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Welter&Gantenberg, Krimi-Serientäter aus dem Sauerland: „Lang sind die Schatten“

Auf ins Sauerland. Schon wieder. Mitten im deutschen Niemandsland passiert die zweite Mordserie innerhalb von einem Jahr. „Schuld daran“ ist das Autoren-Duo Oliver Welter und Michael Gantenberg: Jedenfalls haben die beiden einen neuen Krimi geschrieben.

Eine Leiche beim Stock-Car-Rennen im Sauerland

In „Lang sind die Schatten“ muss die Kommissarin Inka Luhmann den Mord an einem Provinzmafiosi mit südosteuropäischen Wurzeln aufklären. Irgendjemand hat seine Leiche ausgerechnet in dem Kofferraum eines Stock-Car-Racing-Autos deponiert. Kurz vor der Zieleinfahrt landet die Leiche jedenfalls auf der Strecke und die wackere Kommissarin muss sich erst durch den Staub und dann durch jede Menge Lokalschlamm kämpfen. Dabei wird ihr auch ihr Ehemann, der ehemalige Polizist, der sich fürs Hausmann-Dasein entschieden hat, verdächtig. Es bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung, dass noch ein weiterer Mord passiert. Die Polizistin Luhmann und ihr Team geraten also einmal mehr gewaltig unter Druck.

Welter&Gantenberg verbreiten wieder Wohlfühlatmosphäre im Krimi

Der Erstling „Kalt geht der Wind“ war eigentlich ganz gut gelungen. Welter/Gantenberg hatten, so hatte ich das vor einem Jahr empfunden, einen unterhaltsamen, leichten Regionalkrimi geschrieben. Das gleiche gilt im Prinzip auch für „Lang sind die Schatten“. Das Autorenduo schreibt handwerklich auf hohem Niveau, und die beiden vermitteln Genre zum Trotz eine ausgesprochene Wohlfühlatmosphäre. Sie schaffen also so etwas wie den Familienroman unter den Krimis.

Süße Kinder, ein tapsiger Hund und ein schusseliger Ehemann

Beispiele? Es gibt zwei süße Kinder, einen wuscheligen, leicht tapsigen Hund und einen mindestens genau so tapsigen Ehemann, der mit ständig blitzenden Augen, durchtrainiertem Körper und ebenfalls wuscheligem Fell durch die Gegend läuft, und der natürlich eher latent permanent überfordert, aber gerade deshalb auch so niedlich sympathisch ist (So stellt, diese Klammer sei erlaubt, geschlechterübergreifend in diesen Jahren interessanterweise das Männerbild im deutschen Krim dar: Der Mann ist wahlweise abgrundtief böse oder weitgehend doof.)

„Lang sind die Schatten“ ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi

Die Stärke der permanenten Sympathie ist natürlich gleichzeitig die Schwäche von „Lang sind die Schatten“. Die Regionalkrimis aus dem Sauerland sind nett – und das ist ja seit gefühlten zehn Jahren das vernichtendste Urteil der jungen Generation (wirklich nur für die älteren Leser „.. ist die kleine Schwester von Scheiße“) So schlimm ist es natürlich nicht, es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi. Schließlich ist das ganze handwerklich sehr gut gemacht. Immer wieder blitzt auch eine verschmitzte Intelligenz durch. Dennoch bleibt in der zweiten Folge durch den hohen Wiedererkennungswert nach dem Lesen das Gefühl zurück, einerseits eine gute Zeit verbracht, aber andererseits auch Zeit vertändelt zu haben. Für Freunde sprachlich innovativer, düsterer, politisch relevanter Krimi könnte „Lang sind die Schatten“ also ein Lese-Risiko darstellen. Alle, die gut gemachte, solide und spannende Unterhaltung suchen, finden Lesevergnügen.

Tatort: Sauerland

Eigentlich sage ich an dieser Stelle immer etwas über die Orte, an denen die Krimis, die ich vorstelle, spielen. Aber zwei Mal innerhalb eines Jahres über das Sauerland zu sagen, ist dann doch etwas viel verlangt. Deshalb hier ausnahmsweise mal die Kopie dessen, was ich im ersten Band geschrieben habe. Es bleibt gültig…

„Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, das mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie, dass sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas Tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.“

Oliver Welter/Michael Gantenberg, Lang sind die Schatten, Fischer, 396S., 9,99€, Juni 2014

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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Cocco&Magella: Die Toten der Villa Cappelletti. Mord am schönen Comer See

Es gibt seltene Fälle, da ist es erst einmal egal, wer einen Krimi geschrieben hat, oder was der Klappentext an Inhalt verspricht. Manchmal reicht der Schauplatz, um den Leser „anzufixen“. Das gilt unbedingt für „Die Toten der Villa Cappelletti“. Der Kriminalroman spiel am Comer See – und der ist wirklich etwas besonderes, natürlich nicht so sehr wegen des Sees – darin ist wie in den meisten Seen nur Wasser. Die Umgebung macht den Unterschied.

Einer der schönsten „Tatorte“ der Welt

Die Region in Norditalien hat wirklich ein ganz besonderes Flair. Das beginnt mit dem Licht, dass in der Bergwelt rund um den See besonders leicht erscheint, das setzt sich mit der Natur, die von den unterschiedlichsten Grüntönen dominiert wird fort und endet beim Menschen, der dort ganz besondere Dörfer; Städtchen und Villen gebaut hat. Wer beispielsweise durch die Altstadt des Örtchens Como oder rund um die legendäre Villa d’Este flaniert (anders kann man sich da nicht fortbewegen) ist, wird das Gefühl leicht angestaubter, verfallener und gerade deshalb besonders weltläufiger Pracht nie wieder vergessen. Como scheint trotz italien-typischen Verkehrschaos und alltäglicher Ruppigkeit wie von einem anderen Planeten.

Verblichene Pracht: Die Villa Erba am Comer See (c) kanter
Verblichene Pracht: Die Villa Erba am Comer See (c) kanter

Ein Toter in einer Berghütte

Hier, in dieser ganz besonderen Welt, ermittelt die Kommissarin Stefania Valenti. Die alleinerziehende Mutter wird in ein einsames Bergdorf gerufen: Dort wurde bei Bauarbeiten die Überreste eines Menschen gefunden – der Beginn eines komplizierten Puzzlespiels für die Polizisten, an dessen Ende sie ein Verbrechen aus dem Ende des 2. Weltkrieges aufklären wird.

Eine gute und viele ordentliche Ideen in „Die Toten der Villa Cappelletti“

„Die Toten der Villa Cappelletti“ unterhält gut. Das liegt in erster Linie daran, dass das Autorenpaar Giovanni Cocco und Amneris Magella die besondere Atmosphäre des Comer Sees gut einfangen und wiedergeben. Außerdem haben die beiden Italiener eine gute und viele ordentliche Ideen. Über den Umweg des Kriminalromans lassen die beiden ein Stück Geschichte Italiens auferstehen und thematisieren mit einer erzählerischen Leichtigkeit, die italienischen Autoren oft zu eigen ist, Fragen um Schuld und Unschuld, gut und böse in Kriegszeiten. Ganz nebenbei widmen sie sich dem allitalienischen Thema mafiöser Familienstrukturen.

Giovanni Cocco und Amneris Magella: Einfallslosigkeit bei der Figurenwahl

Wenn man etwas kritisieren will, könnte man eine gewisse Einfallslosigkeit bei der Figurenzeichnung nennen. Die alleinerziehende Mutter, die es drauf hat, alle Schwierigkeiten inkompetenten, gemeinen, oder gemeinen und inkompetenten Männern zum Trotz löst, ist – sagen wir mal – zumindest abgegriffen.. Dass Giovanni Cocco und Anneris Magella dennoch an allen möglichen Stellen romantische Elemente von glücklichen und unglücklichen Lieben reinstopfen, wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen. Aber über beides kann man getrost hinwegsehen, weil „Die Toten der Villa Cappelletti“ insgesamt ein sehr solider und sehr lesenswerter Kriminalroman ist.

 

Tatort: Comer See

Der Comer See ist die perfekte Urlaubsgegend. Alles nötige dazu ist eingangs bereits erwähnt. Wer zweifelt, kann ja bei George Clooney und Co nachfragen. Wer Geld hat, und den Ruhm italienische Verwaltungsvorgänge zu beschleunigen, „hält“ sich an den Ufern des Comer Sees eine Ferienvilla. Verstehen kann man das. Schon wegen der schönen Riva-Motorboote. Außerdem landen und starten auf dem See sogar Wasserflugzeuge…

Giovanni Cocco und Amneris Magella: Die Toten der Villa Cappelletti, Rowohlt, 319S., 14,99€, Juni 2014

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Thomas Thiemeyers Valhalla: nette Zutaten, lieblos zusammengerührt

Die Ideen sind nicht schlecht. Alle, die historische Krimis und die dazu passenden Themen mögen, werden einen Roman, in dessen Zentrum eine vergessene Germanen-Stadt und eine fiese Naziverschwörung stehen, nicht sofort weglegen. Zumal dann nicht, wenn im Zentrum eine Archäologin steht.

Eine mythische Ruinenstadt bleibt in „Valhalla“ bloße Kulisse

Die Zutaten, die Thomas Thiemeyer für seinen Krimi „Valhalla“ zusammengesucht hat sind also nicht schlecht. Leider, so muss man sagen, hat der Autor seine Themen bei seiner Arbeit eher lieblos zusammengerührt. Er führt eine versunkene Stadt ein, das mythische Hyperborea. Allerdings bleibt die Stadt, die Thiemeyer unter einem Gletscher auf Spitzbergen versteckt, bloße Kulisse, wirklich interessantes erfährt der Leser nicht über die Jahrtausende Stadt unter dem Eis. Genau so bleibt die Geschichte mit den Nazis, die während ihrer Herrschaft sich heimlich auf Spitzbergen festsetzten, um dort ihre gruselige Forschung vor den Augen der Welt zu verstecken.

Protagonisten mit stereotypen Eigenschaften

Leider bleiben offen gestanden auch die Protagonisten blass. Regelmäßige Thiemeyer-Leser werden die Archäologin Hannah Peters kennen. Die Forscherin reist im Auftrage eines reichen Medienunternehmers um die Welt, um alle möglichen Artefakte zu besorgen. Dazu umgibt sich Peters mit einem kleinen Team von Abenteurern, die jeweils eine bestimmte, benötigte Qualifikation aufweisen. Auch diese Idee ist eigentlich hübsch, bleibt aber wirkungslos, weil die Charakterisierungen eher Stereotyp erscheinen.

Auf der Suche nach einem geheimnisvollen Virus

Jedenfalls reist die Gruppe nach Spitzbergen, um herauszufinden, wie genau eine andere Forschergruppe in der Ruinenstadt ums Leben kam. Bei der Suche geraten sie ins Kreuzfeuer russischer Bösewichte, die versuchen, einen tödlichen Virus, den einst die Nazis im mutmaßlichen Hyperborea entwickelt hatten, sich unter den Nagel zu reißen.

Mehr Abenteuerroman als Krimi

Klingt nach Indiana Jones? Ist vermutlich auch Absicht. Ein wirklicher Krimi oder Thriller ist „Valhalla“ nämlich nicht. Man könnte ein gewisses Spannungsmoment hervorheben, wenn die ganze Geschichte so ärgerlich oberflächlich wäre. „Valhalla“ liest sich, als habe der Autor, der laut Klappentext unter anderem bereits als Kinderbuchautor erfolgreich ist, den Verkauf der Filmrechte an einen privaten Fernsehsender fest im Blick gehabt und alle Ecken und Kanten, die einem einfachen Seherlebnis im Weg stehen könnten, gleich selber abgeschliffen.

Thomas Thiemeyer, Valhalla, Knaur, 512S., 19,99€, Juni 2014,

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Klassiker Neu

Film Noir, ein Familienalbum für Krimi-Liebhaber und Cineasten

Sam Spade in "Der Malteser Falke". Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions
Humphrey Bogart als Sam Spade in „Der Malteser Falke“. Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Wer es schafft, einigermaßen unfallfrei älter zu werden, lässt auf dem Weg eine ganze Menge zurück, gute alte Freunde beispielsweise. Man verliert sich aus den Augen, hätte sich vermutlich nicht mehr viel zu sagen, weil man sich – in welche Richtung auch immer – entwickelt hat und bleibt doch Jahrzehnte lang von den Begegnungen aus der Jugendzeit geprägt.

Coole Vorbilder und schöne Frauen

Meistens sind diese guten, alten und enorm wichtigen Freunde reale Menschen. Bisweilen geht es auch, und ich empfinde das durchaus als Gewinn, um fiktive Charaktere. Philip Marlowe ist so eine Figur, brillant verkörpert durch Humphrey Bogart in „The Big Sleep“. Die literarische Vorlage von Raymond Chandler gehört bis heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur, das gleiche gilt für die Verfilmung von Howard Hawks, auch wenn die Filmtechnik der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittlerweile völlig antiquiert wirkt. Aber so cool, so hart und zynisch und so verletzlich wie Marlowe, ist heute kaum ein Filmfigur. Die vergeblichen Versuche, in einer dreckigen, verdorbenen Weg sauber und anständig zu bleiben, jedenfalls, hatten für jeden heranwachsenden Kinogänger und Krimi-Leser etwas Magisches und höchstes Sehnsuchtspotential: Einmal so cool sein wie Bogart, einmal einer Frau wie Lauren Bacall begegnen.

Bogart, Stewart, Welles, Stanwyck, Bacall und all die anderen

Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit diesen Helden einer längst vergangenen Jugend. Der Taschen-Verlag hat den Bildband „Film Noir“ herausgebracht. Der massive Band, der mindestens ein Kilo auf die Waage bringt, stellt für alle Anhänger des düsteren Kriminalfilms eine Art Familienalbum dar. Ich jedenfalls bin auf viele gute alte „Bekannte“ getroffen. „Rebecca“ gehört dazu, „Die Spur des Falken“ selbstverständlich (und ebenso selbstverständlich wieder mit Humphrey Bogart), „Frau ohne Gewissen“, „Der dritte Mann“, „Das Fenster zum Hof“, aber auch „Diva“, „Pulp Fiction“, L.A. Confidential“ oder „The Dark Knight“ als Vertreter jüngerer Hollywood-Produktionen.

Klassiker der gesamten Filmgeschichte

Die Auswahl der Filme zeigt schon, dass das Genre des Film Noir nicht leicht zu fassen ist. Ursprünglich meinte die Filmkritik jenes düstere Gesellschaftsbild, das im und nach dem 2. Weltkrieg in den USA in vielen Filmen als Gegengewicht zu den Durchhalteparolen der Propaganda-Filme gezeichnet wurde. Das Kompendium, das Paul Duncan und Jürgen Miller als „Film Noir“ herausgegeben haben, wirft ein sehr weites Lasso und fängt Klassiker der gesamten Filmgeschichte ein. Zum Film Noir zählt nach dem Willen der Herausgeber als ältester Vertreter „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von 1920 und als jüngstes Mitglied der Familie „Drive“ von 2011. Das Dilemma, sich mit strengen Filmwissenschaftlern und ihren Kategorisierungen auseinandersetzen zu müssen, lösen die Herausgeber elegant, in dem Sie ihrem Buch den Untertitel „100 All Time Favorites“ mitgegeben haben. Und über (persönliche) Favoriten kann man ja ohne Ende ergebnislos streiten.

Ein Buch mit hohem „weißt-du-noch-Effekt“

Selbstverständlich begründen Herausgeber ihre Auswahl in kurzen, klugen Einlassungen zu den verschiedenen Epochen: Das größte Vergnügen, das „Film Noir“ dem Leser beschert, ist aber jener Familienalbum-Effekt. Filmplakate, aber vor allem Fotos von Film-Szenen lösen auf fast allen Seiten diesen „weißt-du-noch-Effekt“ aus, weil man Szenen, die man möglicherweise vor 30 oder mehr Jahren das letzte Mal gesehen hat, wiedererkennt. Wem dieses Gefühl des Wiedererkennens fehlt, weil er zu jung oder in Sachen Film spät Berufener ist, dem liefern die Autoren alle wichtigen Informationen, zu Inhalt, Entstehungsgeschichte, Machern&Darstellern und sonstigen „bunten“ Fakten.
Wegen des hohen Wiedererkennungswerts ist „Film Noir“, dem Genre, das es behandelt, widersprechend, ein zutiefst sentimentales Werk. Und davon kann es, da die Welt viel zynischer geworden ist, als sich Filmemacher das einst erdacht haben, eigentlich nie genug geben.
Paul Duncan/Jürgen Müller: Film Noir, Taschen, 688 S., 39,99€

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Ermittler

Bernie Gunther, verbissener Cop und gefallener Held in einer dunklen Zeit

Am 29. August erscheint „Wolfshunger“, der neunte Band der Berlin-Noir-Serie des Briten Philip Kerr. Ein guter Anlass, den „Helden“ der Serie, den Berliner Kommissar Bernhard „Bernie“ Gunther vorzustellen, schließlich ist er einer der ganz großen seiner Zunft.

Schnaps, Bier und deftige Berliner Hausmannskost. Das sind die Grundnahrungsmittel von Bernie Gunther, dem Berliner Kommissar und Detektiv. Beinahe ist man geneigt, sich über diese Stereotypen, die der Schotte Philip Kerr über seinen Romanhelden ergießt zu empören. Dann aber scheint die kulinarische Einfalt aber doch treffend. Bernie Gunther ist eine Figur des frühen 20. Jahrhunderts, als Pizza und Döner und Thai-Curry noch nicht im Herzen Mittteleuropas angekommen waren.

Bernie Gunther, ein Besessener in Sachen Wahrheit

Natürlich vereinfacht Philip Kerr, natürlich blitzt zwischen den Zeilen gelegentlich sanfter Spott über die aus britischer Sicht eher grobschlächtigen Deutschen. Aber insgesamt hat der Schotte den deutschen Polizisten doch recht gut getroffen. Gunther ist pflichtbewusst, hartnäckig, diszipliniert, meist gehorsam und sehr stur. Letztere Eigenschaft steht allerdings gelegentlich seinem Gehorsam im Wege. Wie viele gute Ermittler aus der Kriminalliteratur ist Gunther ein Besessener, wenn es darum geht, die Wahrheit aufzudecken. Das ist eine noch wichtigere Triebfeder, als den Verbrecher zu überführen. Tatsächlich ist Gunther erst zufrieden, wenn er weiß, wer ein Verbrechen begangen hat. Wie viele Deutsche ist er aber auch ein Durchwurschtler, im Versuch zu überleben, arrangiert er sich mit den jeweiligen Machthabern, die über richtig oder falsch entscheiden.

Eine Krimi-Reihe als Spiegel deutscher Geschichte

Im Fall von Bernie Gunther ist diese Flexibilität, diese moralische Geschmeidigkeit im wahrsten Sinne lebensnotwendig. Gunther wird zur Zeit der Weimarer Republik Kriminalkommissar bei der Berliner Polizei. Als Privatdetektiv, Gestapo-Offizier und Polizist schlägt er sich durch die gesamte NS-Zeit. Insgesamt ist er als Polizist vor allem eher ein aufmerksamer Beobachter, hartnäckiger Verfolger als ein brillanter Kopf. Insbesondere zeichnet ihn das aus dramaturgischen Gründen notwendige Talent sich erstens immer in die falschen Frauen zu vergucken und mindestens genau so oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wobei viel zu oft, das erste (das mit den Frauen), letzteres (falsche Zeit, falscher Ort) nach sich zieht.

Literarischer Flirt mit den Köpfen der NS-Verbrechen

Die Biographie Gunthers, wenn man die Kriminalromane von Philip Kerr so nennen will, umfasst mittlerweile acht Bände, einen neunten gibt es auf Englisch und erscheint im Sommer 2014 auf Deutsch. Die ersten drei Bände spielen in den Vorkriegsjahren des „tausendjährigen Reiches“ und sind als „Berlin Noir“-Serie bekannt geworden. Einige Jahre später hat Kerr eine weitere Trilogie nachgelegt, die in der Nachkriegszeit angesiedelt ist. Mittlerweile beschreibt Kerr Gunthers Leben mitten im Krieg. Die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern scheinen soweit her, dass sich der Schotte immer hemmungsloser traut, reale Nazi-Größen auftreten zu lassen, im neunten Band muss sich Gunther unter anderen mit Feldmarschall Günther von Kluge, Admiral Canaris und Joseph Goebbels auseinandersetzen. Das Spiel mit den Nazi-Größen ist vermutlich auch wirtschaftliches Kalkül, weil es allenthalben eine große Faszination für die Monster deutscher Geschichte gibt. Kerr leistet sich da immer einer Gratwanderung, weil er diesen Verbrechern an der Menschlichkeit, auch wenn er die Verbrechen deutlich nennt, eine beinahe menschliche Kontur gibt.

Viele Stereotype und dennoch ein vielschichtiger Charakter

Dem mühselig-komplizierten Leben Gunthers zu folgen, hat auch nach acht Bänden kein bisschen an Reiz verloren, weil Kerr eine enorm vielschichtige, und zutiefst menschlich-sympathische Figur geschaffen hat. Natürlich folgt er dem Prinzip des „Einsamen Wolfes“, der in einer verdorbenen Welt (natürlich vergeblich) versucht, „das richtige Leben im Falschen“ zu führen.

Bernhard Gunther bleibt allen Untaten zum trotz sympathisch

Gunther funktioniert auch deshalb so gut, weil Kerr ihn nicht glorifiziert. Natürlich leistet sich der deutsche Polizist kleineren Ungehorsam gegen das System, versucht anständig zu bleiben, aber Kerr gesteht ihm das natürlich nicht dauerhaft zu. Immer wieder muss Gunther sich die Hände schmutzig machen, nicht nur im Widerstand gegen das System, sondern immer wieder auch in dessen Namen und für dessen Repräsentanten. Immerhin hasst sich Gunther nach seinen Kriegseinsätzen und spielt mit dem Gedanken an Selbstmord. Die Pflichterfüllung, da ist er vermutlich in den Augen seines literarischen Schöpfers wieder ganz Deutscher, hält ihn davon ab.
Wer sich für historische Krimis interessiert und Krimistoffe mit Seriencharakter mag, dürfte sich mit Bernie Gunther sehr wohl fühlen. Gerade weil er so oft fehl geht.
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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

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Tom Hillenbrands Drohnenland: Sensationell guter Krimi und düsterer Blick in die Zukunft

Wer viel liest, wird zwangsläufig über eine große Bandbreite von Büchern stolpern: gute, schlechte, Dutzendware. „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand gehört eindeutig in die Kategorie „sensationell gut“. Der Krimi ist das Buch, das mich in 2014 bislang eindeutig am meisten begeistert hat, es ist gleichermaßen faszinierend wie fesselnd.

Ein perfekter Krimi, mit einer kleinen Einschränkung

All diejenigen, die bereits jetzt überlegen, sich „Drohnenland selber zu kaufen, sollten sich einer wichtigen, kleineren Einschränkung gewahr sein. Ich mag Science-Fiction. Ich mag auch im Kriminalroman Weltuntergangsszenarien, Verschwörungstheorien und politische Spekulationen. Wer – und das soll es ja geben – mit diesen Themen grudnsätzlich Schwierigkeiten hat, könnte bei „Drohnenland“ verkehrt sein.

Ein düsteres Szenario in „Drohnenland“

Tom Hillenbrand beschreibt ein Leben in einer Europäischen Union, in der erstens die Niederlande als Folge der Klimakatastrophe abgesoffen sind, zweitens die Bürger durch allgegenwärtige Drohnen beinahe der totalen Überwachung unterliegen und drittens ein allgegenwärtiges Informationsnetzwerk, das erschreckend präzise Verhaltensweisen (und damit potentielle Verbrechen) vorherzusagen vermag, mindestens unterschwellig einen totalitären Polizeistaat entstehen ließ.

Mord an einem Abgeordneten als Auslöser für eine gnadenlose Jagd

Der Polizist Aart Westerhuizen wird von einem beinahe allwissenden Polizeicomputer zur Leiche eines Europa-Abgeordneten gerufen. Der Mann liegt erschossen auf einem regendurchweichten Acker vor den Toren von Brüssel. Trotz der lückenlos erscheinenden Überwachung fehlt vom Täter zunächst jede Spur. Selbst das Motiv für den Mord bleibt lange im Dunkeln. Da eine Abstimmung über eine neue EU-Verfassung bevorsteht, schlägt der Fall in den Brüsseler Machtzentralen hohe Wellen: Westerhuizen und seine Daten-Forensikerin Ava Bittmann geraten erst unter Druck und später in sehr reelle Gefahr, der sie eigentlich nur in eine digitalen Welt entkommen können. Die Gegner jedenfalls kommen, ohne zu viel zu verraten, von allen möglichen erwartbaren und überrachenden Seiten.

Tom Hillenbrand entwirft eine wohlig unheimliche Zukunftsvision

Deshalb mag ich „Drohnenland“ so sehr: Zunächst einmal ist Hillenbrand ein enorm spannender Kriminalroman mit überaus gelungenen Figuren, denen man gerne durch die Handlung folgt, gelungen. Dann greift Hillenbrand aktuelle technische Diskussionen, Trends und Erfindungen (Google Glasses) auf, verwurstet – wenn man das so respektlos sagen darf – sie gekonnt und setzt sie zu einer glaubwürdigen und (für eine Fiktion) wohlig unheimliche Zukunftsvision zusammen. Das gleiche macht er mit bereits bekannten politischen Strömungen, die er sich für seine Krimi-Zukunft zurechtspinnt. Und zu guter Letzt steckt „Drohnenland“ voller hübscher kleiner Einfälle und Seitenhiebe. Das Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers beispielsweise lässt er halb in der Elbe versinken, der Redaktionsraum von Spiegel Online dient nur noch einer Bande von Hausbesetzern als Zuflucht.

Tom Hillenbrand hat eine eigene Welt erschaffen

Insgesamt ist Tom Hillenbrand also ein sehr großer Spaß gelungen, auch weil er es schafft, auf überschaubaren Raum mit wenigen Worten das ganz große Bild zu zeichnen. Themen, die andere auf tausend und mehr Seiten ausbreiten, skizziert er sehr überzeugend mit einigen wenigen Nebensätzen. Er hat in Drohnenland eine eigene Welt erschaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Tatort: Brüssel

Holland ist weg, ein Teil der Nordsee. Die USA kommen nur noch mit einem Nebensatz vor, dass „sie keine Rolle mehr spielen“, Machtzentren liegen in Korea, in Moskau und London. Die Europäische Union hat sich vom Süden Italiens getrennt, aber einen Teil der Sahara annektiert. Das sind in etwa dies Rahmenbedingungen, die das Leben in Brüssel bestimmen.

Die Machtzentrale ist Brüssel, das sich vom Technokratennest in eine Megapolis verwandelt hat: Es gibt großzügige Boulevards, Paläste und verdreckte Slums. Über scheint der Atem des Verfalls zu wehen. So ganz genau weiß man nicht, ob der europäische Gedanke, der neue Superstaat, der sich in seiner Hauptstadt manifestiert noch eine Zukunft hat. Natürlich lässt sich der Zukunftsthriller „Drohnenland“ von Tom Hillebrand nicht als Stadtführer für die belgische beziehungsweise europäische Hauptstadt verwenden. Der Tatort Brüssel aus der Zukunft hat (natürlich) nur noch wenig mit der Stadt von heute zu tun. Trotzdem zeichnet Hillebrand so ganz nebenbei auch noch ein glaubwürdiges Bild des künftigen Brüssels. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob mir das nicht doch Sorgen bereiten soll.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., 9,99€, VÖ: 15. Mai 2014

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Viveca Stens Beim ersten Schärenlicht: Ein Mord mitten im Bilderbuchschweden

Wenn man einen durchschnittlichen Deutschen fragt, was ihm jenseits von Möbeln zu Schweden einfällt, kommen vermutlich „Mittsommernacht“, „Schären“ und „Kriminalromane“ als Antworten heraus. Variationen gibt es höchstens bei der Reihenfolge. Insofern ist es nicht mehr als konsequent, dass die Schwedin Vivica Sten in ihrem neusten Roman alle drei Elemente vereint.

 Ein Toter im Schären-Idyll

„Beim ersten Schärenlicht“ spielt auf Sandhamm, einer Insel vor Stockholm während der Mitsommertage, die von Schweden begeistert und ausführlich gefeiert werden. Nach einer dieser alkoholintensiven Nächte wird am Strand ein Toter gefunden, ein Jugendlicher, von dem sich niemand so recht vorstellen kann, weshalb ausgerechnet er ermordet wurde.

 Mord im Alkoholrausch?

Thomas Andreasson und seine Kollegen ermitteln, und sie stoßen schnell auf diverse Familiendramen. Auch die Tochter einer Freundin Andreassons ist seit der Mordnacht spurlos verschwunden. Der Kommissar findet zunächst kaum Spuren, trifft dafür aber auf ein weitreichendes gesellschaftliches Problem: Die einst so idyllische Mitsommernacht ist zu einem gewaltigen Alkoholrausch verkommen, bei dem auch Kinder, die gerade erst das Teenager-Alter erreicht haben, mit allen Mitteln versuchen, sich in einen koma-artigen Zustand versetzen. Auf Sandhamm soll das tragisch enden.

 Spannend, relevant, aber zwiespältig

„Beim ersten Schärenlicht“ ist der fünfte Fall für Thomas Andreasson – und er entzieht sich einer klaren Bewertung. Vivica Sten versteht ihr Handwerk. Ihr neuester Krimi ist gradlinig und spannend erzählt, sie hat ein Thema mitverarbeitet, dass relevant und für viele Menschen als Gefahr verständlich ist. Wenn man es positiv bewerten will, beschreibt sie eine heile Welt mit verborgenen – und deshalb interessanten – Bruchlinien.

Allein für den Markt geschrieben?

Und dennoch bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Die Figurenzeichnung ist stark vereinfachend und der Schauplatz einfach zu idyllisch: Beim Lesen baut sich automatisch diese mitunter penetrante ZDF-Sommerkrimi-Stimmung auf, die sich aus glattgeleckte Kulissen mit leuchtenden Farben, schönen Menschen und gestelzt emotionalisierten Dialogen problembewusster Protagonisten zusammensetzt. Wahrlich keine schöne Vorstellung. Vielleicht ist es aber genau das, was das Unbehagen auslöst: Der Leser wird – obgleich er gut unterhalten wird – das Gefühl nicht los, dass Autorin nur in zweiter Linie eine Geschichte erzählen wollte, während sie in erster Linie versucht, einen Markt zu bedienen. Ob das Gefühl stimmt, lässt sich Mitte Mai überprüfen, wenn die erste Schärenkrimi-Verfilmung ausgestrahlt wird, tatsächlich beim ZDF.

 

Tatort: Sandhamm

Kleine verwitterte Holzhäuser, verschlafene Yachthäfen, nette Strandpromenaden und Natur so weit das Auge reicht. So stellt sich der deutsche die Schäreninseln vor Schweden vor – und dieses Bild zeichnet auch Viveca Sten in „Beim ersten Schärenlicht“. Es gibt noch einsame Wälder und kleine Fähren, die die Schäreninseln mit der Außenwelt verbinden. Diese Bild einer Welt, in der die Uhren anders, also gerne mal langsamer ticken, zeichnet die Schwedin Sten stilgetreu. Wer schwedische Provinz wie er es von Postkarten kennt, will, bekommt sie auch.

Viceca Stehen, Beim ersten Schärenlicht, Kiepenheuer&Witsch, 399S., 14.99€

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