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Serientäter Lee Child gibt Jack Reacher diesmal „61 Stunden“ Zeit

Heute neu: Der Baukasten-Krimi. Der Autor: Lee Child. Seit geraumer Zeit lässt der britisch-amerikanische Autor Jack Reacher auf die Bösewichter los. Der bislang neueste Thriller heißt „61 Stunden“.

„61 Stunden“ Zeit in der amerikanischen Provinz

Das sind die Bestandteile des Krimis. Natürlich Jack Reacher, unbeugsamer Einzelgänger mit Vergangenheit als Soldat, der Konflikte meist mit seinem Körper als Waffe löst, mindestens einmal  je Roman mit ausgefeilter Kampftechnik in erdrückender zahlenmäßiger Unterlegenheit. Außerdem dabei: Eine abgelegene Provinzstadt der USA, meist von der Zivilisation abgeschnitten, sei es durch  große Wüsten (wie bei „Outlaw“) oder Naturgewalten (wie bei „61 Stunden“). Unverzichtbar: Dümmliche Schlägertypen, ausgekochte Bandenbosse, eine weitreichende Verschwörung, ein oder mehrere korrupte Polizisten und eine Frau in Not, die, wenn sie alt ist oder stirbt, aber unerhört bleibt.

Lee Child erzählt seine Thriller-Serie routiniert

Auch wenn die Handlungsstränge austausch- und vorhersehbar sind, bleiben die Thriller von Lee Childs auf eine merkwürdige Weise spannend. Das liegt daran, dass Childs dicht, schnell und ohne große Schnörkel erzählen kann. Zudem ist der ewigwährende Kampf des unterlegenen „Gute“ gegen das erdrückend starke „Böse“ als Entspannungslektüre immer gut geeignet. Insbesondere mittelbegeisterte Vielflieger wissen die Child-Romane als gleichermaßen einfach verdauliche wie gut ablenkende Lektüre zu schätzen.

Eine Partnerin für Jack Reacher?

In „61 Stunden“ variiert Child sein Jack Reacher-Thema ein wenig. Es tritt erstmals eine Frau auf, die Bedeutung erlangen soll. Susan Turner heißt die Dame und ist aktuell die Kommandantin jener Spezialeinheit der Militärpolizei, die Reacher einst gründete. Bereits jetzt hat der Autor angekündigt, dass es eine fünfbändige Serie in der Serie um Susan Turner geben soll.

Diesmal: Nicht nur Fäuste, auch Gehirn

Noch etwas ist im Vergleich zum vorherigen Band anders. Jack Reacher ermittelt. Im vorherigen Band hatte er sich in erster Linie auf seine Fäuste und eine Kanone verlassen, in „61 Stunden“ benutzt er auch sein Gehirn. Das ist ganz angenehm, auch wenn die Synapsen Reachers – dessen größte Demütigung vermutlich darin bestand, dass er in der ersten Verfilmung eines Falles als 1,98-Mann ausgerechnet von dem Hollywood-Gnom Tom Cruise gespielt wurde –  natürlich nur eine deutliche Schwarz-Weiß-Färbung der Welt wahrnehmen können.

Darum geht es in „61 Stunden“

Die Handlung des Baukastenkrimis in der aktuellen Folge? Reacher bleibt in einem Schneesturm in einem abgelegenen Kaff in South Dakota hängen, hilft der Polizei bei Ermittlungen gegen eine Motorradgang, versucht eine Zeugin vor einem Drogenboss zu schützen, gerät dabei unter Zeitnot und sorgt, soviel darf verraten werden, nachhaltig für Ordnung auf den Straßen.

Tatort: South Dakota

South Dakota steht mehr noch, als der nördliche „Schwester“-Bundesstaat North Dakota in dem Ruf, US-amerikanische Provinz zu sein. Dieses Thema erzählt Lee Child am Beispiel des Örtchens … gründlich aus. Die Menschen leben friedlich, meist in farmartigen Gebäuden. Die nächste Stadt ist weit, die wirtschaftliche Lage meist angespannt, wenn nicht schmutziges, zumindest aber teuer erkauftes Geld in die Stadt fließt. In South-Dakota ist zudem das Wetter ein bestimmender Faktor, im Winter ist es kalt. Das erfährt Jack Reacher nach dem Willen seines Schöpfers in allen möglichen Facetten am eigenen Leib. Wirklich etwas über die Gegend, den Tatort des Geschehens, erfährt der Leser darüber hinaus nicht.

Lee Child, 61 Stunden, Blanvalet, 443S, 19,99€, VÖ: 28. Oktober 2013

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Gnadenlose Härte in Massimo Carlottos „Die Marseille-Connection“

Eine breite, tiefrote Spur zieht sich durch Marseille. Es ist eine blutige Spur, gelegt von einer zutiefst amoralischen Gesellschaft. Es ist nichts Neues, dass unter den bürgerlichen Fassaden der Metropolen Schattengesellschaften existieren. In der südfranzösischen Hafenstadt scheint der Firnis der Zivilisation, unter dem ein Abgrund von Gewalt und Verbrechen droht, besonders dünn. Genauer gesagt scheint die sogenannte bessere Gesellschaft von tiefen Rissen durchzogen. Das behauptet zumindest Massimo Carlotto in seinem neuesten Kriminalroman „Die Marseille Connection“.

Ein neuer Verbrechertypus in „DIe Marseille-Connection“

Der Italiener Carlotto hetzt in seinem düsteren Gesellschaftsentwurf verdorbene Charaktere unterschiedlichster Herkunft aufeinander. Da ist zunächst ein Bolivianer, der zuhause einen Bandenkrieg verlor und als Drogenkurier ins Exil gejagt wurde, dann spielt der einheimische Gangsterboss mit einem korsischen Netzwerk eine wichtige Rolle. Außerdem steht ein neuer Verbrechertyp im Zentrum der Erzählung, es sind vier junge Erfolgsmenschen, bestens ausgebildet und mit besten Aussichten auf die Zukunft, dennoch das perfekte Verbrechen planen  und – wie es grausamen Kindern nun mal oft zu eigen ist – die alte Generation überrollen wollen.

Eine Polizistin mit dubiosen Methoden

Zusätzlich mischen korrupte Lokalpolitiker und  auch der russische Geheimdienst im Spiel um Geld, Macht und Informationen im Marseiller „Nachtleben“ mit. Mittendrin befindet sich zudem noch die abgebrühte Polizistin Bernadette Bourdet, die selber nicht gerade eine Lichtgestalt ist.

Der Blick des Insektenforschers aus ein finsteres Biotop

Alle „Spieler“ in dem Szenario befinden sich auf einer sehr abschüssigen Straße Richtung Verdammnis, um mal ein emotionales Wort zu gebrauchen: Die große Emotion nämlich lässt Carlotto außen vor, er nähert sich seinen Protagonisten mit einem distanzierten Interesse, dem ein Botaniker dem Leben im Insektenbau folgt. Gerade diese gnadenlose Distanz in der Beschreibung macht „Die Marseille Connection“ so außerordentlich gut.

Grusel der härteren Gangart in „die Marseille-Connection“

Für Krimi-Leser, die sich über flächendeckende Hoffnungslosigkeit in der Literatur freuen, bietet Carlotto erzählerisch unendliche Weidegründe. Kein Hoffnungsstreif am Horizont stört die Auseinandersetzung mit dem Elend des menschlichen Daseins.  Man muss kein Misanthrop sein um das zu mögen. Gelegentlicher Grusel auch in der härteren Variante gehört zum Krimi einfach dazu. Wenn man etwas kritisieren möchte, könnte man den Ideenreichtum Carlottos nennen, vielleicht fasst er ein oder zwei Themen zu viel an, die jeweils für einen eigenen Roman Stoff genug böten.

Tatort: Marseille

Wenn man Massimo Carlotto glauben darf, gibt es in Marseille eigentlich kaum einen Menschen, der ehrlicher Arbeit nachgeht. Selbst die Immobilienmakler versuchen inmitten der Bandenkriege und krummen Geschäfte noch ihren Schnitt zu machen. Vermutlich ist das sehr ungerecht zu der Stadt an der Mittelmeerküste, aber der Verlockung, den Schmelztiegel zur Verbrechermetropole zu stilisieren, sind ja auch schon die Macher von „The French Connection“ erlegen. Im 21. Jahrhundert ist alles halt nur eine Nummer größer: Das Verbrechen, die Härte, die Stadt.

Massimo Carlotto, Die Marseille Connection, Tropen, 18,95€, VÖ: Oktober 2013

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„True Crime“: Ein Bildband feiert die Detektivheftchen des 20. Jahrhunderts

Cover von US-Detektivheftchen (c) Taschen
Cover von US-Detektivheftchen (c) Taschen

Zur Abwechslung mal Trash. Und der hat nicht nur, aber sehr viel mit Frauen zu tun. Eine Art Bildband feiert das Genre der „wahren Detektivgeschichten“. „True Crimes“ heißt der Band, der sich dem Phänomen der Groschenhefte widmet.

Aufstrebende Metropolen als steter Quell für Gangstergeschichten

Zu Beginn des 20. Jahrhundert wuchs sowohl die Möglichkeit (durch die Drucktechniken) als auch der Bedarf an einfacher Unterhaltung. Den lieferten in den USA schnell die Detektivmagazine, die sich den „wahren“ Verbrechen widmeten. In den USA der 20er Jahre spross – zum Glück für die Herausgeber – ein steter Quell neuer Gangstergeschichten aus den rasch wachsenden Metropolen und den damit einhergehenden sozialen Problemen und unkontrollierbaren Stadtvierteln.

Gruselige Storys, besser als jede Phantasie

Insbesondere die Prohibition, die dadurch wachsenden Banden, der Mob der Mafia und eine stetig ansteigenden Spirale der Gewalt bescherte den Magazinen immer neue gruselige Geschichten, härter, brutaler und „besser“ als sich jeder Autor das hätte ausdenken können.

„True Crime“, erschienen bei Taschen, erzählt die Geschichte dieser Magazine nach. Die Autoren haben einen äußerst plakativen Weg gewählt, den Aufstieg und Fall der Detektiv-Hefte zu illustrieren. Sie haben in erster Linie Titelbilder abgedruckt.

Vamp und Weibchen als einzige Titelmotive

Die Cover der Detektivromane zierten in erster Linie Frauen. Im Grunde gab es zwei wechselnde Motive, die „Damsell in Distress“, das hilflose Weibchen das – im Zweifelsfalle geknebelt und gefesselt – gerettet werden muss und den männermordenden Vamp, der Männerherzen aussaugend durch das Leben zieht. Im Prinzip sind so, wenn man Tiefenpsychologen und sonstigen Menschenverstehern glauben darf, die Ur-Ängste und Ur-Phantasien der Männerwelt nur leicht vereinfachend zusammengefasst.

Eine gute Ausrede

In jener Zeit, so mutmaßen die Autoren, waren die Detektiv-Hefte in erster Linie eine gute Ausrede für postpubertierende junge Männer, sich in Geschichten von Sex und Gewalt zu verlieren. Die Ausrede lautete im Zweifel, „es ist doch nur ein Detektiv-Magazin“.

Natürlich ist der Band zutiefst überflüssig. Dennoch macht es Spaß, sich die Cover anzuschauen, die reißerischen Überschriften von natürlich ausschließlich „wahren Verbrechen“ durchzulesen. An historischen Zusammenhängen interessierten Lesern bietet sich zudem die Chance, Wandel (erstmals rauchende Frauen), ästhetische Moden (in Stil und Gestaltung der Bilder) und gesellschaftliche Kontinuität (die Frau als Täter und Opfer) anzuschauen.

Die Grundthemen guter Kriminalliteratur…

Vor allem für den Krimi-Leser ist der Band eine hübsche Abwechslung bei der Beschäftigung  mit „Sin, Scandal, Sex and Death“. Denn genau darum geht es doch in eigentlich allen guten Kriminalromanen und Thrillern, die ihr Genre ernst nehmen.

True Crime, Taschen, Oktober 2013

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Tom Rob Smith verlässt mit „Ohne jeden Zweifel“ vertraute Pfade

Daniel ist Gärtner in London und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben.  Zwar hat er einen grünen Daumen, aber kein Talent fürs Geschäft. Auch insofern ist sein Leben eine große Lüge, genau wie seine private Beziehung zu Marc, die er seinen Eltern vorenthalten hat. Insofern macht er sich – als seine Mutter, die mittlerweile in Schweden lebt, ankündigt, ihn besuchen zu wollen, zunächst einmal Sorgen um das fragile Konstrukt seines Lebens.

Eine gigantische Verschwörung in Ohne jeden Zweifel“?

Seine Mutter Tilde jedoch hat ganz andere Sorgen. Sie werde von ihrem Mann und anderen finsteren Gestalten verfolgt, sei zu Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen worden und wisse um eine Verschwörung von gigantischem Ausmaß, erzählt sie am Telefon. Sie überzeugt ihren Sohn, sich die Geschichte anzuhören, reist nach London und legt ihre Beweiskette in einer ausführlichen Erzählung dar. Daniel hört zu – und fragt sich, ob er seiner Mutter glauben soll.

Tom Rob Smith verlässt das Genre des historisch-politischen Thrillers

Tom Rob Smith hat sich die Geschichte ausgedacht und mit „Ohne jeden Zweifel“ zunächst einen radikalen Wechsel vollzogen. Smith hatte den russischen Agenten Leo Demidow erfunden und mit „Agent 6“ und „Kind 44“ sensationell gute (und sensationell erfolgreiche) Bücher geschrieben.  Jetzt hat er das Genre gewechselt und hat es natürlich schwer, weil er immer an seinen ungemein komplexen, raffiniert erdachten und spannend aufgeschriebenen Thrillern im politisch-historischen Bereich gemessen wird.

Ein sehr privates Buch

„Ohne jeden Zweifel“ ist ein sehr privates Buch, in der das Halbschwede Smith ein wenig auch seine eigene Herkunft einfließen lässt. Sein neuester Thriller basiert ist mehr Familiendrama als Weltverschwörungsroman; statt Kreml  und Kabul sind die Handlungsorte eine kleine Wohnung im Herzen von London und ein abgelegenes Dorf in Südschweden.

Raffiniertes Spiel um Wahn und Wirklichkeit

Auch wenn Demidow-Fans beim neuen Smith sehr enttäuscht sind, kann man Smith seine Klasse nicht aberkennen. Auch „Ohne jeden Zweifel“ ist fesselnd aufgeschrieben, weniger komplex vielleicht, mit klarer konturiertem Rahmen, aber nichtsdestotrotz raffiniert. Das Spiel um Wahn und Wirklichkeit hat jenseits üblicher Krimilektüre jedenfalls seine ganz eigene Qualität und ebenfalls hohen Unterhaltungswert.

 

Tatort:Südschweden

Den Augen vieler Deutscher ist Schweden der perfekte Urlaubsort, eine heile Welt mit viel schöner Natur, freundlichen Menschen und entspannter Lebenswirklichkeit. Viele schwedische Krimi-Autoren setzen alles daran, dieses Bild ländlich heiler, von modernen Problemen unberührter Welt durch düstere Großstadtbeschreibungen zu zerstören. Tom Rob Smith, der eine schwedische Mutter hat, geht da raffinierter vor. Er beschreibt das ländliche Schweden mit kleinen Landwirtschaften, idyllischen Seen und verschlafenen Dörfern genau so, um dann nur umso präziser den ganzen Schrecken auszumalen, der in dieser abgelegenen Provinz, die längst nicht so heile ist, wie der Schein  es suggeriert, das Leben zur Hölle werden lässt. Insofern ist „Ohne jeden Zweifel“ auch ein interessantes Länderportrait.

Tom Rob Smith, Ohne jeden Zweifel, Manhattan, 383S.,19,99€, VÖ:: 14. Oktober 2013

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Stephan Ludwig wird in „Zorn – Wo kein Licht“ angenehm ernst

 

Der eine ist im Grunde inkompetent, faul, sozial inkompetent und emotional deutlich unterentwickelt. Der andere ist klein, dick, wohnt noch bei seinen Eltern und schleppt einen Haufen Komplexen mit sich rum. Stephan Ludwig hat ein sehr trauriges Duo erdacht, das seinen Dienst bei der Polizei verrichtet.  Zorn und Schröder stolpern außerordentlich mitleiderweckend durch ihre Fälle.

Ein Polizist auf Rachefeldzug?

Auch der dritte Fall, den Stephan Ludwig in „Zorn – Wo kein Licht“ erdachte, hat es in sich. Ein Mann wird im Fluss gefunden, nach dem er offenbar gleichzeitig von einer Brücke gesprungen ist und sich erschossen hat. In rascher Folge verschwinden zudem angesehenen Bürger der Stadt. Es ist natürlich wieder der dickliche Schröder, der erfolgreich ermittelt und bald Zusammenhänge herausfindet. Irgendjemand scheint einen grausigen Rachefeldzug angezettelt zu haben. Ist es gar ein Kollege aus den Reihen der Polizei?

Stephan Ludwig verleiht seinen Protagonisten (endlich) Tiefe

War das Ermittler-Duo Zorn/Schröder noch allzu sehr als Karikatur angelegt, rückt Stephan Ludwig seinen beiden traurigen Gestalten richtig auf die Pelle. Damit gibt er ihnen Konturen – und das bekommt beiden richtig gut. Man entwickelt beinahe so etwas für Bewunderung (naja, zumindest Sympathie) für die beiden emotionalen Versager, da sie sich ihrer Probleme bewusst zu werden scheinen. Es bleibt abzuwarten, ob in einem weiteren Band daraus auch ein Handeln erwächst. Zuzutrauen wär es den beiden.

„Zorn – Wo kein Licht“ ist ein unterhaltsamer Kriminalroman

Das kleine Fünkchen Ernsthaftigkeit, das Ludwig seinen Protagonisten im Vergleich zum Vorgänger „Zorn – Vom Lieben und Sterben“ gönnt, macht den neuen „Zorn“ zu einer richtig guten Krimi-Lektüre. Stephan Ludwig treibt seine Geschichte mit hohem Tempo voran, findet einen unterhaltsam leichten Grundton gönnt seinen Lesern hinreichend komplexe Nebengleise und Randfiguren und kann eine krimi-gerechte gruselige Handlung erzählen. Insofern darf man angesichts der Steigerungsrate schon sehr auf den bereits versprochenen nächsten Band gespannt sein.

Stephan Ludwig, Zorn, Wo kein Licht, Fischer, 403S., 9,99€, VÖ: September 2013

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Karin Slaughters „Harter Schnitt“ ist Thriller und Familiendrama zugleich

Als Karin Slaughter vor mittlerweile einen Dutzend Jahren ihren ersten Thriller veröffentlichte, hob sie das Gruselniveau im Mainstream-Thriller noch einmal deutlich hoch. Ihre Figuren waren noch einmal eine Nuance „fertiger“, die Abgründe noch eine Spur tiefer als in den vergleichbaren Kriminalromanen jener Zeit.  Slaughter leistete sich sogar den Luxus ihren Sympathieträger nach mehreren Bänden umbringen zu lassen.

Neue Dramen für alte Bekannte

Mittlerweile irren die überlebenden Protagonisten seit über zwölf Jahren durch die Verbrecherwelt der amerikanischen Provinz und sind alte Bekannte. Was liegt da also näher, als einen Familienroman zu schreiben. Genau das ist „Harter Schnitt“, der jüngste Roman der US-Amerikanerin, die bislang beinahe jedes Jahr eine Neuerscheinung auf den Markt gebracht hat.

Geiselnahme und Familiendrama in „Harter Schnitt“

Die Polizistin Faith Mitchell muss am Ende einer Fortbildung feststellen, dass Unbekannte ihre Mutter, die ihrerseits eins Polizistin in Atlanta war, entführt haben. Jedenfalls findet sie zuhause ihr Kind eingesperrt in der Garage und in der Wohnung zwei bewaffnete Männer, die einen Schusswechsel mit der wütenden Polizistin nicht überleben sollen. Gemeinsam mit ihrem Ex-Partner Will Trent und der Kinderärztin (und Nebenerwerbs-Pathologin) Sarah Linton – eine Gründungsfigur von Slaughter – beginnt die junge Mutter zu ermitteln. Schnell wird deutlich, dass es nicht nur um eine bloßen Entführungsfall geht. Mitchell muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und einigen dunkleren Kapiteln im Leben ihrer Mutter auseinandersetzen.

Karin Slaughter inszeniert die Krimi-Themen variantenreich

Karin Slaughter inszeniert ihre Thriller routiniert. Sie schreibt gleichermaßen schnörkellos wie spannend und findet immer wieder interessante Variationen der im Kriminalroman verwendeten Grundthemen Gier, Hass, Eifersucht und kranke Mordsucht. Eine, wenn man so will, strukturelle Konzeption hilft dabei, dass Slaughters Bücher trotz des kurzen Produktionszyklus interessant bleiben:  Die frühe Entscheidung, einen ganzen Satz von Protagonisten und Handlungsorten zu verwenden – und dabei noch regelmäßig die Perspektiven zu wechseln, hilft enorm dabei, Abnutzungserscheinungen, wie man sie bei anderen lang laufenden Serien gelegentlich beobachtet zu vermeiden. Insofern fehlt „Harter Schnitt“ vielleicht der Reiz des Neuen und die ganz große Überraschung, aber insgesamt ist Karin Slaughters neuester Krimi wieder spannende, grundsolide Thriller-Unterhaltung.

Tatort:Atlanta

Die Hauptstadt de Bundesstaates Georgia steht notorisch im Ruf einer eher gesichtslosen Stadt. Sie hat einen großen Flughafen, der eines der größeren Drehkreuze der USA ist und ist Sitz zahlreicher Konzerne von Weltrang – Coca Cola,  UPS und CNN beispielsweise. Viel mehr fällt den meisten Menschen nicht ein, viel mehr verrät auch Karin Slaughter nicht über ihren Tatort im Süden der USA. Sie beschreibt auch eher das Leben im weichen Unterbauch der Gesellschaft, die austauschbar scheinenden Suburbs der Mittelschicht und die Wohnviertel der Unterprivilegierten. Ein Mangel ist das natürlich nicht, ein guter Krimi braucht kein spezifisches Lokalkolorit und Slaughters Stoffe sind ja auch eher als leicht verdauliche Unterhaltung angelegt und weniger als sozialkritische Studien. Dennoch bekommt man, sozusagen im vorübergehen, einiges über den amerikanischen Weg, das Leben zu gestalten, mit.

Karin Slaughter, Harter Schnitt, Blanvalet, 509S., 19,99€ VÖ: 26. August 2013


oder als E-Book: Harter Schnitt: Thriller

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Neue Autorin: Karen Sander erzählt spannend aber vorhersehbar

Irgendein Irrer hat etwas gegen Transsexuelle. Jedenfalls wird in Düsseldorf eine Frauenleiche gefunden, bei der die Rechtsmedizin während der Obduktion herausfindet, dass die Frau ursprünglich ein Mann war. Da es nicht die einzige übel zugerichtete derartige Leiche bleibt, entschließt sich Kriminalkommissar Georg Stadler eine Psychologin als Beraterin hinzu zu ziehen. Diese, eine sehr junge, aber schon sehr profilierte Wissenschaftlerin, hat aber ganz andere Probleme. Irgendjemand schickt ihr anonyme Briefe, wühlt in ihrer Vergangenheit und tötet kaltblütig ihren wissenschaftlichen Mitarbeiter. Dennoch entscheidet sich Liz Montario, dem Kommissar bei der Suche nach dem mutmaßlichen Serienmörder zu helfen. Von da an beginnt eine Spirale aus weiteren Toten und einer wachsenden Bedrohung für die Psychologin.

Krimi-Serienauftakt: „Schwesterlein komm stirb mit mir“

„Schwesterlein, komm stirb mit mir“ heißt der Roman, für den sich Karen Sander den Plot erdacht hat: Es soll der Auftakt zu einer ganzen Serie von Kriminalromanen um das ungleiche Duo aus dem Rheinland werden. Der Auftakt ist kurz gesagt, schon mal ganz in Ordnung, mehr aber auch nicht.

Karen Sander schreibt spannend, aber viel zu gradlinig

Die im Rheinland lebende Karen Sander versteht es, ihren Plot mit hinreichend Geschwindigkeit voranzutreiben, so dass „Schwesterlein, komm stirb mir mir“ als Spannungslektüre hier die Anforderungen eines Thrillers erfüllt. Insgesamt ist die Geschichte jedoch deutlich zu gradlinig, alle Wendungen sind vor allem weitgehend vorhersehbar, insbesondere die Leser, die von ihren Autoren auf eine falsche Färte gelockt, beziehungsweise als Hobby-Kommissare das Ende miträtseln wollen, werden enttäuscht. Halbwegs regelmäßige Krimi-Leser können alle Wendungen relativ präzise vorhersagen. Das kann Absicht sein, wenn der Leser zum „Komplizen“ des Täters werden soll – und der Reiz darin besteht, dem Kommissar beim mehr oder weniger orientierungslosen Ermitteln zuzusehen. So war das aber bei „Schwesterlein, komm stirb mit mir“ vermutlich nicht gemeint.

Interessantes, aber insgesamt eindimensionales Personal

Auch beim Personal fällt die Bewertung von Karen Sanders Debüt eher zwiespältig aus. Ja, den Protagonisten kann man folgen, sie sind von der Grundidee interessant und sympathisch, warum aber muss die Psychologin, die wenn ich richtig gelesen habe, den 30. Geburtstag noch vor sich hat, nicht nur bereits als Dozentin an der Universität arbeiten, dabei noch wahnsinnig gut aussehen und dabei gleichzeitig noch irre patent und unkompliziert sein. Das ist, sagen wir mal, eher unglaubwürdig. Es ist aber vor allem, wenn man fiktiven Personen immer etwas mehr Qualitäten zubilligt als real existierenden Menschen, eindimensional. Richtige Tiefe haben weder Liz Montario noch der alternde Weiberheld Georg Stadler. Aber auch die Motivation des Täters, was ja – als Psychogramm eines „Monsters“ – auch möglich gewesen wäre, wird eher oberflächlich abgehandelt. Insofern hinterlässt „Schwesterlein, komm stirb mit mir“ nach insgesamt unterhaltsamen Stunden, keinen besonders tiefen Eindruck.

Tatort:Düsseldorf

Dass „Schwesterlein, komm stirb mir mir“ in Düsseldorf spielt, erfährt der Leser eigentlich nur am Rande. Die Stadt bleibt austauschbar. Das ist aber für einen Kriminalroman, der sich von der Flut der Regionalkrimis abheben will auch völlig in Ordnung. Das hält ja beispielsweise Ursula Poznanski in ihren in Salzburg angesiedelten Krimis ähnlich. Wegen dieser bewussten Entscheidung erfährt man eben nur nichts über den „Tatort:Düsseldorf“.

Karen Sander, Schwesterlein, komm stirb mit mir, Rowohlt, 399S., 9,99€. VÖ: August 2013

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„Die Totentänzerin“: Max Bentows Kommissar ist mittlerweile ein alter Bekannter

Irgendjemand in Berlin hat etwas gegen Liebespaare, insbesondere dann, wenn der Mann deutlich älter ist als die Frau. Jedenfalls wird Kriminalkommissar Nils Trojan von Tatort zu Tatort getrieben. Immer wieder findet er dort ermordete Paare, sorgfältig wie zum Liebesspiel drapiert. Nur, dass den Männern der Schädel eingeschlagen wurden und die Frauen einen langsamen, qualvollen Tod starben.

Max Bentow zieht in „die Totentänzerin“ eine blutige Spur durch Berlin

„Die Totentänzerin“ heißt der dritte Fall von Max Bentow. Wie bei „der Federmann“ und „die „Puppenmacherin“ geht es wieder hoch her in Berlin. Eine dicke Blutspur zieht sich durch die Stadt. Dieses Mal scheint sie sogar im Kommissariat von Nils Trojan zu enden. Die Frau seines Chefs jedenfalls, verhält sich außerordentlich merkwürdig, hat wiederholt Erinnerungslücken und lässt sich spielend mit den Tatorten in Verbindung bringen. Aber ist sie auch eine Mörderin? Trojan und sein Team ermitteln – und geraten bald selber in Gefahr.

Spannend geschrieben, unterhaltsam trotz insgesamt blassen Personals

Mit dem dritten Band präsentiert Max Bentow mittlerweile beinahe einen alten Bekannten. Die Thriller des unter Pseudonym schreibenden Schauspielers bleiben dabei zwiespältig. Die Handlung wird mit höchster Geschwindigkeit vorangetrieben, das sorgt für Spannung und hält den Leser bei der Stange. Dabei hilft auch Bentows klare, einfache, dabei aber nicht simple Sprache.  Mir persönlich fehlt aber bei der Begründung für den Plot, bei der Psychologie, wenn man so will, der Tiefgang. Der gehört aber bei einem Krimi, der sich Psychothriller nennt, dazu. Auch bleiben die Figuren, die „die Totentänzerin“ bevölkern weiter blass. Bentow variiert die Konturen, die er seinen Darstellern bei seinem Debüt „der Federmann“ verlieh, nur minimal, er setzt nur zwei (Therapeutin/Freundin und Tochter) Seitenstränge fort.

Guter Krimi-Stoff für einen Sofa-Nachmittag

Mit dem handelnden Personal bleibt aber auch „die Totentänzerin“ insgesamt leicht oberflächlich. Als leichte Sonntagnachmittagslektüre für die beginnenden nasskalten Herbsttage ist der Krimi dabei dennoch gut geeignet. Gut lesbar, schnell konsumierbar, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Für einen Nachmittag auf dem Sofa ist das, ähnlich einem ordentlichen Hollywood-Actionfilm, völlig in Ordnung.

Max Bentow, Die Totentänzerin, Page&Turner, 379S., 14,99€ VÖ: 2. September 2013

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Brasilien-Krimi: Edney Silvestre über den hauchdünnen Firnis der Zivilisation

Was machen Jungs so, wenn sie im pubertären Alter sind? Meistens dummes Zeug. Es ist also ganz normal, wenn sich zwei Zwölfjährige mitten am helllichten Tage aufmachen, und zu Gunsten eines faulen Tages am See die Schule schwänzen.  Man weiß ja aber auch, so etwas nur in den seltensten Fällen gut ausgehen kann. Das gilt natürlich auch für Eduardo und Paulo, die sich die kleine Auszeit gönnen. Bei ihrem Badeausflug finden die beiden eine Frauenleiche, brutal ermordet und offenkundig sorgfältig drapiert.

Ein merkwürdiges Gespann ermittelt in „der letzte Tag der Unschuld“

Die Polizei vermutet ohne zu zögern den Mann als Täter, war seine Frau doch deutlich jünger und in der Stadt als vielfache Ehebrecherin verschrieen. Eduardo und Paolo, von einer Überdosis Spannungsliteratur und billigen Filmen getrieben, ziehen das in Zweifel und beginnen zu ermitteln. Hilfe bekommen sie vom greisen Ubiratan, der seinerseits ein Interesse an der Toten hat.  Die drei bilden fortan ein merkwürdiges Gespann. Es entwickelt sich beinahe so etwas wie eine Freundschaft.

Edney Silvestre zeichnet ein düsteres Bild Brasiliens

Der brasilianische Journalist Edney Silvestre hat sich den Plot für seinen Roman „Der Letzte Tag der Unschuld“ erdacht und den Fall in das Brasilien der frühen sechziger Jahre verlegt.  Nur formal handelt es sich um einen Kriminalroman, eigentlich aber zeichnet Silvestre ein düsteres Bild seiner Heimat. Er weicht bewusst in die Zeit der Diktaturen zurück, als Oligarchen über die Menschen herrschten, die so gerade eben juristisch nicht mehr Besitz sein durften, es tatsächlich  faktisch aber immer noch wahren.

Prädemokratische Strukturen in der brasilianischen Provinz

Die kleine, wirtschaftlich gleichwohl expandierende Stadt am Ufer des Amazonas wird, so beschreibt es Silvestre von einer Oberschicht regiert, in der Klerus, Wirtschaft und Politik eine unheilige Allianz eingingen und das Leben bis ins Klassenzimmer eines Zwölfjährigen hinein bestimmten. Inwieweit Silvestre bei den von ihm skizzierten prädemokratisch-menschenfeindlichen Strukturen Parallelen in die Gegenwart zieht, bleibt der Interpretation überlassen.

Für Eduardo, Paulo und Ubiratan jedenfalls sollen ihre Versuche, die Morde aufzuklären, nicht folgenlos bleiben. Immerhin merken sie schnell, das Opfer und Täter nicht immer so  leicht zu identifizieren sind, wie es in Büchern und Filmen scheint.

„Das Ende der Unschuld“, oft eher verstörend als unterhaltsam

„Das Ende der Unschuld“ ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman. Silvestre fesselt weniger wegen einer spannend vorangetriebenen Kriminalgeschichte, sondern eher wegen der Abgründe einer rohen Gesellschaft, die er mit einer gnadenlosen Genauigkeit herausarbeitet. Oft eher verstörend als unterhaltsam (aber gerade deshalb auch lesenswert) zeigt der Brasilianer wie dünn der Firnis der Zivilisation wirklich ist, der die Bestie Mensch bändigt – und wie nahe die Zeiten noch sind, auf die insbesondere die verwöhnten Mitteleuropäer mit durch nur wenig Leistung gerechtfertigten Snobismus zurückblicken.

 

Tatort: Brasilien

Edney Silvestre hat seinen Roman in eine fiktive Stadt am Amazonas und überdies in die Vergangenheit verlegt. Viel über den Tatort selber, die Stadt erfährt man vordergründig nicht, aber über ein Land, dass sich mühsam Diktatoren und Oligarchen entledigen musste, so einiges. Insofern bietet „Der letzte Tag der Unschuld“ ein gerütteltes Maß an politischer Landeskunde. Bei zahlreichen Querverweisen und Rückblenden in Zeiten, in denen Folter und Mord Mittel der „politischen Willensbildung“ waren, verlangt Silvestre allerdings einiges Wissen um lateinamerikanische Geschichte. Wer sich darauf einlässt, kann aber seinen Horizont deutlich erweitern. Ein Krimi der das leistet, kann so schlecht nicht sein.

Edney Silvestre, Der letzte Tag der Unschuld, Limes, 345 S., 19,99€,
VÖ: 26. August 2013

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Herrlich durchgeknallt: Christopher Brookmyres „die hohe Kunst des Bankraubs“

Angelique de Xavia lebt in einer völlig falschen Welt, so scheint es. Sie hat die falsche Hautfarbe, mag den falschen Fußballverein, hat möglicherweise den falschen Beruf, und sie mag definitiv die falschen Männer. De Xavia wurde zusammen mit ihren Eltern vom Schlächter und Diktator Idi Amin aus Uganda vertrieben, landete als Schwarze in Glasgow, feuert in einem Akt von postjugendlicher Rebellion die Rangers an, ist Polizistin und verguckt sich in einen Bankräuber, aber davon später mehr.

Das Robin-Hood-Thema fürs 21. Jahrhundert neu erzählt

Der Brite Christopher Brookmyre hat sich für seinen Roman „Die hohe Kunst des Bankraubes“ einen komplett versponnenen Plot ausgedacht, der beinahe märchenhafte Züge trägt, mindestens aber ein gutes Stück des immer wieder mitreißenden Robin-Hood-Themas, eingepackt allerdings in eine deutlich weniger selbstlose moderne Räuberpistole – und aufgeschrieben mit den direkten, gelegentlich harten Worten des 21. Jahrhunderts.

Vor allem mit dem ersten Drittel seines Kriminalromans hat mich Brookmyre begeistert. Mit viel Liebe fürs Detail beschreibt er einen wahrhaft durchgeknallten Bankraub, in dem fünf Männer als Clowns verkleidet eine Bank stürmen, bewusst eine Geiselsituation in Kauf nehmen und bei ihrem Beutezug alle, insbesondere die Polizei an der Nase herumführen. Zwischendurch unterhalten die Bankräuber ihre Geiseln noch mit Bilderrätseln und einer Theaterinszenierung.

Christoher Brookmyre zeigt viel Liebe auch für Randaspekte

Das gesamte Szenario beschreibt Christopher Brookmyre überaus unterhaltsam, mit vielen Seitenhieben auf Ermittler und Behörden. Der Brite nimmt sich dabei viel Zeit für das Detail, füllt auch Nebenfigur mit viel Leben.

Von der Groteske zur Romanze und zurück

Nach einem furiosen Auftakt wird „Die hohe Kunst des Bankraubes“ im weiteren Verlauf aber „normaler“, Brookmyre löst sich aus der ironisch-satirischen Distanz und kommt seinen Figuren näher, insbesondere Angelique de Xavia und ihren Gegenspieler, dem Anführer der Bankräuber. Der legt sie nämlich aufs Kreuz, als die Sonderermittlerin die belagerte Bank für die Polizei ausspähen soll. Brookmyre widmet ausführlich der zarten Romanze, die im Eiltempo – wie sagt man so schön – zur leidenschaftlichen Affäre auswächst. Dabei erzählt er breit die Biographien seiner Protagonisten, gibt die Distanz zu seinen Figuren auf.. Das erhöht die emotionale Nähe, schlägt aber aufs Tempo und nimmt den Zauber des Durchgeknallten. Insgesamt bleibt die Glasgower Räubergeschichte trotz dieses „strukturellen Wandels“ durchgehend auf hohem Niveau unterhaltsam: Das liegt auch an dem knapp abgehandelten, aber nichtsdestotrotz furiosem Finale.

Tatort:Glasgow

Über weite Strecken ist „die hohe Kunst des Bankraubes“ ein Kammerspiel, angesiedelt in einem Bankgebäude. Christopher Brookmyre schafft es aber, seinem Leser mit dem ihm eigenen Blick aufs Detail die ganze Geschichte einer einstmals prächtigen, sich nur langsam vom jahrzehntelangen Niedergang erholenden und bis heute zerrissenen Stadt Nahe zu bringen. Allein der für Außenstehende schwer nachvollziehbare (und vergnüglich aufgeschriebene) Konflikt zischen den Fußballfans von Celtic und den Rangers, an denen die unsichtbaren, aber schier unüberwindlichen Grenzen innerhalb der Stadt nachziehen lassen, sagt beinahe alles über die schottische Industriestadt. Brookmyre erwartet hier allerdings einiges kulturelles Vorwissen, beschreibt die Stadt dafür ohne große Absicht besser als mancher Reiseführer.

Christopher Brookmyre, die hohe Kunst des Bankraubes, Galiani, 381 S. 14,99€, VÖ: August 2013
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