockenden Versuchung erlegen, sich selber und ihr eigenes Leben bei leichten Verfremdungen zu idealisieren. Das ist bislang noch bei keinem Krimi-Autor wirklich gut ausgegangen.

Suche nach einem Mutti-Hasser und Mörder

Ein Krimi ist „Kalter Schlaf natürlich auch. Die Psychologin wird hinzugerufen, als eine verweste Frauenleiche gefunden wird. Die Identität der jungen Frau wird schnell geklärt, die Tätersuche gestaltet sich kompliziert. Es stellt sich jedoch heraus, dass mit der Leiche die Taten eines Serienvergewaltigers ans Tageslicht kommen. Das Motiv passt vom Niveau her zur Figurenzeichnung, und kann ohne zu viel preiszugeben, verraten werden: Der Täter wurde, wirklich originell ist das nicht, aus Hass auf seine Mutter zum Mörder und Vergewaltiger.

Kalter Schlaf ist auch sprachlich eine zähe Angelegenheit

Wer nach den bisherigen Bemerkungen noch eine Lese-Empfehlung braucht: Weglassen. Das ganze ist noch nicht einmal besonders gut aufgeschrieben. Ganz ohne literaturtheoretische Analyse bleibt auch sprachlich der Eindruck einer außerordentlich zähen Angelegentheit.

A.J. Cross, Kalter Schlaf, Blanvalet, 572S., 9,99€,VÖ: Juni 2013

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Regionalkrimi aus dem Sauerland: „Kalt geht der Wind“ von Welter&Gantenberg

In Deutschland gibt es viele große Städte und ein sehr dichtes Netz von Autobahnen, das alle wichtigen Punkte des Landes miteinander verbindet. Es gibt aber auch einige Flecken, die Großstadtfrei sind, und um die die Planer der Autobahnen einen großen Bogen gemacht haben. Solche Gegenden heißen dann Provinz. Eine Gegend, die beide Sinnbilder moderner Zivilisation besonders weiträumig meiden, ist das Sauerland. Hier, eigentlich Mitten im Nirgendwo beginnt eine der jüngsten Regional-Krimi-Reihen.

Ein Krimi aus dem Sauerland von Oliver Welter und Michael Gantenberg

Die Fernsehautoren Oliver Welter und Michael Gantenberg haben sich Inka Luhmann erdacht, die sich aus dem einigermaßen großstädtischen Dortmund hat nach Brilon versetzen lassen  und  mitsamt Gatten, zwei Kindern und Hund aufs Land gezogen ist. Eine Mischung aus beruflicher Aufstiegschance und Heile-Welt-Idee veranlasste die Familie zu diesem Schritt – insbesondere weil, wie sich schnell herausstellen wird, es auch in der abgeschiedenen Provinz mit der heilen Welt nicht so sehr weit her ist.

Das kauzige Sauerland als heimlicher Hauptdarsteller

Die Familie, die eine vermutlich richtungsweisende Rollenteilung übt (die Frau macht Karriere, der Mann den Haushalt), hat sich kaum eingerichtet, da wird am Ufer eines Sees eine Leiche aufgefunden.  Augen, Mund und Ohren der jungen Frau wurden kunstfertig vernäht. Kurze Zeit darauf findet sich eine weitere Leiche an. Auch sie wurde mit Nadel und Faden bearbeitet, die Polizei sucht also einen Serientäter. Dass der Sauerländer als eher verschlossen gilt und sich insbesondere zugereisten Kommissarinnen eher ungerne öffnet , macht die Mördersuche nicht eben einfacher.

„Kalt geht der Wind“ , Krimi mit ordentlichen Show-down

Seit ein paar Jahren boomt das Genre des Regionalkrimis, seinen Charme zieht das Subgenre aus den meist kauzig-verschrobenen „Ureinwohnern“.  Wenn man die auf dem deutschen Krimi-Markt beschriebenen Regionen zusammenzählt, ist mindestens eine Hälfte der Republik sehr merkwürdig, während die andere Hälfte versucht, damit zurecht zu kommen. (Vermutlich ist da sogar was dran.)  Immerhin funktioniert das auch im Sauerland, bei „Kalt geht der Wind“ von Welter und Gantenberg. Das Autorenduo hat einen insgesamt unterhaltsamen Kriminalroman geschrieben, der nach einem harmlosen Auftakt ordentlich Fahrt aufnimmt und mit einem veritablen Show-down endet.

Vermischt: Kriminal- und Familienroman

Die Krimi-Debütanten Welter und Gantenberg sind profilierte Fernsehautoren und Journalisten. Insbesondere, dass sie für Comedy-Formate schrieben, ist nicht zu überlesen. Die Schilderungen des Familienlebens von Kommissarin Inka Luhmann sind hübsch beobachtet, ungemein unterhaltsam und oft sehr komisch. Für Leser, die eher düstere Krimis mögen, eignet sich aber genau deshalb „Kalt geht der Wind“ vermutlich nicht so gut. Die Leichtigkeit des Familienromans bricht immer wieder das Krimigeschehen, der Fokus liegt eher auf der Protagonistin; die Seelenlage, die Motivation des Täters kommt vergleichsweise zu kurz. Die Sauerland-Variante des Regionalkrimis eignet sich dennoch perfekt für einen  unbeschwerten Sommerurlaub, bei dem auch die Lektüre die entspannte Hängemattenatmosphäre möglichst perfekt ergänzen soll.

 

Tatort:Sauerland

Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, dass mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas, abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie das sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.

Michael Gantenberg, Oliver Welter, Kalt geht der Wind, Fischer, 443S., 9,99€, VÖ: Juni 2013

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Die besten Krimis für dem Sommerurlaub 2013. Fünf Empfehlungen

Sam Eastland: Der Rote Sarg

Sam Eastland verlegt seine Kriminalromane in das Russland der Stalin-Zeit und kombiniert rund um seinen finnisch-stämmigen Sonderermittler Pekkala spannende Ermittlung und ein faszinierendes historisches Panorama. Ein Krimi mit höchstem Suchtfaktor
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Rose Gerdts: Morgengrauen

Dunkle Abgründe im beschaulichen Bremen. In „Morgengrauen“ führt Rose Gerdts ihre Ermittler bis nach Litauen und zu einem ungesühnten Kriegsverbrechen. Sehr emotional, sehr spannend und viel mehr als ein Regionalkrimi.
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Ian Rankin: Mädchengrab

John Rebus war schon beinahe weg vom Fenster, abgeschoben und kurz vorm Ruhestand. Jetzt hat Ian Rankin seinen verschrobenen Polizisten reaktiviert. Und das war eine seiner besseren Ideen. „Mädchengrab“ ist wieder schottische Krimiproduktion der Spitzenklasse.
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Ursula Poznanski: Blinde Vögel

Beatrice Kaspary ist bodenständig, sympathisch und eine energische und verdammt gute Polizisten, der man gern bei der Verbrecherjagd zusieht. Ursula Poznanski hat ihrer Salzburger Ermittlerin einen zweiten Fall spendiert, in dem es um so gegensätzliche Kulturtechniken wie Facebook und Lyrik geht. Beides hat die Österreicherin gekonnt verbunden.
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Jürgen Kehrer: Münsterland ist abgebrannt.

Jürgen Kehrer hat den durch das Fernsehen Deutschland-weit bekannten Wilsberg erfunden. Für „Münsterland ist abgebrannt“ bleibt er nur seiner Heimat treu: Das Personal ist neu. Kehrer schafft es eine unterhaltsame Leichtigkeit und spannende Fälle miteinander zu verbinden
Mehr zu Münsterland ist abgebrannt lesen? http://krimi-radar.de/2013/06/16/jurgen-kehrers-munsterland-ist-abgebrannt-leicht-und-gut-lesbar/
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Hjorth/Rosenfeldt: „Die Toten, die niemand vermisst“ Spannend, aber zwiespältig

Was ist das bloß für eine Liebe? Sebastian Bergman tut so ziemlich alles um das Leben seiner Tochter zu ruinieren, beruflich wie privat. Man wusste zuvor schon, dass der Psychologe kein besonders sympathischer Zeitgenosse ist, aber im dritten Band der Reihe der schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, „Die Toten, die niemand vermisst“, übertrifft sich der Berater der Reichsmordkommission selber an Perfidie und Wahn.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt driften zu oft ins Private ab

Die beiden Autoren Hjorth und Rosenfeldt bewegen sich seit rund zwei Jahren auf einem schmalen Grat. Sie kreisen um eine Hauptfigur, die streng genommen ein Widerling ist, und schaffen dabei überaus spannende Kriminalromane. Bei ihrem jüngsten, dem bislang Dritten, sind sie offen gestanden erstmals leicht ins Straucheln geraten: Zu oft driften sie ins Private ab. Den persönlichen Problemen der Ermittler um den Chef der gruppe Torkel Höglund nehmen immer mehr Raum ein. Was in den ersten beiden Bänden die große Faszination der neuen Serie ausmachte, legt sich jetzt störend auf die Handlung und aufs Tempo.

Einen Krimi geschrieben, an die Fernsehserie gedacht?

Man sieht „Die Toten, die niemand vermisst“, deutlich den Seriencharakter an, inklusive Cliffhanger für den nächsten Band, beziehungsweise die nächste Folge der Verfilmung. (Der erste Band kam schon 2010 mit Ralf Lassgard als Sebastian Bergman im schwedischen Fernsehen.) Beide Autoren sind Drehbuchautoren und hatten möglicherweise zu sehr den Deal mit dem Fernsehen im Kopf und weitere Fernsehaufträge. Die ersten beiden Bände, „Der Mann, der kein Mörder war“ und „Die Frauen, die er kannte“, haben auch deshalb so gut funktioniert, weil sie alleine für sich als Kriminalromane funktionierten. Dieses Prinzip haben Hjorth und Rosenfeldt bedauerlicherweise aufgegeben, obgleich sie wieder einen sehr spannenden, vielschichtigen Fall konstruiert haben, der mit vielen Verästelungen gemächlich anfängt und erst im zwei Drittel an Fahrt gewinnt. Bei aller Zwiespältigkeit zeigen Hjorth und Rosenfeldt erneut, dass sie sie raffiniert und fesselnd erzählen können. Insofern nähern sich beide auf dem schmalen Grat dem Abgrund, konnten sich aber gerade noch mal fangen, um die Metapher vom Beginn aufzugreifen.

Tote in der Provinz: Torkel Höglund und Sebastian Bergman ermitteln

Im Zentrum des neuen Kriminalromans steht ein Mord in der schwedischen Provinz. Auf dem Fjäll, einem populären Wandergebiet, stolpern Urlauber über sechs Leichen. Die örtliche Polizei ruft sofort das Team der Reichsmordkommission um Höglund und Bergman um Hilfe. Auch die Profis aus der schwedischen Hauptstadt kommen mit ihren Ermittlungen kaum voran, auch weil der oder die Mörder sich viel Mühe gegeben haben, die Identität der Leichen zu verschleiern. Erst langsam finden sich Spuren, die ein größeres Ausmaß des Falles, das bis in den schwedischen Geheimdienst hineinreicht, andeuten. Möglicherweise sind die Ermittler auch deshalb nicht ganz bei der Sache, weil sie sich mit zahlreichen privaten Problemen herumschlagen müssen. Insbesondere Sebastian Bergman macht sich mit zerstörerischer Energie daran, das Leben seiner Tochter, aber auch das seiner Kollegen zu ruinieren.

Der Leser als Teil einer Geschäftsidee?

Waren die ersten beiden Bände des schwedischen Autorenteams schlicht brillant, ist dieser dritte Band trotz vieler guter Ideen eher zwiespältig. Das liegt am Protagonisten, der zunehmend unsympathischer, aber schlimmer noch, unglaubwürdiger wird. Das haben die Autoren im Sinne einer gewissen Geschäftstüchtigkeit den Leser auf den nächsten Band neugierig zu machen, in dem sie viele Fragen erkennbar absichtlich offen ließen, billigend in Kauf genommen. Die Frage ist: Will man als Leser Teil einer Geschäftsidee werden?

Tatort:Fjäll

Schwedens Reichmordkommission sitzt in Stockholm. Dort spielt auch der größte Teil der Handlung von „Die Toten, die niemand vermisst“. Wie das bei zentralen Behörden so ist, dürfen auch die Beamten der Mordkommission gelegentlich in die Provinz reisen. Dieses Mal geht es ins Fjäll, das schwedische Bergland, genauer gesagt nach Jämtland. Auch wenn es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt in erster Linie um die Psychologie ihrer Figuren geht und sie immer wieder Kammerspielartige Szenen konstruieren, gelingt es ihnen, beinahe beiläufig, mit wenigen Worten die Weite und Abgeschiedenheit des schwedischen Berglands im Westen ihrer Heimat zu skizzieren. Das ländlich vertraute, meist unkomplizierte Miteinander ersteht dabei genauso zum Leben wie die atemberaubende Schönheit der Natur, auch wenn sie gelegentlich Blut getränkt beziehungsweise mit Skeletten durchzogen ist.
Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt, Die Toten, die niemand vermisst, Rowohlt Polaris, 620S., 14,99 VÖ: 25. Juni 2013

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