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Chicago als Krimi-Tatort: Sehenswerte Orte und gute Chicago-Krimis

Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter
Die Skyline Chicagos vom Sears-Tower aus gesehen (C) kanter

 

Aus Sicht des Krimi-Autoren dürfte Chicago den perfekten Schauplatz für perfide Verbrechen geben. Chicago ist groß, Chicago hat eine lange Tradition des organisierten Verbrechens (Al Capone), kaum eine Stadt hat vermutlich eine ähnliche Quote von Politikern und öffentlich Bediensteten mit einer Strafakte (Unter anderen saßen drei Gouverneure im Gefängnis). Kaum eine Stadt bietet aber auch eine derart großartig-spektaluläre Architektur, die die Phantasie beflügelt.

Das fängt im Innenstadtbezirk, dem sogenannten Loop an. Dort stehen silbrig in der Sonne glänzende Bürokomplexe aus Stahl und Glas, Sinnbilder amerikanischer Wirtschaftsmacht. Aber nur eine Ecke weiter, einen Schritt hinter deren glänzende Fassade warten enge, dunkle Wände, buchstäbliche Hochhausschluchten, an deren Fuß kaum einmal ein Sonnenstrahl reicht. Dort dominieren Schmutz und Dunkelheit – auch das natürlich metaphernfähig für die US-amerikanische Gesellschaft.

Zwischen den riesigen Hochhauskolossen ducken, das Wort möchte man trotz der tatsächlichen Größe gebrauchen, die frühen, großzügig verzierten Skyskraper aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Chicago hätte die Blaupause für Batmans Gotham City bilden können.

Den krimi-tatort-gerechten Eindruck  verstärken die schier endlosen Vorortsiedlungen, die sich am See-Ufer entlang in die Ebene erstrecken. Auch hier massenhaft bürgerliche Fassaden mit schäbigen Hinterhöfen, in denen mit allerlei alten Möbeln vollgestellte Feuertreppen, die Terrassen und Balkone ersetzen sollen, ein eher trauriges Bild des american Way of Life“ zeigen. Perfekt düstere Krimi-Stimmung überall, also.

Hier meine drei Chicago-Orte, die sich unter gleich welchem Gesichtspunkt für einen Besuch lohnen.

 

1. Der Sears-Tower

Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter
Blick nach Unten von der Aussichtsplattform des Sears-Tower in Chicago (c) Kanter

Gut, er heißt nicht mehr so, seit eine Anwaltskanzlei zum Hauptmieter wurde und das Namensrecht gleich mitgepachtet hat. Aber Willis-Tower, tut mir leid, liebe Anwälte, klingt weder gut, noch nach irgendeiner Tradition.  Jedenfalls ist das Gebäude das höchste Chicagos und war mal da höchste Haus der Welt (aktueller Rang: Platz 10).  Jedenfalls gibt es relativ weit oben eine  Aussichtsplattform, von der aus man wirklich einen großartigen Ausblick auf die Stadt und den Lake Michigan hat. Natürlich ist es eine Touristenattraktion, aber eben ein Sehenswerte. Halbwegs höhentaugliche Menschen können sich sogar auf einen vollverglasten Plexiglas-Balkon stellen und auf kleine Bauklötze zwischen den Füßen schauen. Allerdings sind diese Bauklötze selber Hochhäuser von 70-100 Meter Höhe. Der Sears-Tower bietet also einen hübschen Perspektiv-Wechsel

 

2. Die North-Western-University

Die Skyline von Chicago am Lake Michigan
Von der North-Western-University aus ist as Zentrum Cicagos weit. Das hilft beim ungestörten denken und lernen (c) Kanter

Ein gutes Stück entfernt vom Stadtzentrum liegt der Campus der North-Western-University von Chicago. Das Universitätsgelände ist erstens riesig, zweitens direkt am Lake Michigan gelegen und dritten von einer ganz besonderen, aufbruchartigen Aura umgeben. Der Besucher, auch wenn der das studentische Alter weit hinter sich gelassen hat, meint förmlich zu spüren, wie er auf dem Weg zwischen den Fakultätsgebäuden hindurch klüger wird. (vermutlich bleibt es bedauerlicherweise bei dem Gefühl). Es ist aber leicht, sich dort wohl zu fühlen, weil der Campus ein Elfenbeinturm im besten Sinne ist. Dort arbeiten Professoren, die Vergnügen haben, ihr Wissen weiter zu geben und Studenten, die durchdrungen sind von Optimismus und Leistungsbereitschaft und dem Willen auf eine bessere Zukunft. So soll das auch sein. Die Realität kommt mit dem Arbeitsleben schließlich früh genug.

 

3. „Das, wo sie den Picasso haben“

Cook-County-Gebäude in Chicago (c) Kanter
Das Platz vor dem Cook-County-Gebäude in Chicago, bekannt aus dem 80er-Jahre-Klassiker „Blues Brothers (c) Kanter

Kann einen ein kommunales Verwaltungsgebäude in stilles Verzücken versetzen? Ja, es kann. Zumindest in Chicago, wenn der Tourist zufällig auf den Vorplatz des „Cook County-Gebäudes gelangt. Das ist nämlich „das, wo sie den Picasso“ haben“. Den meisten Mitvierzigern besser als das Gebäude bekannt, wo erstens das „Blues-Mobil“ in seine Einzelteile zerfällt und zweitens Joliet Jake und Elwood in einem furiosen Finale von einer irrwitzig großen Zahl von Polizisten, Nationalgardisten und Soldaten festgenommen worden. Damit ist es eine de wichtigsten Pilgerstätte für alle Fans des überdrehten Films „Blues Brothers“, der Anfang der achtziger Jahre zumindest männliche Teen-Ager mit seiner Mischung aus Pennäler-Humor, grotesken Verfolgungsjagden und genialem Soundtrack wiederholt an den Kinosessel fesselte.

Krimis, die in Chicago spielen:

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 1. Februar 2014

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S.,September 2012

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Lauren Beukes „Shining Girls“ erfordert einen toleranten Leser

Es gibt Bücher, die erfordern eine grundsätzlich tolerante Leseeinstellung. Wer also beispielsweise mit übersinnlichen Phänomenen nichts anfangen kann, motivationsfreies Handeln im Kriminalroman oder willkürliche Sprünge in der Handlung schwierig findet, der sollte unbedingt seine Finger von Lauren Beukes „Shining Girls“ lassen.

Ein zeitreisender Mörder in „Shining Girls“

Die Südafrikanerin Beukes hat einen Kriminalroman geschrieben, dessen heimlicher Hauptdarsteller ein Haus ist, das Zeitreisen ermöglicht. Das wird nicht erklärt, das ist einfach so. Genau so selbstverständlich nutzt Harper, ein Opfer der großen Depression in den USA Ende der zwanziger Jahre, das Haus für mörderische Ausflüge in die Zukunft. Die sind aus irgendwelchen Gründen aber bis ins Jahr 1993 begrenzt, weiter kommt der Serienmörder nicht, der unerklärt über die Dekaden hinweg kleine Mädchen zu „Shining Girls“ erklärt und ermordet, wenn sie erwachsen geworden sind. Klingt schräg? Ist es auch.

Lauren Beukes hat beinahe die perfekte Protagonistin erdacht

Wer lesend Toleranz aufbringen kann, wird bei „Shining Girls“ dennoch einiges Vergnügen finden. Das liegt an Kirby. Die überlebt als einzige einen Angriff Harpers. Natürlich ist sie traumatisiert, natürlich versucht sie, ihren Angreifer aufzuspüren. Es ist spannend ihr dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück das Puzzle rund um einen wahnsinnigen Serienmörder mit Hilfe eines ausgebrannten Journalisten zusammensetzt. Auch die Verletzbarkeit, der wütende Trotz, mit dem die junge Frau ihrem Schicksal begegnet, ist gut erdacht und  glaubhaft aufgeschrieben. Eine beinahe perfekte Protagonistin

Viele liebevoll erdachte und interessant aufgeschriebene Details

Zu den Stärken von „Shining Girls“ gehört auch das fragmentarische Portrait einer zerrissenen Stadt und seiner immer neuer Verelendung ausgesetzten Stadtviertel.  Hier denkt sich die Autorin, wie auch beim gesamten handelnden Personal, immer wieder interessante Details aus. Allein das macht „Shining Girls“ lesenswert.

Shining Girls: Wohl eher ein Buch für Freunde des Übersinnlichen

Die Frage, ob es sich lohnt, „Shining Girls“ zu lesen, lässt sich also nicht so ohne weiteres beantworten. Krimi-Vielleser sollten es mal versuchen, weil viele hübsche Ideen verborgen sind, wer unerklärte Übersinnliche Phänomene mag, auch. (Und die Zahl scheint ja immer mehr zuzunehmen.) Wer auf analytische Stoffe und bodenständig-realistische Verbrechen Wert legt, der ist bei Beukes jedoch eher falsch. Anders gesagt, insgesamt eher merkwürdig, aber auch mit vielen faszinierenden, fesselnden Passagen.

 

Tatort:Chicago

Die Südafrikanerin Lauren Beukes hat sich für ihr Krimi-Debüt gründlich in der US-Metropole Chicago umgeschaut. Ihre Erkenntnisse sind großzügig in „Shining Girls“ eingeflossen, so dass zumindest der Chicago-Tourist, viele Orte wiedererkennt und eine Art „Heimat“-Gefühl entwickeln kann. Spannend ist auch der Blick in die Geschichte, und die permanente Verelendung, der die Wirtschaftsmetropole über alle Zeitenläufe hinweg ausgesetzt scheint. Gesellschaftlichen Fortschritt scheint es aller Entwicklung zum Trotz in den Elendsvierteln der Stadt nicht zu geben. Beinahe könnte man meinen, die Zeitreisen des Mörders fänden nicht statt.

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 14,99€, VÖ: 1. Februar 2014

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Angenehm einfach: Jochen Frechs Hochsommermord

Es gibt einen sehr jungen, sympathischen Kriminalkommissar und eine noch jüngere, mindestens ebenso sympathische Streifenpolizistin. Beide werden, das weiß der Leser, noch bevor die beiden sich das erste Mal begegnet sind, am Ende von „Hochsommermord“ ein Paar sein. Außerdem ist in der Vergangenheit ein schreckliches Unglück passiert, das eine lange Kette von Gewalt und Verbrechen auslösen wird. Auch dieses zu erkennen, bedarf keiner besonderen geistigen Anstrengungen.

Jochen Frech verstößt gegen beinahe alle Regeln moderner Krimis

Eigentlich verstößt Jochen Frech damit gegen alle Regeln, die ein Krimi heute befolgen muss. Zunächst das zeitlose Gesetz, dass ein Kriminalroman überraschen soll, dann die modischen ungeschriebenen Vorgaben, nachdem die Ermittler mindestens merkwürdig, wenigstens jedoch alt, einsam und verbittert sind und  im Idealfall unheilbare Krankheiten oder sonstige Defizite haben. Bei Jochen Frech herrscht trotz eines mutmaßlichen Verbrechens – ein Mädchen verschwindet spurlos – soweit das möglich ist, durchgehend gute Laune, zumindest eine hoffungsvolle Grundstimmung.

Hochsommermord, vorhersehbar, aber höchst unterhaltsam

Und offen gestanden, so einfach, vorhersehbar und schlicht „Hochsommermord“ ist, so viel Spaß macht es, den Krimi, der zwischen Stuttgart und Ulm spielt, aber kein  Regionalkrimi ist, zu lesen. Frech schafft es, seine Geschichte mitreißend aufzuschreiben und hinreichend emotionale „Unebenheiten“ einzubauen, so dass seine sympathische Inszenierung nie oberflächlich-glattgegelt wirkt.

Hochsommermord: Eine angenehmer Abwechslung im Krimi-Wirrwarr

Und ehrlich gesagt, ist es eine sehr angenehme Abwechslung, ausnahmsweise einem einigermaßen normalen Ermittler (der im übrigen dann doch noch sein Trauma mit sich rumschleppt) bei der „Arbeit“ zuzuschauen. Zuvor hatte ich nach wenigen Seiten einen auf Kuba spielenden Krimi, in dem der Ermittler mit Geistern spricht und einen unerträglich atemlosen „Psychothriller“ in Briefform an eine Vermisste nach wenigen Seiten beiseite gelegt. Wer also zugegeben konventionelle, aber unterhaltsame Krimi-Unterhaltung akzeptieren kann (es soll Leute geben, denen steht da die gefühlte intellektuelle Mindestflughöhe im Weg), der wird bei „Hochsommermord“ einige angenehm unterhaltsame Momente erleben.

Moritz Kepplinger und Lea Thomann suchen eine Zehnjährige

Darum geht’s: der Eingangs erwähnte Nachwuchskommissar mit einem Background beim SEK (wie übrigens der  Autor Jochen Frech auch), bekommt an seinem ersten Tag bei der Kriminalpolizei im schönen Göppingen eine Vermisstensache auf den Tisch. Im Prinzip geht es darum, dass Moritz Kepplinger (so heißt der Mann) versucht, das Mädchen zu finden. Hilfe bekommt er von Lea Thomann, jener eingangs erwähnter Streifenpolizistin. Beide müssen feststellen, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Zudem warten weitere Verbrechen.

Die Wunschvorstellungen eines Polizisten

Wenn man etwas kritisieren will, dann entgleitet dem Polizisten (und Polizeiausbilder) Jochen Frech die Schilderung seines „fiktiven“ Kommissariats in Göppingen. Dort sind  alle Beamten, fleißig, intelligent und außerordentlich kollegial. Da war vermutlich der Wunsch der Vater des Gedankens. Das hat der durchschnittliche Leser weder in normalen Bürogemeinschaften noch auf Polizeidienststellen jemals erlebt

Tatort:Göppingen

Jochen Frech hat seinen Krimi in Göppingen angesiedelt, aber dankenswerterweise keinen Regionalkrimi daraus gemacht. Es gibt keinen Dialekt, keine Kauzigkeiten und keine elegischen Ortsbeschreibungen. Der Ort wäre schlicht austauschbar. „Hochsommermord“ könnte in jeder beliebigen deutschen Provinzstadt spielen: Als lokaler Bezugspunkt kommt lediglich die Burg Reußenstein ins Spiel. Aber auch die Ruine hoch über der Stadt ist letztlich austauschbar. Aber das ist wie gesagt kein Makel und auch keine Kritik.

Jochen Frech, Hochsommermord, btb, 318S., 9,99€, VÖ: Januar 2014

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Philip Kerr schreibt mit Böhmisches Blut ein weiteres Bernie-Gunther-Kapitel

Die Krimihandlung? Mehr oder weniger bei Agatha Christie geklaut. Die Bösewichter? Einfach der Geschichte entnommen. Das Prinzip? Schon mehrfach benutzt. Eigentlich müsste man Philip Kerr mindestens der Ideenlosigkeit, wenn nicht eines Plagiats anklagen, so wenig originell scheinen die Elemente, die er in seinem neuesten Kriminalroman um Bernie Gunther verwendet.  Doch dem Schotten sind all diese „Verfehlungen“ nachzusehen, weil er mal wieder einen teuflisch spannenden Krimi geschrieben hat.

Ein neuer Fall für Bernie Gunther

„Böhmisches Blut“ heißt der neueste Fall des Berliner Kriminalkommissars Bernhard Gunther, Wie schon im Vorgänger schickt Kerr seinen Protagonisten mitten in die düsterste Zeit deutscher Geschichte. Gunther ist verstört vom Einsatz an der Ostfront zurück in Berlin. Und als Mitglied der SS war er wohl an den schlimmsten Greueltaten beteiligt. Jetzt verrichtet er wieder, die Deutschen sind laut Kerr nun mal so, pflichtbewusst seinen Dienst im Polizeipräsidium am Alex.

Gunther als Leibwächter eines SS-Generals

Mitten in Morde und andere Missetaten ereilt ihn der Ruf seines Herren nach Prag. Reinhard Heydrich, Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, verlangt nach dem schrulligen Bullen, mit dem er bereits in Frankreich zusammenarbeitete. Heydrich erzählt Gunther nach dessen Ankunft, dass er um sein Leben fürchte. Der Polizist solle während einer Zusammenkunft hochrangiger Nazi-Funktionäre, SS- und Wehrmachtsoffiziere als eine Art Leibwächter auf Heydrich aufpassen.

Böhmisches Blut: Ein Mord bei Prag

Tatsächlich geschieht in dem abgelegenen Schloss bei Prag bald ein Mord. Der Tote, ein Adjutant Heydrichs, wird erschossen in einem abgeschlossenen Raum aufgefunden, von der Waffe fehlt aber jede Spur. Heydrich beauftragt Gunther mit den Ermittlungen. In eine Art Kammerspielsituation versucht Gunther mit Vernehmungen aller Beteiligten die Tat zu rekonstruieren. Er merkt schnell, dass es um mehr geht als einen bloßen Mord an einem Offizier.

Philip Kerr kann es einfach. Er nimmt seinen Leser bei jedem seiner Krimis auf eine enorm spannende Reise mit, deren hohes Tempo den Leser bis zur letzten Seite ins Sofa, in den Sessel, auf dem Stuhl (oder wo auch immer die bevorzugte Leseposition ist) drückt.

Schwerstverbrecher deutscher Geschichte als Darsteller

Die Faszination für die Bernie-Gunther-Reihe erklärt sich nicht nur durch die Erzählkunst Kerrs, nicht nur durch die immer wieder in einem intelligent verwobenen Gespinst, komplexer Handlungsstränge, sondern vermutlich zum guten Teil durch den historischen Rahmen. Vermutlich kann sich nur ein Brite trauen, Heydrich und all die anderen deutschen Schwerstverbrecher an der Menschheit mit einer gewissen Nonchalance als Haupt- und Nebendarsteller unterhaltsamer Kriminalromane auferstehen zu lassen. Aber es ist vermutlich die selber Faszination, die dazu führt, dass die Journalisten auch vom SPIEGEL  (und anderen Publikationen) immer neue „Originaldokumente“ des tausendjährigen Reiches hervorzaubern. Man wartet ja immer noch auf „die Tagebücher des Dackels von Görings Förster“ oder ähnliches.

 Nur kleinerer Ungehorsam gegen das System

Triebfeder für derlei journalistische Anstrengung ist vermutlich (hoffentlich) noch immer der Versuch, das Böse zu verstehen. Kerr hält sich damit nicht wirklich auf. Seine Gratwanderung auf den Klippen über dem Abgrund deutscher Geschichte gelingt, weil er sehr deutlich die düsteren (realen) Figuren, die er auftreten lässt, als Schurken schildert. Sein Bernhard Gunther ist mindestens nach seinen eigenen Kriegserlebnissen mindestens suizidgefährdet. Kerr erlaubt Gunther zudem kleineren Ungehorsam gegen das System, ohne ihn – das wäre dann wohl zu einfach – zum wirklichen Widerstandskämpfer werden zu lassen.

Philip Kerr wird einfacher – aus gutem Grund

Mitten im Krieg bezieht Kerr anders als in den vorherigen Bänden deutlichere Position. Er verzichtet, ebenfalls anders als in vielen vorherigen Gunther-Krimis wie „Mission Walhalla“ auf zeitliche Sprünge und nimmt auch damit seinem Protagonisten einiges an Ambivalenz. Vor und Nachkriegszeit, in die Kerr die meisten Kerr. Krimis angedockt hatte, botem dem Autor bei moralischen Fragen um das „richtige Leben im falschen“, der vielen Krimis seit Raymond Chandler Reiz verleiht, einigen Spielraum. Der Krieg nicht.

Philip Kerr, Böhmisches Blut, Wunderlich, 478S, ??€, VÖ: Januar 2014

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Menschliche Abgründe in Jan Erik Fjells Kälteeinbruch

Wirklich sympathisch ist Anton Brekke nicht. Er denkt großkotzig, hat einen eher zweifelhaften Humor und behandelt Kollegen wie Untergebene gleichermaßen von oben herab. Eigentlich wäre Brekke vergleichsweise unerträglich, wenn er nicht gleichzeitig erstens ein armes Würstchen wäre, dem Frau und Kind davon gelaufen sind und er zweitens ein außergewöhnlich guter Ermittler bei norwegischen Polizei wäre.

Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch

In seinem zweiten Fall, „Kälteeinbruch“ muss sich Brekke, so will es sein Schöpfer, der Schriftsteller Jan-Erik Fjell, wieder mit dem tiefsten Abgründen menschlicher Existenz herumschlagen. Es geht um Menschenhandel, Drogen, die Russenmafia und Kindesmissbrauch.

Ein widerspenstiger Handlanger setzt eine Spirale der Gewalt in Gang

Ins Rollen kommt die Geschichte als ein litauischer Handlanger, der als Kurier für ein Verbrecher-Syndikat arbeitet, seine Ware, zwei kleine Jungen, nicht am Ziel abliefern kann. Dem Litauer wächst so etwas wie ein Gewissen und er beschließt, die Kinder anders als von den Auftraggebern befohlen, nicht umzubringen. Das setzt eine Kette aus Gewalt in Gang, die für mehrere Beteiligte tödlich enden soll.

Mord an einem Lehrer in Jan Erik Fjells „Kälteeinbruch“

Gleichzeitig, in einem völlig anderen Fall, rückt Anton Brekke aus, um den Mord an einem Lehrer zu untersuchen. Weshalb der zurückgezogen lebende, unscheinbare Mann ermordet wurde, will sich den Ermittlern zunächst nicht so recht erschließen.

Jan Erik Fjell fügt lässt in „Kälteeinbruch“ wieder intelligent Handlungsstränge parallel nebeneinander herlaufen.  Der Norweger schafft es gleichzeitig komplexe Situationen ablaufen zu lassen und sie dazu noch  mit interessantem Personal zu füllen. Insbesondere die „Nebendarsteller“ sind Fjell gut gelungen

Ein Kommissar, mit dem man nicht recht warm werden will

Die einzige Ausnahme, der einzige Schönheitsfehler wenn man so will, ist tatsächlich der Hauptdarsteller. So richtig will man mit Kommissar Anton Brekke nicht warm werden. Häufig sind ja Menschen mit kleinen Schwächen sympathisch, bei Brekke will sich dieses Gefühl nicht wirklich einstellen. Insofern liest man den Krimi aus Norwegen ein wenig um den Kommissar herum. Das bereitet dem Gesamtvergnügen aber wenig Abbruch, weil „Kälteeinbruch“ die Mindestanforderung an einen Krimi locker über-erfüllt: Er ist spannend. Er hat ein überraschendes Ende. Er unterhält

Tatort:Norwegen

Oslo ist eine Großstadt. Direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt wird es ländlich, greift die Einsamkeit der dünn besiedelten Natur sich den Raum, und damit auch die Bühne von Jan-Erik Fjells „Kälteeinbruch“. Der Norweger Fjell legt in seinen Krimis meist keinen großen Wert auf szenische Beschreibungen, aber mit wohl dosierten Beschreibungen charakterisiert er die Einsamkeit der abgelegenen Hütte, die Tristesse die sich aus der winterlichen Mischung aus Kälte und Dunkelheit in Skandinavien zusammenbraut, sehr treffend: Dabei ist es vergleichsweise gleichgültig, ober er nur Klischees bedient oder die Wirklichkeit beschreibt. Für seinen Krimi funktioniert es. Und darauf kommt es an.

Jan Erik Fjell, Kälteeinbruch, Rowohlt, 554S, 9,99€, VÖ: Dezember 2013

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Monica Kristensen zeigt „in manchen Nächten“ die Kälte Spitzbergens

Es gibt Tage, da macht es besonders viel Spaß, Bücher über unwirtliche, eiskalte Wintergegenden zu lesen. Dunkle mitteleuropäische Herbst- und Winterabende gehören definitiv dazu. Und wenn es darum so richtig ungemütlich sein, gibt es wohl kaum einen passenderen Ort als den Tatort von „in manchen Nächten“.

Krimi auf Spitzbergen: „In manchen Nächten“

Die Norwegerin Monica Kristensen hat ihren neuen Krimi nach Spitzbergen verlegt, genauer gesagt, geschehen in Barentsburg, der russischen Enklave auf Spitzbergen Mord und Totschlag: Sehr zum Leid von Knut Fjeld, Polizist im Dienste des norwegischen Regierungsbevollmächtigten: Eigentlich möchte der Mann nur in Ruhe seinen Kater, einen von vielen in einer langen Reihe von durchzechten Nächten, auskurieren, da erreicht ihn der Einsatzbefehl.

Ein Mord in Barentsburg

Widerwillig macht sich der Mann nach Barentsburg auf, wo er einen Arbeitsunfall untersuchen soll. Fjeld macht in der russischen Enklave zwei Feststellungen: Erstens: Der Tote starb nicht nach einem Unfall. Zweitens durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hängt er selber länger als erhofft in Barentsburg fest.

Ein Bergwerksort als Hauptdarsteller im Kriminalroman

Der kleine Ort im hohen Norden wird schnell zum heimlichen Hauptdarsteller bei Monica Kristensen. In der einstmals blühenden, heute herunter gekommenen Bergbausiedlung scheinen die Uhren in sowjetischen Zeiten stehen geblieben zu sein. Diese ganze Tristesse des Ortes, die Hoffnungslosigkeit der Einwohner beschreibt Kristensen, die einst selber auf Spitzbergen lebte, außerordentlich glaubwürdig und sehr unterhaltsam. Die Krimi-Handlung gerät da beinahe in den Hintergrund, erfüllt aber mit hinreichend vielen Verdächtigen und falschen Fährten ebenfalls alle Anforderungen, die ein Leser an einen Krimi stellt.

Unentrinnbare Einsamkeit als bestes Stilmittel

Die dunklen Tag, die eiskalten Nächte, die unentrinnbare Einsamkeit sind dennoch die größten Stärken des Krimis. Hier liegen vermutlich die Stärken der Polarforscherin und Glaziologin Monica Kristensen, die mehrere Expeditionen ins ewige Eis leitete. Die Beschreibungen der lebensfeindlichen Umwelt bremsen das Tempo, auch sprachlich bleibt „In manchen Nächten“ nicht nachhaltig in Erinnerung. Insgesamt macht der zweite Krimi der Norwegerin aber insbesondere an den eingangs genannten dunkelkalten Tagen viel Spaß.

Tatort:Spitzbergen

Es gibt zwei nennenswerte Städte auf Spitzbergen, Longyearbyen und Barentsburg. Erstere ist norwegisch, wie auch die Inselgruppe, letztere russisch. Beide Städte sind nur etwa 60 Kilometer voneinander entfernt. Eine Straßenverbindung gibt es dennoch nicht. Schiff, Helikopter oder (im Winter) Schneemobil sind die einzigen Möglichkeiten zum Austausch. Fehlt noch der Hinweis: Der Begriff Stadt wird beiden Orten nicht gerecht. In Barentsburg leben heute noch etwa knapp 500 Menschen. Seit dem Niedergang des Bergbaus, vermutlich der einzige Grund, dass im 19. Jahrhundert überhaupt Menschen in die unwirtliche Ödnis gezogen sind, leben die verbliebenen Inselbewohner vom Tourismus. Wer einen Trip auf die Insel überlegt, sollte wissen, dass es dort weder Straßen noch Wanderwege gibt. Auch das Tragen einer großkalibrigen Waffe ist wegen der Eisbären Pflicht. Allerdings muss man, so die Gesetzeslage, erst versuchen, die Raubtiere pazifistisch zu verscheuchen, bevor man ausschließlich in Notwehr schießt. Viel Glück dabei. Die ganze Atmosphäre rund um Eis, Schnee und Bären fängt die ortskundige Monica Kristensen, wie bereits gesagt, sehr gut ein.

Monica Kristensen, In manchen Nächten, btb, 350S., 9,99€, VÖ: November 2013

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Die besten Krimis 2013: Eine Bestenliste

Es war wieder ein erstaunlich hoher Stapel an Kriminalromanen, durch die ich mich in den vergangenen Monaten hindurchgelesen habe. Auch Dieses Jahr gibt es also wieder einen Überblick mit den meiner Meinung nach besten Krimis des Jahres 2013.

Roger Hobbs: Ghostman

Ein blutjunger Autor schreibt sehr abgeklärt eine herrlich düstere Gangsterballade, um einen Cleaner, der für Verbrechersyndikate aufräumt.

 

Christopher Brookmyre, Die hohe Kunst des Bankraubes

Schön schräg erzählt Christopfer Brookmyre seine Räuberpistole um ein raffiniertes Verbrechen und einen Rachefeldzug im schottischen Glasgow.

Jan Faber, Kalte Macht

Einen hübschen Einblick in den Unterleib Berliner Politik gewährt uns Jan Faber. Genau so intrigant und verdorben möchte man sich das Leben rund um Reichstag und Kanzleramt vorstellen.

Harald Gilbers, Germania

Der Titel ist eine Mogelpackung. Der Krimi dahinter, der in der Zeit des Nazi-Terrors spielt,  spannend erzählt und gut erdacht, ein Vergnügen für alle, die historisch angesiedelte Krimis mögen.

Massimo Carlotto, Die Marseille-Connection

Wenig Hoffnung lässt Massimo Carlotto seinen Lesern in der Marseille-Connection: Banden regieren bis dicht unter eine bürgerliche Oberfläche die Welt, und die Polizei unterscheidet sich nur graduell von den Verbrechern, die sie jagen soll.

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Thomas Engers „Verleumdet“ bietet intelligent verwobene Handlungsstränge

Ein einziges Fax reicht aus, um eine Existenz zu zerstören. Insbesondere, wenn die betroffene Person im Scheinwerferlicht des offenen Interesses steht. In diesem Fall hat es irgendjemand auf die norwegische Justizministerin abgesehen. Diese soll, so schreibt es die anonyme Quelle, auf einem Parteitag einen Mitarbeiter sexuell missbraucht haben. Es beginnt das für unsere Mediengesellschaft typische Rennen um immer neue schmutzige Details im Leben der Politikerin.

Perfider Angriff auf eine Politikerin in Norwegen

Die Ministerin selber kann sich nicht verteidigen. Zwar ist an den Anschuldigungen gegen Trine Juul nichts dran, aber sie kann ihr Alibi aus sehr persönlichen Gründen nicht offenlegen – und so taucht sie erst einmal unter. Auch ihr Bruder Henning Juul kann sich zunächst erreichen. Spätestens jetzt könnte dem regelmäßigen Leser skandinavischer Krimis ein Name bekannt vorkommen.

Thomas Enger: „Verleumdet“

Henning Juul ist das Geschöpf des norwegischen Autors Thomas Enger, der seinen Online-Journalisten nach seinem Debüt in „Sterblich“ und „Vergiftet“ jetzt zum dritten Mal ermitteln lässt. „Verleumdet“ heißt, passend zum Schicksal der Justizministerin der zweite Band.

Mord im Altenheim

Eigentlich hat Henning Juul genug zu tun. In einem Altenheim wird eine greise Bewohnerin auf bestialische Weise ermordet und verstümmelt. Der findige Juul arbeitet sich schnell einen Wissensvorsprung heraus und geht damit sowohl Kollegen wie Polizisten gehörig auf die Nerven. So richtig kann sich Juul, obwohl rasch ein weiterer Mord geschieht, jedoch nicht auf den Fall konzentrieren. Er versucht natürlich seiner Schwester zu helfen und beschäftigt sich gleichzeitig noch mit seiner eigenen Vergangenheit. Sei Sohn kam vo Jahren bei einem Brand ums Leben, und der Journalist vermutet – vermutlich zu Recht – das hinter dem Brand mehr steckt, als die Ermittler ihm verrieten.

Thomas Enger schreibt Krimi und Familien-Drama zugleich

„Verleumdet“ macht vor allem wegen der verschiedenen, intelligent verwobenen Handlungsstränge und der damit verbundenen Perspektivwechsel Spaß. Thomas Enger schafft den Spagat, eine spannende Krimi-Handlung mit einer zunehmen an die Oberfläche drängenden Familien-Saga zu verbinden. Wer also die oft sehr persönlich werdenden skandinavischen Kriminalromane mag, der wird auch „Verleumdet“ als guten Krimi schätzen. Einen Schönheitsfehler gibt es, wenn man so will auch: Krimis werden heute, vermutlich wegen der Vermarktbarkeit und für die Umsetzung im Fernsehen (was ja beinahe dasselbe ist) zunehmend als Serien geschaffen. Das hat seinen Reiz, weil die Fortsetzung und die Beantwortung spannender Fragen wartet, das entwertet das Genre aber auch, weil die einzelnen Folgen wegen zunehmender Cliffhanger-Techniken ihre Eigenständigkeit verlieren.

Tatort:Norwegen

Schauplatz der Juul-Krimis ist Oslo, aber Thomas Enger lässt seine Protagonisten reisen. Interessanter als die Hauptstadt und ihre offenbar eher sterilen Vororte wird die Provinz. Dem Leben in den einsamen Hütten an Meer und in den Bergen widmet sich der Norweger jedenfalls mit deutlich mehr Liebe zum Detail. Auch das dürfte beim deutschen Leser mit seinem kaum zähmbaren Hang zur romantisierten Natur entgegenkommen.

Thomas Enger, Verleumdet, Blanvalet, 382S, 14,99€, VÖ: 11.November 2013

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Jesper Stein bringt „Unruhe“ nach Kopenhagen

Manchmal sind die alten Ideen doch die Besten. Das gilt sogar für Figuren in Kriminalromanen. Axel Stehen jedenfalls hat viele Vorbilder. Er ist ein verbissener Cop, der mit seinen Ermittlungsmethoden und seiner gnadenlosen Hartnäckigkeit bei seinen Vorgesetzten aneckt und deshalb immer kurz vor dem Rauswurf steht. Natürlich hat ihn seine Frau verlassen, natürlich, das hat sich im 21. Jahrhundert den aktuellen gesellschaftlichen Bild im Vergleich zu den frühen Vertretern des Genres geändert, ist er dennoch ein treusorgender Vater, der seine Tochter viel zu selten sieht.
Der Däne Jesper Stein hat sich die Figur Axel Steen für „Unruhe“ erdacht. Und um es gleich zu sagen: Die Figur funktioniert – trotz oder vielleicht gerade wegen der mangelnden Originalität. Es macht außerordentlich viel Spaß dem Polizisten bei seinen Ermittlungen in Kopenhagen zu folgen.

Ein Mord am Rande von Demonstrationen in Kopenhagen

Steen ist, auch das gehört zum Image, vermutlich der einzige Cop von Kopenhagen, der in einem alternativen Wohnbezirk lebt. So ist er jedenfalls schnell zur Stelle, als bei Unruhen anlässlich der Räumung eines Jugendzentrums ein Toter gefunden wird. Mitten im Trubel der Demonstrationen hat ein Unbekannter auf einem Friedhofsgelände einen Mann ermordet.

Kommissar Steen stellt unbequeme Fragen

Der Fall erhält sehr schnell Brisanz. Das Opfer ist dem ersten Anschein nach ein Autonomer. Der Täter, auch dieser Verdacht steht im Raum, könnte aus den Reihen der Polizei stammen. Tatsächlich stößt Kommissar Steen bei seinen Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten, auch bei seinen eigenen Kollegen. Keine Frage, dass sich der Polizist, der im übrigen von ständiger Todesangst und permanenten Sexträumen (das lass ich mal unkommentiert) geplagt wird, sich trotz zahlreicher Einschüchterungsversuche nicht abhalten lässt, unbequeme Fragen zu stellen. Fragen, deren Antworten tatsächlich auf einen mittelgroßen Polizeiskandal hindeuten.

Ein gelungenes Debüt von Jesper Stein

Jesper Stein, Journalist und Kriminalreporter, hat ein durchweg gelungenes Debüt hingelegt. „Unruhe“ ist schnörkellos und spannend erzählt, das Szenario düster, der Gesellschaftsentwurf angemessen pessimistisch. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi, zumal für einen der aus dem skandinavischen Raum kommt. Wer Serien mag, der sei darauf hingewiesen, dass der Band den Untertitel „Der erste Fall für Kommissar Steen“ trägt. Fortsetzung dürften also folgen.

Tatort: Kopenhagen

Das Kopenhagen von Axel Steen wird von Unruhen erschüttert, die alternative Szene begehrt gegen brutale Polizisten auf. Es kommt zu Straßenschlachten, in deren Schatten allerlei finstere Gestalten ihre kriminelle Energie ausleben. Das aus mitteleuropäischer Sicht eher beschauliche Kopenhagen wird hier zu düster-bedrohlichen Kulisse, dessen Straßen von Banden und Verbrechern kontrolliert werden. Das mag man kaum glauben, aber das funktioniert in „Unruhe“ außerordentlich prächtig. Wer also einen anderen, kälteren Blick auf die dänische Hauptstadt werfen will, sollte bei Jesper Stein auch aus bildungsbürgerlichen Aspekten nachlesen.
Jesper Stein, Unruhe, KiWi, 476S, 12,99€, VÖ: 7. November 2013

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Harald Gilbers gelingt mit „Germania“ ein besonders fesselndes Krimi-Debüt

Ein besonders gutes – und deshalb vermutlich besonders häufig – verwandtes Thema in der Kriminalliteratur, stellt einsamen Aufrechten in einer gnadenlos verdorbenen Welt ins Zentrum der Handlung. Raymond Chandler hat vermutlich mit Philip Marlowe den bislang bekanntesten Detektiv geschaffen, der solch ein richtiges Leben im falschen führt. Eine interessante Version des Themas gelingt, wenn der Plot in totalitäre Systeme verlegt wird. Tom Rob Smith und Sam Eastland lassen ihre Protagonisten durch den Stalinismus stolpern, die Briten Robert Harris und Philip Kerr haben brillante Krimis in die NS-Zeit verlegt.

 Ermittlungen im Bombenhagel

Genau dort hat jetzt auch ein Deutscher einen Krimi-Stoff angesiedelt. „Germania“ spielt in den letzten Tagen des dritten Reichs, als Berlin unter den permanenten Angriffen alliierter Bomber erzittert. Ein Serienmörder lauert jungen Frauen auf, verstümmelt und ermordet sie gnadenlos. Die Behörden entsinnen sich des Juden Richard Oppenheimer, einst Kriminalpolizist, der eigentlich schon lange Berufsverbot hat: Da er mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, wurde er bislang weder deportiert noch umgebracht. Weil die Ermittler der SS einen Nazi als Täter vermuten, scheint der kaltgestellte aber immerhin unbefangene Oppenheimer die richtige Wahl. Der Ex-Polizist, der im Geiste noch immer aufrechter und pflichtbewusster preußischer Beamter ist, macht sich auf die Suche, obwohl er genau weiß, dass seine „Gnadenfrist“ endgültig abgelaufen sein könnte, wenn er den Täter findet und stellt.

Harald Gilbers hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben

Harald Gilbers hat sich den wackeren Polizisten für „Germania“ erdacht – und das hat er im Großen und Ganzen richtig gut gemacht. Der Journalist und Theater-Regisseur  Gilbers hat eine enorm spannende Geschichte erfunden und erzählt sie – das ist für einen Kriminalroman immer das höchste Lob – fesselnd. Die besten Bücher sind doch immer noch die, die man nicht weglegen mag. „Germania“ gehört dazu.

Ein Schönheitsfehler bei „Germania“

Einen Schönheitsfehler hat der Kriminalroman: Titel und Vorspann sind eine außerordentliche Mogelpackung. „Germania“ suggeriert, dass es um die wahnwitzige Megapolis Hitlers gehen könne. Tatsächlich treten der wahnsinnige Diktator, sein Bauherr Albert Speer und ein Modell der Stadt auf den ersten drei Seiten auf – und dann  nicht wieder. Es könnt ein Kunstgriff sein, den Gegensatz der größenwahnsinnigen Planung und der bombennarbigen Totenstadt des Kriegsendes herauszustellen. Nötig wäre ein solcher Kniff nicht. Und so bleibt der Verdacht, dass sich Autor und Verlag auf einen verkaufsfördernden Marketing-Trick geeinigt haben. Das aber stört den insgesamt großartigen Eindruck, den Gilbers Debüt hinterlässt.

 

Tatort:Berlin

Es gibt für den deutschen Leser wohl kaum einen „Tatort“ den er so gut kennt wie Berlin. Das historische Berlin löst dabei beim Leser häufig eine besondere Faszination aus. „Mauer und „das 3. Reich“ sind die am häufigsten nachgefragten Themen bei Touristen aus In- und Ausland. Insofern hat es Harald Gilbers natürlich leicht, die Stadt als Kulisse für seinen Krimi in Szene zu setzen. Das gelingt ihm, obwohl er sich nicht wirklich Mühe gibt. Das historische Berlin blitzt immer wieder durch, aber man hat das Gefühl, dass der Münchner Gilbers allein in einigen Bildbänden recherchiert hat. Die Wege, die er seinen Ermittler Richard Oppenheimer zurücklegen lässt – und das auch noch größtenteils zu Fuß – sind jedenfalls nicht  besonders plausibel. Da man die Stadt in aller dichterischen Freiheit dennoch gut wieder erkennt, macht auch das oberflächliche Berlin-Bild Spaß.

Harald Gilbers, Germania Knaur, 535S., 9,99€, VÖ: November 2013