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Anja Reichs „Der Fall Scholl“: spannender aber einseitiger Blick auf eine tragische Ehe

Wer Anja Reichs „Der Fall Scholl“ gelesen hat, wird sich noch weiter als bisher fern von kleinen Männer halten, niemals in Ludwigsfelde wohnen, künftig einen großen Bogen um alle Standesämter machen und nur noch sehr ungern regiert werden wollen. Das sind die ersten halbernsten Gedanken, die einem unmittelbar nach dem Lesen kommen und für ein unterhaltsames, sehr fesselnd aufgeschriebenes Buch stehen: Es lohnen sich allerdings ein zweiter, genauerer Blick.

Portrait einer schillernden Figur

Anja Reich erzählt in „Der Fall Scholl“ die Geschichte von Heiner Scholl, der 2013 nach einem langwierigen Prozess wegen Mordes an seiner Frau Brigitte verurteilt worden war. Scholl ist, wenn man Anja Reich glauben darf, eine mehr als schillernde Figur. Die Journalistin und Autorin schreibt von einer unglücklichen Kindheit eines nur 1,60 Meter großen Mannes, von einer eher Biographie voller Brüche in der DDR, von einem von beinahe übermenschlichem Ehrgeiz getriebenen Politiker und von einer Ehe, die nach durchschnittlichen Maßstäben die Hölle gewesen sein muss. „Der Fall Scholl“ erzählt aber auch von Einsamkeit, von vergeblicher Suche nach Nähe und Anerkennung.

Ein Sachbuch, spannend wie ein Kriminalroman

Das Sachbuch um den Mord in Ludwigsfelde ist absolut spannend komponiert. Reich treibt die Geschichte wie einen Kriminalroman voran. Allerdings bleibt am Ende ein zwiespältiges Gefühl zurück – und das hängt mit eben dieser handwerklich hervorragenden Aufbereitung und der Nähe, die sie sich zum Objekt ihres Buches erlaubt, zusammen.

Auf den zweiten Blick ist „Der Fall Scholl“ eher bedenklich

Reich hält sich, das liegt in der Natur der Sache, an das Leben des überlebenden Ehemannes. Sie hat Aussagen seiner Freunde gesammelt, seine eigenen schriftlichen Auslassungen verwendet und mit mehrfach mit Scholl gesprochen. Auch deshalb entsteht das Bild des gequälten, gedemütigten Mannes, dem am Ende seines Lebens die Entscheidung, sich seiner Frau zu entledigen, eigentlich nachzusehen ist. In einer sehr amerikanischen Interpretation des Rechtsempfindes legt sie, ohne das explizit zu sagen, den Schatten eines Zweifels über den Fall zu legen, wie man das beispielsweise aus „Die zwölf Geschworenen“ kennt, so dass der Leser geneigt ist, sich auf einer semi-bewussten Ebene zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden: Dass nämlich der allen Verfehlungen zum trotz sympathische Scholl entweder unschuldig sein oder so etwas wie „justifiable homicide“, also einen gerechtfertigten Mord, begangen haben könnte. Beide Empfindungen sind in unserem Rechtsraum jedoch nicht angemessen: Heiner Scholl ist rechtskräftig wegen Mordes verurteilt – und das Konzept des gerechtfertigten Mordes in einem konstruierten Akt von Selbstverteidigung kommt zumindest für mich als Handlungsalternative nicht infrage. Auf den zweiten Blick ist Reichs Buch hier also eher bedenklich.

Es fehlt die Perspektive des Opfers

Natürlich beschreibt Reich auch die merkwürdigeren Facetten des Charakters von Heiner Scholl, seine Geliebten und seine unbeholfenen Versuche, die eigene sexuelle Leistungsfähigkeit in Buchform zu verarbeiten. Scholl und seine Freunde bekommen aber gleichzeitig viel Raum, das Bild einer wahrhaft unerträglichen Frau zu zeichnen, die ihren Mann beinahe fünfzig Jahre gedemütigt und unterdrückt haben muss. Diese Position übernimmt Reich. Dem „Fall Scholl“ zufolge wurde der Provinzpolitiker nicht nur im eigenen Haus vorgeführt und mit dienstbotenartigen Aufgaben schikaniert, sondern sogar in seinem Büro im Ludwigsfelder Rathaus noch von seiner Frau drangsaliert.

Anregung zu Reflexion

Letztlich liest sich „Der Fall Scholl“ wie ein kunstvoll vorgetragenes Plädoyer. Das ist natürlich in Ordnung (und ungemein unterhaltsam). Allein, es fehlt – um sprachlich im Bild zu bleiben – das Plädoyer der Gegenseite, um sich ein einigermaßen unabhängiges Urteil bilden zu können: Die emotionalen Auswirkungen der diversen Eskapaden Scholls auf seine Ehefrau, ihre Sicht auf das gemeinsame Eheleben thematisiert Anja Reich nicht. Das Opfer konnte ja nicht gehört werden. Das ist die Schwäche von „Der Fall Scholl“ – und zugleich seine Stärke, weil es den Leser dazu bringt, sich mit dem Verhältnis von Fakt und Fiktion, Perspektivwechseln und dem eigenen Rechtsempfinden auseinanderzusetzen.

 

 

Tatort:Ludwigsfelde

Von Berlin Mitte bis nach Ludwigsfelde sind es nur etwa 34 Kilometer, und doch scheint die Gemeinde im Süden der Hauptstadt auf einem anderen Planeten zu liegen. Hier der Taliban-Bart tragende Zeitgeistritter mit I-Phone und Club-Mate, dort Dorfjugendliche mit Kippe im Mundwinkel und tiefergelegtem Golf. Nicht, dass das eine oder andere besser wäre. Es ist einfach nur anders. Vermutlich fühlt sich der Mitte-Bewohner in Ludwigsfelde deshalb viel fremder, weil er viel seltener dorthin kommt als sein Nachbar in Hauptstadt. Das ganze Ensemble aus Einfamilienhäusern mit nachbarschaftlicher Überwachung, ländlicher Einsamkeit, pseudomodernen Shoppingmalls und großmannsüchtigen Prestigeprojekten beschreibt jedenfalls Anja Reich in ihrem „Der Fall Scholl“ gekonnt. Sie zeichnet mit wenigen Sätzen die perfekte Kulisse für das menschliche Drama.

Anja Reich, Der Fall Scholl, Ullstein-extra, 205S., 14,99€, VÖ: 12. April 2014

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Till Raethers Treibland, zwiespältig und doch empfehlenswert

Till Raether hat Urlaub gemacht. Genauer gesagt hatte er sich zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit seinem Vater überreden lassen. Offenbar geriet der Trip zur Grenzerfahrung, sodass er das Bedürfnis hatte, aus seinen Erfahrungen einen Kriminalroman zu entwickeln. Das Ergebnis ist zwiespältig – und das liegt an den Erlebnissen, die der Mann an Bord hatte. „Trotz Animation und gelegentlich vorbeiziehenden Landschaften schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, schreibt Raether im Nachwort zu „Treibland“. Es herrsche eine besondere Atmosphäre von Verunsicherung und Apathie. An Bord sei man fremdbestimmt und „manchmal nimmt einem das dem Atem“.

Mord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Grundsätzlich kann man Raether dankbar sein, dass er sich den merkwürdigen Erfahrungen aussetzte. Das bracht ihn immerhin auf die Idee zu „Treibland“. An Bord eines Kreuzfahrtschiffes stirbt unter mysteriösen Umständen ein Urlauber. Schnell wird klar, dass dieser Opfer eines besonders bösartigen Virus der Ebola-Klasse wurde. Das Schiff wird in Hamburg unter Quarantäne gestellt. Theoretisch darf niemand an oder von Bord. Auch nicht, als offensichtlich wird, dass der Mann Opfer eines Mordanschlages wird.

Ein Kommissar, der am Leben leidet

Till Raether hat hier eine wirklich interessante Kulisse für einen Kriminalroman gebastelt, in die er zudem doch sehr interessante Figuren aufstellt. Hauptkommissar Danowski beispielsweise ist ein besonders schwerer Fall, an sich und dem Leben leidend fristet der Exil-Berliner ein eher tristes Dasein in einer besonders unbedeutenden Abteilung der Polizei: Eigentlich soll er nur Akten von Todesfällen, bei denen die Polizei nicht mehr an ein Tötungsdelikt glaubt, abarbeiten. So landet auch die Akte des Unternehmers Carsten Lörsch auf seinem Schreibtisch. Mit einem Eifer, der ihn selber überrascht, geht er der Sache nach  – und löst am Ende nicht nur einen Mord, sondern ein weitreichendes Verbrechen.

Tell Raether lockt in „Treibland“ mit lakonischem Humor

Diesen Teil von „Treibland“ kann man wirklich gelungen nennen. Raether schreibt klar und unterhaltsam, seine Figurenzeichnung und die Dialoge stechen durch seinem lakonischen Humor über den Krimi-Durchschnitt hinaus. Viele hübsche Ideen auf Nebengleisen sorgen zudem  für Spannung und fesselnde Abwechslung.

Passagen, die man nur mit Schnellblättern übersteht

Leider bricht das hohe Niveau in der zweiten Hälfte für einen längeren Moment weg. Und das liegt ausgerechnet an der Idee, die Till Raether zu „Treibland“ brachte. Ungefähr nach der Hälfte der Seiten wird Hauptkommissar Danowski nämlich selber Gefangener auf der „Großen Freiheit“ wie das Kreuzfahrtschiff sinnigerweise heißt. Raether erliegt der Versuchung, diese fremdbestimmte Mischung aus Lethargie und Aggression, die er während seiner eigenen Kreuzfahrt machte, im Detail wiederzugeben. Und das ist leider langweilig. Ich konnte mich über viele Passagen nur mit Schnellblättern und Diagonallesen hinwegretten. Es gibt Dinge, die muss man wohl selber erlebt haben, um sie wirklich verstehen zu können – und Kreuzfahrten stehen bei mir noch lange nicht auf der Liste. Zwar nimmt „Treibland“ pünktlich zu einem spannenden Finale wieder Fahrt auf, aber der Schaden ist angerichtet.

Die perfekte Mischung aus Liebe und Herablassung

Ich persönlich würde, wenn ich gefragt würde, „Treibland“ dennoch als Krimi empfehlen, einfach weil ich die Sprache von Till Raether mag. Er umhüllt seine Figuren mit der perfekten Mischung aus Liebe und Herablassung, die auch scheinbar nebensächliche Dialoge zu eleganten Florettgefechten werden lässt.

 

Tatort: Hamburg

Der Leser wird Hamburg wiedererkennen, wenn er Treibland liest, auch wenn die Handlung im Prinzip in erster Linie auf dem Kreuzfahrtschiff und den Anlegern davor spielt. Die architektonischen Absonderlichkeiten, die sich in der Hafen-City breitmachen, handelt Raether nur in Nebensätzen, aber sehr treffend ab. Insofern ist, und dafür ist man ja immer dankbar, „Treibland“ kein Hamburg-Krimi, sondern ein Krimi, der zufällig in Hamburg spielt und der Hansestadt gerade soviel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie sie als Krimi-Tatort verdient.

Till Raether, Treibland, Rowohlt-Polaris, 495S., 14,99€, VÖ: März 2014

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„Die Frau, die nie fror“ von Elisabeth Elo nutzt den Nordatlantik als Tatort

Es gibt Unwahrscheinliches und es gibt Unwahrscheinlichkeiten. Dass eine junge Frau es überlebt, vier Stunden im sechs Grad Celsius kaltem Atlantik zu treiben, gilt als medizinisch eigentlich unmöglich und ist gerade deshalb eine großartige Idee für einen Krimi. Um nachvollziehen zu können, wie diese junge Frau überhaupt in die missliche Lage im Atlantik geriet, bedarf es einer eher toleranteren Phantasie: Pirio Kasparow, Tochter eines russischen Immigranten, ist Mitinhaberin eines Parfum-Herstellers und aus einer Laune heraus einmal bei einem Freund auf dessen Fischtrawler mit auf die Hohe See gefahren. Gleich am ersten Tag werden sie dabei von einem Schiff gerammt, das ohne Hilfe zu leisten im Nebel verschwindet.

„Die Frau, die nie fror“, ein außergewöhnlicher Kriminalroman

Das klingt doch höchst unglaubwürdig, ist aber Ausgangspunkt für einen außergewöhnlichen Krimi. „Die Frau, die nie fror“ ist das Debüt der  US-Amerikanerin Elisabeth Elo. Seine Faszination entwickelt der Kriminalroman in erster Linie durch die Hauptdarstellerin, um die sich die Handlung immer wilder entwickelt, die sich als wahrhaft interessanter Charakter präsentiert. Überhaupt ist die Figurenzeichnung eine Stärke der Autorin, die dabei allerdings immer wieder auf Wahrscheinlichkeiten pfeift, wenn ihr eine Konstruktion interessant erscheint. Wer das als Leser hinnehmen mag, der wird mit der „Frau, die nie fror“ viel Spaß haben.

Eine hartnäckige Laienermittlerin

Elizabeth Elo hat ihre Protagonisten nämlich nicht nur mit einer außergewöhnlichen Kälte-Unempfindlichkeit, die nebenbei Öffentlichkeit und Militär gleichermaßen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – interessiert, ausgestattet, sondern ihr auch noch eine unnachgiebige Hartnäckigkeit auf den Leib geschrieben: Diese Eigenschaft, die schon seit Jahrzehnten interessante Kommissare und Privatdetektive auszeichnet, schmückt auch eine Laienermittlerin.

Verbrechen und Familiengeheimnisse

Jedenfalls will sich Pirio Kasparow nach dem unfreiwilligen Bad im Atlantik, das ihr Freund nicht überlebte, nicht mit der schnell gefundenen Erklärung, nach der die beiden Opfer eines Unfalls wurden, abfinden und beginnt Fragen zu stellen. Dabei stößt sie schnell auf eine merkwürdige Mauer des Schweigens: Die jedoch spornt Kasparow eher an.  Ganz nebenbei klärt die junge Frau noch das Geheimnis eines verloren gegangenen Parfums, ein Stück Familiengeschichte und einen Umweltskandal auf.

Elisabeth Elo lässt ihre Leser an vielen hübschen Ideen Teil haben

„Die Frau, die nie fror“ ist ein überaus unterhaltsames Stück Kriminalliteratur, weil die Autorin viele schöne und ungewöhnliche Ideen hat, an denen sie ihre Leser teilhaben lässt. Die gelegentlich zu präzise geratenen Schilderungen der Outfits der Beteiligten deutet allerdings darauf hin, dass sich „Die Frau , die nie fror“ möglicherweise eher an eine weibliche Leserschaft richtet. Aber mit zwei oder drei entschlossenen Diagonal-Blicksprüngen über die entsprechenden Passagen wird auch der männliche; modischen Fragen gegenüber eher gleichgültige Leser sein Vergnügen bewahren.

 

Tatort:Neu-England

Elisabeth Elo schickt ihre Protagonistin auf Reisen. Einen konkreten Tatort gibt es, jenseits der Weiten des Nordatlantiks also nicht. Pirio Kasparow lebt in Boston, aber eigentlich fängt die Autorin eher die Atmosphäre der vielen Hafenstädte der Neu-England-Staaten ein. Die Grundstimmung ist eher provinziell-bodenständig als glamourös-metropol. Das passt aber perfekt zum Thema und löst beim Lesen ganz gegensätzliche Stimmungen aus. Der Kriminalroman hat etwas – im positiven Sinne – heimeliges und fremdartig-exotisches zugleich. Und das ist ja auch schon wieder beinahe große Kunst.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., 19,99€, VÖ: März 2014

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David Baldaccis The Hit, der Tomatensaft unter den Thrillern

Es gibt Berufsbilder, die bestehen vermutlich ausschließlich in den USA. Will Robie ist Berufskiller. So wie andere ins Büro gehen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen, bereist Robie im Auftrag der CIA die Welt, um gefährliche Politiker, die die Weltordnung stören könnten, auszuschalten. Das Leben als Killer einer Weltmacht könnte so schön sein, wenn da nicht plötzlich eine Kollegin offenbar Amok läuft und anfängt, die eigenen Leute umzubringen. Will Robie wird beauftragt, Jessica Reel, die  so die einzige Erklärung, zum Feind übergelaufen ist, auszuschalten.

Ein Thriller für Gehirne im Leerlauf

Man muss wirklich das Gehirn, das Ethikzentrum und das logische Denken ausschalten können, um dem Thriller „The Hit“ von David Baldacci nicht nach wenigen Seiten empört zur Seite zu werfen. Es gibt ja aber immer Extremsituationen, wo das nicht so einfach ist. An Bord eines Flugzeuges in 10.000 Meter höhe zum Beispiel. Da ist es dann vergleichsweise einfach, das Gehirn auszuschalten. Das läuft ja in diesen stählernen, von roboterartigen Bordbegleiter-Wesen dominierten Röhren ohnehin klugerweise die meiste Zeit im Leerlauf.

David Baldacci, der Tomatensaft unter den Thriller-Autoren

Weil das so ist, gibt es das Phänomen der Flughafen-Autoren, die ihre Honorare damit verdienen, reißerische Stoffe für Fluggäste zusammen zu fabulieren. Und was soll man sagen. David Baldacci kann das richtig gut. Wenn man sich auf das Szenario einlässt, ist „The Hit“sogar richtig spannend. Hohes Tempo, schnörkelloser Erzählstil und eine sehr dichte, hinreichend komplexe Story lassen die Zeit tatsächlich im Flug vergehen. Insofern ist David Baldacci vermutlich der Tomatensaft unter den Krimis, unwiderstehlich gut ab Reiseflughöhe.  Das gute an dieser Form der Flughafenlektüre ist, dass sie global beinahe einheitlich erhältlich ist, ob man nun in Miami oder Lissabon Umsteigezeit hat, man wird garantiert fündig.

Eine Verschwörung für Verschwörungstheorienanhänger

Und dann noch der Nachsatz für diejenigen, die Probleme mit der Regulierung der Gehirntätigkeit haben: Will Robie deckt eine Verschwörung innerhalb der US-Regierung auf, die nichts weniger zum Ziel hat, als einen ganz Haufen Staatsmänner abzumurksen, und so die gesamte Welt zum Nutzen einiger Reaktionäre ins Chaos zu stürzen.  Wer ein solches Szenario für realistisch hält, glaubt vermutlich auch, dass ein US-Geheimdienst die Telefone befreundeter europäischer Regierungen abhört. Naja, vielleicht sollte man doch häufiger im Flugzeug lesen, um zu erfahren, was unsere Freiheit bedroht…

David Baldacci, The Hit, Macmillan, 390 S., VÖ: 2013
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Arno Strobels Das Rachespiel: Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker

Ein Relikt aus dem Kalten Krieg spielt die Hauptrolle. Bei Arno Strobels „Das Rachespiel“ steht das unterirdische Monstrum aus Beton jedenfalls eindeutig im Mittelpunkt, und er verhält sich angemessen gruselig. In ihm ist es dunkel, es ist kalt, er hat allerlei verwirrende Gänge, Treppen und Räume – und er ist hermetisch verriegelt. Das wird vor allem für vier Menschen, die als Kinder eine Bande, eine Gang, wie man heute wohl so sagt, bildeten und seit her keinen Kontakt hatten, zum Problem.

Perfide Schnitzeljagd im Atombunker

Ein Unbekannter lockt die vier mit einer relativ unverhohlenen Drohung, ihre Familien umzubringen, in den besagten Bunker und sperrt die sie in der unterirdischen Anlage ein. Zwei haben die Chancen, so verkündet der Täter per Lautsprecherdurchsage und Video, in einer perfiden Schnitzeljagd, sich und ihre Angehörigen zu retten.

Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers

Es ist relativ früh klar, dass das nicht gut ausgehen kann – und wird. Natürlich gehen sich die vier schnell an die Gurgel, metaphorisch und direkt. Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers aus der Sicht von Frank Geissler, einem erfolgreichen Software-Entwickler aus der Provinz. Geissler, verheirateter Vater einer halbwüchsigen Tochter war als Jugendlicher Anführer der Kinder, die sich als Bande zusammen schlossen. Gemeinsam haben sie, das quält alle gleichermaßen seit ihrer Jugendzeit möglicherweise einen geistig zurückgebliebenen Jungen auf dem Gewissen. So ganz genau wissen sie das nicht, weil nach einem Streich, zu dem sie den Jungen anstifteten, die Leiche nie gefunden wurde. Insofern müssen sie fürchten, dass ihr Opfer jetzt als Rächer über sie gekommen ist.

„Das Rachespiel“ stellt Herausforderungen an die Glaubwürdigkeits-Toleranz

„Das Rachespiel“ ist vermutlich die perfekte Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker. Arno Strobel erzählt seine Geschichte routiniert und mit allen handwerklichen Mitteln, die zu einem düsteren Thriller dazugehören. Dennoch wirkt das Ergebnis eher zwiespältig. Der Leser muss jede Menge Fragen zur Plausibilität beiseite schieben, um sich auf das Szenario einlassen zu können. Ein guter Krimi ist halt trotz der unwahrscheinlichsten Grausamkeiten, die die Menschen in der Kriminalliteratur begehen, immer glaubwürdig. Und da hapert es bei Arno Strobel. Es geht in „Das Rachespiel in etwa so voran wie in einem dieser Hollywood-Horrorfilme, bei denen eine dusselige Hauptdarstellerin wider jedes bessere Wissen doch die falsche Tür aufmacht, um das Monster freizulassen. Darauf kann man sich einlassen, darauf muss man sich aber auch einlassen wollen, um den „Thrill“ genießen zu können.

Als Gegenpol für gut gelaunte Urlauber gut geeignet

Überdies ist das Szenario den Rahmenbedingungen geschuldet nicht so komplex, dass der Leser über einen längeren Zeitraum wirklich im Unklaren über den Ausgang des Geschehens beziehungsweise den Täter gelassen wird. Das kann natürlich auch Absicht des Autors sein, das Vergnügen am Spannungsbogen leidet. Insgesamt ist „Das Rachespiel“ von Arno Strobel vielleicht ein guter Krimi für die Urlaubszeit, ein literarischer Gegenpol zu durch Sonne, Strand und Freizeit ausgelösten Glücksgefühlen.

Tatort:Eifel

„Das Rachespiel“ ist ein Kammerspiel mit anderen Mitteln. Man erfährt, dass der Atombunker, in dem sich die Protagonisten eine Nacht über belauern, in der Eifel steht. Wo der Bunker genau steht, bleibt offen, ist natürlich aber auch nicht wichtig. Alles Wichtige, was es über die Eifel zu wissen gibt, besteht vielleicht genau darin: Auch 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen dort, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, noch Atombunker herum, die sich als Schauplatz für ein Verbrechen eignen.

Arno Strobel, Das Rachespiel, Fischer, 337S., 9,99€

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Tote Hunde beißen nicht: Dietrich Faber unterhält mit dem Grauen der Provinz

Im ersten Moment ist man geneigt, sich über Henning Bröhmann lustig zu machen. Der Kerl ist aber auch wirklich eine sehr traurige Figur. Als Kommissar ist er bestenfalls Durchschnitt, wo andere heldenhaft ihre Gegenspieler mit messerscharfem Verstand oder wenigstens körperlicher Raffinesse außer Gefecht setzen, gibt Bröhmann Nicoles „Ein bisschen Frieden“ zum Besten, um einen Verbrecher abzulenken.  Auch im Privaten ist er eher überwiegend unbeholfen: Er wird  – obwohl längst jenseits der 40 – vom Vater dominiert und von allen anderen Familienmitgliedern untergebuttert, selbst die eigenen Kinder tolerieren den Mann bestenfalls.

Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann?

Man ist also versucht, den Mann als Witzfigur abzustempeln. Im selben Moment bricht sich allerdings die bittere Erkenntnis ihre Bahn: Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann? Daran liegt vielleicht die Kunst von Dietrich Faber, der dem traurigen Hessen Bröhmann mit „Tote Hunde beißen nicht“ mittlerweile seinen dritten  Krimi gewidmet hat.

Ein Krimi aus dem deutschen Nirgendwo

Dieser kleine Spiegel, der dem Leser in Form von Henning Bröhmann vorgehalten wird und die perfekte Beschreibung des Grauens der Provinz gehören zu  den größten Stärken des Kriminalromans. Der Autor selber lebt im hessischen Gießen – und wer glaubt, eine Steigerung des provinziellen von diesem Ort im deutschen Nirgendwo sei nicht möglich, folge Faber in den Nahe gelegenen Vogelbergkreis nach Alsfeld und Nidda. Auch hier finden sich vermutlich viele Leser, so sie nicht gerade in Berlin (die Hauptstadt-Bewohner bekommen im übrigen auch ihr Fett weg) oder im Ruhrgebiet leben, wieder.

„Tote Krimi beißen nicht“. Kaum ein Krimi, aber sehr unterhaltsam

So weit, so gut: Als Krimi ist „Tote Hunde beißen nicht“ allerdings eher eine Fehlbesetzung. Wenig Tempo, wenig Komplexität, kaum Geschwindigkeit. Dietrich Faber, der seit seinen frühen Anfängen als jugendlicher Musical-Direktor vor über 20 Jahren so etwas wie ein Allround-Entertainer ist, hat letztlich ein Kabarett-Programm mit anderen Mitteln geschaffen. Das macht sich durch die meist eher sehr einfache Sprache und zahlreichen mundartlichen Einsprengsel bemerkbar.

Dietrich Faber schreibt sein Buch wie ein Bühnenprogramm

„Tote Hunde beißen nicht“ ist von vorneherein als Bühnenprogramm konzipiert: Die Lesungen von Dietrich Faber sollen – und das scheint mehr als glaubhaft – außerordentlich gelungene Show-Ereignisse sein. Vermutlich sollte man die Romane aus der Bröhmann-Serie eher hören als lesen. Genau deshalb seien dem  Autoren die dialekt-deutsch aufgeschrieben Dialoge  nachgesehen, die sonst eine eher nervige Unart im Krimi sind, mit der recherchefaule Autoren, genaue Charakterzeichnung vortäuschen. Insgesamt ist dieses Buchgewordene Kabarettprogramm auch selbst gelesen sehr unterhaltsam, einfach, weil es streckenweise irre komisch, dabei aber nie oberflächlich ist

 Ein Mord in Berlin, ein Mörder aus Hessen?

Darum geht’s:  Henning Bröhmann fährt mit der gesamten Familie nach Berlin, der Vater will zu einer Beerdigung, die Tochter was erleben. Das geht nicht gut. Bereits auf der Beerdigung geschieht ein Mord. Es wäre verkehrt, zu schreiben, dass Bröhmann ermittelt, aber als Augenzeuge ist er mindestens verwickelt. Das verstärkt sich, als sein Vater zurück in Hessen spurlos verschwindet. Einige kleinere und größere Katastrophen – unter anderem sterben und Hund und Hundemörder –  später, wird der Fall gewissermaßen aufgeklärt, auch weil Bröhmann sich rechtzeitig an den Text von Nicoles Eurovisions-Song erinnert.

Tatort: Vogelsberg-Kreis

Eigentlich ist es nicht sehr Gefühlt liegen zwischen der Metropole am Main und den kleinen Gemeinden im hessischen Vogelsbergkreis Welten. Mindestens. Die Lichtjahre, die Bankenviertel und Butzenfenster trennen, beschreibt Dietrich Faber, weniger mit elegischen Landschaftsbildern, sondern eher durch eine ausgeklügelte Typologie. Seine Darsteller, ob nun in Haupt- oder Nebenrollen zeichnen ein perfektes Bild von der Provinz, die in hessischer Ausprägung gleich mehrere hässliche Gesichter zeigt, so fruchtbar und schön die Landschaft dieses alten deutschen Kulturraumes auch sein mag. Der Verlag hat dem Buch den Untertitel „Der Tod ist ein Hesse“ mitgegeben, Dietrich Faber zeigt, „Hessen lebt.“ Man weiß jetzt wirklich nicht, was schlimmer ist.

Dietrich Faber, Tote Hunde beißen nicht, Rowohlt-Polaris, 287S., 14,99€,  VÖ: Februar 2014

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Jonathan Freedlands Intervention: Verbrechen in einer Welt am Abgrund

Für die meisten Männer ist es vermutlich der größte anzunehmende Alptraum: Sie kommen nach Hause, und Frau und Kind sind spurlos verschwunden.  Diese Erfahrung muss James Zennor machen, ein junger Wissenschaftler an der altehrwürdigen Universität von Oxford.

Eine Atmosphäre des Misstrauens in „Intervention“

Wie viele Männer vermutet er erst einmal nicht eigenes Versagen – und liegt damit wie viele ander Männer auch, zumindest zum Teil falsch. Zennor glaubt schnell an ein Verbrechen. Gründe dafür hätte er, Europa steht in Flammen, seine britische Heimat unter Belagerungszustand. Die Bewohner der Inseln müssen, eher schlecht als recht auf den Krieg vorbereitet, damit rechnen, jederzeit von den Invasionstruppen der Nazis überrannt zu werden. Grundsätzliches Misstrauen ist in dieser Situation die Regel, die Menschen wittern hinter jeder Ecke Verbrechen und Gefahr.

Jonathan Freedland beschreibt Abgründe der Menschheit

Schnell findet Zennor heraus, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Seine Frau lebt, ist aber verschwunden. Sorgsam versteckte Hinweise führen den Psychologen, der selber von zahlreichen Dämonen getrieben wird, über Kanada in die US-amerikanische Elite-Universität von Yale. Hier findet er nicht nur weitere Hinweise auf seine Frau, sondern spürt auch eine Verschwörung auf, die ein absolut abstoßendes, bösartiges Verbrechen zum Ziel hat.

Drei Themen, kunstvoll vereint

„Intervention“ heißt der außerordentliche Roman des Briten Jonathan Freedland.  Der Journalist hat drei Themen innerhalb seines Buches vereint. Er liefert mit der Suche des Wissenschaftlers nach seiner Frau eine ordentliche Krimi-Handlung, zeichnet über die Biografien seiner Protagonisten ein extrem gelungenes, ergreifendes Bild der Vorkriegs- und Kriegsjahre und bringt über das Element der Verschwörung ein überaus düsteres Kapitel der intellektuellen Elite aus den USA und Großbritannien in Erinnerung.

Jonathan Freedland gelingt eine intelligent-unterhaltsame Mischung

„Intervention“ liest sich gerade wegen dieser kunstvoll verwobenen Handlungsstränge ungemein faszinierend, Krimi-Puristen werden möglicherweise die ausgiebigen wissenschaftlichen Betrachtungen und historischen Ausflüge, die gelegentlich zu Lasten des insgesamt hohen Tempos gehen, kritisieren. Wer beides mag, wird jedoch bestens unterhalten werden. Intervention ist ein (Kriminal-)Roman auf allerhöchstem Niveau: Perfekt gezeichnete Figuren, ein kunstvoll konstruierter Plot und massenweise belegbare historische Hintergründe ergeben eine intelligente, extrem unterhaltsame Mischung.

Tatort:Oxford&Yale

Jonathan Freedland hat seinen Krimi im Prinzip an keinem speziellen Ort angelegt. Die Welt in den 30er und 40er Jahren bildet die Kulisse für seinen Rahmen. Insofern geht es in „Intervention“ weniger um konkrete Orte als viel mehr um Stimmung: Die Atmosphäre, die in den Elite-Universitäten in England und den USA in jenen Jahren das Leben bestimmt haben mag, zeichnet Freedland glaubwürdig. Die Mischung aus provinzieller Abgeschiedenheit und weltläufiger Debattenkultur, die ja bis heute auch deutsche Universitätsstädte in der Provinz gelegentlich noch prägt, beschreibt der Brite jedenfalls liebevoll Detailgetreu. Auch das trägt zum Lesevergnügen bei.

Jonathan Freedland, Intervention, Scherz, 509 S., 16,99€, VÖ: März 2014

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Maurizio de Giovanni: Das Krokodil. Krimi und Sittengemälde zugleich

Es bedarf nicht viel, um den Ruf eines Menschen zu ruinieren. Eine beiläufige Erwähnung im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität kann auf Sizilien beispielsweise schnell das gesellschaftliche Aus bedeuten. So ging es Inspektor Lojacono, den ein Krimineller beim Verhör zu Unrecht der Bestechlichkeit bezichtigt hatte.  Obgleich sich die Haltlosigkeit der Vorwürfe schnell klären ließ, wurde er von den Vorgesetzten eiligst wegversetzt. Jetzt sitzt der Polizist in Neapel und verbringt kaltgestellt die Tage im Büro mit philosopischen Betrachtungen und Online-Pokerspielen.

Per Zufall ins Zentrum der Ermittlungen

Nur durch einen (aus der Warte seiner Vorgesetzten unglücklichen) Zufall wird er eines Nachts zu einem Tatort gerufen und zieht die richtigen Schlüsse. Das bemerkt später die ermittelnde Staatsanwältin Laura Piras und übergibt Lojacono allen Widerständen zum Trotz die Chance, den Fall zu lösen. Genauer gesagt sind es gleich mehrere Fälle: Irgendjemand zieht durch Neapel und richtet Teenager hin. Da der Täter am Tatort Taschentücher mit Tränenflüssigkeit zurücklässt, erdenkt sich die Presse schnell einen Namen für den Mörder: Das Krokodil. So heißt denn auch der Krimi von Maurizio de Giovanni.

Maurizio de Giovanni überzeugt mit liebevoll gezeichneten Figuren

De Giovanni hat bei seinem Kriminalroman vieles richtig gemacht. Er hat sich einen interessanten, verwickelten und zugleich einigermaßen glaubwürdigen (ein Teil in mir weigert sich trotz regelmäßiger Krimi-Lektüre , die Idee vom Serienmord als „glaubwürdiges“, also als realistisches Szenario wahrzuhaben) Plot erdacht. Seine Handlung stattet er zudem mit liebevoll gezeichneten Figuren aus, denen  man auf ihrem Weg durch die Krimi-Handlung neugierig folgen mag.

Das Krokodil: Düstere Abgründe im Plauderton

Maurizio de Giovanni folgt zudem dem Weg vieler seiner italienischen Kollegen. Er hält seinen Krimi in diesem leicht plaudernden Ton, dessen innere Heiterkeit in einem mindestens interessanten Kontrast zu den Grausamkeiten der Handlung und den sich darin öffnenden Abgründen steht. Diese Leichtigkeit wirkt immer wieder irritierend altmodisch, hat aber seinen ganz besonderen Reiz – auch weil sie sich ganz von der düsteren Schwere sozialkritisch aufgeladener skandinavischer Krimi-Literatur abhebt.

Tatort: Neapel

Letztlich bleibt Maurizio de Giovanni bei seinen Schilderungen Neapels ein wenig im Vagen. Dennoch erfährt der Leser viel über diesen Moloch im Süden Italiens. De Giovanni zeichnet vor allem über die Menschen ein Bild der Stadt, und wenn man dem Autoren glauben darf sind beide nicht besonders Attraktiv. Die Stadt rein äußerlich, die Menschen, die sich offenbar nicht umeinander kümmern eher fehlt, so beschreibt es di Giovanni, in Sachen innere Werte jegliche Attraktivität. Insofern ist Italien-Urlaubern jenseits der gelungenen Krimi-Unterhaltung „Das Krokodil“ auch als bildendes Sittengemälde zu empfehlen.

Maurizio de Giovanni, Das Krokodil, Kindler, 334S, 19,95€, VÖ: 7. März

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Kathrin Langes „40 Stunden“: Ein Krimi für den Urlaubsleser

Der Ermittler ist Moslem, von der Familie unverstanden, selbstverständlich von seiner Frau verlassen und natürlich wegen eins schrecklichen Ereignisses traumatisiert (und suspendiert). Es gibt einen umstrittenen ökumenischen Gottesdienst, dazu passend religiöse Fanatiker, eine Querverbindung nach Afghanistan inklusive einer wegen Ehebruch gesteinigten Frau, einen katholischen Priester, der es mit dem Zölibat nicht so ganz genau nimmt, missliebige Vorgesetzte, einen bösartig-genialen Attentäter und natürlich eine gnadenlose Bombendrohung.

Alle Bausteine aus dem Krimi-Bastelset

Wenn man streng ist, muss man sagen, dass Kathrin Lange im Workshop kreatives Schreiben genau aufgepasst hat und alle Bausteine, die einen ordentlichen Krimi ausmachen, in ihrem Thriller-Debüt „40 Stunden“ untergebracht hat. Das ist für den regelmäßigen Krimi-Leser auf Dauer ein wenig anstrengend, weil sich irgendwann der Gedanke „och nö, nicht da jetzt auch noch“ aus dem vollgestopften Krimi-Gedächtnis-Zentrum ins Bewusstsein drängt.

40 Stunden ist ein ordentlicher Urlaubskrimi

Tatsächlich kann man „40 Stunden“ auch anders sehen. Wenn man diese fiesen kleinen Gedanken zurückdrängt, hat Kathrin Lange einen recht soliden, über weite Strecken spannenden Krimi geschrieben, keinen Klassiker, aber einen von der Sorte, der einem im Urlaub am Pool, in der Hängematte oder auch Im Flugzeug gute Dienste leistet, weil Kathrin Lange im Workshop für kreatives Schreiben eben so gut aufgepasst hat: Das Tempo ist hoch, die Handlung hinreichend komplex, die Figuren sympathisch (bzw angemessen finster). Perfekt für die Urlaubssituation, bei der man ja meist Wert auf reduzierte intellektuelle Transferleistungen legt.

Kathrin Lange versucht zu sehr, alles richtig zu machen

Den Krimi-lesenden Blogger stört bei „40 Stunden“ vielleicht auch nur, dass die Autorin zu sehr versucht hat, alles richtig zu machen: So drängt mit einer gewissen Penetranz immer wieder das Vorhaben, einen richtig spannenden Krimi zu schreiben, in den Vordergrund, das wirkt wie bei einem Musiker, der eine eigentlich sehr schöne Melodie mit Drum-Computer und Hammond-Orgel aufzupeppen versucht und dann zu oft Klangbrei produziert.

Hatz unter Zeitdruck durch Berlin

Darum geht’s: Der Papst kommt nach Berlin, um einen ökumenisches Abendmahl abzuhalten. Das ist umstritten. Das nutzt ein Unbekannter um Faris Iskander, Ermittler mit ägyptischen Wurzeln, auf eine gnadenlose Hetzjagd durch Berlin zu treiben. Immer wieder sprengt der Täter Bomben und tötet Menschen. Es wird schnell klar, dass es auch um Iskander persönlich geht. Viel Zeit hat Iskander, der von seinen Vorgesetzten nicht eben unterstützt wird, nicht zur Verfügung. „40 Stunden“, um genau zu sein.

Tatort:Berlin

Berlin übt auf Touristen einen großen Reiz aus. Das merkt der in Berlin lebende Mensch, wenn er Pech hat, jeden Tag auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Berlin reizt aber auch Krimi-Autoren. Natürlich bietet die Hauptstadt Autoren viele Möglichkeiten, ihre „kriminelle Energie“ auszuleben. In „40 Stunden“ wird ein solide recherchiertes Bild der einzelnen Schauplätze gezeichnet, aber eben auch nur genau das. Insgesamt bleibt das Berlin von Kathrin Lange eher eindimensional, es ist das Berlin derjenigen, die hier mal zu Besuch sind. Das ist kein Mangel, kein Makel, aber ein Hinweis für diejenigen, die wissen wollen, wie die Tatorte im Krimi stattfinden – und darum geht es sich beim „Tatort:Krimi“ am Ende der Texte ja beinahe immer auch.

Kathrin Lange: 40 Stunden, Blanvalet, 414 S., 9,99€ VÖ Februar 2014

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Christine Cazons „Mörderische Côte d’Azur“: Ästhetik der fünfziger Jahre

Es gibt, um das Fazit vorweg zu nehmen, zwei Möglichkeiten „Mörderische Côte d’Azur“ von Christine Cazon zu bewerten. Die erste, etwas einfachere Variante lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ein solider, mäßig spannender, eher durchschnittlicher, aber insgesamt einigermaßen unterhaltsamer Krimi.

Pseudo-authentische Sprachfragmente bei Christine Cazon

Die zweite, offen gestanden einigermaßen ungnädige Einordnung, wäre mit einem knappen „unerträglich“ abgehandelt. Ein solch deutliches Urteil verlangt natürlich eine Begründung. Und die fällt in diesem Fall höchst subjektiv, wenn man so will in erster Linie Stilfragen betreffend, aus. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Romanfiguren zur Bekräftigung lokaler Zuordnung Dialektfetzen oder in diesem Fall Rudimente fremder Sprachen in den Mund gelegt werden. Tatsächlich aber wird in „Mörderische Côte d’Azur“ dem Leser nicht nur ständig „Bonjour-“ oder „Monsieur“ entgegengeschleudert, sondern immer wieder, in erratischen Abständen auch „n’est ce pas-“ oder „Ah-bon“. Fehlt eigentlich nur noch ein gelegentliches „Oh-la-la“, damit auch der Dümmste begreift: Dieser Krimi spielt in Cannes, und das liegt in Frankreich.

Ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre

Ich finde, Krimis müssen in erster Linie unterhalten. Insofern dürfen sie die Anforderung des Hochfeuilletons an permanenten sprachliche Innovation in der Literatur weitgehend ignorieren, aber ein ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre muss andererseits wirklich auch nicht sein. Letztlich ersetzen diese französischen Fragmente das genaue Hinschauen auf tatsächliche „exotische“ Eigenheiten anderer Kulturen. Insofern verschenkt „Mörderische Côte d’Azur“ permanent Steilvorlagen in den freien Krimi-Raum. Das Stilmittel des Sprachfragment erinnert vielmehr an Karl May und seine Beschreibungen von Regionen, die er nie gesehen hatet. Das passt zu ersten Spekulationen, dass es sich bei Christine Cazon, die laut Klappentext mit „Mann und zwei Katzen in Cannes lebt“ um ein Pseudonym handelt.

Ein Mord bei den Filmfestspielen in Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“

Die Krimi-Idee ist dabei eigentlich nicht schlecht. Kommissar Léon Duval, der sich von Paris nach Cannes hat versetzen lassen, wird noch während seines eigenen Umzuges in den Festspielpalast gerufen. Mitten während einer Filmvorführung wird ein profilierter Regisseur erschossen.  Kommissar Duval, natürlich permanent „Monsieur le Commissaire“ genannt und sein Team begeben sich auf die Suche. Schnell stellen sie fest, dass der gefeierte Dokumentarfilmer gleich mehrere dunkle Flecken in seiner Vergangenheit hat. Duval nimmt sich noch Zeit, gleichzeitig mit seiner Ex-Frau zu schlafen und ausgiebig mit einer  jungen, schönen Journalistin zu flirten, bevor er den Täter überführt.

Tatort:Cannes

Französische Floskeln ersetzen den präzisen Blick. So könnte man die Beschreibung des  Tatort Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“ kurz zusammenfassen. Man weiß nicht, wie gut sich die Autorin sich in der südfranzösischen Stadt auskennt, hat aber dauerhaft das Gefühl mit Stereotypen überhäuft zu werden. Ja, Stau. Ja, einfache kleine Restaurants mit sensationellem Essen. Ja, Touristen. Ja, schicke Yachten im Hafen vor der Promenade. Und ja, natürlich ein Irrsinn während der Filmefestspiele. Das hätte man aber offen gestanden alles auch ohne sich länger als der durchschnittliche frankophile Tourist in der Stadt aufzuhalten, herausgefunden – und aufschreiben können.

Christine Cazon, „Mörderische Côte d’Azur“, Kiwi, 331S., 9,99€, VÖ: Februar 2014

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