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Ribas/Hofmann „Das Flüstern der Stadt“: unterhaltsame und ergreifende Krimi-Geschichtsstunde

Bei Verhören fackelt der Kommissar nicht lange. Wenn dem Polizisten eine Antwort nicht gefällt, setzt es einfach ein paar kräftige Ohrfeigen: Sollte ein Verdächtiger daraufhin immer noch nicht gestehen, werden eben drastischere Mittel eingesetzt. Eine hohe „Aufklärungsrate“ ist so garantiert. Klingt putzig? Ist es aber nicht. Die menschenverachtenden Mittel der Diktatur beschreiben die Autorinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann in ihrem Kriminalroman „Das Flüstern der Stadt“.

Rosa Ribas und Sabine Hofmann schildern eine Atmosphäre der Angst

Die Stadt, um die es geht, ist Barcelona, und zwar das Barcelona der frühen fünfziger Jahre. Damals herrschte in Spanien noch General Franco mit seinen faschistischen Falangisten. Die trachteten, die rebellische katalanische Metropole zu unterjochen und gingen dabei nicht eben zimperlich vor. Die Wahrheit spielte in jener Zeit kaum eine Rolle, schon gar nicht auf dem Polizeirevier.

Eher zufällige Ermittlungen durch eine Journalistin

In diese unfreie Umgebung stolpert eher zufällig die Journalistin Ana. Eigentlich ist sie für die Weltanschauung dieser Zeit geschlechtsgemäß „passend“ bei der Zeitung für Klatsch und Mode zuständig. Da der Kriminalreporter verhindert ist, schickt der Chef nach einem Mordfall die junge Frau auf die Wache, nicht etwa, weil er überbordendes journalistisches Interesse hätte, sondern weil die Berichterstattung von den Machthabern angeordnet wurde.

Es dürfte wenig überraschen, dass die junge Journalisten sich als weniger pflegeleicht erweist, als das alle Beteiligten erwartet hatten. Ana will ernsthaft berichten und recherchiert. Zusammen ihrer Cousine Beatriz, einer von den Herrschenden kalt gestellten Sprachwissenschaftlerin, stolpert sie über Beweise für ein – selbst nach Maßstäben der Falangisten – abscheuliches Verbrechen. Die Versuche, Wahrheit und Gerechtigkeit eine Chance zu geben bringen die beiden schnell selber in Gefahr.

Das Flüstern der Stadt, ein faszinierendes Buch

„Das Flüstern der Stadt“ ist ein faszinierendes Buch. Das liegt vor allem am Thema: Dass in Spanien bis weit in die siebziger Jahre ein Diktator mit eiserner Hand die Bevölkerung in Geiselhaft hielt, ist zwar kein Geheimnis, aber doch schnell aus dem Bewusstsein verschwunden. Rosa Ribas und Sabine Hofmann öffnen mit ihrem Kriminalroman ein Fenster in diese finstere Welt voller Unterdrückung und Gewalt. Allein deshalb lohnt es sich, ihren Kriminalroman zu lesen.

Eine Protagonistin, der man gerne folgt

Darüberhinaus ist ganz nebenbei ein schillerndes Portrait Barcelonas entstanden, das durch eine überaus sympathische Hauptfigur durchstreift wird. Der jungen Ana folgt man gerne bei ihren Versuchen, sich in einer männerdominierten und unfreien Gesellschaft durchzusetzen. „Das Flüstern der Stadt“ ist insgesamt so glaubhaft konstruiert, dass man über eine kleinere Schwäche (aus meiner Sicht ist es eine) hinwegsehen mag: Beide Autorinnen sind Literaturwissenschaftlerinnen und leben ihre Lust zu literarischen Querverweisen und Zitaten ein wenig zu großzügig aus: Das führt gelegentlich zu leichten Längen, die aufs Tempo drücken aber nicht wirklich stören: „Das Flüstern der Stadt“ ist – und das ist für mich ein echtes Qualitätsmerkmal – gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam.

Tatort: Barcelona

Barcelonas Altstadt ist eng und düster. Das passt als Tatort für einen Krimi natürlich beinahe perfekt. Rosa Ribas und Sabine Hofmann lassen in „Das Flüstern der Stadt“ ihre Leser glaubhaft am Leben in den Gassen und auf den Straßen teilhaben. Die Fülle, der Lärm und die Enge sind spürbar beschrieben. Sensationell ist die katalanische Nationalbibliothek als Schauplatz ausgewählt. Auch wenn die strengen Bibliothekare den Touristen vermutlich nicht in die wirklich großartigen Säle vorlassen werden, lohnt sich beretis ein Besuch im Innenhof im Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Hier ist es nur wenige hundert Meter von der dauervollen La Rambla entfernt, beinahe idyllisch ruhig. Und historisch bedeutsam ist der Bau, der einst Kranke beherbergte auch…

Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512S., 19,95€ VÖ: 29: August 2014

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther in Wolfshunger an die vorderste Front

Man könnte ja anfangen zu nörgeln: Die Geschichten um den braven Polizisten Bernie Gunther werden immer unglaubwürdiger, das Schema ist immer gleich, ein Verbrechen im Nazi-Dunstkreis, Ermittlungen die behindert werden und am Ende eine überraschende Wendung. Auch eine unglückliche Liebe läuft dem Berliner Bullen wie eigentlich in jedem Band wieder über den Weg.

Mordermittlungen an vorderster Front

Natürlich hat der mittlerweile neunte Fall um Bernie Gunther mittlerweile einigen Wiedererkennungswert, und natürlich haut Philip Kerr, seit er seinen Kommissar mitten im zweiten Weltkrieg ermitteln lässt, immer wieder richtig auf die Kacke. Zuletzt musste er sich mit Reinhard Heydrich auseinandersetzen, jetzt schickt ihn gar Joseph Göbbels in „Wolfshunger“ an die Front, und zwar im wahrsten Sinne des Worts. Bernhard Gunther muss bei Smolensk ermitteln. Der Mord an polnischen Offizieren im Wald von Katyn erscheint perfekt für einen Propaganda-Coup geeignet. Gunther, innerlich der Wahrheit verpflichtet, beginnt zu ermitteln, wie eigentlich immer. Und wie schon so oft zuvor, gerät er zwischen die Fronten, setzt sich mit seiner eigenwilligen Art zwischen alle Stühle.

Bernie Gunther, eine geniale Erfindung Philip Kerrs

Auch wenn die Fälle gen Ende also immer unglaubwürdiger werden, lässt die Faszination für den knorrigen Polizisten nicht nach. Vom eingangs erwähnten nörgeln jedenfalls bin ich sehr weit entfernt: Philipp Kerr hat einfach eine geniale Figur geschaffen. Dem Schicksal des traurigen Helden, der stets versucht, in finstersten Zeiten das zarte Licht der Wahrhaftigkeit zu schützen, folgt man immer wieder gerne, gerade, weil sein Schöpfer ihn nicht als strahlenden Helden zeichnet. Bernie Gunther macht sich, die Zeiten lassen nichts anderes zu, immer wieder schmutzig, der modrige Sumpf bleibt unnentrinnbar, gleich wie sehr sich der Polizist abstrampelt, er wird hinabgezogen.

Wolfshunger spielt mit der Faszination für die NS-Zeit

Philip Kerr nutzt, seit er den Polizisten mit seiner „Berlin Noir“-Serie der Vorkriegszeit erfunden hat, raffiniert die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Das funktioniert, weil der Autor Schotte ist (also die nötige Distanz wahren kann), das fesselt aber insbesondere, weil Kerr die Fähigkeit hat, dem Bösen gerade soviel Menschlichkeit und Charisma anzudichten, dass es gerade deshalb in seinen Handlungen noch viel unerträglicher wirkt. Und ganz nebenbei verwebt Kerr mit großem handwerklichen Geschick die ganz große Geschichte mit einem fesselnden Krimi-Plot. Das gilt ausnahmslos vom ersten bis zum jüngsten, dem neunten, Fall „Wolfshunger“.

Tatort: Smolensk

Man weiß jetzt natürlich nicht, ob sich Philip Kerr für seinen Krimi „Wolfshunger“ in Smolensk und Umgebung umgeschaut hat, aber in jedem Fall bedient er die Erwartungen, die man als Leser an eine Kriegszone in den russischen Weiten hat. Die Natur ist unerbittlich, die Weite zehrt an den Nerven. Es ist matschig, es ist kalt, es ist heiß, es ist eigentlich immer unerträglich – und im Wald heulen die Wölfe. Man weiß es wie gesagt nicht, woher Kerr seine Informationen hat, aber es scheint beinahe egal. Neben vielem anderen schildert auch der Schauplatz Smolensk,die immer näher rückende Front und die damit einhergehende Atmosphäre von Angst und Resignation sehr glaubwürdig,

Philip Kerr, Wolfshunger, Wunderlich, 544 S., 22,95€, VÖ: 29. August 2014

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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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Jeffery Deavers Todeszimmer: Spannung mit einem schwer erträglichen Rechtsempfinden

Jeffery Deaver ist offen gestanden einer meiner „Helden“. Der Amerikaner hat mich jedenfalls Mitte der neunziger Jahre das erste Mal mit seinen ungemein raffinierten und extrem spannenden Plots beeindruckt. Kaum jemand konnte meiner Meinung nach in jenen Jahren vergleichsweise fesselnd schreiben. Dass ich mit einer niederländischen Variante des „Bone Collector“ einige Jahre später die schöne Sprache unserer Nachbarn gelernt habe, gehört vermutlich nicht hierher, zeigt aber meine besondere Verbundenheit mit diesem Autor.

 Jeffery Deaver schreibt weiterhin extrem fesselnd

Jetzt hat Jeffery Deaver den neuesten Band seiner Lincoln-Rhyme-Reihe veröffentlicht. Für alle Fans des Autoren: Ja, er hat es mal wieder geschafft. Auch der neueste Band ist so stark verdichtet, dass er diese Qualität besitzt, den Leser für Stunden auf Sofa, den Küchenstuhl, das Mäuerchen vor dem Café (oder wo immer sich der bevorzugte Leseplatz befindet) zu bannen, sodass jede noch so kleine Unterbrechung als störend empfunden wird.

Mord im Auftrag der Regierung

Darum geht’s: Auf den Bahamas geschieht ein Mord. Ein Kritiker der USA, der alternative Projekte unterstützt, wird erschossen – und zwar mit Billigung amerikanischen Behörder, so viel ist von vorneherein klar. Offenbar, so vermutet eine New Yorker Staatsanwältin, war diese Hinrichtung nicht rechtens, weil das Opfer unschuldig sein könnte. Deshalb beauftragt die Juristin den forensischen Experten Lincoln Rhyme mit Ermittlungen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs und dem gemeinsamen Team machen sich die beiden an die Arbeit. Schnell gewinnen die beiden Erkenntnisse, die nicht ganz ungefährlich sind: 1. Die Spur reicht bis nach Washington, möglicherweise sogar bis zum Präsidenten, 2. Es gibt noch weitere Mordbefehle, 3. Der Gegner ist gefährlich und rückt ihnen selber auf den Pelz und 4. Alle möglichen Finsterlinge behindern die Ermittlungen. Natürlich gelingt den Ermittlern am Ende die Aufklärung.

„Todeszimmer“ funktioniert nur auf einer emotionalen Ebene

Das ist wie gesagt, sehr spannend und routiniert aufgeschrieben. Jeffery Deaver gelingt es, trotz des Seriencharakters seiner Lincoln-Rhyme-Thriller, immer wieder neue Facetten in den jeweiligen Fortsetzungen unterzubringen. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Offen gestanden funktioniert der neueste Band „Todeszimmer“ nur auf einer emotionalen Ebene. Man liest den Plot so weg, mag die seit Jahren bestens vertrauten Figuren, folgt der atemlos vorangetriebenen Handlung und ertappt sich dabei, zwischendurch zustimmend zu nicken. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema löst, sobald man das Buch ausgelesen hat, dann gelinde gesagt Schrecken aus.

Die Hinrichtung als akzeptable Prävention

Es scheint, wenn man Deaver folgt, grundsätzlich richtig zu sein, dass US-Behörden gezielt Menschen umbringen, wenn sie eine Bedrohung darstellen. Die Angelegenheit muss nur nach Recht und Gesetz geschehen, dann geht der Mord zur Verbrechensprävention schon in Ordnung. Auch deshalb, weil die USA eigentlich ausschließlich von Terroristen umgeben sind: Selbst Bürgerrechtler, die sich um Mikro-Kredite und Bildung für Unterprivilegierte kümmern, haben letztlich nichts anderes im Ziel, als aufrechte Amerikaner anzugreifen. Deaver scheint dem omnipräsenten Verfolgungswahn seiner Landleute verfallen. Auch deshalb dreht der Autor – Achtung „Spoiler Alert“ – vermutlich seinen Plot im übrigen so, dass diejenigen, die vermeintlichen Opfer am Ende doch nichts anderes als verhinderte Bösewichte waren – die selbstverständlich den Tod verdienen. Diese Botschaft quillt trotz mannigfaltiger anderer Handlungsstränge (größenwahnsinniger Waffenhändler, geisteskranker Serientäter) nur mäßig subtil verpackt aus beinahe jeder Seite des Buches.

Der Zwang zur neurotisch-politischen Korrektheit

Man ist geneigt zu glauben, und das zeigt das gesamte Dilemma der aktuellen transatlantischer Beziehungen, dass Jeffrey Deaver diese Wendung möglicherweise nur deshalb eingeführt hat, um nicht am Ende noch wegen seines Thrillers unpatriotischer Gedanken verdächtig zu sein, und das ist in den USA der Gegenwart so förderlich für Karriere, soziales Ansehen oder Verkaufszahlen wie der Verdacht, man habe als Restaurantbesitzer irgendwann mal einen sehr entfernten Cousin Osama Bin Ladens bedient. Die Verhältnisse in den USA müssen stimmen: Gut bleibt gut, und böse bleibt böse. Das erinnert an fatal die Zeiten eines McCarthy, nur eben ohne McCarthy.

Insofern liefert Deaver nur ein paranoid-reaktionäres Werk ab – und das ist bei aller bisherigen Sympathie nur schwer zu ertragen.

Jeffery Deaver, Todeszimmer, Blanvalet, 607S., 19,99€, VÖ: 28. Juli 2014

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Das Hexenmädchen von Max Bentow: Düsterer Thriller mit leichtem Déjà-vu-Effekt

Zu Beginn läuft es nicht gut für Nils Trojan, Kriminalkommissar in Berlin. Der arme Mann, seit Jahren von Panikattacken geplagt, bricht ausgerechnet vor seiner Tochter zusammen. Die Halbwüchsige verfrachtet ihren Vater ins Krankenhaus, wo er von den Ärzten belächelt den Abend in eine Tüte atmend verbringt. Die Angst bleibt beherrschendes Thema in Trojans Leben, bis – und da wäre es interessant zu wissen, ob sein geistiger Vater, der Schriftsteller Max Bentow, da eine gewisse Absicht verfolgt – der deutsche Polizeibeamte, sich mit seiner Ex-Frau einen Joint gönnt. Es wäre ja, sollte ein Plan des Autors dahinter stecken, mal ein origineller Therapie-Ansatz: Jedenfalls spielt nach der kleinen Episode mit der Ex die Angst keine Rolle mehr in „Das Hexenmädchen“.

Max Bentow verwandelt gekonnt verlorene Seelen in Serienmörder

„Das Hexenmädchen“ ist seit seinem Debüt mit „Der Federmann“ mittlerweile der vierte Triller von Max Bentow. Der schreibende Schauspieler besetzt mit seinen Büchern das Genre des Psychothrillers. Es sind besonders gestörte Figuren, die die Romane des Berliners bevölkern. Von Traumata getrieben, verwandeln sich immer wieder verlorene Seelen in Serienmörder.

Kommissar Nils Trojan ermittelt in „Das Hexenmädchen“

Diese Düsternis eines Lebens am Abgrund fängt Bentow auch in seinem neuesten Krimi wieder gut ein, ihm gelingt erneut ein Plot, der eine magnetische Wirkung hat. In „Das Hexenmädchen“ werden gleich zu Beginn drei Tote gefunden, denen gemein ist, dass sie grausam verstümmelt wurden. Genauer gesagt, wurde ihnen mit einem glühend heißen Ofen das Gesicht verbrannt. Außerdem verschwinden rasch zwei Kinder. Der Zusammenhang zwischen den „Ofen-Toten“ ist leicht hergestellt, erst Nils Trojan beginnt zu ahnen, dass auch das Verschwinden in einem Zusammenhang stehen könnte. Die Ermittler geraten unter Druck, weil sie fürchten müssen, dass es mit jedem Tag mehr Tote werden können.

„Das Hexenmädchen“, düsterer Thriller mit Lichtblicken an den richtigen Stellen

Für „Das Hexenmädchen“ von Max Bentow gibt es zwei Einschätzungen. Wenn man das Buch für sich nimmt, ist es ein spannender Psychothriller, gut konstruiert, spannend geschrieben, mit hinreichend kaputten Gestalten, die dem geneigten Krimileser einen wohlig gruseligen Schauer durch die Nackenhaare treiben. Allerdings gönnt der Autor seinem Ermittler bei allen Problemen immer seine persönliche (halbwegs) heile Welt. Dass die Finsternis am Ende nicht siegt, ist natürlich schön, für einen richtig düsteren Psychothriller aber auch ein Problem. Bentow bewahrt aber hier die richtige Balance, dass die gelegentliche Lichtblicke glaubhaft, aber nicht kitschig wirken.

Ein kritisches Wort: Bentow gönnt seinen Figuren leider keine Entwicklung

Die zweite Einschätzung zum „Hexenmädchen“ fällt ein wenig kritischer aus. Bentow hat sein Rezept gefunden und ändert es – leider – nicht ab. So entsteht beim Leser, der mehr als einen der Bände Bentows gelesen hat, der Eindruck, der Berliner habe eine Blaupause, die er über neue Manuskripte legt, um dann nur noch bekannte Muster nachzuzeichnen. Das mag den Seltenleser nicht stören, aber der Vielleser in der Kriminalliteratur wird sich angesichts der Fülle der Konkurrenz ein ständiges Déjà-vu nicht antun wollen. Dass es mit ein und derselben Hauptfigur abwechslungsreich geht, haben unter anderem die Schweden Sjowall/Wahlöö (MartinBeck, zehn Bände) oder der Niederländer Robert van Gulik (Richter Di, 15 Bände) gezeigt. Vielleicht ist der Vergleich mit Ausnahmeerscheinungen der Kriminalliteratur, die ihren Figuren massive menschliche und biographische Wandlungen gegönnt haben, ungerecht, aber wer Serien anlegt, muss sich auch daran messen lassen, ob er seine Protagonisten weiterentwickelt: Und hier hat Max Bentow bei aller Sympathie für die einzelnen Folgen Schwächen.

Max, Bentow, Das Hexenmädchen, Page&Turner, 381S, 14,99€, VÖ: Juli 2014

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Welter&Gantenberg, Krimi-Serientäter aus dem Sauerland: „Lang sind die Schatten“

Auf ins Sauerland. Schon wieder. Mitten im deutschen Niemandsland passiert die zweite Mordserie innerhalb von einem Jahr. „Schuld daran“ ist das Autoren-Duo Oliver Welter und Michael Gantenberg: Jedenfalls haben die beiden einen neuen Krimi geschrieben.

Eine Leiche beim Stock-Car-Rennen im Sauerland

In „Lang sind die Schatten“ muss die Kommissarin Inka Luhmann den Mord an einem Provinzmafiosi mit südosteuropäischen Wurzeln aufklären. Irgendjemand hat seine Leiche ausgerechnet in dem Kofferraum eines Stock-Car-Racing-Autos deponiert. Kurz vor der Zieleinfahrt landet die Leiche jedenfalls auf der Strecke und die wackere Kommissarin muss sich erst durch den Staub und dann durch jede Menge Lokalschlamm kämpfen. Dabei wird ihr auch ihr Ehemann, der ehemalige Polizist, der sich fürs Hausmann-Dasein entschieden hat, verdächtig. Es bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung, dass noch ein weiterer Mord passiert. Die Polizistin Luhmann und ihr Team geraten also einmal mehr gewaltig unter Druck.

Welter&Gantenberg verbreiten wieder Wohlfühlatmosphäre im Krimi

Der Erstling „Kalt geht der Wind“ war eigentlich ganz gut gelungen. Welter/Gantenberg hatten, so hatte ich das vor einem Jahr empfunden, einen unterhaltsamen, leichten Regionalkrimi geschrieben. Das gleiche gilt im Prinzip auch für „Lang sind die Schatten“. Das Autorenduo schreibt handwerklich auf hohem Niveau, und die beiden vermitteln Genre zum Trotz eine ausgesprochene Wohlfühlatmosphäre. Sie schaffen also so etwas wie den Familienroman unter den Krimis.

Süße Kinder, ein tapsiger Hund und ein schusseliger Ehemann

Beispiele? Es gibt zwei süße Kinder, einen wuscheligen, leicht tapsigen Hund und einen mindestens genau so tapsigen Ehemann, der mit ständig blitzenden Augen, durchtrainiertem Körper und ebenfalls wuscheligem Fell durch die Gegend läuft, und der natürlich eher latent permanent überfordert, aber gerade deshalb auch so niedlich sympathisch ist (So stellt, diese Klammer sei erlaubt, geschlechterübergreifend in diesen Jahren interessanterweise das Männerbild im deutschen Krim dar: Der Mann ist wahlweise abgrundtief böse oder weitgehend doof.)

„Lang sind die Schatten“ ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi

Die Stärke der permanenten Sympathie ist natürlich gleichzeitig die Schwäche von „Lang sind die Schatten“. Die Regionalkrimis aus dem Sauerland sind nett – und das ist ja seit gefühlten zehn Jahren das vernichtendste Urteil der jungen Generation (wirklich nur für die älteren Leser „.. ist die kleine Schwester von Scheiße“) So schlimm ist es natürlich nicht, es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „netter“ Krimi. Schließlich ist das ganze handwerklich sehr gut gemacht. Immer wieder blitzt auch eine verschmitzte Intelligenz durch. Dennoch bleibt in der zweiten Folge durch den hohen Wiedererkennungswert nach dem Lesen das Gefühl zurück, einerseits eine gute Zeit verbracht, aber andererseits auch Zeit vertändelt zu haben. Für Freunde sprachlich innovativer, düsterer, politisch relevanter Krimi könnte „Lang sind die Schatten“ also ein Lese-Risiko darstellen. Alle, die gut gemachte, solide und spannende Unterhaltung suchen, finden Lesevergnügen.

Tatort: Sauerland

Eigentlich sage ich an dieser Stelle immer etwas über die Orte, an denen die Krimis, die ich vorstelle, spielen. Aber zwei Mal innerhalb eines Jahres über das Sauerland zu sagen, ist dann doch etwas viel verlangt. Deshalb hier ausnahmsweise mal die Kopie dessen, was ich im ersten Band geschrieben habe. Es bleibt gültig…

„Dass in „Kalt geht der Wind“ tatsächlich noch Schützenkönige und die dazugehörigen Vereine auftreten, sagt eigentlich alles über das Sauerland, das mitten in einem der dichtest besiedelten Länder Europas abgeschieden und menschenleer wirkt. Die Stimmung kilometerlanger, sich leer dahin schlängelnder Straßen und verwaister Dörfer fangen Oliver Welter und Michael Gantenberg gut ein. Gleichzeitig zeigen sie, dass sich hinter dem dörflichen Idyll der Vereinswelt Abgründe von Intrige und Bösartigkeit verbergen, nur weil die Menschen sich besser kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie netter miteinander umgingen.  Das hat ja insbesondere für den sich gelegentlich über freudlose Anonymität beklagenden Großstadtbewohner etwas Tröstliches. Ansonsten lernt man bei Welter&Gantenberg noch, dass aller landwirtschaftlicher Orientierung zum trotz, auch das Sauerland ein viel besuchtes Urlaubsgebiet ist, vermutlich weil es weder Großstädte noch Autobahnen gibt. Manchmal braucht es ja nicht viel.“

Oliver Welter/Michael Gantenberg, Lang sind die Schatten, Fischer, 396S., 9,99€, Juni 2014

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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Cocco&Magella: Die Toten der Villa Cappelletti. Mord am schönen Comer See

Es gibt seltene Fälle, da ist es erst einmal egal, wer einen Krimi geschrieben hat, oder was der Klappentext an Inhalt verspricht. Manchmal reicht der Schauplatz, um den Leser „anzufixen“. Das gilt unbedingt für „Die Toten der Villa Cappelletti“. Der Kriminalroman spiel am Comer See – und der ist wirklich etwas besonderes, natürlich nicht so sehr wegen des Sees – darin ist wie in den meisten Seen nur Wasser. Die Umgebung macht den Unterschied.

Einer der schönsten „Tatorte“ der Welt

Die Region in Norditalien hat wirklich ein ganz besonderes Flair. Das beginnt mit dem Licht, dass in der Bergwelt rund um den See besonders leicht erscheint, das setzt sich mit der Natur, die von den unterschiedlichsten Grüntönen dominiert wird fort und endet beim Menschen, der dort ganz besondere Dörfer; Städtchen und Villen gebaut hat. Wer beispielsweise durch die Altstadt des Örtchens Como oder rund um die legendäre Villa d’Este flaniert (anders kann man sich da nicht fortbewegen) ist, wird das Gefühl leicht angestaubter, verfallener und gerade deshalb besonders weltläufiger Pracht nie wieder vergessen. Como scheint trotz italien-typischen Verkehrschaos und alltäglicher Ruppigkeit wie von einem anderen Planeten.

Verblichene Pracht: Die Villa Erba am Comer See (c) kanter
Verblichene Pracht: Die Villa Erba am Comer See (c) kanter

Ein Toter in einer Berghütte

Hier, in dieser ganz besonderen Welt, ermittelt die Kommissarin Stefania Valenti. Die alleinerziehende Mutter wird in ein einsames Bergdorf gerufen: Dort wurde bei Bauarbeiten die Überreste eines Menschen gefunden – der Beginn eines komplizierten Puzzlespiels für die Polizisten, an dessen Ende sie ein Verbrechen aus dem Ende des 2. Weltkrieges aufklären wird.

Eine gute und viele ordentliche Ideen in „Die Toten der Villa Cappelletti“

„Die Toten der Villa Cappelletti“ unterhält gut. Das liegt in erster Linie daran, dass das Autorenpaar Giovanni Cocco und Amneris Magella die besondere Atmosphäre des Comer Sees gut einfangen und wiedergeben. Außerdem haben die beiden Italiener eine gute und viele ordentliche Ideen. Über den Umweg des Kriminalromans lassen die beiden ein Stück Geschichte Italiens auferstehen und thematisieren mit einer erzählerischen Leichtigkeit, die italienischen Autoren oft zu eigen ist, Fragen um Schuld und Unschuld, gut und böse in Kriegszeiten. Ganz nebenbei widmen sie sich dem allitalienischen Thema mafiöser Familienstrukturen.

Giovanni Cocco und Amneris Magella: Einfallslosigkeit bei der Figurenwahl

Wenn man etwas kritisieren will, könnte man eine gewisse Einfallslosigkeit bei der Figurenzeichnung nennen. Die alleinerziehende Mutter, die es drauf hat, alle Schwierigkeiten inkompetenten, gemeinen, oder gemeinen und inkompetenten Männern zum Trotz löst, ist – sagen wir mal – zumindest abgegriffen.. Dass Giovanni Cocco und Anneris Magella dennoch an allen möglichen Stellen romantische Elemente von glücklichen und unglücklichen Lieben reinstopfen, wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen. Aber über beides kann man getrost hinwegsehen, weil „Die Toten der Villa Cappelletti“ insgesamt ein sehr solider und sehr lesenswerter Kriminalroman ist.

 

Tatort: Comer See

Der Comer See ist die perfekte Urlaubsgegend. Alles nötige dazu ist eingangs bereits erwähnt. Wer zweifelt, kann ja bei George Clooney und Co nachfragen. Wer Geld hat, und den Ruhm italienische Verwaltungsvorgänge zu beschleunigen, „hält“ sich an den Ufern des Comer Sees eine Ferienvilla. Verstehen kann man das. Schon wegen der schönen Riva-Motorboote. Außerdem landen und starten auf dem See sogar Wasserflugzeuge…

Giovanni Cocco und Amneris Magella: Die Toten der Villa Cappelletti, Rowohlt, 319S., 14,99€, Juni 2014

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Thomas Thiemeyers Valhalla: nette Zutaten, lieblos zusammengerührt

Die Ideen sind nicht schlecht. Alle, die historische Krimis und die dazu passenden Themen mögen, werden einen Roman, in dessen Zentrum eine vergessene Germanen-Stadt und eine fiese Naziverschwörung stehen, nicht sofort weglegen. Zumal dann nicht, wenn im Zentrum eine Archäologin steht.

Eine mythische Ruinenstadt bleibt in „Valhalla“ bloße Kulisse

Die Zutaten, die Thomas Thiemeyer für seinen Krimi „Valhalla“ zusammengesucht hat sind also nicht schlecht. Leider, so muss man sagen, hat der Autor seine Themen bei seiner Arbeit eher lieblos zusammengerührt. Er führt eine versunkene Stadt ein, das mythische Hyperborea. Allerdings bleibt die Stadt, die Thiemeyer unter einem Gletscher auf Spitzbergen versteckt, bloße Kulisse, wirklich interessantes erfährt der Leser nicht über die Jahrtausende Stadt unter dem Eis. Genau so bleibt die Geschichte mit den Nazis, die während ihrer Herrschaft sich heimlich auf Spitzbergen festsetzten, um dort ihre gruselige Forschung vor den Augen der Welt zu verstecken.

Protagonisten mit stereotypen Eigenschaften

Leider bleiben offen gestanden auch die Protagonisten blass. Regelmäßige Thiemeyer-Leser werden die Archäologin Hannah Peters kennen. Die Forscherin reist im Auftrage eines reichen Medienunternehmers um die Welt, um alle möglichen Artefakte zu besorgen. Dazu umgibt sich Peters mit einem kleinen Team von Abenteurern, die jeweils eine bestimmte, benötigte Qualifikation aufweisen. Auch diese Idee ist eigentlich hübsch, bleibt aber wirkungslos, weil die Charakterisierungen eher Stereotyp erscheinen.

Auf der Suche nach einem geheimnisvollen Virus

Jedenfalls reist die Gruppe nach Spitzbergen, um herauszufinden, wie genau eine andere Forschergruppe in der Ruinenstadt ums Leben kam. Bei der Suche geraten sie ins Kreuzfeuer russischer Bösewichte, die versuchen, einen tödlichen Virus, den einst die Nazis im mutmaßlichen Hyperborea entwickelt hatten, sich unter den Nagel zu reißen.

Mehr Abenteuerroman als Krimi

Klingt nach Indiana Jones? Ist vermutlich auch Absicht. Ein wirklicher Krimi oder Thriller ist „Valhalla“ nämlich nicht. Man könnte ein gewisses Spannungsmoment hervorheben, wenn die ganze Geschichte so ärgerlich oberflächlich wäre. „Valhalla“ liest sich, als habe der Autor, der laut Klappentext unter anderem bereits als Kinderbuchautor erfolgreich ist, den Verkauf der Filmrechte an einen privaten Fernsehsender fest im Blick gehabt und alle Ecken und Kanten, die einem einfachen Seherlebnis im Weg stehen könnten, gleich selber abgeschliffen.

Thomas Thiemeyer, Valhalla, Knaur, 512S., 19,99€, Juni 2014,

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Film Noir, ein Familienalbum für Krimi-Liebhaber und Cineasten

Sam Spade in "Der Malteser Falke". Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions
Humphrey Bogart als Sam Spade in „Der Malteser Falke“. Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Wer es schafft, einigermaßen unfallfrei älter zu werden, lässt auf dem Weg eine ganze Menge zurück, gute alte Freunde beispielsweise. Man verliert sich aus den Augen, hätte sich vermutlich nicht mehr viel zu sagen, weil man sich – in welche Richtung auch immer – entwickelt hat und bleibt doch Jahrzehnte lang von den Begegnungen aus der Jugendzeit geprägt.

Coole Vorbilder und schöne Frauen

Meistens sind diese guten, alten und enorm wichtigen Freunde reale Menschen. Bisweilen geht es auch, und ich empfinde das durchaus als Gewinn, um fiktive Charaktere. Philip Marlowe ist so eine Figur, brillant verkörpert durch Humphrey Bogart in „The Big Sleep“. Die literarische Vorlage von Raymond Chandler gehört bis heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur, das gleiche gilt für die Verfilmung von Howard Hawks, auch wenn die Filmtechnik der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittlerweile völlig antiquiert wirkt. Aber so cool, so hart und zynisch und so verletzlich wie Marlowe, ist heute kaum ein Filmfigur. Die vergeblichen Versuche, in einer dreckigen, verdorbenen Weg sauber und anständig zu bleiben, jedenfalls, hatten für jeden heranwachsenden Kinogänger und Krimi-Leser etwas Magisches und höchstes Sehnsuchtspotential: Einmal so cool sein wie Bogart, einmal einer Frau wie Lauren Bacall begegnen.

Bogart, Stewart, Welles, Stanwyck, Bacall und all die anderen

Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit diesen Helden einer längst vergangenen Jugend. Der Taschen-Verlag hat den Bildband „Film Noir“ herausgebracht. Der massive Band, der mindestens ein Kilo auf die Waage bringt, stellt für alle Anhänger des düsteren Kriminalfilms eine Art Familienalbum dar. Ich jedenfalls bin auf viele gute alte „Bekannte“ getroffen. „Rebecca“ gehört dazu, „Die Spur des Falken“ selbstverständlich (und ebenso selbstverständlich wieder mit Humphrey Bogart), „Frau ohne Gewissen“, „Der dritte Mann“, „Das Fenster zum Hof“, aber auch „Diva“, „Pulp Fiction“, L.A. Confidential“ oder „The Dark Knight“ als Vertreter jüngerer Hollywood-Produktionen.

Klassiker der gesamten Filmgeschichte

Die Auswahl der Filme zeigt schon, dass das Genre des Film Noir nicht leicht zu fassen ist. Ursprünglich meinte die Filmkritik jenes düstere Gesellschaftsbild, das im und nach dem 2. Weltkrieg in den USA in vielen Filmen als Gegengewicht zu den Durchhalteparolen der Propaganda-Filme gezeichnet wurde. Das Kompendium, das Paul Duncan und Jürgen Miller als „Film Noir“ herausgegeben haben, wirft ein sehr weites Lasso und fängt Klassiker der gesamten Filmgeschichte ein. Zum Film Noir zählt nach dem Willen der Herausgeber als ältester Vertreter „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von 1920 und als jüngstes Mitglied der Familie „Drive“ von 2011. Das Dilemma, sich mit strengen Filmwissenschaftlern und ihren Kategorisierungen auseinandersetzen zu müssen, lösen die Herausgeber elegant, in dem Sie ihrem Buch den Untertitel „100 All Time Favorites“ mitgegeben haben. Und über (persönliche) Favoriten kann man ja ohne Ende ergebnislos streiten.

Ein Buch mit hohem „weißt-du-noch-Effekt“

Selbstverständlich begründen Herausgeber ihre Auswahl in kurzen, klugen Einlassungen zu den verschiedenen Epochen: Das größte Vergnügen, das „Film Noir“ dem Leser beschert, ist aber jener Familienalbum-Effekt. Filmplakate, aber vor allem Fotos von Film-Szenen lösen auf fast allen Seiten diesen „weißt-du-noch-Effekt“ aus, weil man Szenen, die man möglicherweise vor 30 oder mehr Jahren das letzte Mal gesehen hat, wiedererkennt. Wem dieses Gefühl des Wiedererkennens fehlt, weil er zu jung oder in Sachen Film spät Berufener ist, dem liefern die Autoren alle wichtigen Informationen, zu Inhalt, Entstehungsgeschichte, Machern&Darstellern und sonstigen „bunten“ Fakten.
Wegen des hohen Wiedererkennungswerts ist „Film Noir“, dem Genre, das es behandelt, widersprechend, ein zutiefst sentimentales Werk. Und davon kann es, da die Welt viel zynischer geworden ist, als sich Filmemacher das einst erdacht haben, eigentlich nie genug geben.
Paul Duncan/Jürgen Müller: Film Noir, Taschen, 688 S., 39,99€

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