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Packende Ermittlungen im chinesischen Kaiserreich

Di Jen Dsiä ist ein Beamter wie er im Buche steht. Er trägt einen langen Bart, ist seinem Kaiser treu ergeben und folgt den konfuzianischen Prinzipien aufs Wort. Außerdem ist er gleichermaßen weise wie scharfsinnig.

All diese Eigenschaften bescheren dem frühen Multitalent des chineschem Kaiserreiches der Ming-Dynastie das Amt des Bezirksvorstehers. Als Richter Di sorgt er für wirtschaftlichen Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung und die Einhaltung der Gesetze. Der Niederländer Robert van Gulik griff in der Mitte des 20. Jahrhunderts die beinahe mythische Figur chinesischer Rechtsgeschichte auf und schuf seinen Richter Di. 15 durchweg perfekte Bände lang schickt van Gulik seinen Richter auf Verbrecherjagd.

„Geisterspuck in Peng-lai“

Am Beginn steht „Geisterspuk in Peng-lai“.  Der noch junge Richter Di tritt seinen ersten Posten jenseits der Hauptstadt an, muss sich mit Straßenräubern, entführten Bräuten und ermordeten Gerichtspersonal herumschlagen. Dabei beweist er, dass er mit einem scharfen Schwert ebenso gut umgehen kann wie mit einem geschliffenem Verstand. Der Richter ermittelt dabei immer mehrere Fälle gleichzeitig, weil das, so entschied van Gulik, am ehesten der Realität entsprach. Der „Geisterspuck“ ist nicht der erste Roman, den der Holländer verfasste, steht aber chronologisch in der Biographie des Richters an erster Stelle, eignet sich also am besten als Einstieg in die chinesische Welt.

Fesselnde Krimis mit wissenschaftlicher Genauigkeit

Die Richter Di-Serie zeichnet sich dadurch aus, dass van Gulik enorm dichte, fesselnde Kriminalromane geschaffen hat, die gleichzeitig in ihrer Beschreibung der kaiserlichen chinesischen Gesellschaft auch noch so präzise sind, dass sie als populärwissenschaftliche Literatur auch unter den Augen gestrenger Sinologen bestehen. Nicht nur der Aufbau des chinesischen Staatswesen (und die ihm innewohnenden Konflikte) ist gut beschrieben, auch Gesellschaft und Alltagsleben erstehen auf den Seiten der Richter-Di-Krimis auf – und das ohne, dass van Gulik irgendwelche westlichen Klischees gebrauchen würde.

Das liegt auch an der Biographie und der Person des Autors. Van Gulik, geboren 1910, wuchs unter anderem in Indonesien auf, lernte früh Chinesisch, Javanisch und Malaiisch. Auf dem Gymnasium in Den Haag lernte er Griechisch, Latein, Deutsch, Französisch und Englisch. Außerdem brachte er sich in seiner Freizeit Sanskrit und Russisch bei. Der Sprachtalent studierte indisches Recht und Sprachen. Am Ende seiner Ausbildung stand die Promotion in Literatur. Danach arbeitete er bis zu seinem Tode 1967 als Diplomat. Von 1934 publizierte er wissenschaftliche Werke, ab 1949 Literatur. Seine Richter-Di-Romane illustrierte das Multitalent selber.

 

Tatort:China

Richter Di kommt herum. Er ermittelt an der Grenze zu Nordkorea, in einem gottverlassenen Nest an der Grenze zur Mongolei, ebenso abgeschieden im Herzen des Reiches, in Kanton – und natürlich in der Hauptstadt. Robert van Gulik schafft es in jedem seiner Romane mit wenigen Worten die Atmosphäre des jeweiligen Landesteiles einzufangen. Im Kern seiner Beschreibungen steht jedoch immer wieder die chinesische Stadt, die als Sitz der Verwaltung das Herz der Bezirke darstellte. Diese pulsierenden Zentren chinesischer Kultur erfüllt van Gulik, wenn er seinen Richter bei dessen Ermittlungen begleitet, mit prallem, beinahe greifbarem Leben.

Robert van Gulik: „Geisterspuk in Peng-lai, Diogenes, VÖ: 1986
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Diagnose Mord

Ärzte, insbesondere junge Mediziner haben es oft nicht leicht. Das gilt vor allem dann, wenn ihnen die Patientin unter der Nase weg entführt wird. So passiert es der Notärztin Ella Bach in der Charité. Zusammen mit ihrem Rettungsassistenten hatte sie nach einem anonymen Anruf eine übel zugerichtete Frau aus einer Wohnung in Kreuzberg abgeholt und in die Rettungsstelle in Berlin-Mitte transportiert. Dort kommt ihr ihre schwer verletzte Patientin dann abhanden.
Es soll noch viel dicker kommen. Am nächsten Morgen findet sie ihren Freund, Ex-Lover und Kollegen Max tot in seiner Wohnung. Spätestens in diesem Moment geht der jungen Frau auf, dass etwas ganz entschieden nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Notärztin beginnt, zu Entführung und Mord Fragen zu stellen und gerät dadurch alsbald in einen reißenden Strudel der Ereignisse. Ella Bach tappt lange im Dunkeln. Von wirklicher Ermittlung – schließlich ist sie letztlich doch nur Medizinerin – kann bei ihrer hartnäckigen Suche nach den Hintergründen keine Rede sein. Schnell wird immerhin klar: Es geht um weit mehr als eine simple Beziehungstat.
Claus Cornelius Fischer hetzt in seinem neuesten Roman „Erlösung“ seine Hauptdarstellerin erst durch Berlin und später quer durch Frankreich. Die Geschichte um Ella Bach liest sich gut weg, der Spannungsbogen stimmt, wenn man über einen kleineren Schönheitsfehler hinwegsehen mag. Die Grundidee der ermittelnden Ärztin wirkt konstruiert, die Figur der Konventionen sprengenden Medizinerin nicht wirklich glaubhaft. Wer das ignorieren kann, wird mit „Erlösung“, das bereits im März auf den Markt kam, viel Spaß haben.

 

Tatort:Berlin

Man sieht den Autoren förmlich vor sich, wie er mit dem Stadtplan die Strecke abläuft. Die Wegbeschreibungen durch Berlins Mitte sind akribisch nachgezeichnet. Dennoch bleibt der Schauplatz das Berlin der Touristen – die Charité in Mitte, Wohnungen am Hackeschen Markt, in Kreuzberg und Schöneberg, das Diplomatenviertel. Das ist nicht sonderlich aufregend, wird der wilden, bunten Stadt Berlin nicht wirklich gerecht, hat aber einen hohen Wiedererkennungswert auch, vielleicht besser vor allem, für Menschen, die nicht in der Hauptstadt leben.
C.C. Fischer, Erlösung, Blessing, 19,95 €