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Weshalb ich mit Marc Elsbergs sehr gelungenen Zero meine Probleme habe

Das Endzeitszenario „Blackout“ war mit Sicherheit einer der Bücher des Jahres 2012. Jetzt hat dessen Autor, Marc Elsberg, seinen neuesten Krimi veröffentlicht. Wieder steht die Technik im Mittelpunkt – und die Folgen, wenn die Systeme versagen.

Ein Kampf der Gegenwart: Datenschützer vs. Datenkraken

In „Zero“ geht es im Prinzip um einen sehr aktuellen Konflikt. Ungefähr so wie in der Jetztzeit stehen in einer nahen Zukunft Datenkraken und Datenschützer gegeneinander. Die Datenkraken haben, da bleibt Elsberg dicht an der Realität, alle möglichen Algorithmen entwickelt, mit denen sie die Daten ihrer (eigentlich aller) Nutzer sammeln (und verwenden). Gleichzeitig, und da entfernt sich Elsberg (hoffentlich) von der Wirklichkeit, verfolgen die Datenkraken mit diesem beinahe allumfassenden Wissen die finstersten Pläne, die im Prinzip die Weltherrschaft beinhalten. Vermutlich kann man nur hoffen, dass es Google, Facebook und Co einfach zu anstrengend (und nicht lukrativ genug) wäre, gleich ganze Länder zu regieren.

Die Datenbrille als Zeuge eines Mordes

Jedenfalls passiert bei einer Verfolgungsjagd durch London ein Mord, der durch eine Datenbrille aufgezeichnet und publik gemacht wird. Das Opfer ist ein Junge der mit der Tochter der Journalisten Cynthia Bonsant befreundet ist. Das Ganze steht zu allem Überfluss im Zusammenhang mit einer „Aktion“ von Datenschutzaktivisten gegen den Präsidenten der USA. Die Journalistin, die von ihrem Arbeitsethos eher Old-School ist, beginnt zu recherchieren und gerät unversehens in einen fiesen Krieg aller möglichen (Firmen-)Finsterlinge gegen die Datenschützer. Es beginnt eine atemlose Jagd.

Marc Elsberg hat wieder einen enorm spannenden Thriller geschrieben

Hatte Marc Elsberg sich bei „Blackout“ den europäischen Kontinent als Schauplatz ausgesucht, breitet er in „Zero“ die Landkarte noch weiter aus. Über den großen Teich bis in die USA geht die Jagd. Um es kurz zu sagen: Eigentlich hat Marc Elsberg wieder einen enorm spannenden, sauber durchdeklinierten und intelligenten Thriller geschrieben. Dennoch habe ich mit Zero meine Probleme. Aber das hat eher mit mir zu tun.

Meine persönlichen Befindlichkeiten und „Zero“

Marc Elsberg hat sich eine ältere Journalistin als Protagonistin auserkoren, die ihre Wurzeln im guten alten Printgeschäft hat und eher widerwillig sich mit den modernen Informationsplattformen auseinandersetzen muss. So wie Elsbergs „Cyn Bonsant“ habe ich meine Wurzeln, das Alter bringt es mit sich, im Printgeschäft. Vielleicht ist es ja ganz einfach, und es geht mir wie Polizisten, die keine literarischen Kommissare mögen, weil sie zu fern von der eigenen Realität sind. Bei mir kommt hinzu, dass ich vor einigen Jahren den Weg gegangen bin, den Elsbergs Heldin verweigert. Ich arbeite „online“ und versuche, bei meiner Arbeit immer wieder den Beleg zu bringen, dass moderne Kommunikationsformen und Qualitätsjournalismus kein Widerspruch sein müssen. In sofern kann ich mit der Zivilisationskritikerin Cyn Bonsant nicht viel anfangen: Es ist meiner Erfahrung nach viel mehr so, dass in der Realität die Online-Kritiker unter den Journalisten in den seltensten Fällen Kämpfer für die Qualität und hohe Werte, sondern meistens von der Blockadehaltung gegen jegliche Veränderung oder zusätzlich von dem Bemühen, jeglicher ernsthafter Arbeit aus dem Weg zu gehen, getrieben sind. Deshalb taugt die Protagonistin in „Zero“ für mich persönlich nicht als Identifikationsfigur.
Eigentlich sollten diese persönlichen Befindlickeiten bei der Bewertung eines Buches keine Rolle spielen, abr andererseits kann ich nur so erklären, weshalb ich bei einem eigentlich sehr gelungenen Kriminalroman keinen euphorischen Text schreiben kann. Aber das muss alle Menschen, die ihr Geld nicht mit Online-Journalismus verdienen, ja ohnehin nicht abhalten, „Zero“ mit großem Vergnügen zu lesen. Jenseits meines leichten Unbehagens ist „Zero“ schließlich ein sehr guter, spannender und action-geladener Krimi in bester angelsächsischer Thriller-Tradition.

Marc Elsberg, Zero, Blanvalet, 478S, 19,99€ VO: 26. Mai 2014

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Lee Child schickt Jack Reacher und sein Faustrecht ins Wespennest

Wirklich vorstellen muss man Jack Reacher ja nicht mehr. Er ist eher mit 1,95 Metern eher einigermaßen groß gewachsen, verfügt auch deshalb über eine gewisse körperliche Präsenz, die aber vor allem deshalb deutlich wird, weil er Konflikte meist schnell und sehr handgreiflich löst. Reacher variiert immer wieder aus Neue die Phrase „erst schießen, dann fragen“.  Der ehemalige Militärpolizist ist zudem immer unterwegs, seit nunmehr 15 Bänden zieht er ziellos durch die USA, immer auf dem Weg irgendwohin. Meist trifft er in ausgemachten Drecksnestern erstens auf hilflose Frauen, die klassische „Damsell in Distress“ und zweitens auf finstere Gesellen, die irgendeine Verschwörung vorantreiben.

Jack Reacher hilft mal wieder einer „Damsell in Distress“

Auch in „Wespennest“ setzt Lee Child, der Erfinder von Reacher, wieder auf das Thema. Diesmal verschlägt es den Militärpolizisten in ein Kaff in Nebraska, das fest in den Händen einer miesen Familie scheint. Jack Reacher, der nichts von weltlichem Besitz hält und deshalb meist per Anhalter unterwegs ist, wird in der Bar eines Motels Zeuge, wie sich der Dorfarzt weigert, eine Frau zu behandeln. Natürlich mischt der Mann sich ein, fährt den Doktor zu seiner Patientin, die, wie könnte es anders sein, von ihrem Ehemann geschlagen wird. Und natürlich ist die Frau mit einem der Clan-Mitglieder, die die Stadt terrorisieren, verheiratet.

Zustände wie im Chicago Al Capones

Da Reachers Auftauchen den Alltag in dem Kaff durcheinanderbringt, geraten die Geschäfte des Clans ins Stocken. Das wiederum ruft nicht nur die drei Brüder, sondern auch die Geschäftspartner in Las Vegas auf den Plan – gleich eine ganze Reihe von Angehörigen verschiedener Verbrecherbanden. Sie alle schicken Abgesandte nach Nebraska, wo es bald zugeht wie im Chicago der 30er Jahre, mit sehr bleihaltiger Luft. Jack Reacher sieht sich also einer erdrückenden Übermacht gegenüber. Es hilft ein wenig, dass jede der beteiligten Parteien, eigene Vorstellungen vom Ausgang der Ereignisse hat.

Lee Childs „Wespennest“, ein Fest für Reacherfans

Es dürfte kaum überraschen, schließlich kennen wir Jack Reacher mittlerweile, dass sich am Ende seine Version von Recht und Ordnung durchsetzt und er am Ende einsam in die Dunkelheit reitet (naja, er reitet natürlich nicht wirklich). Dass das trotz des bekannten Schemas diesmal wieder Spaß macht, liegt an den immer neuen kleineren Variationen, die Lee Child, der ja immer mit hohem Tempo und präzise schreibt, in den neuesten Fall einbaut. Bösewichte, Nebenfiguren und vor allem die Tristesse des Schauplatzes sind außerordentlich gut gelungen. Insofern ist „Wespennest“ zumindest für alle überzeugten Jack-Reacher-Fans, die sich mit seiner speziellen (Faust-)Rechtsauslegung anfreunden können, wieder ein Fest.

Tatort: Nebraska

Lee Child denkt sich für seine Jack-Reacher-Orte immer wieder fiktive Provinznester aus, die ganz weit von den Metropolen tief im Unterbauch der Vereinigten Staaten liegen. So ist es auch diesmal. Mitten in Nebraska liegt der kleine Ort, in den es Jack Reacher verschlägt, eigentlich ist es nur eine Ansammlung von Farmhäusern im ewigen Einerlei nicht enden wollender Acker. Im Zentrum dieser Scheinstadt liegt als gesellschaftliches Zentrum ausgerechnet ein Motel. Wichtig ist eigentlich nur die Weite Nebraskas, in der es über Meilen hinweg keine Erhebung, also auch kein Versteck gibt. Die ganze Ödnis beschreibt Child sehr gekonnt. Man meint beim Lesen von Wespennest förmlich, Bruce Springsteen im Hintergrund singen zu hören. Obwohl das Land weit ist und keine Hindernisse im Weg liegen, wird es gerade deshalb zum Gefängnis, für die Menschen, die dort leben, aber eben auch für „Besucher“ wie Jack Reacher. Das macht einen großen Teil der Qualität von „Wespennest“ aus.

Lee Child, Wespennest, Blanvalet, 446S., 19,99€  VÖ: 29. April 2014

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Tom Hillenbrands Drohnenland: Sensationell guter Krimi und düsterer Blick in die Zukunft

Wer viel liest, wird zwangsläufig über eine große Bandbreite von Büchern stolpern: gute, schlechte, Dutzendware. „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand gehört eindeutig in die Kategorie „sensationell gut“. Der Krimi ist das Buch, das mich in 2014 bislang eindeutig am meisten begeistert hat, es ist gleichermaßen faszinierend wie fesselnd.

Ein perfekter Krimi, mit einer kleinen Einschränkung

All diejenigen, die bereits jetzt überlegen, sich „Drohnenland selber zu kaufen, sollten sich einer wichtigen, kleineren Einschränkung gewahr sein. Ich mag Science-Fiction. Ich mag auch im Kriminalroman Weltuntergangsszenarien, Verschwörungstheorien und politische Spekulationen. Wer – und das soll es ja geben – mit diesen Themen grudnsätzlich Schwierigkeiten hat, könnte bei „Drohnenland“ verkehrt sein.

Ein düsteres Szenario in „Drohnenland“

Tom Hillenbrand beschreibt ein Leben in einer Europäischen Union, in der erstens die Niederlande als Folge der Klimakatastrophe abgesoffen sind, zweitens die Bürger durch allgegenwärtige Drohnen beinahe der totalen Überwachung unterliegen und drittens ein allgegenwärtiges Informationsnetzwerk, das erschreckend präzise Verhaltensweisen (und damit potentielle Verbrechen) vorherzusagen vermag, mindestens unterschwellig einen totalitären Polizeistaat entstehen ließ.

Mord an einem Abgeordneten als Auslöser für eine gnadenlose Jagd

Der Polizist Aart Westerhuizen wird von einem beinahe allwissenden Polizeicomputer zur Leiche eines Europa-Abgeordneten gerufen. Der Mann liegt erschossen auf einem regendurchweichten Acker vor den Toren von Brüssel. Trotz der lückenlos erscheinenden Überwachung fehlt vom Täter zunächst jede Spur. Selbst das Motiv für den Mord bleibt lange im Dunkeln. Da eine Abstimmung über eine neue EU-Verfassung bevorsteht, schlägt der Fall in den Brüsseler Machtzentralen hohe Wellen: Westerhuizen und seine Daten-Forensikerin Ava Bittmann geraten erst unter Druck und später in sehr reelle Gefahr, der sie eigentlich nur in eine digitalen Welt entkommen können. Die Gegner jedenfalls kommen, ohne zu viel zu verraten, von allen möglichen erwartbaren und überrachenden Seiten.

Tom Hillenbrand entwirft eine wohlig unheimliche Zukunftsvision

Deshalb mag ich „Drohnenland“ so sehr: Zunächst einmal ist Hillenbrand ein enorm spannender Kriminalroman mit überaus gelungenen Figuren, denen man gerne durch die Handlung folgt, gelungen. Dann greift Hillenbrand aktuelle technische Diskussionen, Trends und Erfindungen (Google Glasses) auf, verwurstet – wenn man das so respektlos sagen darf – sie gekonnt und setzt sie zu einer glaubwürdigen und (für eine Fiktion) wohlig unheimliche Zukunftsvision zusammen. Das gleiche macht er mit bereits bekannten politischen Strömungen, die er sich für seine Krimi-Zukunft zurechtspinnt. Und zu guter Letzt steckt „Drohnenland“ voller hübscher kleiner Einfälle und Seitenhiebe. Das Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers beispielsweise lässt er halb in der Elbe versinken, der Redaktionsraum von Spiegel Online dient nur noch einer Bande von Hausbesetzern als Zuflucht.

Tom Hillenbrand hat eine eigene Welt erschaffen

Insgesamt ist Tom Hillenbrand also ein sehr großer Spaß gelungen, auch weil er es schafft, auf überschaubaren Raum mit wenigen Worten das ganz große Bild zu zeichnen. Themen, die andere auf tausend und mehr Seiten ausbreiten, skizziert er sehr überzeugend mit einigen wenigen Nebensätzen. Er hat in Drohnenland eine eigene Welt erschaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Tatort: Brüssel

Holland ist weg, ein Teil der Nordsee. Die USA kommen nur noch mit einem Nebensatz vor, dass „sie keine Rolle mehr spielen“, Machtzentren liegen in Korea, in Moskau und London. Die Europäische Union hat sich vom Süden Italiens getrennt, aber einen Teil der Sahara annektiert. Das sind in etwa dies Rahmenbedingungen, die das Leben in Brüssel bestimmen.

Die Machtzentrale ist Brüssel, das sich vom Technokratennest in eine Megapolis verwandelt hat: Es gibt großzügige Boulevards, Paläste und verdreckte Slums. Über scheint der Atem des Verfalls zu wehen. So ganz genau weiß man nicht, ob der europäische Gedanke, der neue Superstaat, der sich in seiner Hauptstadt manifestiert noch eine Zukunft hat. Natürlich lässt sich der Zukunftsthriller „Drohnenland“ von Tom Hillebrand nicht als Stadtführer für die belgische beziehungsweise europäische Hauptstadt verwenden. Der Tatort Brüssel aus der Zukunft hat (natürlich) nur noch wenig mit der Stadt von heute zu tun. Trotzdem zeichnet Hillebrand so ganz nebenbei auch noch ein glaubwürdiges Bild des künftigen Brüssels. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob mir das nicht doch Sorgen bereiten soll.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., 9,99€, VÖ: 15. Mai 2014

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Viveca Stens Beim ersten Schärenlicht: Ein Mord mitten im Bilderbuchschweden

Wenn man einen durchschnittlichen Deutschen fragt, was ihm jenseits von Möbeln zu Schweden einfällt, kommen vermutlich „Mittsommernacht“, „Schären“ und „Kriminalromane“ als Antworten heraus. Variationen gibt es höchstens bei der Reihenfolge. Insofern ist es nicht mehr als konsequent, dass die Schwedin Vivica Sten in ihrem neusten Roman alle drei Elemente vereint.

 Ein Toter im Schären-Idyll

„Beim ersten Schärenlicht“ spielt auf Sandhamm, einer Insel vor Stockholm während der Mitsommertage, die von Schweden begeistert und ausführlich gefeiert werden. Nach einer dieser alkoholintensiven Nächte wird am Strand ein Toter gefunden, ein Jugendlicher, von dem sich niemand so recht vorstellen kann, weshalb ausgerechnet er ermordet wurde.

 Mord im Alkoholrausch?

Thomas Andreasson und seine Kollegen ermitteln, und sie stoßen schnell auf diverse Familiendramen. Auch die Tochter einer Freundin Andreassons ist seit der Mordnacht spurlos verschwunden. Der Kommissar findet zunächst kaum Spuren, trifft dafür aber auf ein weitreichendes gesellschaftliches Problem: Die einst so idyllische Mitsommernacht ist zu einem gewaltigen Alkoholrausch verkommen, bei dem auch Kinder, die gerade erst das Teenager-Alter erreicht haben, mit allen Mitteln versuchen, sich in einen koma-artigen Zustand versetzen. Auf Sandhamm soll das tragisch enden.

 Spannend, relevant, aber zwiespältig

„Beim ersten Schärenlicht“ ist der fünfte Fall für Thomas Andreasson – und er entzieht sich einer klaren Bewertung. Vivica Sten versteht ihr Handwerk. Ihr neuester Krimi ist gradlinig und spannend erzählt, sie hat ein Thema mitverarbeitet, dass relevant und für viele Menschen als Gefahr verständlich ist. Wenn man es positiv bewerten will, beschreibt sie eine heile Welt mit verborgenen – und deshalb interessanten – Bruchlinien.

Allein für den Markt geschrieben?

Und dennoch bleibt ein zwiespältiges Gefühl zurück. Die Figurenzeichnung ist stark vereinfachend und der Schauplatz einfach zu idyllisch: Beim Lesen baut sich automatisch diese mitunter penetrante ZDF-Sommerkrimi-Stimmung auf, die sich aus glattgeleckte Kulissen mit leuchtenden Farben, schönen Menschen und gestelzt emotionalisierten Dialogen problembewusster Protagonisten zusammensetzt. Wahrlich keine schöne Vorstellung. Vielleicht ist es aber genau das, was das Unbehagen auslöst: Der Leser wird – obgleich er gut unterhalten wird – das Gefühl nicht los, dass Autorin nur in zweiter Linie eine Geschichte erzählen wollte, während sie in erster Linie versucht, einen Markt zu bedienen. Ob das Gefühl stimmt, lässt sich Mitte Mai überprüfen, wenn die erste Schärenkrimi-Verfilmung ausgestrahlt wird, tatsächlich beim ZDF.

 

Tatort: Sandhamm

Kleine verwitterte Holzhäuser, verschlafene Yachthäfen, nette Strandpromenaden und Natur so weit das Auge reicht. So stellt sich der deutsche die Schäreninseln vor Schweden vor – und dieses Bild zeichnet auch Viveca Sten in „Beim ersten Schärenlicht“. Es gibt noch einsame Wälder und kleine Fähren, die die Schäreninseln mit der Außenwelt verbinden. Diese Bild einer Welt, in der die Uhren anders, also gerne mal langsamer ticken, zeichnet die Schwedin Sten stilgetreu. Wer schwedische Provinz wie er es von Postkarten kennt, will, bekommt sie auch.

Viceca Stehen, Beim ersten Schärenlicht, Kiepenheuer&Witsch, 399S., 14.99€

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Anja Reichs „Der Fall Scholl“: spannender aber einseitiger Blick auf eine tragische Ehe

Wer Anja Reichs „Der Fall Scholl“ gelesen hat, wird sich noch weiter als bisher fern von kleinen Männer halten, niemals in Ludwigsfelde wohnen, künftig einen großen Bogen um alle Standesämter machen und nur noch sehr ungern regiert werden wollen. Das sind die ersten halbernsten Gedanken, die einem unmittelbar nach dem Lesen kommen und für ein unterhaltsames, sehr fesselnd aufgeschriebenes Buch stehen: Es lohnen sich allerdings ein zweiter, genauerer Blick.

Portrait einer schillernden Figur

Anja Reich erzählt in „Der Fall Scholl“ die Geschichte von Heiner Scholl, der 2013 nach einem langwierigen Prozess wegen Mordes an seiner Frau Brigitte verurteilt worden war. Scholl ist, wenn man Anja Reich glauben darf, eine mehr als schillernde Figur. Die Journalistin und Autorin schreibt von einer unglücklichen Kindheit eines nur 1,60 Meter großen Mannes, von einer eher Biographie voller Brüche in der DDR, von einem von beinahe übermenschlichem Ehrgeiz getriebenen Politiker und von einer Ehe, die nach durchschnittlichen Maßstäben die Hölle gewesen sein muss. „Der Fall Scholl“ erzählt aber auch von Einsamkeit, von vergeblicher Suche nach Nähe und Anerkennung.

Ein Sachbuch, spannend wie ein Kriminalroman

Das Sachbuch um den Mord in Ludwigsfelde ist absolut spannend komponiert. Reich treibt die Geschichte wie einen Kriminalroman voran. Allerdings bleibt am Ende ein zwiespältiges Gefühl zurück – und das hängt mit eben dieser handwerklich hervorragenden Aufbereitung und der Nähe, die sie sich zum Objekt ihres Buches erlaubt, zusammen.

Auf den zweiten Blick ist „Der Fall Scholl“ eher bedenklich

Reich hält sich, das liegt in der Natur der Sache, an das Leben des überlebenden Ehemannes. Sie hat Aussagen seiner Freunde gesammelt, seine eigenen schriftlichen Auslassungen verwendet und mit mehrfach mit Scholl gesprochen. Auch deshalb entsteht das Bild des gequälten, gedemütigten Mannes, dem am Ende seines Lebens die Entscheidung, sich seiner Frau zu entledigen, eigentlich nachzusehen ist. In einer sehr amerikanischen Interpretation des Rechtsempfindes legt sie, ohne das explizit zu sagen, den Schatten eines Zweifels über den Fall zu legen, wie man das beispielsweise aus „Die zwölf Geschworenen“ kennt, so dass der Leser geneigt ist, sich auf einer semi-bewussten Ebene zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden: Dass nämlich der allen Verfehlungen zum trotz sympathische Scholl entweder unschuldig sein oder so etwas wie „justifiable homicide“, also einen gerechtfertigten Mord, begangen haben könnte. Beide Empfindungen sind in unserem Rechtsraum jedoch nicht angemessen: Heiner Scholl ist rechtskräftig wegen Mordes verurteilt – und das Konzept des gerechtfertigten Mordes in einem konstruierten Akt von Selbstverteidigung kommt zumindest für mich als Handlungsalternative nicht infrage. Auf den zweiten Blick ist Reichs Buch hier also eher bedenklich.

Es fehlt die Perspektive des Opfers

Natürlich beschreibt Reich auch die merkwürdigeren Facetten des Charakters von Heiner Scholl, seine Geliebten und seine unbeholfenen Versuche, die eigene sexuelle Leistungsfähigkeit in Buchform zu verarbeiten. Scholl und seine Freunde bekommen aber gleichzeitig viel Raum, das Bild einer wahrhaft unerträglichen Frau zu zeichnen, die ihren Mann beinahe fünfzig Jahre gedemütigt und unterdrückt haben muss. Diese Position übernimmt Reich. Dem „Fall Scholl“ zufolge wurde der Provinzpolitiker nicht nur im eigenen Haus vorgeführt und mit dienstbotenartigen Aufgaben schikaniert, sondern sogar in seinem Büro im Ludwigsfelder Rathaus noch von seiner Frau drangsaliert.

Anregung zu Reflexion

Letztlich liest sich „Der Fall Scholl“ wie ein kunstvoll vorgetragenes Plädoyer. Das ist natürlich in Ordnung (und ungemein unterhaltsam). Allein, es fehlt – um sprachlich im Bild zu bleiben – das Plädoyer der Gegenseite, um sich ein einigermaßen unabhängiges Urteil bilden zu können: Die emotionalen Auswirkungen der diversen Eskapaden Scholls auf seine Ehefrau, ihre Sicht auf das gemeinsame Eheleben thematisiert Anja Reich nicht. Das Opfer konnte ja nicht gehört werden. Das ist die Schwäche von „Der Fall Scholl“ – und zugleich seine Stärke, weil es den Leser dazu bringt, sich mit dem Verhältnis von Fakt und Fiktion, Perspektivwechseln und dem eigenen Rechtsempfinden auseinanderzusetzen.

 

 

Tatort:Ludwigsfelde

Von Berlin Mitte bis nach Ludwigsfelde sind es nur etwa 34 Kilometer, und doch scheint die Gemeinde im Süden der Hauptstadt auf einem anderen Planeten zu liegen. Hier der Taliban-Bart tragende Zeitgeistritter mit I-Phone und Club-Mate, dort Dorfjugendliche mit Kippe im Mundwinkel und tiefergelegtem Golf. Nicht, dass das eine oder andere besser wäre. Es ist einfach nur anders. Vermutlich fühlt sich der Mitte-Bewohner in Ludwigsfelde deshalb viel fremder, weil er viel seltener dorthin kommt als sein Nachbar in Hauptstadt. Das ganze Ensemble aus Einfamilienhäusern mit nachbarschaftlicher Überwachung, ländlicher Einsamkeit, pseudomodernen Shoppingmalls und großmannsüchtigen Prestigeprojekten beschreibt jedenfalls Anja Reich in ihrem „Der Fall Scholl“ gekonnt. Sie zeichnet mit wenigen Sätzen die perfekte Kulisse für das menschliche Drama.

Anja Reich, Der Fall Scholl, Ullstein-extra, 205S., 14,99€, VÖ: 12. April 2014

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Till Raethers Treibland, zwiespältig und doch empfehlenswert

Till Raether hat Urlaub gemacht. Genauer gesagt hatte er sich zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit seinem Vater überreden lassen. Offenbar geriet der Trip zur Grenzerfahrung, sodass er das Bedürfnis hatte, aus seinen Erfahrungen einen Kriminalroman zu entwickeln. Das Ergebnis ist zwiespältig – und das liegt an den Erlebnissen, die der Mann an Bord hatte. „Trotz Animation und gelegentlich vorbeiziehenden Landschaften schmort man doch ganz schön im eigenen Saft. Und hat vielleicht zu viel Zeit, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen“, schreibt Raether im Nachwort zu „Treibland“. Es herrsche eine besondere Atmosphäre von Verunsicherung und Apathie. An Bord sei man fremdbestimmt und „manchmal nimmt einem das dem Atem“.

Mord an Bord eines Kreuzfahrtschiffes

Grundsätzlich kann man Raether dankbar sein, dass er sich den merkwürdigen Erfahrungen aussetzte. Das bracht ihn immerhin auf die Idee zu „Treibland“. An Bord eines Kreuzfahrtschiffes stirbt unter mysteriösen Umständen ein Urlauber. Schnell wird klar, dass dieser Opfer eines besonders bösartigen Virus der Ebola-Klasse wurde. Das Schiff wird in Hamburg unter Quarantäne gestellt. Theoretisch darf niemand an oder von Bord. Auch nicht, als offensichtlich wird, dass der Mann Opfer eines Mordanschlages wird.

Ein Kommissar, der am Leben leidet

Till Raether hat hier eine wirklich interessante Kulisse für einen Kriminalroman gebastelt, in die er zudem doch sehr interessante Figuren aufstellt. Hauptkommissar Danowski beispielsweise ist ein besonders schwerer Fall, an sich und dem Leben leidend fristet der Exil-Berliner ein eher tristes Dasein in einer besonders unbedeutenden Abteilung der Polizei: Eigentlich soll er nur Akten von Todesfällen, bei denen die Polizei nicht mehr an ein Tötungsdelikt glaubt, abarbeiten. So landet auch die Akte des Unternehmers Carsten Lörsch auf seinem Schreibtisch. Mit einem Eifer, der ihn selber überrascht, geht er der Sache nach  – und löst am Ende nicht nur einen Mord, sondern ein weitreichendes Verbrechen.

Tell Raether lockt in „Treibland“ mit lakonischem Humor

Diesen Teil von „Treibland“ kann man wirklich gelungen nennen. Raether schreibt klar und unterhaltsam, seine Figurenzeichnung und die Dialoge stechen durch seinem lakonischen Humor über den Krimi-Durchschnitt hinaus. Viele hübsche Ideen auf Nebengleisen sorgen zudem  für Spannung und fesselnde Abwechslung.

Passagen, die man nur mit Schnellblättern übersteht

Leider bricht das hohe Niveau in der zweiten Hälfte für einen längeren Moment weg. Und das liegt ausgerechnet an der Idee, die Till Raether zu „Treibland“ brachte. Ungefähr nach der Hälfte der Seiten wird Hauptkommissar Danowski nämlich selber Gefangener auf der „Großen Freiheit“ wie das Kreuzfahrtschiff sinnigerweise heißt. Raether erliegt der Versuchung, diese fremdbestimmte Mischung aus Lethargie und Aggression, die er während seiner eigenen Kreuzfahrt machte, im Detail wiederzugeben. Und das ist leider langweilig. Ich konnte mich über viele Passagen nur mit Schnellblättern und Diagonallesen hinwegretten. Es gibt Dinge, die muss man wohl selber erlebt haben, um sie wirklich verstehen zu können – und Kreuzfahrten stehen bei mir noch lange nicht auf der Liste. Zwar nimmt „Treibland“ pünktlich zu einem spannenden Finale wieder Fahrt auf, aber der Schaden ist angerichtet.

Die perfekte Mischung aus Liebe und Herablassung

Ich persönlich würde, wenn ich gefragt würde, „Treibland“ dennoch als Krimi empfehlen, einfach weil ich die Sprache von Till Raether mag. Er umhüllt seine Figuren mit der perfekten Mischung aus Liebe und Herablassung, die auch scheinbar nebensächliche Dialoge zu eleganten Florettgefechten werden lässt.

 

Tatort: Hamburg

Der Leser wird Hamburg wiedererkennen, wenn er Treibland liest, auch wenn die Handlung im Prinzip in erster Linie auf dem Kreuzfahrtschiff und den Anlegern davor spielt. Die architektonischen Absonderlichkeiten, die sich in der Hafen-City breitmachen, handelt Raether nur in Nebensätzen, aber sehr treffend ab. Insofern ist, und dafür ist man ja immer dankbar, „Treibland“ kein Hamburg-Krimi, sondern ein Krimi, der zufällig in Hamburg spielt und der Hansestadt gerade soviel Aufmerksamkeit zukommen lässt, wie sie als Krimi-Tatort verdient.

Till Raether, Treibland, Rowohlt-Polaris, 495S., 14,99€, VÖ: März 2014

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„Die Frau, die nie fror“ von Elisabeth Elo nutzt den Nordatlantik als Tatort

Es gibt Unwahrscheinliches und es gibt Unwahrscheinlichkeiten. Dass eine junge Frau es überlebt, vier Stunden im sechs Grad Celsius kaltem Atlantik zu treiben, gilt als medizinisch eigentlich unmöglich und ist gerade deshalb eine großartige Idee für einen Krimi. Um nachvollziehen zu können, wie diese junge Frau überhaupt in die missliche Lage im Atlantik geriet, bedarf es einer eher toleranteren Phantasie: Pirio Kasparow, Tochter eines russischen Immigranten, ist Mitinhaberin eines Parfum-Herstellers und aus einer Laune heraus einmal bei einem Freund auf dessen Fischtrawler mit auf die Hohe See gefahren. Gleich am ersten Tag werden sie dabei von einem Schiff gerammt, das ohne Hilfe zu leisten im Nebel verschwindet.

„Die Frau, die nie fror“, ein außergewöhnlicher Kriminalroman

Das klingt doch höchst unglaubwürdig, ist aber Ausgangspunkt für einen außergewöhnlichen Krimi. „Die Frau, die nie fror“ ist das Debüt der  US-Amerikanerin Elisabeth Elo. Seine Faszination entwickelt der Kriminalroman in erster Linie durch die Hauptdarstellerin, um die sich die Handlung immer wilder entwickelt, die sich als wahrhaft interessanter Charakter präsentiert. Überhaupt ist die Figurenzeichnung eine Stärke der Autorin, die dabei allerdings immer wieder auf Wahrscheinlichkeiten pfeift, wenn ihr eine Konstruktion interessant erscheint. Wer das als Leser hinnehmen mag, der wird mit der „Frau, die nie fror“ viel Spaß haben.

Eine hartnäckige Laienermittlerin

Elizabeth Elo hat ihre Protagonisten nämlich nicht nur mit einer außergewöhnlichen Kälte-Unempfindlichkeit, die nebenbei Öffentlichkeit und Militär gleichermaßen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – interessiert, ausgestattet, sondern ihr auch noch eine unnachgiebige Hartnäckigkeit auf den Leib geschrieben: Diese Eigenschaft, die schon seit Jahrzehnten interessante Kommissare und Privatdetektive auszeichnet, schmückt auch eine Laienermittlerin.

Verbrechen und Familiengeheimnisse

Jedenfalls will sich Pirio Kasparow nach dem unfreiwilligen Bad im Atlantik, das ihr Freund nicht überlebte, nicht mit der schnell gefundenen Erklärung, nach der die beiden Opfer eines Unfalls wurden, abfinden und beginnt Fragen zu stellen. Dabei stößt sie schnell auf eine merkwürdige Mauer des Schweigens: Die jedoch spornt Kasparow eher an.  Ganz nebenbei klärt die junge Frau noch das Geheimnis eines verloren gegangenen Parfums, ein Stück Familiengeschichte und einen Umweltskandal auf.

Elisabeth Elo lässt ihre Leser an vielen hübschen Ideen Teil haben

„Die Frau, die nie fror“ ist ein überaus unterhaltsames Stück Kriminalliteratur, weil die Autorin viele schöne und ungewöhnliche Ideen hat, an denen sie ihre Leser teilhaben lässt. Die gelegentlich zu präzise geratenen Schilderungen der Outfits der Beteiligten deutet allerdings darauf hin, dass sich „Die Frau , die nie fror“ möglicherweise eher an eine weibliche Leserschaft richtet. Aber mit zwei oder drei entschlossenen Diagonal-Blicksprüngen über die entsprechenden Passagen wird auch der männliche; modischen Fragen gegenüber eher gleichgültige Leser sein Vergnügen bewahren.

 

Tatort:Neu-England

Elisabeth Elo schickt ihre Protagonistin auf Reisen. Einen konkreten Tatort gibt es, jenseits der Weiten des Nordatlantiks also nicht. Pirio Kasparow lebt in Boston, aber eigentlich fängt die Autorin eher die Atmosphäre der vielen Hafenstädte der Neu-England-Staaten ein. Die Grundstimmung ist eher provinziell-bodenständig als glamourös-metropol. Das passt aber perfekt zum Thema und löst beim Lesen ganz gegensätzliche Stimmungen aus. Der Kriminalroman hat etwas – im positiven Sinne – heimeliges und fremdartig-exotisches zugleich. Und das ist ja auch schon wieder beinahe große Kunst.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., 19,99€, VÖ: März 2014

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David Baldaccis The Hit, der Tomatensaft unter den Thrillern

Es gibt Berufsbilder, die bestehen vermutlich ausschließlich in den USA. Will Robie ist Berufskiller. So wie andere ins Büro gehen, um die Buchhaltung in Ordnung zu bringen, bereist Robie im Auftrag der CIA die Welt, um gefährliche Politiker, die die Weltordnung stören könnten, auszuschalten. Das Leben als Killer einer Weltmacht könnte so schön sein, wenn da nicht plötzlich eine Kollegin offenbar Amok läuft und anfängt, die eigenen Leute umzubringen. Will Robie wird beauftragt, Jessica Reel, die  so die einzige Erklärung, zum Feind übergelaufen ist, auszuschalten.

Ein Thriller für Gehirne im Leerlauf

Man muss wirklich das Gehirn, das Ethikzentrum und das logische Denken ausschalten können, um dem Thriller „The Hit“ von David Baldacci nicht nach wenigen Seiten empört zur Seite zu werfen. Es gibt ja aber immer Extremsituationen, wo das nicht so einfach ist. An Bord eines Flugzeuges in 10.000 Meter höhe zum Beispiel. Da ist es dann vergleichsweise einfach, das Gehirn auszuschalten. Das läuft ja in diesen stählernen, von roboterartigen Bordbegleiter-Wesen dominierten Röhren ohnehin klugerweise die meiste Zeit im Leerlauf.

David Baldacci, der Tomatensaft unter den Thriller-Autoren

Weil das so ist, gibt es das Phänomen der Flughafen-Autoren, die ihre Honorare damit verdienen, reißerische Stoffe für Fluggäste zusammen zu fabulieren. Und was soll man sagen. David Baldacci kann das richtig gut. Wenn man sich auf das Szenario einlässt, ist „The Hit“sogar richtig spannend. Hohes Tempo, schnörkelloser Erzählstil und eine sehr dichte, hinreichend komplexe Story lassen die Zeit tatsächlich im Flug vergehen. Insofern ist David Baldacci vermutlich der Tomatensaft unter den Krimis, unwiderstehlich gut ab Reiseflughöhe.  Das gute an dieser Form der Flughafenlektüre ist, dass sie global beinahe einheitlich erhältlich ist, ob man nun in Miami oder Lissabon Umsteigezeit hat, man wird garantiert fündig.

Eine Verschwörung für Verschwörungstheorienanhänger

Und dann noch der Nachsatz für diejenigen, die Probleme mit der Regulierung der Gehirntätigkeit haben: Will Robie deckt eine Verschwörung innerhalb der US-Regierung auf, die nichts weniger zum Ziel hat, als einen ganz Haufen Staatsmänner abzumurksen, und so die gesamte Welt zum Nutzen einiger Reaktionäre ins Chaos zu stürzen.  Wer ein solches Szenario für realistisch hält, glaubt vermutlich auch, dass ein US-Geheimdienst die Telefone befreundeter europäischer Regierungen abhört. Naja, vielleicht sollte man doch häufiger im Flugzeug lesen, um zu erfahren, was unsere Freiheit bedroht…

David Baldacci, The Hit, Macmillan, 390 S., VÖ: 2013
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Arno Strobels Das Rachespiel: Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker

Ein Relikt aus dem Kalten Krieg spielt die Hauptrolle. Bei Arno Strobels „Das Rachespiel“ steht das unterirdische Monstrum aus Beton jedenfalls eindeutig im Mittelpunkt, und er verhält sich angemessen gruselig. In ihm ist es dunkel, es ist kalt, er hat allerlei verwirrende Gänge, Treppen und Räume – und er ist hermetisch verriegelt. Das wird vor allem für vier Menschen, die als Kinder eine Bande, eine Gang, wie man heute wohl so sagt, bildeten und seit her keinen Kontakt hatten, zum Problem.

Perfide Schnitzeljagd im Atombunker

Ein Unbekannter lockt die vier mit einer relativ unverhohlenen Drohung, ihre Familien umzubringen, in den besagten Bunker und sperrt die sie in der unterirdischen Anlage ein. Zwei haben die Chancen, so verkündet der Täter per Lautsprecherdurchsage und Video, in einer perfiden Schnitzeljagd, sich und ihre Angehörigen zu retten.

Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers

Es ist relativ früh klar, dass das nicht gut ausgehen kann – und wird. Natürlich gehen sich die vier schnell an die Gurgel, metaphorisch und direkt. Arno Strobel erzählt den Alptraum des Biederbürgers aus der Sicht von Frank Geissler, einem erfolgreichen Software-Entwickler aus der Provinz. Geissler, verheirateter Vater einer halbwüchsigen Tochter war als Jugendlicher Anführer der Kinder, die sich als Bande zusammen schlossen. Gemeinsam haben sie, das quält alle gleichermaßen seit ihrer Jugendzeit möglicherweise einen geistig zurückgebliebenen Jungen auf dem Gewissen. So ganz genau wissen sie das nicht, weil nach einem Streich, zu dem sie den Jungen anstifteten, die Leiche nie gefunden wurde. Insofern müssen sie fürchten, dass ihr Opfer jetzt als Rächer über sie gekommen ist.

„Das Rachespiel“ stellt Herausforderungen an die Glaubwürdigkeits-Toleranz

„Das Rachespiel“ ist vermutlich die perfekte Bewältigungslektüre für Klaustrophobiker. Arno Strobel erzählt seine Geschichte routiniert und mit allen handwerklichen Mitteln, die zu einem düsteren Thriller dazugehören. Dennoch wirkt das Ergebnis eher zwiespältig. Der Leser muss jede Menge Fragen zur Plausibilität beiseite schieben, um sich auf das Szenario einlassen zu können. Ein guter Krimi ist halt trotz der unwahrscheinlichsten Grausamkeiten, die die Menschen in der Kriminalliteratur begehen, immer glaubwürdig. Und da hapert es bei Arno Strobel. Es geht in „Das Rachespiel in etwa so voran wie in einem dieser Hollywood-Horrorfilme, bei denen eine dusselige Hauptdarstellerin wider jedes bessere Wissen doch die falsche Tür aufmacht, um das Monster freizulassen. Darauf kann man sich einlassen, darauf muss man sich aber auch einlassen wollen, um den „Thrill“ genießen zu können.

Als Gegenpol für gut gelaunte Urlauber gut geeignet

Überdies ist das Szenario den Rahmenbedingungen geschuldet nicht so komplex, dass der Leser über einen längeren Zeitraum wirklich im Unklaren über den Ausgang des Geschehens beziehungsweise den Täter gelassen wird. Das kann natürlich auch Absicht des Autors sein, das Vergnügen am Spannungsbogen leidet. Insgesamt ist „Das Rachespiel“ von Arno Strobel vielleicht ein guter Krimi für die Urlaubszeit, ein literarischer Gegenpol zu durch Sonne, Strand und Freizeit ausgelösten Glücksgefühlen.

Tatort:Eifel

„Das Rachespiel“ ist ein Kammerspiel mit anderen Mitteln. Man erfährt, dass der Atombunker, in dem sich die Protagonisten eine Nacht über belauern, in der Eifel steht. Wo der Bunker genau steht, bleibt offen, ist natürlich aber auch nicht wichtig. Alles Wichtige, was es über die Eifel zu wissen gibt, besteht vielleicht genau darin: Auch 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stehen dort, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, noch Atombunker herum, die sich als Schauplatz für ein Verbrechen eignen.

Arno Strobel, Das Rachespiel, Fischer, 337S., 9,99€

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Tote Hunde beißen nicht: Dietrich Faber unterhält mit dem Grauen der Provinz

Im ersten Moment ist man geneigt, sich über Henning Bröhmann lustig zu machen. Der Kerl ist aber auch wirklich eine sehr traurige Figur. Als Kommissar ist er bestenfalls Durchschnitt, wo andere heldenhaft ihre Gegenspieler mit messerscharfem Verstand oder wenigstens körperlicher Raffinesse außer Gefecht setzen, gibt Bröhmann Nicoles „Ein bisschen Frieden“ zum Besten, um einen Verbrecher abzulenken.  Auch im Privaten ist er eher überwiegend unbeholfen: Er wird  – obwohl längst jenseits der 40 – vom Vater dominiert und von allen anderen Familienmitgliedern untergebuttert, selbst die eigenen Kinder tolerieren den Mann bestenfalls.

Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann?

Man ist also versucht, den Mann als Witzfigur abzustempeln. Im selben Moment bricht sich allerdings die bittere Erkenntnis ihre Bahn: Sind wir nicht alle ein wenig Bröhmann? Daran liegt vielleicht die Kunst von Dietrich Faber, der dem traurigen Hessen Bröhmann mit „Tote Hunde beißen nicht“ mittlerweile seinen dritten  Krimi gewidmet hat.

Ein Krimi aus dem deutschen Nirgendwo

Dieser kleine Spiegel, der dem Leser in Form von Henning Bröhmann vorgehalten wird und die perfekte Beschreibung des Grauens der Provinz gehören zu  den größten Stärken des Kriminalromans. Der Autor selber lebt im hessischen Gießen – und wer glaubt, eine Steigerung des provinziellen von diesem Ort im deutschen Nirgendwo sei nicht möglich, folge Faber in den Nahe gelegenen Vogelbergkreis nach Alsfeld und Nidda. Auch hier finden sich vermutlich viele Leser, so sie nicht gerade in Berlin (die Hauptstadt-Bewohner bekommen im übrigen auch ihr Fett weg) oder im Ruhrgebiet leben, wieder.

„Tote Krimi beißen nicht“. Kaum ein Krimi, aber sehr unterhaltsam

So weit, so gut: Als Krimi ist „Tote Hunde beißen nicht“ allerdings eher eine Fehlbesetzung. Wenig Tempo, wenig Komplexität, kaum Geschwindigkeit. Dietrich Faber, der seit seinen frühen Anfängen als jugendlicher Musical-Direktor vor über 20 Jahren so etwas wie ein Allround-Entertainer ist, hat letztlich ein Kabarett-Programm mit anderen Mitteln geschaffen. Das macht sich durch die meist eher sehr einfache Sprache und zahlreichen mundartlichen Einsprengsel bemerkbar.

Dietrich Faber schreibt sein Buch wie ein Bühnenprogramm

„Tote Hunde beißen nicht“ ist von vorneherein als Bühnenprogramm konzipiert: Die Lesungen von Dietrich Faber sollen – und das scheint mehr als glaubhaft – außerordentlich gelungene Show-Ereignisse sein. Vermutlich sollte man die Romane aus der Bröhmann-Serie eher hören als lesen. Genau deshalb seien dem  Autoren die dialekt-deutsch aufgeschrieben Dialoge  nachgesehen, die sonst eine eher nervige Unart im Krimi sind, mit der recherchefaule Autoren, genaue Charakterzeichnung vortäuschen. Insgesamt ist dieses Buchgewordene Kabarettprogramm auch selbst gelesen sehr unterhaltsam, einfach, weil es streckenweise irre komisch, dabei aber nie oberflächlich ist

 Ein Mord in Berlin, ein Mörder aus Hessen?

Darum geht’s:  Henning Bröhmann fährt mit der gesamten Familie nach Berlin, der Vater will zu einer Beerdigung, die Tochter was erleben. Das geht nicht gut. Bereits auf der Beerdigung geschieht ein Mord. Es wäre verkehrt, zu schreiben, dass Bröhmann ermittelt, aber als Augenzeuge ist er mindestens verwickelt. Das verstärkt sich, als sein Vater zurück in Hessen spurlos verschwindet. Einige kleinere und größere Katastrophen – unter anderem sterben und Hund und Hundemörder –  später, wird der Fall gewissermaßen aufgeklärt, auch weil Bröhmann sich rechtzeitig an den Text von Nicoles Eurovisions-Song erinnert.

Tatort: Vogelsberg-Kreis

Eigentlich ist es nicht sehr Gefühlt liegen zwischen der Metropole am Main und den kleinen Gemeinden im hessischen Vogelsbergkreis Welten. Mindestens. Die Lichtjahre, die Bankenviertel und Butzenfenster trennen, beschreibt Dietrich Faber, weniger mit elegischen Landschaftsbildern, sondern eher durch eine ausgeklügelte Typologie. Seine Darsteller, ob nun in Haupt- oder Nebenrollen zeichnen ein perfektes Bild von der Provinz, die in hessischer Ausprägung gleich mehrere hässliche Gesichter zeigt, so fruchtbar und schön die Landschaft dieses alten deutschen Kulturraumes auch sein mag. Der Verlag hat dem Buch den Untertitel „Der Tod ist ein Hesse“ mitgegeben, Dietrich Faber zeigt, „Hessen lebt.“ Man weiß jetzt wirklich nicht, was schlimmer ist.

Dietrich Faber, Tote Hunde beißen nicht, Rowohlt-Polaris, 287S., 14,99€,  VÖ: Februar 2014

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