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Melanie McGrath und ihre Detektivin, die aus der Kälte kam

Endlich scheint der Frühling übers Land zu ziehen. Wer vom deutschen Winter, der so penetrant in den Frühling hereinragte, endgültig  die Nase voll hat, sollte von Melanie Mcgraths „Zeichen im Schnee“ die Finger lassen. Andererseits könnte einem ein letzter richtiger Kälteschock die ungastlichen mitteleuropäischen Temperaturen vergessen lassen. Schließlich hat McGrath eine Ermittlerin erschaffen, die wahrhaft aus der Kälte kommt. Edie Kiglatuk lebt auf Ellesmere Island, jenem Teil Kanadas, der durch einen dicken Eispanzer unmittelbar mit dem Nordpol verbunden ist.

Ein Verbrechen am Rande des Iditarod

Nach ihrem ersten Fall, dem großartigen „Im Eis“ (unter dem Link meine ausführlichen Eindrücke), hat es die toughe Inuit-Frau jetzt in eine vergleichsweise urbane Wildnis verschlagen. Anlässlich des Iditarod, dem wichtigsten Schlittenhund-Rennen der Welt, ist sie nach Anchorage, Alaska gereist. Dort, in der fremden Umgebung, verirrt sich die Fährtenleserin und Jägerin Kiglatuk heillos  im Wald – und findet einen toten, in einem merkwürdigen Ritual aufgebahrten Säugling. Für die lokalen Behörden ist der Fall schnell klar, sie machen sogenannte „Altgläubige“, aus Russland eingewanderte christliche Sektierer, für den Mord verantwortlich. Kiglatuk und ihrem Gefährten, dem Polizisten Derek Palliser, ist diese Antwort jedoch zu einfach. Sie stellen Fragen, finden weitere Tote, eine skrupellose Bande und geraten angesichts einer weitreichenden Verschwörung um ein abscheuliches Verbrechen alsbald in Bedrängnis.

Unbarmherzige Natur?  Bestie Mensch!

McGraths Erstling „Im Eis“ lebte von großartigen Schilderungen einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Sie widerstand der Versuchung, erneut das Verbrechen an den Rand der Zivilisation eindringen zu lassen und brachte ihre Ermittlerin zum Verbrechen. Das Konzept ging auf. Anstelle unbarmherziger Natur rücken bei „Zeichen im Schnee“ grausame Menschen in den Mittelpunkt. Und das hat sie gut gemacht. Abgesehen davon, dass die Britin einen höchst spannenden und deshalb unterhaltsamen Krimi geschrieben hat, zeichnet sie exzellent interessante Figuren. Das gilt für ihre Protagonistin, die stets pragmatische, westlichen Zivilisationserrungenschaften skeptisch gegenüberstehende Edie Kiglatuk, das gilt aber auch für beinahe alle anderen Figuren in ihrem Plot. Und wer Schnee und Eis vermisst: Auch davon gibt es in Alaska reichlich.

Tatort: Anchorage

Edie Kiglatuk lebt in der absoluten Einsamkeit. Ihre Heimat-„Stadt“ ist kaum mehr als ein Haufen zufällig hin gewürfelter Wellblech-Behausungen. Das ist nicht schlimm, ihre wahre Heimat ist die Tundra im hohen Norden, das ewige Eis. Entsprechend schlecht kommt Anchorage aus den Augen der Inuit geschildert, weg. Es ist ein auch 150 Jahre nach dem großen Goldrausch in Alaska noch im ein Dorado für allerlei merkwürdige Gestalten, die hier wahlweise sich vor ihrem Scheitern im Rest der Welt verstecken oder auf schnelles, halbseiden verdientes Vermögen hoffen. Von der Schönheit unberührter Natur jedenfalls, die den Mythos Alaska ausmachen, lässt Melanie McGrath in „Zeichen im Schnee nichts spüren.

Melanie McGrath, Zeichen im Schnee, Kindler, 443.S., 14,95€

VÖ: 8. März 2013

 





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Ian Rankin holt seinen John Rebus aus dem Ruhestand. Gut so

Ian Rankin hat seinen Lesern gleich zwei Gefallen getan. Erstens hat er einen weiteren Kriminalroman um seinen Ermittler großartigen John Rebus geschrieben und zweiten hat er den Mann altern lassen. Der allzeit knurrige Eigenbrötler Rebus, der von einer eigentümlichen Treibstoffmischung aus Rock, Whiskey und hartnäckiger Neugier angetrieben wird, befindet sich im halb im Ruhestand. Als richtiger Polizist darf der Mann nicht mehr arbeiten, weil er die Altersgrenze überschritten hat. Da er von der Verbrecherjagd nicht lassen kann, hat er 25 Jahre nach seinem ersten von bislang insgesamt 16 Fällen, als eine Art Hilfspolizist bei einer „Cold-Case-Einheit“ angeheuert. Dass er gelegentlich kurzatmig ist und auch sonst altersgerechte Ausfallerscheinungen hat, hebt ihn angenehm von anderen Ermittlern ab, die einfach nicht altern wollen.

John Rebus,dauerhaft vom Unglück verfolgt

Eine Konstante zieht sich durch das Leben des Schotten.  Das Unglück verfolgt ihn. Eher unfreiwillig fällt ihm der Fall eines seit 20 Jahren vermissten Mädchens vor die Füße. Schnell findet er heraus, dass nicht eine, sondern gleich mehrere junge Frauen vermisst werden und die Fälle zusammenhängen. Insbesondere, weil sie alle entlang der A9 verschwanden. Die A9 ist die zentrale Verkehrsschlagader, die von Edinburgh durch die Highlands nach Inverness und bis zum hohen Norden führt. Eigentlich alle, die in Schottlands Osten unterwegs sind, müssen die Straße, die sich malerisch schön, von steilen, meist kargen Bergen flankiert, durch die Täler schlängelt, passieren.

Rebus, wie könnte es anders sein, findet die Straße nur nervenraubend, viel Verkehr, wenig Fortschritt. So geht es lange auch seinem Fall. Durch hartnäckige Kleinarbeit und ausgiebige Kilometerfresserei kommt er mindestens als Ermittler irgendwann doch ans Ziel. Er findet erst das „Mädchengrab“ mitten in der schottischen Wildnis und später den Täter.

Ian Rankin versteht sein Handwerk

Mittlerweile ermittelt John Rebus seit über 25 Jahren und hat dabei öffentlichkeitswirksam bislang 16 Fälle aufgeklärt. Insofern ist er regelmäßigen Krimilesern ein alter Bekannter. Bestimmte Macken des Edinburgher Ex-Polizisten sind also, sagen wir mal vorsichtig, dem Leser vertraut, genau wie das handelnde Personal. Dennoch versteht es Ian Rankin immer wieder spannende Geschichten zu erzählen. Auch „Mädchengrab“ ist ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman. Rankin versteht sein Handwerk und hat es geschafft, trotz des Seriencharakters seiner Krimi-Reihe nicht in Routine zu erstarren. Dass er noch lange nicht schreibmüde ist, deutet er durch eine weitere Volte an. Er hat, möglicherweise von der Realität inspiriert, kurzerhand das Rentenalter bei der schottischen Polizei angehoben und seinen Ermittler natürlich ein Bewerbungsformular ausfüllen lassen. Gut möglich also, dass John Rebus wieder in den aktiven Dienst zurückkehrt – bis er wieder irgendwo aneckt.

 

Tatort:Schottland

John Rebus ist Stadtmensch, Edinburgh (unter dem Link einige eigene Eindrücke von mir zur Stadt) seine Heimat. Immer wenn er aufs Land muss, wird er besonders grantig. In „Mädchengrab“ muss er gleich mehrfach die schottische Verkehrsschlagader A9 befahren. Natürlich hat er keinen Blick für die raue Schönheit, die sich dem Autofahrer eröffnet, wenn er Perth passiert hat. Es geht in die Highlands, im Westen ragen die Grampian Mountains auf, im Osten die Cairngorm Mountains mit seinem riesigen Nationalpark. Es sind schroffe Bergflanken, sie sich über dem Autofahrer auftürmen, karg bewachsen mit runden, felsigen Gipfeln. Zwischen den Bergmassiven liegen jedoch enge Täler, in denen sich Flüsse schlängeln und Gehöfte ducken. So geht es mindestens bis Inverness, eine tatsächlich verwachsen bebaute Stadt, immer kurz vorm Verkehrsinfarkt. Vermutlich ist John Rebus, der meist nach Whiskey-Brennereien navigiert, nur deshalb nicht gut auf die A9 zu sprechen, weil ihm sein Schöpfer hinter Aviemore, dem schottischen Skiort, keinen Abstecher in sie Speyside gönnt. Dort hätte der Edinburgher nicht nur liebliche Täler und sanft geschwungene grüne Hügel, munter gluckernde Flüsschen und pittoreske Dörfer gefunden, sondern auch den Großteil der Brennereien, die das „Wasser des Lebens“ produzieren, das John Rebus in seinen Pub-Besuchen in Edinburgh neben dem einheimischen Ale so ausgiebig konsumiert.

Ian Rankin, Mädchengrab, Manhatten, 512 S., 19,99€

VÖ: 11. März 2013

Mehr Texte zu Schottland von mir auch auf dem Reiseportal myEntdecker

 





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Margie Orfords Galgenberg: Starke Themen, durchsichtiger Plot

Es gibt Ortsnamen, die eine eigentümliche Faszination ausüben, weil sie klingend auf eine bewegte Geschichte hindeuten. Gallows Hill im südafrikanischen Kapstadt gehört zweifelsfrei dazu. Am Fuße dieses Galgenbergs werden, so will es die Autorin Margie Orford, hunderte Skelette aus der Zeit britischer Herrschaft gefunden, aber eben auch ein Skelett, dass so gar nicht in den historischen Kontext passen will. Bei den Ausgrabungen werden Überreste einer jungen Frau ausgegraben, die höchstens zwanzig bis dreißig Jahre tot sein kann.

Zwei Ermittler im Kampf gegen korrupte Politiker

Captain Riedwaan Faizal und Profilerin Clare Hart stoßen auf den Fall und schliddern schnell in ein gewaltiges Schlamassel. Die Leiche liegt ausgerechnet auf einem Gelände, auf dem eine, man muss es wohl so nennen,  Bande korrupter Geschäftsleuten, Politikern und Unterweltgrößen profitabel (und unter Umgehung der Gesetze) bauen will. Ermittlungen der Polizei sind da nicht besonders willkommen. In mühseliger Kleinarbeit findet vor allem Clare Hart zunächst die Identität der Leiche, setzt dann Stück für Stück das Leben der Frau zusammen und zeichnet so den Weg nach, der zu dem Mord führte,

Margie Orfords Galgenberg ist als Krimi nur teilweise gelungen

„Galgenberg“ heißt der mittlerweile vierte Fall, den Margie Orford ihre beiden Ermittler lösen lässt. Offen gestanden ist das Lesevergnügen eher zwiespältig. Die Themen, die die Südafrikanerin wählt, sind spannend. Die aufgewühlte Geschichte ihres Landes bildet einen mehr als farbigen, bewegten Hintergrund für ihren Kriminalroman. Orford verwendet  die Korruption der aktuellen herrschenden Kaste, die Gräuel des späten Apartheit-Regimes, die Sklavenhaltergesellschaft des 19. Jahrhunderts in ihrem Roman und verwendet dabei berührende und  mitreißende  Episoden der Geschichte ihrer Heimat. Gleichzeitig aber legt sie in der Handlung allzu offensichtliche Spuren – und Krimis, die allzu vorhersehbar sind, verlieren schnell jede Spannung. Auch verliert sich die Lösung im Banalen. Insofern kann „Galgenberg“ über die „Nebenthemen“ zwar fesseln, als Krimi aber nicht wirklich überzeugen.

 

Tatort:Kapstadt

Die Ermittlungen führen die Polizisten an alle möglichen Plätze  Kapstadts, vom Villenviertel bis zum Slum, wirklich nahe kommt die Stadt trotz präziser Ortsangaben dem Leser jedoch nicht. Margie Orford wirft einen eher distanzierten Blick auf die Stadt am Kap der Guten Hoffnung. Etwas präziser wird der Blick bei einer Landpartie des Detektivs. Hier zeigt sie die Weite, die Einsamkeit, aber auch die fortbestehende Zerrissenheit des Landes, und die Gewalt, die Südafrika noch immer dominiert. Hier reicht sie beinahe an die großartigen Schilderungen ihres Kollegen und Landsmannes Roger Smith heran, der in Staubige Hölle wahrhaft großartige Skizzen  seiner Heimat gezeichnet hat.

Margie Orford, Galgenberg, Blanvalet, 414 S., 14,99€

VÖ: März 2013



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Jaden E. Terrell beobachtet Nashvilles „Mitternachtsseelen“

Der junge Josh hat es nicht leicht. Kaum jemand traut ihm über den Weg. Seine Eltern nicht, die wenig Verständnis für sein Leben als Goth und noch viel weniger für seine Affäre mit einem deutlich älteren Mann haben. Dass Freunde abrücken scheint weniger schlimm, als die Tatsache, dass die Polizei ihm einen Mord an eben jenem älteren Ex-Geliebten vorwirft. Am aller wenigsten vertraut und schätzt sich Josh selber. Er überlebt nur knapp einen Selbstmord. Immerhin hat er so viel Verstand, sich an seinen Onkel zu wenden. Dieser, Jared McKean ist erstens Privatdetektiv und zweitens bereit, über alles Grenzen für seinen Neffen zu kämpfen.

Ein Mord in der Goth-Szene

McKean sieht nur einen Weg, seinen Neffen zu schützen – er muss den wahren Mörder finden. Der Detektiv, der nach streng-bürgerlichen Maßstäben selber nur eher mühsam durchs Leben findet, macht sich auf die Suche und taucht tief in die Gothic-Szene ein und muss sich mit allerlei merkwürdigen Typen auseinandersetzen. Nicht aller seiner neuen „Freunde“ sind harmlos. Irgendjemand stört sich an den Ermittlungen und legt McKean unter anderem eine hochgiftige Klapperschlange ins Auto. Das soll nicht der einzig Anschlag auf den Mann bleiben…

Jaden E. Terrell hat einen sympathischen Detektiv erfunden

Jared McKean ist eine Erfindung der US-Amerikanerin Jaden E. Terrell. „Mitternachtsseelen“ heißt der neue, zweite Band aus der Serie um den Privatdetektiv, der seine Kreise in Nashville zieht. Ihr neues Buch ist kein herausragender, aber ein sehr solider Krimi, der so spannend konstruiert ist, dass der Leser der Handlung gerne bis zum Ende folgt. Terrell hat auch ausreichend überraschende Wendungen erdacht, die für ausreichend Abwechslung sorgen. Dazu kommt, dass man die Figur des gescheiterten Mannes, der sein Geld als zynischer, aber im tiefsten Inneren naiv ans Gute glaubender Privatdetektiv verdient, gerne mag, auch wenn das seit den Urvätern Sam Spade oder Philip Marlowe wahrlich kein neuer Charakter ist. Insofern ist „Mitternachtsselen“ gelungene Krimi-Unterhaltung.

Tatort:Nashville

Nashville hat seinen Ruf weg. Es ist die Zentrale der Country-Musik in den USA. Beinahe alle Größen der Szene leben hier, auch der große Johnny Cash verbrachte den wichtigsten Teil seines Lebens hier. Nicht alle mögen die Musik der Stadt, und auf Dauer höhlt das Mainstream-Gedudel vermutlich auch die härtesten Gehörgänge aus. In „Mitternachtsseelen“ spielt die Musik allerdings keine Rolle. Jaden E. Terrell  schildert eine Südstaatenmetropole, die auf eine gewisse Weise typisch amerikanisch ist, im Prinzip aber weitgehend gesichtslos bleibt. Die Frage ist, hat sie damit nicht-country-hörenden Krimi-Lesern einen Gefallen getan, oder eine Chance ausgelassen, seinem Krimi noch mehr Profil zu geben?

Jaden E. Terrel, Mitternachtsseelen, Rowohlt, 334 S., 9,99

VÖ: Februar 2013



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Joe R. Lansdale beschreibt einen Road-Trip per Floß in die Freiheit

Normalerweise gelten Flüsse als Keimzelle menschlicher Hochkultur. Wasser bedeutet Landwirtschaft, ermöglicht Transport, Leben schlechthin. Beim Sabine River im Osten von Texas scheint alles anders. Es sind trostlose Gegenden, die der beinahe 1000 Kilometer lange Fluss durchquert, sein brackiges Wasser spendet nur wenig Hoffnung für die Menschen, die in verkommenen Hütten an seinen Ufern siedeln. Dieses Bild zumindest zeichnet Joe R. Lansdale in „Dunkle Gewässer“.

Der US-Amerikaner erzählt in seinem neuesten Roman aus der Sicht der 17-jährigen Sue Ellen. Gemeinsam mit ihren Freunden Terry und Jinx wird sie Zeugin, wie die Leiche der Provinzschönzeit May Lynn aus dem Fluss gefischt wird.  In den Habseligkeiten ihrer Freundin, die immer nach Hollywood wollte, finden die Teenager zunächst Belege, dass May Lynn in einen Bankraub verwickelt war und später das dazugehörige Geld. Alle drei beschließen aus ihrem hoffnungslosen Leben auszubrechen und machen sich gemeinsam mit Sue Ellens alkoholsüchtiger Mutter auf dem Fluss auf den Weg. Rasch heftet sich allerlei finsteres Gesindel an die Fersen des Quartetts.

„Dunkle Gewässer“ ist eine mitreißende Abenteuergeschichte

Joe R. Lansdale hat trotz einiger Kriminalromane entlehnter Stilmittel in erster Linie eine Abenteuergeschichte geschrieben, einen Road-Trip per Floß, angesiedelt im frühen 20. Jahrhundert. Der Weg in die Freiheit ist mühsam, das suggeriert der Roman. So ganz ohne weiteres entkommen die Protagonisten Vorurteilen, Rassismus und primitiver Habgier nicht. Auch, weil sie sich davon zunächst von sich selber befreien müssen.

„Dunkle Gewässer“ ist ein ungewöhnlicher Roman, weil es Lansdale gelingt, mit einfachen Mitteln – ohne moderne Effekthascherei -, das Gefühl von Gefahr, also Spannung zu transportieren. Dabei  gelingt es ihm das Portrait einer beinahe hoffnungslosen Ära in einer äußerst mitreißenden Abenteuergeschichte zu verpacken.

 

Tatort:Texas

Der Sabine River ist der heimliche Hauptdarsteller von „Dunkle Gewässer“ – und natürlich Namensgeber des Romans von Joe R. Lansdale. Der Sabine River ist Grenzfluss zwischen Texas und  Louisiana, 925 Kilometer lang, wasserreich, aber ansonsten eher unbedeutend.   Heute ist er gestaut und dient als Wasserreservoir für die Einwohner von Texas. In Lansdales Roman ahnt man aber, wie es gewesen sein muss, als er noch ungezähmt floss und sich in Hochwasserjahren einfach Häuser, Scheunen und Acker griff.  Der Amerikaner taucht mit seiner Abenteuergeschichte tief in das Leben der Südstaaten vergangener Jahre ein, Zeiten in denen Recht und Gesetz wenig zählten, sich der Stärkere nahm, was ihm zustand. Die Szenerie dazu liefert der Sabine River, an dessen Ufer nur ein Leben in Armut möglich schien. Diese Kulisse malt Lansdale mit energischen, kraftvollen Strichen gleichermaßen glaubwürdig wie Mitleid erregend aus.

Joe R. Lansdale, Dunkle Gewässer, Tropen, 320 S., 19,95€

VÖ: 21. Februar 2013



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Patrick Woodhead führt seine Leser mitten ins Herz der Finsternis

Verbrechen zahlt sich nicht aus. Das ist die wichtigste Erkenntnis der meisten Kriminalromane und Thriller. Das gilt auch für „Der Weg ins Dunkel“ von Patrick Woodhead. Der Mann macht das in seinem Thriller schon sehr  früh klar – auch ohne es explizit zu schreiben. Dass man die insgesamt 413 Seiten bis zum verdienten Ende der Schurken dennoch mit größtem Vergnügen liest, liegt daran, dass Woodhead den „Guten“ auf dem Weg zum Happy End so manchen groß dimensionierten Stein in den Weg legt.

Eine Hetzjagd durch den Kongo

Der Leser folgt Luca Matthews und Beatrice Makuru auf ihrem Weg. Ersterer ist desillusionierter, nach einem Unglück verbitterter Bergsteiger, letztere Geologin im südlichen Afrika. Beide treffen aufeinander, als Matthews in den Kongo reist, um einen verschollenen Freund zu suchen, ein für Afrika nicht ganz unbekanntes Thema. Beide werden unfreiwillige Reisegefährten und mit ihrem Flugzeug über dem Kongo-Fluss abgeschossen. Es folgt eine Hetzjagd durch den Dschungel, bei der die wahnsinnigen, durch Drogen manipulierten Kindersoldaten der Lords Resistance Army, rassistische Fremdenlegionäre, chinesische Mafiosi, die CIA und allerlei anderes zwielichtiges, man ist geneigt zu sagen, Gesindel eine Rolle spielen und dabei Matthews und Makuru das Leben für einen Thriller angemessen schwer machen.

Patrick Woodhead beschreibt mit seinem Thriller ein verlorenes Land

Man erkennt, das ist eine Schwäche von „Der Weg ins Dunkel“, bereits auf den ersten Seiten, dass erstens der Freund gerettet, zweitens eine gemeine Verschwörung aufgedeckt wird und dass drittens eine zarte Liebe entstehen wird. Gelegentlich liest sich Woodhead so, als habe er Hollywood und die Filmrechte, die ein drehbuchreifer Thriller ermöglichen, fest im Blick. Dennoch macht das Buch Spaß. Das liegt daran, dass die Figuren bei aller Vorhersehbarkeit gut erdacht sind, das liegt aber in erster Linie am Schauplatz. Woodhead schafft es Kongo so zu schildern, wie man sich das „Herz der Finsternis“ wie die Region seit mittlerweile Jahrhunderten genannt wird, vorzustellen wagt. Woodheads Kongo ist mindestens so verloren, wie die spärlichen Nachrichten von der Südhalbkugel das andeuten. Hier herrschen Apathie, Korruption, das Recht des Stärkeren und immer wieder grauenerweckende, sinnlose Gewalt. Diesen Schrecken, das überflüssigen, furchtbaren Sterben schildert Woodhead eindringlich. Und allein deshalb lohnt sich das Buch.

 

Tatort:Kongo

Undurchdringlicher Dschungel, ein einsamer, todbringender Vulkan, eine abgelegene Siedlung, in der Korruption, Prostitution, Gewalt und windige Geschäfte den Alltag bestimmen, sind die Schauplätze von „Der Weg ins Dunkel“ Der Buchtitel stimmt. Am Boden des dichtbewachsenen Urwaldes nahe des Kongo-Flusses erwärmtbei aller Gluthitze der Tropen kaum ein Lichtstrahl den Menschen, der sich dorthin verirrt hat. Die größte Bedrohung ist aber auch hier der Mensch. Woodhead beschreibt in seinem Thriller die politische Lage eines Landes, das keine Stabilität finden will, auch weil  – da bedient sich Woodhead der Realität – ausländische Mächte auf der Suche nach günstigen Rohstoffen mit den unappetitlichsten Partnern ins Bett steigen. Beim Tatort Kongo hat sich Patrick Woodhead für seine Fiktion sehr eng an die Wirklichkeit gehalten. Vermutlich musste er, so gruselig seine Schilderungen sind, das Schlimmste noch weglassen.

Patrick Woodhead, Der Weg ins Dunkel, Rowohlt, 413 S., 9,99€

VÖ: Januar 2013



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Leena Lehtolainens Familiensaga um eine moderne Abenteuerin

Ein guter Name ist oft die „halbe Miete“, auch bei einem Roman. Der Klang entscheidet in Heldengeschichten, Märchen und Sagen oft darüber, ob eine Figur glaubwürdig oder sympathisch wirkt. So gesehen ist Hilja Ilveresko ein genialer Einfall. Er wirkt bodenständig normal und doch  beinahe auf der ganzen Welt exotisch, deutet auf Geschichten in fernen Welten hin.

Hilja Ilveresko, Ermittlerin am Rande einer bürgerlichen Existenz

Die Figur, die sich hinter Hilja Ilveresko verbirgt ist denn auch eine moderne Abenteuerin. Wie viele Vorbilder in der Kriminalliteratur, von Sherlock Holmes über Philip Marlowe bis hin zu Lisbeth Salander, lebt die Finnin eher am Rande bürgerlicher Existenz, ist nur mit brüchigen Trossen im sicheren Hafen der Gesellschaft vertäut, jederzeit bereit sich loszureißen, um mehr treibend als zielstrebig unerforschte, gelegentlich gefährliche Gefilde anzusteuern. Hilja Ilveresko wuchs als Beinahe-Waise in der finnischen Wildnis auf, wurde Leibwächterin und schlägt sich, seitdem das schief ging, mit allerlei Gelegenheitsjobs durchs Leben, kann schießen ,kämpfen  und kellnern – und nimmt sich die Männer, die sie will.  Ganz nebenbei pflegt sie noch ein Alter Ego, verkleidet sich, wenn es die Situation verlangt als Mann.

Leena Letholainens „Löwe der Gerechtigkeit“ ist eigentlich kein Krimi

Wenn man strenge Maßstäbe anlegt, ist Hilja Ilveresko vollständig unglaubwürdig, aber genau das macht den Reiz der Figur aus. Die finnische Detektivin, die sich die erfolgreiche Schriftstellerin Leena Lehtolainen zur Abwechslung Autorinnen-Alltag als Zweit-„Heldin“ erdacht hat, ist eine höchst unterhaltsame Märchenfigur. Da macht es gar nichts, dass die Handlung im zweiten Band der Trilogie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Nach „Die Leibwächterin“ geht, so die Ankündigung, Ilveresko in „Der Löwe der Gerechtigkeit“ erneut auf Verbrecherjagd. Genau genommen ist „Der Löwe der Gerechtigkeit“ jedoch eher eine Familiensaga, allerdings ohne Familie. Der Leibwächterin geht zunächst in Italien der Geliebte verloren, dann beobachtet sie einen Mord und schließlich treiben  allerlei Unterweltfiguren, die man in Band eins bereits bezwungen wähnte, wieder ihr Unwesen.  Außerdem erfährt der Leser so einiges über die Familie und Vorgeschichte der Detektivin. Das ist, im Sinne eines Krimis, insgesamt mäßig spannend aber dennoch höchst unterhaltsam, allein weil man der durchgeknallten Frau mit Luchs-Tick auch durch die abstrusesten Situationen einigermaßen gerne folgt.

Tatort:Finnland

Man würde ja gerne wissen, ob Leena Lehtolainen speziell  für den deutschen Markt schreibt, ihre Tatorte jedenfalls legen das nahe. Viele Deutsche reisen gerne in den Norden, um aus den überfüllten Städten in skandinavische Einsamkeit zu fliehen. Das Konzept von einsamer Hütte in idyllischer Landschaft muss wohl das romantische Gen des Volkes, das den Spaziergang in der Natur erfunden hat, aktivieren. Jedenfalls bleibt das Helsinki Lehtolainens einigermaßen blass, während die Hütten, die Seen und Waldlandschaften plastisch und glaubhaft inmitten weitläufiger nordischer Einsamkeit stehen und situationsgerecht behaglich-einladendes Licht oder unheimliche Düsternis verströmen. Dem kann man sich jedenfalls nur schwer entziehen.

Leena Lehtolainen, Der Löwe der Gerechtigkeit, Kindler, 348S., 19,95€

VÖ: 19. Januar 2013



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Dirk Kurbjuweit versetzt einen Familienvater in Angst und Schrecken

Architekten führen, so die weit verbreitete Meinung, ein meist angenehmes Leben. So scheint es auch bei Randolf Tiefenthaler. Er hat Frau und Kinder, ein gut gehendes Büro und kürzlich den größeren Teil eines Hauses in Berlin Lichterfelde, einem Vorort am äußersten Stadtrand, gekauft.

In einer Souterrain-Wohnung lebt ein weiter Mitbewohner des Hauses, der freundliche Herr Tiberius. Nach und nach zeigt sich, dass der Mann im Keller nicht ganz so nett ist, wie es zunächst schien. Auf Kuchen folgen Zudringlichkeiten, Briefe, Annäherungsversuche an Tiefenthalers Frau –  und , als diese erfolglos bleiben, Anklagen und Verleumdungen. Immer wieder streut der gestörte Mann beispielsweise, dass die Tiefenthalers ihre beide Kinder sexuell missbrauchen.

VerzweifeltesTagebuch eines Famienvaters

Das Leben der Familie wird immer weiter zerstört, auch weil Tiefenthaler erst auf die Kraft des Dialoges und dann auf den Rechtsstaat setzt.  Dass das ganze blutig endet, nimmt Dirk Kurbjuweit, der Autor von „Angst“ im Prinzip vorweg. Der Leser  erhält Einblick in eine Art retrospektives Tagebuch des Architekten, dass dieser nach dem Tod des Herrn Tiberius verfasst. Offenbar hatte Tiefenthalers Vater das Gesetz in die eigenen Hände genommen und den gefährlichen Mitbewohner zum Schutz seiner Enkelkinder erschossen.

In den Tagebuchaufzeichnung des Familienvaters erfährt der Leser aber noch viel mehr. Er liest über eine ebenfalls, wenn man so will, gestörte Persönlichkeit, die als Kind den Vater fürchtete, weil dieser ein Waffennarr war, der ohne Pistole nicht aus dem Haus ging, eine Persönlichkeit, die aber offenbar auch nicht zu einer wirklichen Ehe in der Lage ist und die Abende lieber alleine in der Anonymität verbringt.

Portrait eines Stalking-Opfers

„Angst“ ist ein zwiespältiges Buch, natürlich ist das Thema Stalking spannend und die Schilderung eine subtilen Schreckens, der eher in Erwartungen als in Taten begründet liegt, krimi-gerecht furchteinflößend. Andererseits ist, obwohl Kurbjuweit als hervorragender Autor gilt, von dem es gelegentlich heißt, dass er beim „Spiegel“ anderen Autoren die Texte schön schreibt, „Angst“ für meinen Geschmack deutlich zu kurzatmig geraten. Vermutlich hat sich der Autor in die Denkweise des rationalen Architekten hineinfühlen wollen, das Ergebnis ist jedoch ein gelegentlich oberflächlich wirkendes Tempo. Auch der Protagonist wirkt eher weinerlich und ich-bezogen als sympathisch oder wenigstens mitleiderregend. Das könnte daran liegen, dass Kurbjuweit offenbar eigene Erfahrungen, selbst Erlebtes in „Angst“ verarbeitet hat. Als Selbsterfahrungsbericht hat „Angst“ daher einige gewisse emotionale Kraft, als Krimi, als unterhaltende Spannungslektüre, fehlt dem Roman mindestens die Spannung.

Tatort:Berlin

Reinickendorf und Lichterfelde sind eigenwillige Bestandteil Berlins, die Schlafstädte am nördlichen beziehungsweise südlichen Rand der Stadt verbindet eine interessante Bevölkerungsstruktur. Viele gut situierte Familien leben hier, Bürgerliche, die Angesichts bevorstehenden Nachwuchse das Nest in Form eines Eigenheimes gebaut haben teilen sich die Stadtviertel mit einem eher kleinbürgerlichen, engstirnigen Ur-Berliner Milieu. In dies Welt entführt Dirk Kurbjuweit seine Leser gleich in doppelter Hinsicht. In zahlreichen Rückblenden schweift der Autor in die sechziger und siebziger Jahre zurück und lässt die Stimmung einer eingemauerten, wie im Belagerungszustand befindlichen Stadt auferstehen. Das dürfte den älteren Lesern vertraut sein und den jüngeren einen interessanten Blick in die jüngste Geschichte bieten.

Dirk Kurbjuweit, Angst, Rowohlt-Polaris, 252 S., 18,95€

VÖ: 18. Januar 2013



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Michael Connelly nimmt gierige Banker aufs Korn

Der Lincoln-Lawyer ist zurück. Im Rücksitz einer Limousine mit zwielichtiger Vergangenheit kreuzt Michael Haller duch die Straßen von  L.A. und gabelt buchstäblich am Straßenrand Klienten auf. Mittlerweile ist der Anwalt beinahe seriös geworden – er fischt Kunden auch auf dem Anzeigenmarkt ab.

Mord an einem gierigen Banker

Seine neueste Einnahmequelle: Opfer der Immobilienblase, die die Raten ihrer Krediten nicht mehr bedienen können und von Banken per Zwangsversteigerung aus ihrem Haus getrieben werden. Eine dieser Kunden ist Lisa Trammel, eine eher penetrante Lehrerin, die seit Jahren um ihr Haus kämpft und nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu drastischen Mitteln griff: Die Polizei verhaftete die junge Frau, weil sie angeblich einen ihrer Banker mit dem Hammer erschlug.

Aus der Untersuchungshaft meldet sich Trammel bei Michael Haller, der zunächst einmal eine gute Einnahmequelle wittert, vor allem – schließlich praktiziert er in der Nachbarschaft Hollywoods – weil er ahnt, dass er mit Filmrechten auf seine Kosten kommen könnte. Erst allmählich, als er während des Prozesses versucht, Verteidigungslinien aufzubauen, beginnt er, auch an die mögliche Unschuld seiner Mandantin zu glauben

Man ahnte es schon immer – der Immobilienmarkt ist ein Haifischbecken

Das Immobiliengeschäft ist, damit spielt Michael Connelly, der geistige Vater von Michael Haller gekonnt, ein dunkler Sumpf, in dem mit harten Bandagen um Provisionen und Renditen gekämpft wird. „Der fünfte Zeuge“ heißt der neueste Roman des derzeit wohl besten „Serientäters“ aus den USA. Michael Haller ist die Zweitfigur des Autoren, der bereits eine umfangreiche Serie um den zynischen, aber immer ehrlichen und donquixote-artig gegen die Umstände kämpfenden Harry Bosch geschaffen hat.

Michael Connelly, der derzeit beste Serientäter aus den USA

Michael Connelly bietet routiniert Krimi-Stoff auf allerhöchstem Niveau. „Der fünfte Zeuge“ ist formal vielleicht nicht sehr innovativ, ein Gerichtsthriller, der zum größten Teil auf den wenigen Quadratmetern zwischen Richtertisch, Anklagebank und Jury spielt, ein Szenario, wie es John Grisham immer wieder inszeniert hatte, aber Connolly ist ein Meister des Spannungsbogens. Er konstruiert Kriminalromane, die wirklich fesseln. Auch wenn man meint, den Verlauf erahnen zu können, will der Leser den Protagonisten auf den Fersen bleiben – und irgendwie schafft es Connelly doch immer wieder, sein Personal unvermittelt völlig überraschende und doch glaubwürdige Haken schlagen zu lassen.

Auch das handelnde Personal ist eigentlich bekannt und schon oft erzählt, Harry Bosch und sein Cousin Mickey Haller sind Männer, die ihr bestes Alter beinahe schon hinter sich haben, sich aus reinem Selbstschutz mit Härte und einem dicken Mantel aus Zynismus umgeben, im Innersten aber nie aufgegeben haben, an das Gute zu glauben – und dafür auch einstehen. Koste es, was es wolle. Streng genommen ist das natürlich furchtbar eindimensional, dennoch, leidet, fiebert und lebt der Leser mit den Abenteuern der beiden aufrechten Großstadtcowboys in einer schmutzigen, verkommenen Welt mit.

Tatort:Los Angeles

Es gibt Städte, die sind nur von Oben schön. Rio de Janeiro gehört dazu. Vom Corcovado, dem Berg, von dem aus die Jesus-Statue über die Einwohner wacht, betrachtet, glänzt die Stadt in den schönsten Farben: Natur, Häuser und Meer bilden ein perfektes Ensemble, aus der Nähe jedoch wird Rio zum Moloch. Michael Connelly sieht sein Los Angeles wohl ähnlich. Wenn er sich Straßen und Häusern einer immer weitläufigen und zugleich beinahe ländlich provinziell wirkenden Metropole nähert, zeichnet der US-Amerikaner die Stadt wie eine zu grell geschminkte, alternde Prostituierte, die ihre besten Tage deutlich hinter sich hat. Friedvoll wirkt Los Angeles immer dann, wenn seine Darsteller von einer Dachterrasse eines auf einem der vielen Hügel liegenden Häuser aus auf die Stadt schauen. Dieses Bild zieht Connelly konsequent durch, dieses Bild liefert er auch in „der fünfte Zeuge“. Das passt, das überzeugt, auch weil es den vagen Rahmen zu einer Geschichte liefert, die zum größten Teil als Kammerspiel im Inneren eines Gerichtssaals spielt.

Michael Connelly, Der fünfte Zeuge, Knaur, 635 S., 9,99€

VÖ: 18. Januar 2013



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Kommissare oder Karikaturen? Stephan Ludwig sollte sich entscheiden

Die österreichische Krimi-Schriftstellerin Ursula Poznanski hat in einem Interview einen einfachen, aber wahren Satz über glaubwürdige und mitreißende Ermittler gesagt.“ Man muss ihnen zutrauen, dass es sie es am Ende hinbekommen“. Bei Claudius Zorn, aber auch seinem Partner sind da erhebliche Zweifel angebracht. Zorn ist eine Erfindung von Stephan Ludwig, in Halle lebender Autor.

Claudius Zorn, äußerlich wie innerlich ungeschickt

Ludwig beschreibt seinen Ermittler als wenig motiviert, kleingeistig und äußerlich wie innerlich ungeschickt. Zwar wird „Vom Lieben und Sterben“ meist aus der Perspektive Zorns erzählt, aber den Autoren hat offenbar die Lust an der Groteske zu sehr gereizt. Jedenfalls schwankt die Einschätzung des Lesers häufig zwischen Depp und Held, überflüssig zu sagen, dass der Zeiger meistens Richtung Depp weist. Folgerichtig basieren die „Ermittlungserfolge“ meist auf Zufällen.

Ein ergreifender Plot um Kindesmissbrauch

Der Fall, durch Zorn und sein Kompagnon Schröder stolpern, hat es in sich. In der ansonsten verschlafenen Provinzstadt sterben unvermittelt Teenager. Genauer gesagt werden sie beinahe schon bestialisch hingerichtet. Dass um Missbrauch geht , kann der Leser, angesichts der Tatsache, dass die Opfer sich seit Kindheitstagen kannten, schnell ahnen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt, jedoch nicht. Die Konstruktion des Plots ist Ludwig überaus gut gelungen. Und so ist „Vom Lieben und Sterben“, der zweite Fall des Duos, nicht wegen, sondern trotz seiner Ermittler ergreifend und bis zum Schluss einigermaßen spannend. Und wenn sich Ludwig irgendwann entscheiden kann, ob seine beiden Hauptdarsteller Karikaturen oder Kommissare sind, kann die neue Reihe tatsächlich, wie auf dem Umschlag angekündigt, Kultstatus erlangen. So reiht er sich trotz einiger guter Ideen nur im unteren Mittelfeld der Neuerscheinungen ein.

Tatort:Provinz

So ganz genau ist nicht zu erkennen, wo die Zorn-Reihe spielt, aber Vieles spricht für die ostdeutsche Provinz. Das wird aus dem Umfeld der Ermittler deutlich, die – wenn ihnen nicht gerade ein Mordopfer vor die Füße fällt, sich um Betrug am Pfandautomaten oder Einbrüche bei Kleingärten kümmern müssen.  Insgesamt bleibt aber die Stadt als Tatort einigermaßen blass.

Stephan Ludwig, Zorn, vom Lieben und Sterben, Fischer, 367 S., 8,99€, VÖ: November 2012