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Poznanski&Strobel schreiben mit „Fremd“ einen beinahe perfekten Thriller

Eine alleinstehende Frau bereitet sich auf den Abend vor. Es soll ein gemütlicher Abend auf dem Sofa werden. Doch daraus wird nichts. Erstens steht nicht nur ein Fremder im Wohnzimmer, er behauptet zweitens auch noch, der Lebensgefährte der Frau zu sein. Dieses Alptraumszenario erlebt, so wollen es die beiden Autoren Ursula Poznanski und Arno Strobel in ihrem Thriller „Fremd“ eine junge Frau.

Ein Thriller eines ungewöhnlichen Autoren-Duos

Es hat sich ein profiliertes Duo zusammengefunden, sowohl Ursula Poznanski („Fünf„) als auch Arno Strobel („Das Rachespiel„) haben bereits mehrere Krimis geschrieben, die sich in den einschlägigen Bestsellerlisten wiederfanden.

Fesselndes Verwirrspiel um eine Partnerschaft

Der besondere Reiz bei Fremd liegt darin, dass sie die Geschichte um die eingebildete oder tatsächliche Partnerschaft gleichberechtigt aus den Perspektiven beider Beteiligter erzählen. Joannas Entsetzen über den fremden Mann in ihrem Leben ist genauso glaubwürdig, wie die Verzweiflung von Erik darüber, dass seine Verlobte ihn nicht wiedererkennt. Immerhin raufen sie sich soweit zusammen, dass sie gemeinsam versuchen herauszufinden, was genau eigentlich los ist. Beide mit einem gesunden Misstrauen, dass der jeweils andere ihn belügen könnte.

Ursula Pozanski und Arno Strobel schreiben den perfekten Spannungsroman

Der Wienerin Ursula Poznanski und dem Saarländer Arno Strobel ist mit „Fremd“ und seinen wechselnden Erzählperspektiven der perfekte Spannungsroman gelungen, der die Lust des Lesers am Mitraten, wer denn nun wen auszunutzen versucht, bestens bedient. Idee, Tempo und Figurenzeichnung verbinden sich zu einer Thrillermischung, die das Prädikat „fesselnd“ verdient.

Einen kleinen Schönheitsfehler hat „Fremd“ auch

Einen kleinen Schönheitsfehler gibt es auch. Die Konstruktion des Thrillers bedingt, dass die Suche nach der Auflösung im Mittelpunkt steht, die eigentliche Begründung für die Inszenierung des Verbrechens (es hat eines stattgefunden, soviel sei verraten)  bleibt aber eher diffus bis oberflächlich. Aber das ist, wie gesagt, ein nur kleiner Schönheitsfehler, den „Fremd“ mit vielen Hochspannungsthrillern US-amerikanischer Produktion teilt. Kurz gesagt: Lesen!

Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd, Wunderlich, 393 S., 16,99€, VÖ: 30. Oktober 2015

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Silja Ukena, Der Eismann: Gelungenes Krimi-Debüt mit packendem Plot

Im Moloch Berlin hat die Vorweihnachtszeit selten etwas Besinnliches. Das muss auch Kommissar Bruno Kahn erleben. Mitten in den Vorbereitungen auf den Feierabend wird der Polizist aus seiner Dienststube in eine Kleingartenkolonie nach Lichtenberg gerufen, weil dort ein Toter gefunden wurde. Es ist relativ schnell klar, dass es sich um Mord handelt, wurde der ältere Mann doch nackt an einen Stuhl gefesselt gefunden.

In rascher Folge tauchen weitere Tote auf. Für Kahn, der als klassischer einsamer Wolf durchs Leben grantelt, ist es damit endgültig mit der besinnlichen Zeit vorbei, Weihnachten hin oder her.  Kaum jemand will ihm zunächst glauben, als er in scheinbar völlig unterschiedlichen Fällen Zusammenhänge erkennt.

Ermittlungen in einem sibirisch kaltem Berlin

Der arme Mann hat dabei nicht nur mit komplizierten Ermittlungen, einer vorlauten jungen Kollegin und Vorgesetzten, die seine Akten schnell abgeschlossen sehen wollen, zu kämpfen, sondern zu allem Überfluss mit einem nachgeradezu sibirischen Winter.

Die Journalistin Silja Ukena hat sich Bruno Kahn und seine Fälle ausgedacht. „Der Eismann“ heißt ihr erster Roman, der sehr unterhaltsam gelungen ist.

Einige kleine Schönheitsfehler in „Der Eismann“

Auf den ersten Seiten war ich offen gestanden eher skeptisch.

Ich kann es nicht leiden, wenn im Krimi im Dialekt geschrieben wird. Insbesondere, wenn damit auf den beschränkten Bildungshorizont der Figuren hingewiesen wird. Und wenn schon „berlinert“ wird, dann auch konsequent. Nicht nur der Lichtenberger Kleingärtner, auch die Kreuzberger Jungpolizistin mit italienischen Wurzeln, die im Kiez aufgewachsen ist, dürfte eine leichte Klangfärbung aufweisen.

Auch mit Berlin-Mitte als Lebenszentrum des Ermittlers ist für mich als Vielleser eher mäßig originell. Man immer das Gefühl, dass hier für den Markt geschrieben wird. Viele Touristen werden den Hackeschen Markt,  Museumsinsel und Friedrichsstraße wiedererkennen.

Und schließlich sind viele Figuren rund um Kommissar Kahn reichlich blass geraten.  Teile des Ermittlerteams aber auch andere Nebenfiguren stehen eher unmotiviert  im Bühnenbild herum.

Silja Ukena sucht vertrautes Terrain fürs Debüt

Meine Interpretation: Die Autorin hat sich für ihr Debüt erstens vertrautes Terrain gesucht, von dem man annehmen kann, dass es beim Publikum „funktioniert“ und zweitens beim Schreiben schon eine Fortsetzung im Kopf gehabt. Beides wäre ja legitim, stört vermutlich auch nur den viellesenden Krimi-Blogger

„Der Eismann“ ist spannend, und damit richtig gut

Ukena erfüllt aber bei allen kleineren Schönheitsfehlern die wichtigste Schlüsselqualifikation für eine Krimi-Autorin: Sie hat sich eine ungemein spannende Geschichte, die weit in die deutsch-deutsche Geschichte zurückreicht,  ausgedacht und diese auch noch mit krimi-gerechten Verwicklungen und hohem Tempo aufgeschrieben. Insofern ist „Der Eismann“ richtig gut geworden: Es ist eines von diesen Büchern, bei denen der Alltag nicht beim Lesen stören darf.

Und so ganz nebenbei ist ihr mit dem Eigenbrötler Bruno Kahn auch ein hinreichend komplexer Ermittler gelungen, dem man gerne beim Ermitteln und beim genre-typische Durchs-Leben-stolpern folgt.

Silja Ukena, Der Eismann, Blanvalet, 384S., 19,99€

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Klaus Jägers Rennsteig-Schwalben, Detailverliebter Thüringen-Krimi mit unglücklichem Titel

Ein Stück Heimatkunde. Ein Krimi aus Thüringen, geschrieben von einem Kollegen. Als Krimi-Blogger schreibe ich darüber auch für die Thüringer Allgemeine. Hier mein Text über Rennsteig-Schwalben, den Text von Klaus Jäger.

Lokalreporter Peter Hartmann ermittelt gegen Mädchenhändler

Peter Hartmann ermittelt wieder. In seinem jüngsten Fall muss sich der wackere Reporter mit einem brutalen Mädchenhändlerring auseinandersetzen. Das merkt der Mann aber erst als der Polizei sehr öffentlichkeitswirksam eine Leiche abhanden kommt. Weil dabei die beiden Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens regelrecht hingerichtet werden, wird dem Reporter genau wie der Polizei schnell klar, dass der Tod des Mannes weit mehr ist als ein mysteriöser Unfall.

Klaus Jäger zeigt in Rennsteig-Schwalben Liebe zum Detail

Klaus Jäger, Journalist bei der Thüringer Allgemeinen hat den Krimi „Rennsteig-Schwalben“ geschrieben und zeigt wieder viel Gefühlt für Lokalkolorit. Auch wenn der Riedburg, Ort der Handlung erfunden ist, wird Thüringen aber Erfurt, das vermutlich Vorbild für den fiktiven Ort ist, auf beinahe jeder Seite spürbar. Wenn man Jäger eines vorwerfen kann, ist es vielleicht die journalistische Ausbildung. Wie viele seiner krimi-schreibenden Kollegen liebt er die Recherche und die Details, beides für das Tagesgeschäft wichtig. Freunde eines hohen Krimi-Tempos werden die vielen liebevoll erzählten Details auf dem Weg zu einem ordentlichen Show-down vielleicht als bremsend empfinden, wer die Genauigkeit liebt, wird voll auf seine Kosten kommen.

Thüringen-Krimi mit problematischem Titel

Ich persönlich hätte übrigens noch einen anderen Titel gewählt, Rennsteig-Schwalben suggeriert einen heiteren Umgang mit dem Thema Prostitution. Das ist ja schon grundsätzlich eher problematisch, insbesondere aber, wenn es um junge Frauen und Mädchen geht, die dem Plot zufolge unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Weißrussland nach Deutschland gelockt und dann mit Gewalt dazu gezwungen werden, sich zu prostituieren. Hier hat die Vermarktung (Der Autor entscheidet so was höchstens mit) kein besonders glückliches Händchen bewiesen.

Über seinen Krimi habe ich mit Klaus Jäger für die Thüringer Allgemeine gesprochen. Das Ergebnis steht hier: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Klaus-J-228-ger-58-8222-Ich-liebe-es-44-Bilder-zu-erzeugen-8220-1183828313

Klaus Jäger, Rennsteig-Schwalben, Emons, 272S., 10,90€, VÖ: 17. September 2015

Hinweis: Klaus Jäger ist Mitarbeiter der Thüringer Allgemeine, so wie auch ich. 

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Interview mit Dominique Horwitz zu „Tod in Weimar“

Für meinen neuen Arbeitgeber, die Thüringer Allgemeine habe ich kürzlich den Schauspieler Dominique Horwitz interviewt. Horwitz, der seit einigen Jahren in Weimar lebt, hat ja gerade einen Krimi geschrieben: „Tod in Weimar„. Hier der Link zu dem wie ich finde einigermaßen interessanten Interview. „Jede Figur trägt Züge von mir“.

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„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Jack Reacher hängt fest. Seit mehreren Romanen versucht der Mann, der Ödnis des mittleren Westens der USA zu entkommen. Seinem Ziel, Virginia – wo möglicherweise eine tolle Frau wartet – kommt er dabei kein Stück näher Mindestens zum vierten Mal in Folge hat Lee Child die Handlung seiner Jack-Reacher-Krimis ins Nirgendwo, dass aus Farmland bis zum Horizont, heruntergekommenen Häusern und gesichtslosen Städten besteht, verlegt.

Lee Child perfektioniert die Schilderung des amerikanischen Alptraums

Klingt nach Wiederholung, ist aber nicht schlimm, weil Child die Schilderung dieser besonderen Form des amerikanischen Alptraums mittlerweile perfektioniert hat. Im neuesten Roman „Der Anhalter“, dem mittlerweile 17. Roman der Serie,  passiert genau das. Jack Reacher steht in Nebraska an einem einsamen Interstate-Highway und versucht, trampend voranzukommen. Erst nach langer Wartezeit hält ein Wagen an. Darin befinden sich drei Insassen, gemeinsam reisende Geschäftsleute. Reacher, der ehemalige Militärpolizist merkt schnell, dass die Geschichten jede Menge Löcher hat. Offenbar sind die beiden männlichen Reisenden Auftragskiller, die eine junge Frau in ihrer Gewalt haben und Reacher als Tarnung für diverse Straßensperren brauchen.

Jack Reacher jagt mal wieder skrupellose Verbrecher

Glaubwürdigkeit war noch nie die Stärke Childs, Spannung dagegen schon. Auf jeden Fall findet die Polizei, nachdem sich Reacher von dem merkwürdigen Trio getrennt hat, die Frau verbrannt am Straßenrand. Kurz darauf verschwindet auch noch die Tochter. Jack Reacher misstraut, wie eigentlich immer, den Behörden und beginnt selber, nach dem Kind zu suchen. Schnell stellt sich heraus: Nichts ist wie es scheint, abgesehen von der Gefahr. Die ist höchst real, aber andererseits Reachers ständiger Begleiter.

„Der Anhalter“ von Lee Child, ein sehr solider Spannungsroman

Lee Child hat wieder einen sehr soliden Spannungsroman geschrieben, in dem der einsame Wolf Reacher sich wieder durch ein kunstvolles Labyrinth von Irrwegen und falschen Fährten kämpfen muss und dabei einen sehr großen Haufen Leichen hinter sich lässt. „Der Anhalter“ ist wieder spannend geschriebene Action, nichts für Feingeister oder Freunde kriminalistischer Sozialkritik, aber immer wieder unterhaltsam zu lesen.

Lee Child, Der Anhalter, Blanvalet, 448S, 19,99€, 29. Juni 2015

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Dominique Horwitz Tod in Weimar: Ein vielschichtiger Kriminalroman

Roman Kaminski führt ein eigentümliches Leben. Er schlägt sich in Weimar als Kutscher und Stadtführer durch. Gemeinsam mit seinen Pferden haust er in einem verfallenen Gutshaus vor den Toren der Stadt, das er von seinen Eltern erbte. Seine Routine wird von drei Frauen durchbrochen: Erstens von der halbstarken „Frettchen“, einer ausgestoßenen Jugendlichen, die gelegentlich bei ihm Schutz sucht. Zweitens von der opulent-sinnlichen Trixi Muffinger, Leiterin der Villa Gründgens, einem Heim für Schauspieler jenseits des Rentenalters. Und drittens, Laura, die der Wilhelm Meister Schänke, zu deren Stammgästen Kaminski gehört.

Mord im Heim für alternde Schauspieler

Der eher aushaltbare als grandiose Alltag des ehemaligen Schauspielers Kaminski wird jäh gestört, nachdem es in der Villa Gründgens innerhalb weniger Tage gleich mehrere Tote gibt. Vom jungen, ehrgeizigen Kommissar Marc Westphal gedrängt, wird der Wessi in Weimar eher unfreiwillig zum Privatdetektiv – und entdeckt zunächst eine Menge gut verborgener Geheimnis und am Ende natürlich auch den Täter.

Tod in Weimar, der erste Roman von Dominique Horwitz

„Tod in Weimar“ heißt der Krimi, geschrieben von einem nicht ganz unbekannten „Berufsanfänger“. Dominique Horwitz hat seinen ersten (Kriminal-)Roman geschrieben  – und das hat er gut gemacht. „Tod in Weimar“ überzeugt mit interessanten Figuren, einer geschickt verborgenen komplexen Motivation für eine Mordserie, die in einem veritablen Showdown mündet.

Eine angenehme Abwechslung

Dominique Horwitz bleibt dabei dicht bei seinem Protagonisten, dem Kutscher Roman Kaminiski. Offen gestanden ist es eine angenehme Abwechslung dass der schreibende Schauspieler nicht der derzeitigen Thriller-Mode folgt, die vorsieht, dass seitenweise innere Monologe gestörter Psychopathen die wirre Motivation für einen Serienmord wiedergeben.

Ein Heimspiel für Dominique Horwitz zum Debüt

Natürlich hat Dominque Horwitz sich für ein Heimspiel entschieden. Die Figur des Kutschers Kaminski erinnert an jenen verschrobenen Charakter, den der Schauspieler in zwei Weimarer Tatortfolgen gespielt hat. Für die Bewohner des Heimes für alternde Schauspieler dürfte er während seiner Engagements an hochklassigen deutschen Bühnen genügend Blaupausend begegnet sein. Und zu guter Letzt könnte die Wirtin der Wilhelm Meister Schänke seinem eigenen Leben entlehnt sein. Seit einigen Jahren ist er mit einer Café-Besitzerin in Weimar, seiner neuen Thüringer Heimat, verheiratet.

Ein Krimi? Eine großartige Liebeserklärung!

Vermutlich ist „Tod in Weimar“ ohnehin eine Liebeserklärung an seine Frau, zumindest liest es sich wie eine sehr großartige Liebeserklärung. Offen gestanden ist Horwitz’ Krimi  immer dann am stärksten, wenn er emotional wird. Der Autor benutzt hier die ganze Palette subtil-verborgen über verspielt bis schlagschattenhaft-deutlich. Insofern ist der Krimi „Tod in Weimar“ auch, aber keinesfalls nur, ein Liebesroman.

Schön vielschichtig: Tod in Weimar

Vermutlich gibt es Krimis, die raffiniertere Plots aufweisen und mit deutlich höherem Tempo  aufgeschrieben sind, aber „Tod in Weimar“ liest sich schön vielschichtig, ist also genau deshalb eine absolute lohnende Lektüre.

Kleine Kritik am Schluss: Anstrengende Klassiker-Zitate

Etwas zum Nörgeln gibt es natürlich auch. Mir als Nicht-Intellektuellen und Nicht-Feuilletonisten sind die ständigen Klassiker-Zitate einigermaßen auf die Nerven gegangen, auch wenn sie perfekt zum Setting nach Weimar und in die Schauspielerszene passen. Aber welcher Leser will sich schließlich ständig vor Augen führen  lassen, dass er wieder einen wichtigen Klassiker nicht ausreichend kennt. Aber der Schauspieler und Regisseur Horwitz ist natürlich entschuldigt, sein Kopf steckt vermutlich voll davon. Dass die ehemaligen Schauspieler reden als stünden sie auch beim Mittagstisch auf der Bühne, ist ebenfalls eher schräg, scheint – soweit meine spärlichen Kontakt in die Branche reichen – aber der Realität dieses eher exaltierten Berufstandes zu entsprechen.

Es wird in jedem Fall spannend zu sehen, was passiert, wenn er als Autor bei einer Fortsetzung, beziehungsweise einem weiteren Roman vertrautes Terrain verlässt.

Dominique Horwitz, Tod in Weimar, Knaus, 288 S., 19,99€, VÖ: 24. August 2015

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Michael Robothams Um Leben und Tod: Spannender Thriller um einen Pechvogel

Völlig chancenlos? Zu Unrecht verfolgt? Ganz alleine, ohne Freunde auf der Welt? Wer hier drei Mal mit „Ja“ antwortet, sollte entweder dringend einen Psychiater aufsuchen oder aber einen Thriller schreiben. Michael Robotham hat letzteres getan, aber der macht das auch beruflich, und der Mann kann das richtig gut.

„Um Leben und Tod“ begleitet einen flüchtigen Häftling

„Um Leben und Tod“ heißt der neueste Thriller des Australiers. Dafür hat sich Robotham Audie Palmer erdacht. Dieser flieht nach zehn Jahren im Gefängnis, ausgerechnet einen Tag bevor er entlassen werden soll. Der Leser merkt schnell, dass das was alle glauben, kaum der Grund sein kann: Angeblich war Palmer an einem Raubüberfall auf einen Geldtransporter beteiligt und hat die Beute, die nach einem blutigen Feuergefecht verschwunden war, irgendwo versteckt.

Michael Robotham hat den größten Pechvogel der aktuellen Krimi-Welt erdacht

Schnell ist klar, dass hinter der ganzen Angelegenheit viel mehr stecken muss als ein schnöder, missglückter Raubüberfall. Nur eines steht von Beginn an fest. Audie Palmer ist der größte Pechvogel, den die Krimiwelt in den letzten zehn Jahren gesehen hat. Genau darin liegt aber der Reiz von „Um Leben und Tod“. Wir folgen einem Chancenlosen.

„Um Leben und Tod“: Nicht sehr raffiniert, aber extrem emotional und fesselnd

Michael Robotham hat sich keinen besonders raffinierten Plot ausgedacht. Früh zeichnet sich zumindest für den halbwegs geübten Krimi-Leser ab, wohin die Reise geht. Aber darum geht es vermutlich nicht. Robotham schafft eine enorme Nähe zu seiner Figur, dem vom Unglück verfolgten Audie Palmer. Damit gelingt es ihm, seinen Leser perfekt in seinen Bann zu ziehen. „Um Leben und Tod“ gehört bei aller gelegentlichen Schlichtheit in die Kategorie der Bücher, die der Leser nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man unbedingt wissen will, wie sich der Protagonist aus den nächsten Wellen an Ungerechtigkeiten freischwimmt, die immer wieder auf ein hereinbrechen.

Tatort:USA

Eigentlich gibt es eine Reihe von Orten, an denen der Australier seinen Thriller „Um Leben und Tod“ spielen lässt, wie in einem Roadmovie geht es von Kalifornien nach Texas. Allen Orten ist eines gemein, sie atmen den heruntergekommenen Hauch der Provinz. Gleich, ob , Verbrecher, illegaler Einwanderer, Staatsdiener oder Vertreter der Oberschicht, alle handelnden Personen haftet diese leicht gestrigen Charme, der in den Weiten der USA (und den sie beschreibenden Krimis) so oft anhaftet. Robotham schafft es, mit sehr wenigen Worten, aber dafür sehr eindringlich, diese Enge, diese Unentrinnbarkeit der Provinz lebendig werden zu lassen.

Michael Robotham, „Um Leben und Tod“, Goldmann, 474 S., 9,99€ VÖ: 20. Juli 2015

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Stefan Ahnheims Herzsammler, ein guter Krimi in fragwürdiger Verpackung

Gelegentlich nehmen auch Nicht-Krimi-Leser Krimis in die Hand. So ging mir das vergangene Woche. Die Reisebegleitung nahm „Herzsammler“ von Stefan Ahnhem in die Hand, und sie war schnell durch mit dem Urteil: „Merkwürdig, was die sich immer für Titel und Cover ausdenken. Ich weiß nicht, ob ich das lesen würde.“ Ich reagierte schnell und erzählte von Marketing-Abteilungen in Verlagen, die seit dem Sensationserfolg von Stig Larssons Trilogie „Verblendung“, „Verdammnis“  und „Vergebung“ Krimis beinahe ausschließlich Einworttitel und möglichst psychedelisch-mystische Cover verpassen. Dann dachte ich noch einmal nach und überlegte, dass „Herzsammler“ wirklich ein wenig merkwürdig ist. Und das ist schade, weil es einem guten Krimi nicht wirklich gerecht wird.

Stefan Ahnhem rückt seinen Ermittlern dicht auf die Pelle

Stefan Ahnhem bewegt sich in bester Tradition schwedischer Krimi-Autoren, in dem er seinen Protagonisten sehr dicht auf die Pelle rückt. Sein Krimi ist so zum guten Teil auch Familienroman, der das ganze Bündel von Problemen seiner Kommissare ausbreitet. Das schafft Nähe, die den Leser an den Krimi fesselt.

Raffinierter Plot und düstere Elemente in „Herzsammler“

Dazu hat Ahnheim die Fähigkeit, einen raffinierten Plot mit vielen düsteren Elementen aufzuladen, dass sich der angenehme Krimi-Grusel über die schlechte Welt einstellt. In seinem neuen, nach „und morgen Du“ zweiten Fall muss sich Fabian Risk mit einem Unbekannten auseinandersetzen, der seine Opfer regelrecht ausweidet. Die Ermittlungen kommen ins Rollen, weil ausgerechnet der Justizminister des Landes entführt wird. Damit beginnt nicht nur eine Serie ganz besonders gruseliger Morde, sondern auch eine politische Intrige, die in den Polizeiapparat hineinreicht.

Subtile Kritik an skandinavischer Sprachlosigkeit

Zur gleichen Zeit ermittelt von Dänemark aus eine Polizistin in ähnlich gruseligen Fällen. Dass die Polizisten bis zum Schluss nicht mit einander reden und so die Ermittlungen verzögern, darf durchaus als subtile Kritik an dem öffentlich postulierten, aber allzuoft nicht wirklich gelebten skandinavischen Miteinanders verstanden werden – ein Thema, dass sich mittlerweile seit den siebziger Jahren immer wieder als mehr oder weniger komische Fußnote im Krimi festgesetzt hat.

Wer es düster mag, und auch hautnah am Leben der Ermittler teilhaben will, wird mit „Herzsammler“ sein Vergnügen finden – Titel und Cover sieht man ja nur einmal in der Buchhandlung…

Stefan Ahnhem, Herzsammler, List, 569S., 14,99€, VÖ: 10. Juli 2015

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Till Raethers Blutapfel führt seine Ermittler in die Hamburger Vorstadthölle

Adam Danowski hat es nicht leicht. Sein Partner gönnt sich in einer Art Wachkoma eine Art Auszeit, seine Vorgesetzen dulden den Hamburger Polizei bestenfalls, die Kollegen üben sich in der Kunst der Intrige. Die meisten Schwierigkeiten hat Danowski allerdings mit sich selbst. Es ist weniger der Alltag mit seinen Tücken (obwohl der auch jede Menge lästige Herausforderungen bereithält). Das Problem steckt irgendwo in seinem Kopf – und das ist für den Leser höchst unterhaltsam.

Innere Monologe und Gedankenfetzen sorgen bei „Blutapfel“ für Unterhaltung

Adam Danowski beim Denken zuzusehen, gehört zu den größten Vergnügungen, die „Blutapfel“, der neuen Krimi von Till Raether, bereithält. Innere Monologe, Beobachtungen und Gedankenfetzen des Ermittlers sind immer höchst unterhaltsam, mit einem staubtrockenen Humor aufgeschrieben und meist sehr lustig. Allein deshalb lohnt „Blutapfel“.

Till Raether hat viele gute Ideen und ein Blick für Details

Es gibt noch mehr Gründe, Blutapfel zu lesen. Till Raether hat viele gute Ideen und einen guten Blick für die Details. Das beginnt bereits mit dem Auftakt: Ausgerechnet im perfekt überwachten Elbtunnel stirbt ein Mann, erschossen im tagtäglichen Stau unter dem Strom. Vom Täter fehlt, trotz aller Kameras, natürlich jede Spur. Danowski, der seit seinem ersten Fall auf einem verseuchten Kreuzfahrtschiff (Treibland) als schwierig und unzuverlässig gilt, wird an einen Randaspekt abgeschoben und ermittelt in der Vorstadthölle auf der anderen, der „falschen“ Elbseite. Dort, wo die Metropole im Umland versandet, muss sich der Polizist mit seiner neuen Partnerin Meta Jurkschat durch geplatzte Träume der Bewohner arbeiten. Wenig überraschend gerät dieser Friedhof kleinbürgerlicher Visionen doch noch ins Zentrum der Ermittlungen.

Das unauffällige Interesse eines Geheimdienstes

So richtig kommt Adam Danowski nicht weiter. Immer, wenn er glaubt, den Fall in den Griff zu bekommen, ergeben sich neue Wendungen. Unter anderem interessieren sich die Kollegen von der Organisierten Kriminalität und später der amerikanische Geheimdienst auffällig unauffällig für die Ermittlungen der Polizisten.

Adam Danowski ermittelt im Hamburger Untergrund

Till Raether überzeugt mit Ideenreichtum und interessanten Einfällen. So erfährt der Leser viel über das Leben im Untergrund. Das ist in diesem Fall buchstäblich zu nehmen, da Raether seine Ermittler in die Hamburger Eingeweide, in verborgene und halb vergessene Tunnelsystem unter Michel und Hafen schickt.

Ein Plot am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala

Der Ideenreichtum und der Blick fürs Detail bedingen aber auch eine kleinere Schwäche. Ganz subjektiv gesehen, war „Blutapfel“ bei allem Lesevergnügen um einige Seiten zu lang. Auch der Plot, der zu einem veritablen Showdown führt, liegt bei aller Freiheit, denen Krimi-Autoren zusteht, in der Nachbetrachtung eher am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala. Wegen des Feuerwerks an Unterhaltung kann man darüber aber gut hinweglesen. Insofern ist „Blutapfel“ ein sehr guter Krimi, aber kein großer, der wegen der relevanten oder zumindest ergreifenden Geschichte nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Till Raether, Blutapfel, Rowohlt-Polaris, 473 S., 14,99€, 30. Mai 2015

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Stephan M. Rother: Ein Grab mit deinem Namen, Stark (allein) wegen seiner Ermittler

Am Rande Hamburgs treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Verschrobene Wissenschaftler, raffgierige Investoren, eine politische Elite, die sich über den Gesetzen stehend glaubt, Esoteriker einer neuheidnischen Sekte und Angehörige alten dänischen Adels. Dass das nicht ohne menschliche Verwerfungen ausgehen kann, ist klar. Dass sich mittendrin in dieser ungewöhnlichen Ansammlung ein Mörder verbirgt, stellt die Ermittler um die Kommissare Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs schon eher vor Probleme.

Mord im Moor

In ihrer eigenen Ausgrabungsstelle wird die Archäologin Melanie Dahl tot aufgefunden, ermordet – und wie sich bald herausstellen soll – mit obskuren Runenzeichen bedeckt. Diese Ausgangslage hat sich Stephan M. Rother für seinen Krimi „Ein Grab mit deinem Namen“, dem dritten Band der Serie um Albrecht und Friedrichs, erdacht. Bei der Suche nach dem Täter legt Rother seinen Kommissaren zunächst eine weitere Leiche, später jede Menge politischen Druck von oben und am Ende ein interessantes Feld potentieller Täter in den Weg.

Stephan M. Rother rückt seinen Kommissaren wieder auf die Pelle

Zu den Stärken der Stephan M. Rothers gehört die Gabe, seinen Protagonisten richtig dicht auf die Pelle zu rücken. Der Leser kommt den Ermittlern sehr nahe, das schafft eine emotionale Nähe, die man von den besseren skandinavischen Krimis gewohnt ist. Gleichzeitig lässt er seinen ebenso glaubwürdigen wie sympathischen Kommissaren so viel geheimnisvollen Freiraum, dass sie noch Entwicklungspotential haben – was ja für den Wunsch nach Fortsetzungen nicht unwichtig ist.

„Ein Grab mit deinem Namen“, eine gute Fortsetzung

Für mich reicht die Spannung aus, die Rother erzeugt, wenn er uns am Kampf seiner Ermittler mit den eignen Dämonen, den Widrigkeiten des Polizistenalltags und der Suche nach der Wahrheit zuzuschauen, um ihn als lesenswert zu empfehlen. „Ein Grab mit deinem Namen“ hat nämlich durchaus auch einige Schwächen.

Unglaubwürdiger SM-Quark in „Ein Grab mit deinem Namen“

Ich persönlich kann dieser pseudomystischen Welt irgendwelcher neuheidnischen Sekten oder Gruppen nicht so viel anfangen. Deshalb reizt mich auch ein Krimi, der sich das Thema aussucht, nicht sonderlich. Aber das sind natürlich persönliche Befindlichkeiten, die jeder andere Leser völlig anders sehen kann.

Außerordentlich ärgerlich fand ich allerdings Rothers Ideen, wie die „Reichen und Mächtigen“ ihre Freizeit verbringen. Ich hatte das Gefühl, dass sich Rother hier vom ökonomischen Erfolg von „Fifty Shades of Grey“ hat inspirieren lassen: Eine Handschelle hier, einige Hiebe dort, fertig ist das abgründige Verlangen, das neue Leserschichten erschließt. Die Ideen rund um den SM-Quark in „ein Grab mit deinem Namen“ waren einigermaßen platt, unglaubwürdig und auf ärgerliche Weise durchsichtig.

Stephan M. Rother, Ein Grab mit deinem Namen, Rowohlt, 475S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015