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„Nordseegrab“ von Tilman Spreckelsen: Ein Krimi wie eine buddhistische Atemübung

Es ist nicht gut, wenn Krimi-Autoren zu klug sind. Kriminalromane haben ja in erster Linie die Aufgabe, ihre Leser zu unterhalten. Dass erfordert eine gewisse Gradlinigkeit im Denken. Ein Krimi verlangt meiner Meinung nach zwar viele falsche Fährten, aber eben auch einen stringenten Spannungsbogen, der im Idealfall zu einem furiosen Finale aufsteigt. Dass heißt nicht, dass man im Krimi nicht auch etwas lernen können sollte, aber ein intellektuelle Reflektionen stören doch meistens.

Nordseegrab, ein Krimi mit Theodor Storm als Detektiv

Das vorausgeschickt, muss man konstatieren, dass Tilman Spreckelsen sehr klug ist. Spreckelsen ist – das nur zur Einordnung – hauptberuflich Redakteur der Sonntags-FAZ, Autor mehrerer gelehrter Anthologien und Herausgeber einer eigenen Buchreihe. Jetzt hat er einen Kriminalroman geschrieben: „Das Nordseegrab“, mit dem Dichter Theodor Storm als Detektiv. Das ist streckenweise recht unterhaltsam, aber insgesamt eher eine intellektuelle Fingerübung. Echte Spannung will auf 272 Seiten nicht aufkommen

Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier

Darum geht’s: Im Haus des Vaters von Theodor Storm wird eine Leiche gefunden, die wächserne Nachbildung einer Leiche, genauer gesagt, in einem Fass versteckt und in Blut getaucht. Immerhin löst dieser Fund eine Kette von Ereignissen aus, die mit dem Untergang eines Schiffes vor der Küste zusammenhängen und die später zu echten Toten führen. Es geht um ein Verwirrspiel um Schuld, Rache und Gier.

Tilman Spreckselsen schreibt über die frühen Jahre Theodor Storms

Eigentlich aber geht es Spreckelsen darum zu zeigen, wie der Großdichter Theodor Storm lebte, bevor er zu dichten begann: Die Ereignisse in „Nordseegrab“ setzen zu dem Zeitpunkt ein, als Storm sich nach dem Jura-Studium in seiner Husumer Heimat als Anwalt niederlässt. Ernsthafte Erwerbsarbeit scheint dem Storm des Jahres 1843 eher lästig, seine Leidenschaft gilt dem örtlichen Chor, weinseligen Nächten in einschlägigen Kneipen und auf eine eher tugendhafte Weise der Damenwelt. Dazu kommt ein Faible für die düsteren Aspekte des Lebens.

Ein Mord, Moor und mystische Momente

Diese Mischung dominiert auch den Krimi. Spreckelsen montiert naiv Heiteres neben mystisch Düsteres, das direkt dem Werk Storms entnommen scheint. So gibt beispielsweite es den Schreiber Storms, den geheimnisvollen Peter Söt, der offenbar von finsteren Figuren getrieben wird. Außerdem dabei: Ein Mord im Wald und ein tückisches Moor in finsterer Nacht. Dazu hat Spreckelsen versucht, die Mitte des 19. Jahrhunderts inhaltlich und sprachlich wieder zum Leben zu erwecken. Der Historiker in mir hat über die gleichermaßen kenntnis- wie detailreiche Beschreibung jener Jahre jubiliert, der Krimikonsument hat sich angesichts des eher gemächlichen Erzählflusses gefühlt wie in einer buddhistischen Atemübung aus dem Body-Balance-Kurs, in dem der Trainer seinen Nachwuchs-Yogis das Mantra vorgibt, „es gibt kein Anfang und kein Ende“. Da fühlt man sich ja nie wirklich schlecht, aber eben auch latent fehl am Platz.

Tilman Spreckelsen, Das Nordseegrab, Fischer, 272S., 9,99€, 23. April 2015

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In M.C. Poets Berechnung wird eine Gejagte zur Jägerin

Wer orientierungslos und mit Filmriss in einem Motelzimmer aufwacht, kann sich sehr sicher sein, dass ein gewaltiger Kater das geringste Problem sein wird, mit dem er sich nach dem Wachwerden rumschlagen muss. So geht das auch Hannah Marcks. Als die junge Deutsche zu sich kommt, beugen sich mehrere schlecht gelaunte FBI-Fahnder über sie, um sie zu verhaften.

Auf dem Weg in die Todeszelle

Ein Unbekannter hat nicht nur alle Papiere der Mathematikerin auf Urlaubsreisen gestohlen, sondern ihr gleichzeitig die Identität einer dringend gesuchten, mehrfachen Mörderin übergestülpt. Hannah Marcks hat von da an wirklich keine gute Zeit: Sie landet in U-Haft, vor Gericht und am Ende sogar auf dem Weg zur Todeszelle. Erst nach langem Martyrium bekommt sie von sehr unerwarteter Seite Hilfe.

Lohnenswert: „Berechnung“ von M.C. Poets

Ganz kurz gesagt ist „Berechnung“ von der deutschen Übersetzerin und Autorin M.C. Poets eine Variation des Grundthemas der Gejagten, die – um die eigene Unschuld zu beweisen – zur Jägerin wird. Um es genau so kurz zu sagen: Das hat die Autorin ausordentlich gut gemacht.

Eine „Jagd“-Geschichte mit hoher Sogwirkung

„Berechnung“ ist ein weitgehend schnörkelloser Thriller, dessen Plot von der Autorin mit angenehm hohem Tempo vorangetrieben wird. Hohe Erzählgeschwindigkeit löst ja häufig einen Sog aus, der den Leser an den Stoff fesselt. So ging das mir zumindest – und laut Klappentext 100.000 Lesern, die das Buch schon in einer E-Paper-Variante verschlungen haben.

Erfolg durch eine gut erdachte Protagonistin

Der Erfolg von „Berechnung“ ist vermutlich in erster Linie mit der gut erdachten Protagonisten zu erklären. Hannah Marcks ist eine hochintelligente Mathematikerin mit einem sympathischen Drang zur Lebensuntüchtigkeit. Dass die junge Frau trotz Mathematikstudiums an einer Elite-Uni ausgerechnet ihr Leben als Schäferin hinterm Deich plant, ist einerseits krimi-technisch irgendwie typisch deutsch, andererseits für den Plot vermutlich auch notwendig – wer vermisst schon eine Schäferin ohne nennenswerte Familie hinterm Deich?

Mathematik als Krimi-Hilfsmittel

Jedenfalls macht es enorm viel Spaß, Hannah Marcks beim Rechnen zuzuschauen, gleich, ob es darum geht, die Zeit totzuschlagen, alltägliche Probleme zu klären oder sich allen möglichen Bösewichten zu stellen. Eine absolute Leseempfehlung, die einen Krimi suchen, der ohne großen gesellschaftlichen Entwurf oder gruselige Psycho-Abgründe auskommen darf.

Tatort:Texas

Zwischen den dicht besiedelten Küstenstaaten an Atlantik und Pazifik bieten die USA mittendrin schier unendliche Weite, die perfekt geeignet scheint, sich vor anderen Menschen und insbesondere der Staatsmacht zu verstecken. Diese Ödnis des Mittleren Westens war schon Schauplatz für viele hervorragende Krimis. Die Weiten der USA nutzt auch M.C. Poets für „Berechnung“. Auch ohne viele Worte für die Szenerie zu verwenden, vermittelt die Autorin ein glaubwürdiges Bild der Einsamkeit, die auch im 300-Millionen-Staat USA möglich ist – auch, wenn sie dabei natürlich auf das bestens bekannte Stilmittel der einsamen Hütte als Festung und Falle zugleich zurückgreift. Aber es funktioniert.

M.C. Poets, Berechnung, Rowohlt, 350S., 9,99€, VÖ: 27. März 2015

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Tess Gerritsen, Der Schneeleopard: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof

Was sagt man über eine Krimi-Serie, die in Buchform mittlerweile elf Fortsetzungen aufweist und überdies seit fünf Staffeln für das Fernsehen zweitverwertet wird? Das scheint schwierig, ist aber bei den „Rizzoli&Isles“-Krimis dann doch einfach: Der 11. Band, „Der Schneeleopard“ ist wieder lesenswert.

Ein Krimi auf höchstem handwerklichen Niveau

Tess Gerritsen arbeitet auf sehr hohem handwerklichen Niveau und hat der Versuchung widerstanden, ihr naturgegeben bislang schon sorgsam ausgeleuchtetes Personal zu immer neuen, unglaubwürdigen Höhen zu treiben. In „Der Schneeleopard“ erzählt die US-Amerikanerin eine spannende, komplexe, aber nicht über das Krimi-Maß hinaus übverdrehte Geschichte.

Brutaler Mord an einem Jäger und Präparator

Die Bostoner Polizistin Jane Rizzoli muss in einem eher ungewöhnlichen Mord ermitteln. Ein profilierter (und provozierender) Jäger und Präparator wird sozusagen mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Jedenfalls endet er kopfüber in seiner Garage hängend, ausgeweidet und brutal ermordet. Die Pathologin Maura Isles entdeckt Parallelen zu anderen Fällen, glaubt lange als einzige an einen Serienmörder. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit nimmt die Polizei Ermittlungen auf, es deuten sich Verbindungen zu einer Mordserie in Botswana an – von der Tess Gerritsen allerdings von Beginn an in einem eigenständigen Erzählstrang berichtet.

Spannende Krimihandlung, gesellschaftliche Relevanz

„Der Leopard“ ist sehr solide erzählt. Tess Gerritsen versteht es, Spannung aufzubauen. Sie legt zudem hinreichend falsche Spuren, so dass die Krimi-Handlung hinreichend komplex bleibt. Die Themen Jagd, Tierschutz und Geschäftemacherei mit seltenen Tieren verhelfen dem Bostoner Krimi zudem zu einer gesellschaftlichen Relevanz. Gerritsen erledigt auch das mit einer unaufdringlichen Routine: Der Leser hat nie das Gefühl hat, dass mit der moralischen Keule verbal auf ihn eingeprügelt wird.

Cop-Krimi: Tess Gerritsens „Der Schneeleopard“

In der aktuellen Krimi-Landschaft sticht Gerritsen zudem durch eine weitere Stärke hervor, die allerdings auch die eine Schwäche in sich trägt. Die Autorin hält, da hat das Fernsehformat die literarische Vorlage verändert, den erzählerischen Blick in erster Linie auf ihren beiden Ermittlerinnen. Dieser Cop-Krimi ist in Zeiten, in der sich beinahe jeder Autor in die Psyche abgründig böser Verbrecher hineinversetzt (um sie dann episch vor seinem Leser auszubreiten), eine angenehme Abwechslung. Dieser Fokus auf die Ermittlerinnen (und eine weitere Person aus „der Schneeleopard“ ist allerdings so stark, dass die Motivation des (oder der) Täter(in), der (die) immerhin für eine ganze Reihe Morde verantwortlich ist, beinahe vollständig im Dunkeln bleibt – und das hinterlässt bei allem Lesevergnügen am Ende dann doch eine minimale Spur der Enttäuschung.

 

Tatort: Botswana

Das Jagdrevier von Jane Rizzoli und Maura Isles ist üblicherweise die Neu-England-Stadt Boston. In „der Schneeleopard“ verlegt Tess Gerritsen einen Teil der Handlung nach Botswana. Auch Jane Rizzoli muss in Afrika ermitteln. Tess Gerritsen hat selber auf einer Safari recherchiert und lässt den Lesern ausgiebig an ihren Erfahrungen im Busch teilhaben. Die Erkenntnisse, die sie krimigerecht gruselig mitteilt, lassen sich kurz so zusammenfassen: Das Leben in der Savanne ist kein Ponyhof. Allerlei Getier in jeder denkbaren Größe trachtet dem Eindringling Mensch nach dem Leben. Insbesondere Großkatzen betrachten den Zweibeiner in erster Linie als Abwechslung auf der Speisekarte.

Tess Gerritsen, Der Schneeleopard, Limes, 415S., 15,99€, VÖ: 27. April 2015

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Kathrin Langes Gotteslüge, ein Hochgeschwindigkeitskrimi mit leichten Schwächen

Viel Zeit bekommt der Leser nicht. Er hat ungefähr so lange Ruhe, wie ein durchschnittlich trainierter Jogger braucht, um den ehemaligen Runway des Flughafens Tempelhof zu überqueren. Genau dort ereilt den Berliner Polizisten Faris Iskander der Anruf von Kollegen, der ihn an den Tatort in einem Berliner Hotel beordert. Dort wurde die ehemalige Lebensgefährtin Iskanders vergewaltigt und ermordet aufgefunden.

Kathrin Lange drückt in Gotteslüge gewaltig aufs Tempo

Zeit für einen Schock oder gar Trauer bleibt Iskander nicht. Kathrin Lange, die sich den Kommissar mit ägyptischen Wurzeln erdacht hat, drückt so gewaltig aufs Tempo, dass der Leser mindestens genauso außer Atem gerät wie ihr Kommissar bei seiner Hetzjagd durch die Hauptstadt. Der Beamte, der sich eigentlich noch vom Trauma des vergangenen Falles („40 Stunden“) erholt, als sein Freund und Kollege in die Luft gesprengt worden war, hat es offenbar erneut mit einem psychopathisch getriebenen Täter zu tun.

Ein Unbekannter will Kommissar Iskander zum Mord treiben

Jedenfalls muss Iskander, noch immer in Laufklamotten, hilflos mitansehen, wie sich unter dem Schatten der Gedächtniskirche ein Jugendlicher in die Luft sprengt. Zuvor übermittelt der junge Muslim dem Polizisten noch eine Botschaft: Das nächste Mal werde er, Iskander, auf den Auslöser drücken. Tatsächlich sieht sich der Ermittler bereits wenige Seiten weiter derart in die Enge getrieben, dass er von den Kollegen verfolgt mit einem Sprengsatz in der Tasche durch Berlin irrt. Verzweifelt versucht er herauszufinden, wer seine Schwester in der Gewalt hat und ihn zu der tödlichen Hatz zwingt, bei er zugleich Jäger und Gejagter ist.

Faris Iskander, eine gelungene Ermittlerfigur

Kathrin Lange hat mit Faris Iskander eine gelungene Figur erdacht, einem Polizisten, dem man gerne bei der „Arbeit“ zusieht. Außerdem versteht sie sich darauf, ihren Plot mit hohem Tempo voranzutreiben und so eine gute Portion an fesselnder Spannung zu servieren: Insofern ist „Gotteslüge“, der zweite Fall von Faris Iskander sehr gelungen.

Gotteslüge, ein gelungener Krimi mit drei kleineren Schwächen

Lange fokussiert sich allerdings noch stärker als im ersten Band auf ihren Protagonisten, alle anderen Figuren bleiben vergleichsweise blass. Ausnahme wäre allenfalls der Gegenspieler, der in inneren Monologen als „der Andere“ eingeführt wird. Hier greift die Autorin zu einem gleichermaßen beliebten wie abgenutzten Stilmittel. Das wäre die erste von drei kleneren Schwächen, die ich bei Kathrin Langes neuem Krimi auflisten möchte. Die beiden anderen kommen ziemlich zum Ende des Krimis zum Tragen: Am Schluss wird zweitens der Plot mit immer ausgeklügelteren Fallen für den Polizisten leider über das Maß hinaus unglaubwürdig und drittens bin ich kein großer Fan vom Cliff-Hanger im Kriminalroman. Das ist so eine Unsitte, die offenbar die Lektoren den Autoren in jüngerer Zeit immer häufiger ins Manuskript diktieren, damit die Vermarktungsmaschinerie perfekt läuft. Richtig gute Krimis haben das auch in Zeiten verkürzter Aufmerksamkeitsspannen der Mediennutzenden im 21. Jahrhundert nicht nötig.

Ein wenig verdirbt sich die Autorin am Schluss einen insgesamt ordentlichen Krimi-Eindruck…

Kathrin Lange, Gotteslüge, Blanvalet, 413S., 9,99€ VÖ: 16. März 2015

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Ursula Poznanskis Stimmen: Morde zwischen Trauma und Trommeltherapie

Wenn Ursula Poznanski Krimis schreibt, sucht sie sich immer ein Subthema. Bei ihrem Debüt „Fünf“ war das Geocaching und beim zweiten Krimi um ihre Salzburger Ermittlerin Beatrice Kaspary, „Blinde Vögel“ Facebook: Bei dem dritten Band hat die Wienerin diese Idee, gesellschaftlich relevante Zeitgeistphänomene zu verwenden, leicht abgewandelt: Sie hat sich ein sehr düsteres Thema der jüngeren österreichischen Vergangenheit genommen und unter ihre Krimi-Handlung gelegt.

Spannende Krimi-Handlung rund um ein Trauma

In ihrem neuesten Band „Stimmen“ spielt jedenfalls eine traumatisierte Frau eine Rolle, deren Geschichte stark an Natascha Kampusch erinnert, die als Zehnjährige entführt worden war und ein jahrelanges Martyrium in der Gewalt eines Psychopathen erleiden musste. Poznanski variiert das Thema, bei ihr ist es der eigene Vater, der seine Tochter als Sklavin hält und missbraucht. Erst als Erwachsene konnte die Frau befreit werden und lebt seither traumatisiert und schweigend in einer geschlossenen Abteilung des Salzburger Krankenhauses, einer fiktiven „Trauma-Station“.

Mord an einem Arzt in der Psychatrie

Ein Arzt dieser Trauma-Station wird ermordet und Beatrice Kaspary und ihr Kollege Florin Wenninger nehmen die Ermittlungen auf. Es dauert nicht lange, und es geschehen weitere Morde. Ärzte, Patienten, Pfleger: Niemand scheint mehr sicher. Auf der Station haben offenbar nicht nur die Patienten Probleme. Ausgerechnet die traumatisierte und stumme junge Frau gibt der Polizeibeamtin Kaspary auf verklausuliertem Weg erste Hinweise – nur kann die lange Zeit niemand entschlüsseln.

Amüsante Seitenhiebe gegen die Ärzteschaft in „Stimmen“

Wer Vorbehalte gegen Ärzte im Allgemeinen und Therapeuten im Besonderen hat, wird in „Stimmen“ bestens bedient. Das behandelnde Personal jedenfalls ist eitel, mäßig kompetent und mindesten halb-kriminell. Das zumindest ist der Eindruck, den die Polizisten bei ihren Ermittlungen mitnehmen (und den Kaspary so glaubhaft-schauderlich beschreibt, dass sie sich im Nachwort ausdrücklich bei allen realen Ärzten entschuldigt. Die seien gar nicht so schlimm…) Dennoch ahnt man, dass Poznanski von modernen Therapieansätzen mit Trommeln und Tarotkarten nicht eben viel hält.

Ursula Poznanski schreibt einmal mehr höchst unterhaltsam

Wenn ich empfehlen soll – und dafür ist dieser Blog ja da – würde ich dazu raten, den Prolog wegzulassen, weil die ersten drei Seiten den Lesern krimi-genre-technisch auf die falsche Fährte locken, und sich dann mit vollem Genuss auf die restlichen knapp 440 Seiten zu stürzen. „Stimmen“ bietet wieder beste Krimi-Unterhaltung. Es gibt ein weiterhin sympathisches Ermittler-Duo, dem – soviel sei verraten – die Autoren endlich eine Vertiefung der angedeuteten Romanze gönnt, viele interessant gezeichnete Nebenfiguren, eine breite Auswahl an potentiellen Schurken und Tätern und einen Plot mit angenehm vielen Winkelzügen und Wendungen. Urula Poznanski schafft auch in ihrem neuesten Krimi wieder eine gute Balance zwischen düsteren Abgründen und einer positiven Lebenseinstellung. Wer sich auch im Kriminalroman darüber freuen kann, dass sich das Gute am Ende durchsetzt, ist bei „Stimmen“ bestens aufgehoben.

Ursula Poznanski, Stimmen, Wunderlich, 442 S., VÖ: 6. März 2015

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Antonio Manzinis Der Gefrierpunkt des Blutes unterhält mit Verbrechen im Skigebiet

Es gibt viele Menschen, für die gehört ein Urlaub in einem verschneiten Alpental mit Frost, Schnee und Skifahren zu den Höhepunkten des Jahres. Bei Rocco Schiavone sieht das ein wenig anders aus. Für den Polizisten aus Rom ist seine neue Dienststelle im Aosta-Tal das diesseitige Äquivalent des ersten Vorhofs zur Hölle. Deshalb weigert er sich auch beharrlich, sich den Gegebenheiten anzupassen – und hat dauerhaft gleichermaßen nasse wie kalte Füße.

Mord mit der Ski-Raupe im Aosta-Tal

Dass der Polizist, der schon deshalb keine Zierde seines Berufstandes ist, weil er regelmäßig auch im Dienst bewusstseinserweiternde Drogen konsumiert, wenig begeistert ist, als tatsächlich ein Fall auf ihn wartet, dürfe wenig überraschen. Wie als zusätzliche Strafe für früheres Fehlverhalten wurde ausgerechnet im hochgelegenen Skigebiet ein Toter gefunden, überfahren von einer Ski-Raupe. Schnell stellt sich heraus: Es war Mord. Rocco Schiavone beginnt zu ermitteln und gerät rasch in ein komplexes Gebilde menschlicher Abgründe. Ganz nebenbei muss er sich auch noch mit Menschen- und Waffenhändlern herumschlagen

Antonio Manzini beschreibt Abgründe im Plauderton

Antonio Manzini hat „Der Gefrierpunkt des Blutes“ geschrieben und sich dabei als treuer Vertreter seiner Zunft erwiesen. Italienische Krimi-Autoren haben dieses einmalige Talent, im locker plaudernden Ton über die abscheulichsten Verbrechen zu schreiben. Der Suche nach Mördern und anderen Unholden wohnt in der italienischen Sprache jedenfalls eine ganz besondere Leichtigkeit inne, die mich in Überdosis vermutlich nerven würde, die wohldosiert ein außerordentliches Vergnügen bereitet. Das gilt, weil der letzte italienische Krimi auf meiner Leseliste eine Weile zurückliegt, auch für „Der Gefrierpunt des Blutes“.

Ein unterhaltsames Ensemble in „Der Gefrierpunkt des Blutes“

Der Unterhaltungswert in Antonio Manzinis Krimi ergibt sich in erster Linie durch seine Figuren. Natürlich geht es dabei in erster Linie um den herrlich unkorrekten Ermittler, der trotz seiner permanenten inneren Unzufriedenheit mit seiner Gesamtsituation dann doch noch zur detektivischen Höchstform aufläuft. Manzini hat sich aber darüber hinaus bei für allen Nebendarstellern viel Mühe gegeben, so dass ein sehr unterhaltsames Ensemble zusammengekommen ist. Bei aller Plauderei hat Manzini den Plot nie aus den Augen gelassen, so dass nicht nur ein unterhaltsamer, sondern auch ein spannender Krimi entstanden ist.

Tatort:Aosta-Tal

Für die einen ist es das Paradies, für Antonio Manzini und seinen Ermittler Rocco Schiavone ist das Skifahrerparadies im Norden Italiens eher die Hölle. Zwar erschließt sich beiden die Schönheit der Natur. Was aber Manzini von der Gegend hält, erschließt sich seinem Leser über die Beschreibung der Bergbewohner. Insbesondere die braun gebrannten Ski-Lehrer und Pistenarbeiter bekommen subtil einen mit. Auch ohne große Wintersporterfahrung bekommt der Leser so ein gutes Bild, wie es zwischen Pisten und Liften so zugeht.

Antonio Manzini, Der Gefrierpunkt des Blutes, Rowohlt, 285S., 9,99€, Dezember 2014

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Su Turhan schreibt in Kruzitürken von Türken, Deutsch-Türken, Bayern und anderen Exoten

Es gibt diese spezielle Sorte Krimi, bei denen fühlt man sich von Beginn an wohl, weil sie schon mit den ersten Seiten eine unterhaltsame Mischung aus spannender Handlung und interessanten Hauptfiguren versprechen: Diese Krimis sind meist nicht die besonders bedeutsamen oder düsteren Werke. Sie gehören eher in die Rubrik perfekte Unterhaltung (was ja im deutschen Literaturbetrieb immer noch eher ein Makel zu sein scheint).

Kruzitürken von Su Turhan

In die Reihe dieser viel versprechenden Krimis gehört die Serie um den deutsch-türkischen „Kommissar Pascha“. Der neueste Band, der erste, den ich gelesen habe, heißt „Kruzitürken“ von SuTurhan.

Su Turhan schreibt Krimis rund um „Kommissar Pascha“

Und um es vorwegzunehmen, „Kruzitürken“ hält das Versprechen der perfekten Krimi-Mischung bis zur letzten Seite. Das liegt in erster Linie am Personal, das Turhan für seine Serie rund um Zeki Demirbilek, den „Kommissar Pascha“, „engagiert“ hat. Türken, Deutsch-Türken, Bayern und andere Exoten bilden ein Team, das als Sonderdezernat Migra Verbrechen an und von Menschen mit Migrationshintergrund aufklärt.

Der große Reiz der Geschichten um den „Pascha“ geht vom Zusammenprall der Kulturen aus. Su Turhan, der selber in Istanbul geboren ist, schreibt mit einer guten Mischung aus Einfühlungsvermögen und bissiger Ironie über das Leben der Deutsch-Türken mit den bayrischen „Ureinwohnern“.

Mord an einer Bauchtänzerin

In „Kruzitürken“ muss das Team nach dem Tod einer Bauchtänzerin ermitteln, die vor ihrem Auftritt in München ermordet wurde. So richtig viel Lust auf das Milieu hat Kommissar Demirbilek nicht, obwohl doch sein Sohn sogar als Musiker für das Event engagiert worden war. Nach dem Mord muss sich Demirbilek dann doch an den Tatort bequemen. Bei den Ermittlungen stößt das Migra-Team auf allerlei Ungereimtheiten und ein Panoptikum merkwürdiger, um nicht zu sagen zwielichtiger Gestalten. Am Ende muss Kommissar Pascha im Verlauf der Ermittlungen sogar nach Istanbul reisen. Das passt ihm ganz gut, weil er nebenbei auch seine Familienverhältnisse ordnen und seine Frau, die in Richtung Türkei verlassen hatte, zurückgewinnen will.

Unterhaltsame Mischung aus Krimi und Familienroman

Leser, die allein auf Spannung und Tempo Wert legen, werden sich bei „Kruzitürken“ möglicherweise nicht vollständig wohl fühlen, weil der Krimi gefühlt zur Hälfte auch Familienroman ist. Das ist aber meiner Meinung in diesem Fall eher eine zusätzliche Qualität als ein Makel, aber es soll ja Menschen geben, denen dieser ganze zwischenmenschliche Kram auf die Nerven geht. Und hinreichend spannend ist „Kruzitürken“ überdies.

Tatort: München

Su Turhan beschreibt München und Bayern weniger als Ort als vielmehr als Haltung. Der in Istanbul geborene und in München lebende Autor und Filmemacher hat den Vorteil, gleichermaßen von Innen wie von Außen auf die bayrisch-deutsche Mentalität und das Leben in München blicken zu können. Wie er seine Erkenntnisse des Zusammenlebens (oder Nicht-Zusammenlebens) beschreibt, ist in höchstem Maße unterhaltsam und häufig sehr komisch. Ohne, dass Suhan das darauf anlegt, zeichnet er über seine deutsch-türkischen Ermittler aber auch ein eindringliches Bild der inneren Zerrissenheit der Migranten, die in Deutschland leben und häufig mit mehr als einer Heimat in Kopf und Herz leben müssen. Su Turhan hat seine Serie vermutlich überhaupt nicht mit dem Ziel geschrieben, einen Beitrag zur Integrationsdebatte zu leisten. Lesenswert sind seine Bücher aber auch in diesem Zusammenhang.

Su Turhan, Kruzitürken, Knaur, 333S. 9,99€, VÖ 14. Januar 2015

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Blinder Feind von Jeffery Deaver: Spannend und überraschend wie immer, aber leider auch flach wie nie

Jefferey Deaver ist meiner Meinung einer der Großmeister des perfekten Plots in der Kriminalliteratur. Der US-Amerikaner hat mich zumindest mit einigen der überraschendsten Wendungen unterhalten. Deaver ist dabei ein außerordentlicher Vielschreiber, er hat mehrere Reihen und zahllose „Stand-alone“-Thriller geschrieben. Sein neuester Thriller gehört in die letzte Kategorie.

Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren?

Wenn man streng ist, könnte man „Blinder Feind“ als Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren betrachten, weil er formal erst einmal ungewöhnlich und ungewohnt sperrig daherkommt. Aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn er seine Leser nicht doch gehörig in die Irre führen würde.

Deaver entwickelt ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel

Die Geschichte beginnt mit einer New Yorker Büroangestellten, Garbriela McKenzie, deren Tochter entführt wurde. Damit wollen die Entführer die Frau, die als Office-Managerin eines Anlageberaters gearbeitet hatte, Geheimpapiere ihres Chefs und ein sattes Lösegeld erpressen. Wir lernen zudem im Inneren Monolog den Täter, sowie in ganz normalen Dialogen Spezialisten einer Geiselbefreiungsfirma kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer Maus und wer Katze ist

„Blinder Feind“, ein Exemplar von Flughafen-Lektüre

Deaver treibt seine Geschichte mit gewohnt hohem Tempo voran, seine Thriller zeichnen sich genau dadurch aus, dass jedes Wort sitzt und dieser Stelle seinen Sinn hat. Dennoch hat er sich bislang immer auch Zeit für interessante Figurenzeichnung genommen und interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen – und beschrieben. Bei „Blinder Feind“ ist das anders. Für mein Gefühl hat sich Deaver hier sehr deutlich auf das Niveau von Flughafen-Literatur begeben. (Das sind Bücher, die gleichzeitig so spannend und so schlicht sind, dass sie auch in 12.000 Meter Höhe bei mittelstarken Turbulenzen, eingekeilt zwischen übergewichtigen Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen mit Domina-Komplex, noch gut zu lesen sind.)

Unerwartet nervige Figurenzeichnung von Jeffery Deaver

Jedenfalls beschränken sich die Eigenschaften der Männer, das sie kräftig gebaut sind, leuchtend blaue Augen haben und ansonsten entfernt wie George Clooney aussehen – es sei denn natürlich, sie seien Bösewichter: Das erkennt man an irgendwelchen körperlichen Defiziten. Bei den Frauen ist mit leichter Variation ähnlich: Langes, wallendes Haar, schmale Hüften und große Brüste stehen hier für einen „guten Charakter“.

Enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch enttäuschend flach…

Offen gestanden verliere ich, wenn ich nicht gerade in 12.000 Metern Höhe in einer schmalen Aluminiumröhre sitze, bei derartigen Figurenzeichnungen unmittelbar die Lust, weiterzulesen. In diesem Fall habe ich es dennoch getan, weil ich im Urlaub nicht unbegrenzt auf mein Bücherregal zugreifen konnte, um eine Alternative zu finden – und so bleibt, auch wenn am Ende der flache Figuren-Schein zu trügen scheint, mein Lesefazit eher ungnädig. Ja, enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch total und enttäuschend flach. Also eigentlich nur für Viel- bzw. Langstreckenflieger zu empfehlen…

Jeffery Deaver, Blinder Feind, blanvalet, 382S., 9,99€, VÖ: 19. Januar 2015

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Carsten Germis „Sayonara Bulle“: Ein Landei aus Peine mischt höchst unterhaltsam Tokio auf

Eine gute Idee ist ja oft schon die halbe Miete. Das gilt auch beim Kriminalroman. Und so ist „Sayonara Bulle“ von Carsten Germis grundsätzlich erst einmal sehr gelungen. Germis verpflanzt einen Kriminalbeamten aus der niedersächsischen Provinz in die japanische Mega-Metropole Tokio. Das riecht auch in Zeiten der Globalisierung noch schwer nach Kulturschock – und nach vielen unterhaltsamen Ideen.

Ein niedersächsischer Sturkopf landet in Tokio

Bernie Ahlweg heißt der eher schwierig-sture Bulle aus der Provinz, der laut Erstcharakterisierung nicht wirklich eine Zierde seines Berufsstandes ist, von seinem Chef nicht besonders geschätzt und deshalb zum Erlernen moderner Polizeiarbeit nach Tokio abgeschoben wird. Keine Frage, dass der notorische Querulant auch dort sofort aneckt. Immerhin entdeckt der Sturkopf aus Peine einen raffiniert getarnten Mord und im weiteren Verlauf Verstrickungen von Politik und Polizei zur Yakuza, der japanischen Mafia.

Kulturelle Gegensätze mit hohem Unterhaltungswert

Germis’ Idee trägt tatsächlich sehr weit. „Sayonara Bulle“ ist wegen dieses kulturellen Gegensatzes außerordentlich unterhaltsam. Der Autor ist Ostasienkorrespondent der FAZ, kennt sich also am Ort des Geschehens aus, und ist mit den Besonderheiten der japanischen Kultur hinreichend vertraut, so dass sein Krimi überdies auch noch außerordentlich lehrreich ist.

Kleinere Schwächen bei Carsten Germis

Mir sind beim Lesen allerdings zwei Dinge aufgefallen, die ich als Vielleser mal als Schwächen oder kleinere Schönheitsfehler bezeichnen würde. Zunächst geschieht der Wandel des Hauptdarstellers aus Peine, dessen Lebensmittelpunkt die wöchentliche Skatrunde im Peiner „Härke-Eck“ darstellt, vom latent rassistischen Landei zum geschmeidig durch Tokio gleitenden Weltmann deutlich zu schnell. Anders gesagt, Germis baut einen Konflikt auf, den er selber nur wenige Seiten später umstandslos wieder einkassiert, weil er seinen Kommissar für den Plot als Motor braucht. Das ist ok, stellt aber einen Bruch dar (und Germis verzichtet auf jede Menge Potentielle Pointen und Tiefe in der Figurenzeichnung).

Gelegentliche Ausflüge ins Professorale

Der zweite kleine Schönheitsfehler liegt ausgerechnet in der unbestrittenen Kompetenz des Autors, der Japan sehr gut zu kennen scheint. Germis neigt in „Sayonara Bulle“ in bester journalistischer Manier zum Dozieren. Und wer wird im Krimi schon gerne erkennbar belehrt? Germis erscheint es zudem zu gehen, wie vielen Japanologie-Studenten, die vom Auslandssemester zurückkehren: Sie sind häufig von der anderen Kultur fasziniert, aber sie bleibt ihnen am Ende doch fremd. Das lässt auch Carsten Germis seine Leser spüren.

„Sayonara Bulle“ ist unbedingt lesenswert

Den beiden „Schönheitsfehlern“ – wie ich sie wahrgenommen habe – zum Trotz halte ich „Sayonara Bulle“ für unbedingt lesenswert. Der Krimi steckt voller guter Einfälle, er hat einen sehr interessanten Plot mit hinreichend verwickelten Wendungen und viele lustige Stellen – und darüber hinaus mit dem Landei in der fernen Metropole eine sehr gute Grundidee…

 

Tatort: Tokio

Wenn man „Sayonara Bulle“ folgt, ist Tokio ein Moloch, ein gesichts- und charakterloser aus Stahl und Beton noch dazu. Architektonisch gleicht die Stadt laut Carsten Germis seinen Bewohnern, die versuchen, sich an den Durchschnitt, eine Norm anzupassen, um auf keinen Fall aufzufallen. Das wahre Wesen Tokios, alle dunklen, abgründigen oder auch nur interessanten Seiten erfährt der Außenstehende nie. Und das gilt auch für die Bewohner der Stadt…

Dennoch hat die Metropole mehr Facetten unter der glänzenden Fassade. Auch diese zeigt Carsten Germis seinen Lesern, der dann die Erkenntnis mitnimmt, dass Tokio erst dann richtig schön ist, wenn man es eigentlich schon fast verlassen hat. Das Ganze erzählt der Autor so plausibel, dass „Sayonara Bulle“ Tokio-Reisenden als vorbereitende Lektüre unbedingt zu empfehlen ist.

Carsten Germis, Sayonara Bulle, Rowohlt, 334 S., 9,99€, VÖ: März 2015

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Jesper Stein treibt in Weißglut zum Vergnügen der Leser seinen Ermittler über dessen Grenzen hinaus

Es ist harter Stoff, den uns Jesper Stein da zumutet. Sein Kommissar Axel Steen zerstört sich langsam aber sicher selber. Er stößt, wo er nur kann, seinen Mitmenschen vor den Kopf, natürlich in erster Linie solchen, denen er nahe steht. Seinen Verstand benebelt er durch regelmäßigen Haschischkonsum. Dazu passend, lässt er seine Wohnung und sein äußeres Erscheinungsbild verkommen. Auch bei seinem Arbeitgeber, der Kopenhagener Polizei hat Steen kaum noch Freunde.

Ein Polizist im freien Fall

Vor dieser Ausgangslage stößt der Polizist in „Weißglut“ bei der Suche nach einer adäquaten Beschäftigung auf einen von seinen Kollegen missachteten Vergewaltigungsfall im Stadtteil Norrebro. Weil das Opfer sehr aufmerksam war, kann Axel Steen eine Verbindung zu einem älteren Mordfall herstellen. Dieser sogenannte „Blackbird“-Fall, bei dem eine Studentin ebenfalls vergewaltigt und anschließend ermordet hatte, kostete den Polizisten seinerzeit die Ehe und beinahe alle Freunde.

In „Weißglut“ wird Axel Steen zum ermittelnden Berserker

Steen, soviel weiß man aus dem ersten Band „Unruhe“ bereits, ist ein Besessener, wenn es um die Suche nach Tätern gibt. Die Motivation für das Berserkerhafte bei den Ermittlungen ist auch in „Weißglut“ noch nicht völlig erklärt, aber man erfährt schon, dass hinter der Fassade des harten Cops viel Mitgefühl, aber – soviel wird klar – auch eine große Portion Schuldgefühl steckt.

Jesper Stein lässt einen kalt berechnenden Serientäter antreten

Jedenfalls treibt Axel Steen gegen alle Widerstände die Ermittlungen voran: Schnell wird klar, das im Kopenhagen, dessen Bewohner sich selber oft so idyllisch-provinziell denken, ein gnadenloser Serientäter sein Unwesen treibt, der nicht nur brutal, sondern überaus kalt berechnend vorgeht, und so zum schwierigen Gegner wird, der den Kopenhagener Polizisten wieder weit über dessen Grenzen hinaus treibt.

Axel Steen, eine vielschichtige Hauptfigur höchst unterhaltsamer Krimis

Einen wesentlichen Teil der Faszination für Kriminalromane von Jasper Stein entsteht mit dem Protagonisten, mit Axel Steen. Der Polizist ist so vielschichtig und widersprüchlich angelegt, dass es trotz seiner vielen schlechten Eigenschaften ein Vergnügen ist, ihm beim Leben und Leiden zuzusehen. So ungehobelt und unsensibel er oft ist, so liebevoll kümmert er sich um seine Tochter, die er für seinen Geschmack nur all zu selten zu sehen bekommt. Es hilft für seine innere Ausgeglichenheit auch nicht, dass der neue Partner seiner Ex-Frau durch eine unselige Fügung jetzt zu seinem Chef wird.

„Weißglut“ ist wie sein männlicher Hauptdarsteller: Derbe, direkt, auf den Punkt geschrieben und hinter einer rohen Schale hoch emotional und ungemein mitreißend. Kurz: die perfekte Unterhaltung im Krimi-Gewand.

Tatort:Norrebro

Norrebro ist ein Stadtteil Kopenhagens mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. Seither ist das Viertel dauerhaft im Blickpunkt. Der einstige Arbeiterbezirk wurde früh von Studenten bevölkert, hat heute einen hohen Anteil von Anwohnern mit Migrationshintergrund – und ist berühmt-berüchtigt für seine bunte, alternative Lebenswelt, aber auch für notorische Krawalle und eine relativ hohe Kriminalitätsrate. Jesper Stein porträtiert diesen lebendigen, aber problembeladenen Stadtteil mit sehr viel Liebe als ein verlorenes Viertel, dem sich zu entziehen für seinen Kommissar aber unmöglich scheint: In schlechter, wie aber auch in guter Hinsicht. Für die harten Krimis um Kommissar Steen ist Norrebro so die perfekte Kulisse.

Jesper Stein, Weißglut, KiWi, 415S., 12,99€, VÖ: 8. Januar  2015

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