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Rose Gerdts verleiht Bremen in Dornenkinder einen Hauch von Gotham-City

Dornenkinder, der neue Krimi von Rose Gerdts, verbindet wieder genauso gekonnt wie unaufdringlich spannende Handlung, interessante Protagonisten und gesellschaftliche Relevanz

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Jan Fabers „Der Lobbyist“ – nur teilweise unterhaltsamer Krimi-Durchschnitt

Es gibt einen neuen Krimi von Jan Faber. Der Thriller „Der Lobbyist beschäftigt sich mit den Strippenziehern in den Hinterzimmern der Macht.

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Stephan Ludwig: Zorn – Wie sie töten. Ein Gelungener Mix aus Groteske und Grausamkeit

Das Mittagessen ist mittlerweile der absolute Höhepunkt im Alltag von Zorn geworden. Denn dann geht der Polizist zu seinem ehemaligen Kollegen, der den Job quittiert hat und seither eine Art Restaurant betreibt. Es gehört zu den skurrilen Einfällen von Stephan Ludwig, dass sein heimlicher Held, der „dicke Schröder“ in seinem „Restaurant“ mehr oder weniger nur für sich, eine Nachbarin, seine Mutter und eben seinen ehemaligen Vorgesetzten kocht. Viel Raum für Besinnlichkeit beschert der Autor dem derzeit vermutlich merkwürdigsten Ermittler-Duo der deutschen Krimi-Landschaft allerdings nicht.

Brutale Morde einer Sadistin

Eine Serienmörderin ist unterwegs in der Stadt, mordet scheinbar wahllos auf Bahnhöfen, im Altenheim oder im Gemüseladen. Da Zorn alleine ermittelt – und das bekanntlich meist eher lust- und erfolglos – bleiben die ersten Morde der Täterin der Polizei zunächst verborgen. Dem Leser hingegen wird die sadistisch veranlagte Frau bereits sehr früh vorgestellt. Berit Steinherz heißt die mordende Altenpflegerin, die sich zudem noch einen ihr hörigen Gehilfen hält. Zusammen ziehen sie eine blutige Spur durch die Stadt.

Atemloses Duell in „Zorn – wie sie töten“

Zorn beginnt wie immer erst dann zu ermitteln, als es eigentlich schon zu spät ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, und immer mehr Menschen geraten in Gefahr. Obgleich die Täterin bekannt ist, entwickelt „Zorn – wie sie töten“ ein gehöriges Maß an Spannung. Der Leser kann einem atemlosen Duell folgen, in dem sich die Ermittler – hier wieder in erster Linie der dicke Schröder – und die Täterin gegenseitig belauern. Am Ende steht dann ein veritabler Show-down, der einen würdigen Abschluss eines fesselnden Kriminalromans bildet.

Eine gelungene Mischung aus Farce und Spannung

Stephan Ludwig hat eine ganz eigene Mischung gefunden: Es gibt einen Namen gebenden bis zur Groteske unfähigen Kommissar, der dennoch sympathisch ist, auch weil er sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten immer bewusster wird. Dazu stellt Ludwig ihm mit Schröder einen Partner an die Seite, mit dem Zorn ein kongenial vertrotteltes Komiker-Duo gibt. Auf der anderen Seite nutzt der Autor die volle Härte gnadenloser Düsterkeit aus der Gesellschaft gefallener Serienmörder. Zorn metzelt in seinen Krimis mit einer Lust, dass der Leser gelegentlich schon einen stabilen Magen braucht. Einfache Kost sind Morde und die Seelenlage der Täter wie sie Stephan Ludwig beschreibt, jedenfalls nicht.
Wer beim Krimi auf „harten Stoff“ steht, wird Ludwigs Konzept, Farce und düsterste Tragödien zu verknüpfen, zu schätzen wissen, ergibt sich daraus doch eine ungemein unterhaltsame Krimi-Lektüre.
Stephan Ludwig, Zorn, wie sie töten, Fischer, 406S., 9,99€, VÖ: 20. Oktober 2014

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„Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen: Starkes Thema zwiespältig umgesetzt

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Berlin. Vier Frauen wurden verschleppt, misshandelt, erdrosselt und am Ende achtlos weggeworfen. Die Polizei ist sehr sicher, den Täter gefunden zu haben. Allein der junge Psychiater Dalus zweifelt an der Schuld seines ehemaligen Patienten obgleich de wahrlich kein Sympathieträger ist.

Suche nach einem Serienmörder und der lieben Verwandtschaft

Das ist die Ausgangslage in „Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen. Dalus muss nicht nur seinen Patienten auftreiben, bevor die Polizei, die nicht gerade zimperlich ist, den Mann zu Tode hetzt. Auch seine Schwester, die der junge Mediziner vor Jahren aus den Augen verlor, ist verschwunden, nachdem sie kurz zuvor noch überraschend ihren Besuch angekündigt hatte.

Verschwörung in den 20er Jahren

„Bevor die Nacht kommt“ spielt in den Nachkriegsjahren des 1. Weltkrieges mit allen Verwerfungen und politischen Wirrungen, die jene Zeit mit sich brachte. Simon Jaspersen rührt daraus einen sehr interessanten Plot mit vielen überraschenden Wendungen, einer veritablen Verschwörung und einer schier übermächtigen Zahl an Bösewichten zusammen. Insofern ist „Bevor die Nacht kommt“ ein sehr reizvoller, lesenswerter Kriminalroman.

Kriminalroman mit zwiespältiger Resonanz

Insgesamt hat das Debüt bei mir jedoch eine zwiespältige Resonanz ausgelöst. Ich habe ein Faible für historische Krimis und bin großer Fan von Philip Kerrs „Berlin Noir“-Serie um Bernie Gunther, die in der Vorkriegszeit zum 2. Weltkrieg spielt. Dort wo der Schotte Kerr ohne Hemmungen jedes Klischee über Deutsche hervorholt und mit einer gewissen Lust ein grobes, aber eben doch sehr dichtes, emotionales und deshalb stimmiges Bild des historischem Berlins pinselt, bewahrt der Hamburger Jaspersen eine merkwürde Distanz. Ich fand jedenfalls die alte Reichshauptstadt in „Bevor die Nacht kommt“ nie wirklich greifbar.

Diffuses Stadtbild, schwer greifbare Protagonisten

Das unbehagliche Gefühl des Diffusen ist mir beim Lesen nicht nur beim Tatort sondern auch bei den Protagonisten erhalten geblieben. Natürlich erfährt man vieles über den Psychiater Dalus, dessen Schwester und ihre gemeinsame Familiengeschichte, aber insgesamt sind mir die beiden, vor allem aber auch alle anderen Figuren nicht wirklich Nahe gekommen. Schwer zu sagen, ob Jaspersen das nicht besser hinbekommen hat, er es vielleicht sogar genau so wollte, oder ich beim Lesen einfach nur eine schlechten Tag hatte. Auf jeden Fall hat mich „Bevor die Nacht kommt“ trotz des perfekten historischen Aufhängers nicht restlos überzeugen können.

Tatort:Berlin

Eigentlich bleiben zur Darstellung des historischen Berlins in „Bevor die Nacht kommt“ nur zwei Fragen offen. Eine dreht sich um kulinarische Themen, die andere um die Illumination der Stadt.

Die erste Frage: Gab es 1920 in Berlin eine chinesische Garküche? Das wäre noch interessant herauszufinden, ob die Esskultur damals schon derart internationalisiert war. Der Psychiater Dalus besuchte in Berlin jedenfalls in einer Szene besagte Garküche. Zwar gab es seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in bildungsbürgerlichen Schichten eine gewisse Faszination für die chinesische Kultur (die Faszination erstreckte sich aber keineswegs auf die Menschen, die als eher minderwertig betrachtet wurden). Ob die Faszination so weit ging, dass es die chinesiche „Fastfood“-Restaurants nach Berlin schafften, ist zumindest fragwürdig…

Die zweite Frage: Dalus blickt bei einem nächtlichen Spaziergang auf eine Neon-Reklame. Das brachte mich zu der Frage, ob es 1920 eigentlich schon Neon-Reklamen gab? Antwort, ja, gab es: Offen ist allerdings, ob sie seinerzeit bereits für Reklame an Häusern eingesetzt wurden. Die frühen Leuchtwerbungen wurden, hier kann ich mich allerdings leider nur auf einen Wikipedia-Artikel stützen durch Glühbirnen erhellt Außerdem war offenbar, wenn man den Wikipedia-Autoren glauben darf, noch bis 1923 ein aus dem Weltkrieg stammendes Leuchtwerbungsverbot in Kraft.

Dass soll jetzt ausdrücklich nicht die Fähigkeit oder Integrität des Autoren in Frage stellen, sondern nur mein individuelles Unbehagen mit dem Berlin-Bild, das Simon Jaspersen zeichnet: An den Stellen, an denen es greifbar wird, bleibt es unglaubwürdig. Das ist natürlich für das Gelingen einer Fiktion auch nicht nötig, aber für einen Krimi, wie ich ihn mag, der sich zudem historischer Ereignisse bedient, eben doch wichtig.

Simon Jaspersen, Bevor die Nacht kommt, Rowohlt, 439S., 9,99€, VÖ: 24. Oktober 2014

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Tom Hillenbrands „Tödliche Oliven“: Gelungener Krimi um schmierige Geschäfte

Es gibt Menschen, die werden konsequent vom Pech verfolgt. Eigentlich wollen diese Zeitgenossen doch nur von Überraschungen unbehelligt ein bequemes Leben führen, aber das geht all zu oft schief – und sie stürzen Kopfüber ins Chaos. Natürlich geben genau diese Menschen die perfekten Krimi-Helden ab. Das gilt auch für Xavier Kieffer. Der von Tom Hillenbrand erdachte Luxemburger Koch und Gastronom stolpert in „Tödliche Oliven“ jetzt bereits zum vierten Mal in ein Szenario, das von Mord, Erpressung, Korruption, globalen Verschwörungen und allerlei anderen finstern Verbrechen dominiert wird.

Ein missglückter Ausflug für Xavier Kieffer

Es beginnt, wie könnte es anders sein, in aller Unschuld. Kieffer möchte sich eine Auszeit gönnen und mit seinem Freund aus Schulzeiten, Alessandro Colao gemeinsam nach Italien fahren. Der Wein- und Ölhändler besitzt dort eine Ölmühle und – beinahe noch wichtiger – detailliertes Wissen über die besten Restaurants. Natürlich kommt Kieffer zu spät zum Treffpunkt, der Freund ist weg.

„Tödliche Oliven“: Falsche Freunde in finanzieller Not

Schnell stellt sich raus, dass Colao nicht etwa aus purer Ungeduld Luxemburg verließ, sondern bereits seit Tagen verschwunden ist. Kieffer macht sich also alleine auf den Weg Richtung Italien, um den Freund zu finden. Er stellt nicht nur fest, dass sein Jugendfreund sich in finanzieller Notlage auf die falschen Freunde eingelassen hatte, sondern gerät schnell auch selber in Gefahr. Die Mafia hat, welche Überraschung, bei ihren schmierigen Geschäften rund ums Öl für neugierige Köche eher wenig Verständnis. Das kann – und das wird nicht gut ausgehen.

Ein Krimi von Tom Hillebrand, bei dem man sich am Ende klüger fühlt

„Tödliche Oliven“ ist ein höchst unterhaltsamer Krimi. Tom Hillenbrand, der meiner Meinung nach dem mit der schrecklich-schönen Zukunftsvision „Drohnenland“ den bislang besten Kriminalroman des Jahres 2014 geschrieben hat, besitzt ein gutes Gespür dafür, leichte Unterhaltung und große Themen miteinander zu verbinden. Seine Kriminalromane besitzen dadurch im besten Sinne „gesellschaftliche Relevanz“. In „Tödliche Oliven“ beschäftigt sich Hillenbrand also mit dem italienischen Olivenöl und allen miesen Geschäften, die darum betrieben werden. Offenbar wird deutlich mehr hochklassiges Olivenöl konsumiert als produziert. Wie die Differenz in Küchen und Esszimmer gerät, will man nach der Lektüre von „Tödliche Ernte“ eigentlich lieber nicht wissen. Dennoch fühlt man sich, und das ist ja auch nicht das Schlechteste, am Ende klüger.

Eine perfekte Identifikationsfigur für Durchschnitts-Dussel

In jedem Fall schafft Hillenbrand für mich einen Dreiklang, der Kriminalromane zur perfekten Unterhaltung werden lässt: ein wichtiges Thema, aufgeladen mit einer glaubhaften Verschwörungstheorie, eine spannende, raffiniert verschlungene Krimihandlung und sympathisch-liebenswerte Protagonisten. Mir jedenfalls ist nach meinem zweiten Kieffer-Fall der Luxemburgische Koch schon richtig ans Herz gewachsen. Der Genuss-Mensch, der nur am Herd brilliert und ansonsten lediglich eine ausgeprägte Beharrlichkeit als Kompetenz bei seinen „Ermittlungen“ in die Waagschale werfen kann, taugt für die meisten Durchschnitts-Dussel als perfekte Identifikationsfigur. Meine Verfolgungsjagden jedenfalls wären, auch ohne, dass ich Kettenraucher wäre, vermutlich ähnlich erfolgreich wie die von Xavier Kieffer.

 

Tatort:Luxemburg

So ganz genau weiß man es ja nicht. Ist Luxemburg jetzt ein Dorf oder eine Großstadt. Wenn man Tom Hillenbrand glauben darf, geht es zwischenmenschlich wie in der Provinz zu, während das kriminelle Niveau Metropolenpotential besitzt. Jedenfalls hat Hillenbrand einen liebevollen Blick auf das kleine Großherzogtum und gönnt sich – und seinen Lesern – den einen oder anderen Seitenhieb auf die EU-Bürokratie, die sich in Luxemburg immer mehr ausbreitet. Insofern bekommt man einen schönen Einblick in einen sehr exotischen Ort mitten in Europa.

Tom Hillenbrand, Tödliche Oliven, KiWi, 322S, 9,99€, VÖ: 6. November 2014

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Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen: Menschliche Abgründe in Münsteraner Wohlfühlatmosphäre

Jung, schön, tot. Das Leben der jungen Anna-Lena Beeck endet in einer dunklen Nacht abrupt auf der Landstraße. Als die Rechtsmediziner die Leiche der jungen Frau obduzieren, stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall ein besonders tragisches Ende war. Die Frau war, so wird sich später herausstellen, offenbar einem Monster knapp entkommen, auf der Flucht vor Folter und Misshandlung in Panik auf die Straße gelaufen und dort von einem Auto erfasst worden.

Familienvater und Serienmörder

Bei der Obduktion wird auch offenbar, dass die junge Frau nicht das einzige Opfer ihres Peinigers war. Es stellt sich heraus, dass der schnell „Glatzenmann“ genannte Täter bereits eine ganze Reihe von Frauen im Münsterland., aber auch im benachbarten Holland auf seinem Gewissen hat. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwer, weil es dem Täter offenbar gelingt, zwei Leben zu führen. Der Mörder und Vergewaltiger lebt gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Existenz mit Frau, Kindern und einem anspruchsvollen Job.

Ermittlungen und Beziehungsprobleme in Münster

Der Münsteraner Kommissar Bastian Matt, der in Münster eigentlich nur so eine Art kriminalistischer Ersthelfer ist, wird von der Leiterin der Ermittlergruppe ins Team gerufen. Dass passt ins Karrierekalkül des wackeren Beamten, stellt ihn aber dienstlich wie privat vor die eine oder andere Herausforderung. Matt muss nämlich nicht nur gegen den wachsenden Widerstand seiner Vorgesetzten den Fall, sondern auch die Beziehungsprobleme mit seiner Freundin, der für seinen Geschmack etwas zu unabhängigen Yasi Ana lösen. In beiderlei Hinsicht, ist er mehr als bemüht, aber – wie man heute so schön sagt – eher mittelerfolgreich.

Jürgen Kehrers Lambertus-Singen, der zweite Fall für Bastian Matt

„Lambertus-Singen“ ist der zweite Band von Jürgen Kehrer um den Münsteraner Polizisten Bastian Matt. Wie im ersten Teil verbindet Kehrer erneut gekonnt die heile Welt der nordwestdeutschen Provinz mit den düsteren Abgründen menschlicher Grausamkeit. Kehrer, der bereits den durch die zahlreichen ZDF-Verfilmungen bekannt gewordenen Privatdetektiv Georg Wilsberg (der ebenfalls in Münster ermittelt) erfand, bleibt seinem Erfolgsrezept treu. Er setzt auf sympathische, angenehm schusselige Protagonisten, die auf ihrem Weg durchs Leben, mehr oder wenig zufällig in allerlei Abenteuer stolpern. In der Serie um den Polizisten Matt ist der Gegensatz vielleicht größer, weil die Verbrechen düsterer sind. Aber das funktioniert. Die Kehrer-Krimis bleiben vielleicht nicht lange im Gedächtnis, weil sie weder in Form noch in Inhalt ganz besonders außergewöhnlich sind, aber sie unterhalten mit ihrer eigenwilligen Mischung aus leichter, aber intelligenter Unterhaltung und wohlig-düsterem Krimi-Gruselgefühl höchst angenehm. Und mehr kann man von einem Kriminalroman eigentlich nicht verlangen.

Tatort: Münster

Bastian Matt und seine Kollegen sitzen viel im Auto. Das gehört wohl zu den Kernkompetenzen eines jeden Polizisten, aber die Münsteraner Beamten müssen was das angeht, offenbar besonders viel Sitzfleisch mitbringen. Die Stunden hinter dem Lenkrad, die Jürgen Kehrer seinen Ermittlern in „Lambertus-Singen“ zumutet, verraten viel über die Mühen der norddeutschen Tiefebene. Die Wege sind lang und eintönig, eine von Landwirtschaft geprägte Gegend wird nur gelegentlich von Dörfern unterbrochen. Münster, das Zentrum dieser Region scheint, obgleich die nächsten Großstädte wahrlich nicht weit sind, eine einsame, Geborgenheit bietende Zufluchtsstätte inmitten einer verlassenen Ödnis. Dieses Gefühl schier unerträglicher Weite gibt Kehrer auch ohne dass er die Landschaft in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt, in „Lambertus-Singen treffend wieder.

Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen, Rowohlt, 316S., 9,99€, VÖ: November 2014

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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Stefan Ahnhem: Ein neuer Akteur in der obersten Liga der Schweden-Krimis

Fabian Risk hat sein Leben gegen die Wand gefahren, und zwar richtig gründlich: Ein Alleingang kostete ihn seinen Job bei der Stockholmer Polizei, die Beziehung mit seiner Frau setzte er wegen einer anderen aufs Spiel, und mit seinem Sohn kommuniziert der Polizist auch schon seit langen nicht mehr richtig. Die „Flucht“ in die alte Heimat soll es jetzt richten. Risk zieht in Sack und Pack nach Helsingborg, wo er einst aufwuchs.

„Und Morgen Du“: Mord statt Neu-Anfang in Helsingborg

Eigentlich hat der Polizist dort erst einmal Urlaub, den er dringend benötigt, um die fragile Beziehung zum Rest der Familie zu kitten. Doch es kommt anders. Seine neue Chefin bittet ihn rascher als erwartet zum Gespräch. Das Kriminaldezernat der südschwedischen Kleinstadt muss einen Mord aufklären. Das Opfer, das regelrecht hingerichtet und anschließend verstümmelt wurde, ist ein Klassenkamerad von Fabian Risk. Der Polizist hat sich kaum in den Fall hineingedacht, als schon der nächste Mord passiert: Erneut wird ein Klassenkamerad Risks brutal abgeschlachtet. Schnell wird klar, was der Mörder sagen will: „Und Morgen Du“, so auch der Titel des neuen Krimis von Stefan Ahnhem, der in Schweden bisher vor allem als Drehbuch-Autor auch in Deutschland bekannter Krimi-Verfilmungen aufgefallen war.

Späte Rache eines Mobbing-Opfers?

Die Polizeitruppe rund um den zu Alleingängen neigenden Risk muss sich mit einem Serienmörder auseinandersetzen, der – so viel scheint sehr schnell klar – in Jugendjahren Opfer fortwährender Mobbing-Attacken war und einen späten Rachefeldzug startet. Obwohl ein Klassenverband doch eigentlich überschaubar sein sollte, will es den Ermittlern nicht gelingen, den Täter zu identifizieren, geschweige denn zu fassen. Ganz im Gegenteil. Der Berg an Leichen, den der gestörte Ex-Pennäler aufhäuft, wird immer höher. Am Ende gerät auch der Polizist selber in Gefahr

„Und Morgen Du“, krimi-gerecht düster und brutal

„Und Morgen Du“ ist in Teilen brutal, häufig sehr düster – und enorm spannend. Stefan Ahnhem hat einen angenehm komplexen und zugleich sehr dichten Krimi geschrieben, der im Vergleich zu der Flut an simplen Thrillern, die den Markt überschwemmen, angenehm viele, kunstvoll verwobene Handlungsstränge aufweist. „Und Morgen Du“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und spielt in jedem Fall in der obersten Liga der Schweden-Krimis mit.

Stefan Ahnhem schreibt mit viel Liebe zum Detail

Die Vielzahl an Handlungsstränge bedingt natürlich eine Menge Personal. Auch hier beweist Ahnhem ein gutes Händchen. Insbesondere einige Nebenfiguren, wie der fiese, intrigante Oberkommissar in Dänemark bereichern das „Bühnenpersonal“. Im Zentrum steht natürlich der Hauptdarsteller Fabian Risk, dem man in seinen teils ungestümen, teils brillanten Alleingängen gerne folgt. Wenn man ein Wort der Kritik äußern möchte, scheint die absolut Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn nicht wirklich glaubhaft: welcher Vater kommuniziert in Zeiten, in denen es doch nur noch „Helicopter-Eltern“ zu geben scheint, mit seinem halbwüchsigen Sohn über Tage hinweg ausschließlich per sms? Man versteht den aus dramaturgischen Zwecken notwenigen Kniff, ärgert sich als Leser dennoch über die kleinen Delle im Glaubwürdigkeits-Lack.

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Serie

Dennoch ist „Und Morgen Du“ wirklich ein sehr gelungenes Debüt. Die beste Nachricht steckt im Klappentext, in dem der Krimi als „erster Teil einer Serie um den Kommissar Fabian Risk“ beschrieben wird. Wenn man sich nach dem Lesen schon auf eine Fortsetzung freut, ist das aus meiner Sicht immer das höchste Lob für einen Kriminalroman.

 

Tatort: Helsingborg

Irgendwas muss es ja auf sich haben mit Schweden: Kaum ein Land produziert so viele Krimis wie das Land der Schären und Seen. Man ist versucht zu glauben, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Verbrechen begeht und die andere Hälfte Geld damit verdient, Krimis darüber zu schreiben und in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Bilder, die dabei transportiert sind, zeichnen von Schweden meist entweder ein Bild einsamen Idylls oder ein Panorama trostloser Einsamkeit. Bei Ahnheim spielt das Land, die Natur und der „Standort“ Helsingborg keine große Rolle (wenn man einmal von der Nähe zu Dänemark absieht). Stefan skizziert eher ein Bild menschlicher Kälte, das Portrait eines Schwedens, in dem unter einer jovialen Oberfläche Kälte und Gleichgültigkeit im Miteinander dominieren. Das ist weitaus interessanter als elegische Schilderungen von einsamen Schären oder dunklen Wäldern.

Stefan Ahnhem, Und Morgen Du, List, 548S, 16,99€ VÖ: 12. September 2014

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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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Sabine Hofmann&Rosa Ribas: Ein Krimi in einer Zeit des Schweigens und Verschweigens

Barcelona ist eine beliebte Party-Meile für Touristen aus aller Welt. Dass die spanische Metropole aber viel mehr zu bieten hat als Tattoo-Studios und T-Shirt-Läden zeigt ein neuer Kriminalroman. „Das Flüstern der Stadt“ zeigt ein bodenständigeres Barcelona und erinnert an eine dunkle Periode spanischer Geschichte, die nicht so lange vergangen ist, wie man das vermuten würde. Ich habe mit den beiden Autorinnen Sabine Hofman und Rosa Ribas über ihr Buch (hier der Link zu meinem Text über „Das Flüstern der Stadt“), aber auch über Barcelona und die jüngere spanische Geschichte gesprochen

Ist Barcelona ein guter Krimi-Tatort?

Ribas: Im Grunde eignet sich natürlich jede Stadt als Tatort, aber Barcelona ist wegen seiner Struktur, der Architektur und der Geschichte der perfekte Ort für eine Kriminalgeschichte, wie wir sie erzählen wollten. Wenn man Krimis schreibt, sollte man seine Figuren zudem durch Orte bewegen, die man selber kennt, um den Geist der Stadt, der ja für eine Kriminalgeschichte immer wichtig ist, erfassen zu können.

Was macht Barcelona als Krimi-Tatort aus?

Hofmann: Es ist eine alte Stadt, und es ist eine Hafenstadt, eine Metropole, in der viele Milieus nebeneinander existieren. Wenn man die unsichtbaren Grenzen in der Stadt überschreitet, ist man gleich in einer ganz anderen Welt, in der völlig andere Menschen mit ganz eigenen Lebensgewohnheiten leben, die ihr Viertel zudem nur sehr selten verlassen…

Ribas: … weil die Ausprägung dieses Viertel-Denkens in Barcelona sehr stark ist, vergleichbar mit Berlin, wo man ja auch oft von mehreren Städten innerhalb einer Stadt spricht. Wir beschreiben zudem das Barcelona der fünfziger Jahre, im Vorfeld eines großen kirchlichen Kongresses. Das Franco-Regime hatte Barcelona als Veranstaltungsort nicht ausgewählt, weil es so schön war, sondern, um die eigenen Macht über die Stadt zu demonstrieren. Barcelona hat lange Widerstand gegen die Falangisten geleistet – mit der Ausrichtung des katholischen Kongresses signalisierte das faschistische Regime: „Wir machen mit euch, was wir wollen.“ In unserem Buch diese Stadt zu zeigen, die sich nicht beugen wollte, und am Ende doch gebrochen wurde, war uns besonders wichtig.

Wenn man durch das Barcelona Ihrer Schauplätze läuft, wirkt die Stadt besonders düster. Ist Barcelona trotz des heiteren Image, dass sie im Ausland hat, im Grunde eine düstere Stadt?

Ribas: Barcelona hat eine dunkle Seite. Vor allem die Altstadt ist eine sehr enge Stadt. Das hängt mit der Lage zusammen. Barcelona kann nicht wachsen, weil es zwischen Meer und Bergen eingekeilt liegt. Deshalb ist es auch ohne Touristen schon immer eine volle, eine laute Stadt gewesen. Es gibt aber auch einen starken Kontrast in Barcelona: Auf der einen Seite das bourgeoise Barcelona mit seinem unverschämten Reichtum und auf der andere Seite das unvorstellbare Elend, derer, die – den Slums in Brasilien gleich – in einfachsten Verhältnissen in Baracken hausten.

Ich würde mich jetzt gerne Ihrem Buch nähern und dazu vorweg einige Themen nennen, über die ich gerne sprechen würde. Ich habe für mich vier wichtige Hauptstränge identifiziert. Da ist zunächst das Portrait der Stadt Barcelona, dann selbstverständlich die ganze politische Geschichte, dann habe ich – vermutlich wenig überraschend – die Selbstbewusstwerdung einer Frau herausgelesen und schließlich gibt es natürlich die Krimihandlung. Vielleicht können wir uns den Themen in dieser Reihenfolge widmen. Warum haben Sie also den Krimi in der Franco-Zeit angesiedelt?

Ribas: Für uns war das Thema Literatur und Sprache wichtig, und als wir uns bei der Vorbereitung unserer Krimi-Idee damit auseinandergesetzt haben, kamen sehr schnell die fünfziger Jahre in den Fokus, und zwar als Zeit des Schweigens und Verschweigens. Das war dann auch für mich persönlich sehr wichtig, weil dieses Schweigen auch bei uns Zuhause galt. Wir haben zwar über die Vergangenheit gesprochen, aber meine Eltern habe lange Zeit vieles eben auch totgeschwiegen. Es war sehr wichtig, mit meinen Eltern doch einmal über diese Zeit zu sprechen zu können, weil man plötzlich vieles viel besser versteht, auch die ganz persönliche Geschichte. Schließlich hat uns diese Vergangenheit der Unfreiheit mitgeprägt.

Hofmann: Es war überdies reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen, wie Verbrechen und deren Aufklärung in einer Diktatur funktionieren, weil man sich ganz sicher sein kann, dass die Polizei in diesem Fall nicht auf der Seiten der „Guten“ und die Wahrheitsfindung nicht im Mittelpunkt ihres Interesses steht. Daher schien es uns spannend, eine Krimihandlung in diese Zeit zu verlegen. Hier verknüpfen sich zwei der Stränge, die Sie genannt haben.

Ribas: Wenn ein Krimi in der heutigen Zeit angesiedelt ist, kann ohne weiteres der Polizist der Gute sein. Spielt er jedoch in der Franco-Zeit, ist es undenkbar, dass ein Polizist eine „Galionsfigur“ des Guten und Gerechten sein kann. In jenen Jahren musste es immer ein Außenseiter sein, der die Wahrheit herausfindet, ein Privatdetektiv oder ein Journalist. Unsere beiden Protagonistinnen sind solche Außenseiter, und als Frauen in jenen Jahren noch viel mehr. Die beiden haben natürlich überhaupt keine Möglichkeit, einen Fall wirklich zu untersuchen, deshalb lassen wir sie auch mehr oder weniger zufällig auf die Beweise stoßen. .

Hat es in Spanien eine öffentliche Aufarbeitung der Franco-Diktatur gegeben? Gab es so eine Art spanische 68-er-Bewegung, die sich mit den Verbrechen der Väter auseinandergesetzt hat?

Ribas: Das fehlt bis heute. Und wir bezahlen es teuer. Man hat versucht, nach Francos Tod einen klaren Schnitt zu machen, aber wir haben erkennen müssen, dass das natürlich nicht geht. Es sind einfach zu viele Wunden offen, es sind so viele Verbrechen ungestraft geblieben. Es tut weh zu sehen, dass es Jahre dauert, die Leiche eine Franco-Opfers aus einem Massengrab zu bergen und würdevoll zu bestatten, selbst wenn man weiß, wo der Betreffende erschossen wurde.

Hofmann: Die Diskussion um die Massengräber jener Jahre und die Exhumierung der Erschossenen hat erst in diesem Jahrtausend begonnen. Es hat über 25 Jahre gedauert, bevor der Prozess in Bewegung kam – und es bleibt bis heute immer noch schwierig für die Angehörigen. Wir haben noch ein anderes Beispiel, ein einfaches, aber sichtbares Zeichen für den Umgang mit dieser Zeit. Das Polizeikommissariat, das in unserem Roman eine wichtige Rolle spielt, hat es tatsächlich gegeben und tatsächlich war es an Ort des Schreckens, wo gefoltert und getötet wurde. Heute ist es ein Hotel mit allem erdenklichen Luxus, glänzender Marmor, und es gibt nicht einmal eine Plakette, die auf die Verbrechen jener Jahre hinweist.

Ihr Buch „Das Flüstern der Stadt“ ist in Spanien bereits im vergangenen Jahr erschienen. Hat das eine Debatte ausgelöst, oder wurde es nur als Krimi wahrgenommen?

Ribas: Ich war viel in Leseclubs unterwegs, wo über das Buch gesprochen wurde. Dort habe ich das starke Interesse gespürt, über die Franco-Zeit zu diskutieren. Gelegentlich hat es sich angefühlt wie ein Dammbruch, weil es so ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden. Aber man muss das natürlich richtig einordnen: Eine allgemeine Debatte wird in Spanien nicht durch einen einfachen Kriminalroman ausgelöst.

Haben Sie versucht, mit ihrem Roman bewusst die Sprache der 50er Jahre zu treffen?

Hofmann: Ich habe versucht, anachronistische Wörter und Formulierungen zu vermeiden und habe ich eine schlichte und einfache Standardsprache gewählt. Ich bin beim Schreiben der deutschen Fassung immer wieder auf Begriffe gestoßen, wie sie meine Eltern gebraucht haben, so wie „Mäntel wenden“, die ich dann mit großem Vergnügen benutzt habe, weil sie so perfekt in die Zeit passen. Ich bin aber nicht explizit auf das Vokabular Deutschlands der 50er Jahre gegangen. Das hätte falsche Assoziationen geweckt.

Ich würde mich jetzt gerne Ana, ihrer Protagonistin nähern. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass ihr Krimi sich vor allem an eine weibliche Leserschaft richtet.

Hofmann: Wir hatten beim Schreiben keine Zielgruppe im Kopf. Dass im Zentrum zwei Frauen stehen sollten, war eine Entscheidung, die wir zu Beginn getroffen haben, gewissermaßen eine Bauchentscheidung. Im Verlauf der Arbeit hat sich dann herausgestellt,wie interessant es sein kann, die Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Spanien der fünfziger Jahren auszuloten.

Ribas: Unsere Figuren können nicht aus ihrer Haut. Wir konnten sie schließlich nicht agieren lassen wie moderne Frauen. Wir haben versucht, etwas zu vermeiden, was wir selber in Romanen hassen, nämlich Figuren, die anachronistisch, also nicht der Epoche entsprechend, in der sie leben,  handeln. Deshalb haben wir eine Protagonistin erdacht, die ambitioniert ist, etwas erreichen will, aber ständig gegen Wände läuft. Und trotzdem probiert sie es weiter und weiter. Da mussten wir uns immer wieder zurücknehmen, wenn wir gemerkt haben: so kann eine Frau in den 50er Jahren nicht denken. Wir haben versucht, mit Details zu zeigen, wie beklemmend diese Zeit war. Wie beispielsweise eine Frau angesehen wurde, die auf der Straße raucht, in den Augen der Gesellschaft konnte sie nur eine Prostituierte sein.

Ich würde Ihnen gerne meine Wahrnehmung schildern, wie ich darauf gekommen bin, dass sich ihr Krimi vielleicht an eine weibliche Zielgruppe richtet. Im gesamten Buch kommt keine positiv besetzte Männerfigur vor. Männer sind – und das scheint in den allgemeinen Krimizeitgeist zu passen – entweder Schurken, Böse oder Trottel, liebenswert zwar, aber eben doch Trottel. Sehen Sie das auch so?

Ribas: Eigentlich nicht, aber natürlich haben wir mit den Rollenbildern gespielt. Unser Kommissar ist am Anfang ein klassischer franquistischer Polizist. Im Verlauf des Romans wird er eher ambivalent, weil wir keine Schwarz-Weiß-Figuren wollten. Also ist er als Polizist ein Schläger, aber gleichzeitig ein liebevoller Vater.

Hofmann: Er ist eben auch in seiner Zeit gefangen.Allerdings sind ja auch unsere Heldinnen nicht strahlend und reinweiß. Ana ist bereit, für ihre Karriere einiges hinzunehmen, sie sieht – beschämt und entsetzt – zu, wie bei einem Verhör eine Zeugin geschlagen wir und arrangiert sich doch mit dem Schläger Castro, weil sie die Berichterstattung über den Mordfall als Chance für ihren beruflichen Wunschtraum begreift.

Haben Sie, damit es in die Zeit passt, auch die kleine Romanze mit hineingepackt. Ich hab beim Lesen gedacht, warum reitet Ihre Ana nicht einfach als verlorene Heldin in den Sonnenuntergang , zieht reif geworden ihres Weges?. Warum muss die noch einen Kerl abkriegen?

Hofmann: Wir haben ihr am Ende die kleine Romanze gegönnt, weil wir den Roman nicht mit zwei einsamen Frauen enden lassen wollten. Was daraus wird, in welcher Hinsicht und wofür sie einen Kerl abkriegt, bleibt ja offen. Wir haben auch hier mit den gängigen Rollenbildern gespielt, ohne ihr ein Verhalten zuzuschreiben, dass ihr damals nicht möglich gewesen wäre.

Offen gestanden haben Sie mir nach der Lektüre ein wenig den Spaß verdorben. Ich hatte mich gefreut, endlich mal einen Krimi zu lesen, der keine Fortsetzung zulässt.. Jetzt haben Sie aber verraten, dass es einen zweiten Band gibt…

Ribas: …Es ist keine Fortsetzung im eigentlichen Sinne. Die Geschichte mit den zwei Frauenfiguren hat in Spanien sehr gut funktioniert, daher war die Versuchung groß, etwas Ähnliches zu machen. Wir sind allerdings einen anderen Weg gegangen: Wir bleiben zwar in der Zeit, aber sonst wird alles anders. Ana ist allein, ohne Beatriz, sie muss Barcelona verlassen und arbeitet in einem kleinen Dorf. Das neue Buch ist viel düsterer. Wenn „Das Flüstern der Stadt“ grau ist, ist der neue Band schwarz. Das war ein großes Risiko, weil die Leser ja häufig mehr von dem Bekannten erwarten. Aber es hat sich gelohnt. Auch das zweite Buch ist in Spanien sehr gut angekommen, wie ein Kritiker schrieb: „Die Franco-Zeit hat jetzt ihren Kriminalroman.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte als Krimi zu erzählen? Man hätte die Handlung ja auch als Roman ohne Krimi-Plot aufschreiben können?

Hofmann: Das hätten wir wahrscheinlich nicht zu zweit geschrieben. Zu den Dingen, die uns von Anfang an so klar waren, dass wir nicht mehr darüber geredet haben, gehörte, dass es ein Krimi sein sollte. Das Genre Krimi eignet sich für eine Zusammenarbeit besonders gut, weil es dort viele Genre-Regeln gibt, an denen man sich abarbeiten kann und auf die man sich nicht neu einigen muss. Außerdem lieben wir Krimis. Es war total spannend, eine Krimi-Handlung in eine bestimme Zeit zu setzen, zu sehen, warum in einer bestimmten Ära Verbrechen begangen werden, oder darzustellen, wie es in dieser Zeit mit Ermittlungen und Wahrheit aussieht.

Spielt beim Schreiben der Reiz, den mal als Leser beim Krimi häufig empfindet, sich geistig sozusagen am Abgrund zu bewegen und einen Blick in die Finsternis zu werfen, auch eine Rolle?

Ribas: Ja unbedingt. Man hat sozusagen die Erlaubnis, sich in den Abgründen der menschlichen Seele umzuschauen.

Die Reise nach Barcelona zum Interview ermöglichte der Rowohlt-Verlag

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