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Blinder Feind von Jeffery Deaver: Spannend und überraschend wie immer, aber leider auch flach wie nie

Jefferey Deaver ist meiner Meinung einer der Großmeister des perfekten Plots in der Kriminalliteratur. Der US-Amerikaner hat mich zumindest mit einigen der überraschendsten Wendungen unterhalten. Deaver ist dabei ein außerordentlicher Vielschreiber, er hat mehrere Reihen und zahllose „Stand-alone“-Thriller geschrieben. Sein neuester Thriller gehört in die letzte Kategorie.

Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren?

Wenn man streng ist, könnte man „Blinder Feind“ als Fingerübung eines gelangweilten Thriller-Autoren betrachten, weil er formal erst einmal ungewöhnlich und ungewohnt sperrig daherkommt. Aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn er seine Leser nicht doch gehörig in die Irre führen würde.

Deaver entwickelt ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel

Die Geschichte beginnt mit einer New Yorker Büroangestellten, Garbriela McKenzie, deren Tochter entführt wurde. Damit wollen die Entführer die Frau, die als Office-Managerin eines Anlageberaters gearbeitet hatte, Geheimpapiere ihres Chefs und ein sattes Lösegeld erpressen. Wir lernen zudem im Inneren Monolog den Täter, sowie in ganz normalen Dialogen Spezialisten einer Geiselbefreiungsfirma kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem bald nicht mehr klar ist, wer Maus und wer Katze ist

„Blinder Feind“, ein Exemplar von Flughafen-Lektüre

Deaver treibt seine Geschichte mit gewohnt hohem Tempo voran, seine Thriller zeichnen sich genau dadurch aus, dass jedes Wort sitzt und dieser Stelle seinen Sinn hat. Dennoch hat er sich bislang immer auch Zeit für interessante Figurenzeichnung genommen und interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen – und beschrieben. Bei „Blinder Feind“ ist das anders. Für mein Gefühl hat sich Deaver hier sehr deutlich auf das Niveau von Flughafen-Literatur begeben. (Das sind Bücher, die gleichzeitig so spannend und so schlicht sind, dass sie auch in 12.000 Meter Höhe bei mittelstarken Turbulenzen, eingekeilt zwischen übergewichtigen Sitznachbarn und Flugbegleiterinnen mit Domina-Komplex, noch gut zu lesen sind.)

Unerwartet nervige Figurenzeichnung von Jeffery Deaver

Jedenfalls beschränken sich die Eigenschaften der Männer, das sie kräftig gebaut sind, leuchtend blaue Augen haben und ansonsten entfernt wie George Clooney aussehen – es sei denn natürlich, sie seien Bösewichter: Das erkennt man an irgendwelchen körperlichen Defiziten. Bei den Frauen ist mit leichter Variation ähnlich: Langes, wallendes Haar, schmale Hüften und große Brüste stehen hier für einen „guten Charakter“.

Enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch enttäuschend flach…

Offen gestanden verliere ich, wenn ich nicht gerade in 12.000 Metern Höhe in einer schmalen Aluminiumröhre sitze, bei derartigen Figurenzeichnungen unmittelbar die Lust, weiterzulesen. In diesem Fall habe ich es dennoch getan, weil ich im Urlaub nicht unbegrenzt auf mein Bücherregal zugreifen konnte, um eine Alternative zu finden – und so bleibt, auch wenn am Ende der flache Figuren-Schein zu trügen scheint, mein Lesefazit eher ungnädig. Ja, enorm spannend, sehr überraschend, aber eben auch total und enttäuschend flach. Also eigentlich nur für Viel- bzw. Langstreckenflieger zu empfehlen…

Jeffery Deaver, Blinder Feind, blanvalet, 382S., 9,99€, VÖ: 19. Januar 2015

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Carsten Germis „Sayonara Bulle“: Ein Landei aus Peine mischt höchst unterhaltsam Tokio auf

Eine gute Idee ist ja oft schon die halbe Miete. Das gilt auch beim Kriminalroman. Und so ist „Sayonara Bulle“ von Carsten Germis grundsätzlich erst einmal sehr gelungen. Germis verpflanzt einen Kriminalbeamten aus der niedersächsischen Provinz in die japanische Mega-Metropole Tokio. Das riecht auch in Zeiten der Globalisierung noch schwer nach Kulturschock – und nach vielen unterhaltsamen Ideen.

Ein niedersächsischer Sturkopf landet in Tokio

Bernie Ahlweg heißt der eher schwierig-sture Bulle aus der Provinz, der laut Erstcharakterisierung nicht wirklich eine Zierde seines Berufsstandes ist, von seinem Chef nicht besonders geschätzt und deshalb zum Erlernen moderner Polizeiarbeit nach Tokio abgeschoben wird. Keine Frage, dass der notorische Querulant auch dort sofort aneckt. Immerhin entdeckt der Sturkopf aus Peine einen raffiniert getarnten Mord und im weiteren Verlauf Verstrickungen von Politik und Polizei zur Yakuza, der japanischen Mafia.

Kulturelle Gegensätze mit hohem Unterhaltungswert

Germis’ Idee trägt tatsächlich sehr weit. „Sayonara Bulle“ ist wegen dieses kulturellen Gegensatzes außerordentlich unterhaltsam. Der Autor ist Ostasienkorrespondent der FAZ, kennt sich also am Ort des Geschehens aus, und ist mit den Besonderheiten der japanischen Kultur hinreichend vertraut, so dass sein Krimi überdies auch noch außerordentlich lehrreich ist.

Kleinere Schwächen bei Carsten Germis

Mir sind beim Lesen allerdings zwei Dinge aufgefallen, die ich als Vielleser mal als Schwächen oder kleinere Schönheitsfehler bezeichnen würde. Zunächst geschieht der Wandel des Hauptdarstellers aus Peine, dessen Lebensmittelpunkt die wöchentliche Skatrunde im Peiner „Härke-Eck“ darstellt, vom latent rassistischen Landei zum geschmeidig durch Tokio gleitenden Weltmann deutlich zu schnell. Anders gesagt, Germis baut einen Konflikt auf, den er selber nur wenige Seiten später umstandslos wieder einkassiert, weil er seinen Kommissar für den Plot als Motor braucht. Das ist ok, stellt aber einen Bruch dar (und Germis verzichtet auf jede Menge Potentielle Pointen und Tiefe in der Figurenzeichnung).

Gelegentliche Ausflüge ins Professorale

Der zweite kleine Schönheitsfehler liegt ausgerechnet in der unbestrittenen Kompetenz des Autors, der Japan sehr gut zu kennen scheint. Germis neigt in „Sayonara Bulle“ in bester journalistischer Manier zum Dozieren. Und wer wird im Krimi schon gerne erkennbar belehrt? Germis erscheint es zudem zu gehen, wie vielen Japanologie-Studenten, die vom Auslandssemester zurückkehren: Sie sind häufig von der anderen Kultur fasziniert, aber sie bleibt ihnen am Ende doch fremd. Das lässt auch Carsten Germis seine Leser spüren.

„Sayonara Bulle“ ist unbedingt lesenswert

Den beiden „Schönheitsfehlern“ – wie ich sie wahrgenommen habe – zum Trotz halte ich „Sayonara Bulle“ für unbedingt lesenswert. Der Krimi steckt voller guter Einfälle, er hat einen sehr interessanten Plot mit hinreichend verwickelten Wendungen und viele lustige Stellen – und darüber hinaus mit dem Landei in der fernen Metropole eine sehr gute Grundidee…

 

Tatort: Tokio

Wenn man „Sayonara Bulle“ folgt, ist Tokio ein Moloch, ein gesichts- und charakterloser aus Stahl und Beton noch dazu. Architektonisch gleicht die Stadt laut Carsten Germis seinen Bewohnern, die versuchen, sich an den Durchschnitt, eine Norm anzupassen, um auf keinen Fall aufzufallen. Das wahre Wesen Tokios, alle dunklen, abgründigen oder auch nur interessanten Seiten erfährt der Außenstehende nie. Und das gilt auch für die Bewohner der Stadt…

Dennoch hat die Metropole mehr Facetten unter der glänzenden Fassade. Auch diese zeigt Carsten Germis seinen Lesern, der dann die Erkenntnis mitnimmt, dass Tokio erst dann richtig schön ist, wenn man es eigentlich schon fast verlassen hat. Das Ganze erzählt der Autor so plausibel, dass „Sayonara Bulle“ Tokio-Reisenden als vorbereitende Lektüre unbedingt zu empfehlen ist.

Carsten Germis, Sayonara Bulle, Rowohlt, 334 S., 9,99€, VÖ: März 2015

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Schwere Jungs und preußische Ordnung: Verbrechen in Berlin von Regina Stürickow

Wer regelmäßig Krimis liest, beschäftigt sich zwangsläufig mit den Abgründen der menschlichen Seele. Wer darüberhinaus noch die Nachrichten verfolgt, muss leider immer wieder feststellen, dass die Wirklichkeit oft viel grausamer ist als jede noch so tiefschwarze Phantasie eines Schriftstellers. Der Mensch ist eben ein kreatives Wesen – und das zeigt sich leider auch im kriminellen Bereich.

Echte Morde in „Verbrechen in Berlin“

Echte Verbrechen, brutale Morde und die Suche nach den Tätern stehen also im Mittelpunkt des kleinen Bandes „Echte Verbrechen“. Genauer gesagt geht es um Morde und andere Untaten, die im historischen Berlin zwischen 1890 und 1960 begangen wurden.

Einblicke in den preußischen Obrigkeitsstaat

Das Buch der Historikerin Regina Stürickow lohnt allein wegen der darin zusammengetragenen Originaldokumente, die einen faszinierenden Blick in die deutsche Geschichte gewähren. So verrät ein Foto aus dem Inneren eines Polizeireviers aus dem Jahre 1906 mit wilhelminischen Bärten tragen uniformierten Polizisten so ziemlich alles, was man über Preußen wissen muss. Gestus und Habitus der Beamten, die in dem Moment festgehalten sind dokumentieren einen Obrigkeitsgläubigen Staat.

Außerdem gibt es einige wenige Straßenaufnahmen, die zeigen, wie Berlin eins aussah. Anrührend sind auch die vielen Tatortskizzen, Aktenvermerke und Flugblätter. So richtete sich ein Aufruf an alle Barbiere und Friseure der Stadt. Darin war die Suche nach einem Vollbart-tragenden Verbrecher aufgeführt. An die Friseure wandten sich die Ermittler, weil sie glaubten, dass der Täter, um sich zu tarnen das auffällige Stück wohl abnehmen lassen werde. Tatsächlich wurde der Täter, der im Hotel Adlon einen Geldbriefträger ermordet hatte, dann in Dresden wegen eines anderen Mordes gefasst und überführt.

Regina Stürickow hat 32 spektakuläre Fälle zusammengetragen

Insgesamt 32 Fälle führt die Autorin auf, beginnend in der Kaiserzeit, durch Weimarer Republik und Nazi-Deutschland hindurch bis zum Nachkriegs-Berlin. Neben der Typologie des Verbrechens bekommt der Leser auch einen Einblick in die sich wandelnden Aufklärungsmethoden, wobei offenbar auch die Persönlichkeit der Ermittler, Täter zu Geständnissen zu bewegen, eine Rolle spielt. Das erinnert dann wieder sehr an die fiktionalen Kriminalromane.

Ein reales Bild der Berliner Halbwelt

„Verbrechen in Berlin“ ist kein besonders bedeutsames Buch, es ist noch nicht einmal besonders schön gestaltet, aber es ist für denjenigen, der sich sowohl für Krimis als auch Geschichte interessiert, eine überaus unterhaltsame Lektüre. Regina Stürickow hat zahlreiche Details aus der Geschichte der Berliner Unterwelt zusammengetragen, die ein bedrückend reales Bild jener oft verklärten Halbwelt der Metropole zwischen 1890 und 1960 zeichnen.

Regina Stürickow, Verbrechen in Berlin, Eisengold, 206S. 24,95€, VÖ: September 2014

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Jesper Stein treibt in Weißglut zum Vergnügen der Leser seinen Ermittler über dessen Grenzen hinaus

Es ist harter Stoff, den uns Jesper Stein da zumutet. Sein Kommissar Axel Steen zerstört sich langsam aber sicher selber. Er stößt, wo er nur kann, seinen Mitmenschen vor den Kopf, natürlich in erster Linie solchen, denen er nahe steht. Seinen Verstand benebelt er durch regelmäßigen Haschischkonsum. Dazu passend, lässt er seine Wohnung und sein äußeres Erscheinungsbild verkommen. Auch bei seinem Arbeitgeber, der Kopenhagener Polizei hat Steen kaum noch Freunde.

Ein Polizist im freien Fall

Vor dieser Ausgangslage stößt der Polizist in „Weißglut“ bei der Suche nach einer adäquaten Beschäftigung auf einen von seinen Kollegen missachteten Vergewaltigungsfall im Stadtteil Norrebro. Weil das Opfer sehr aufmerksam war, kann Axel Steen eine Verbindung zu einem älteren Mordfall herstellen. Dieser sogenannte „Blackbird“-Fall, bei dem eine Studentin ebenfalls vergewaltigt und anschließend ermordet hatte, kostete den Polizisten seinerzeit die Ehe und beinahe alle Freunde.

In „Weißglut“ wird Axel Steen zum ermittelnden Berserker

Steen, soviel weiß man aus dem ersten Band „Unruhe“ bereits, ist ein Besessener, wenn es um die Suche nach Tätern gibt. Die Motivation für das Berserkerhafte bei den Ermittlungen ist auch in „Weißglut“ noch nicht völlig erklärt, aber man erfährt schon, dass hinter der Fassade des harten Cops viel Mitgefühl, aber – soviel wird klar – auch eine große Portion Schuldgefühl steckt.

Jesper Stein lässt einen kalt berechnenden Serientäter antreten

Jedenfalls treibt Axel Steen gegen alle Widerstände die Ermittlungen voran: Schnell wird klar, das im Kopenhagen, dessen Bewohner sich selber oft so idyllisch-provinziell denken, ein gnadenloser Serientäter sein Unwesen treibt, der nicht nur brutal, sondern überaus kalt berechnend vorgeht, und so zum schwierigen Gegner wird, der den Kopenhagener Polizisten wieder weit über dessen Grenzen hinaus treibt.

Axel Steen, eine vielschichtige Hauptfigur höchst unterhaltsamer Krimis

Einen wesentlichen Teil der Faszination für Kriminalromane von Jasper Stein entsteht mit dem Protagonisten, mit Axel Steen. Der Polizist ist so vielschichtig und widersprüchlich angelegt, dass es trotz seiner vielen schlechten Eigenschaften ein Vergnügen ist, ihm beim Leben und Leiden zuzusehen. So ungehobelt und unsensibel er oft ist, so liebevoll kümmert er sich um seine Tochter, die er für seinen Geschmack nur all zu selten zu sehen bekommt. Es hilft für seine innere Ausgeglichenheit auch nicht, dass der neue Partner seiner Ex-Frau durch eine unselige Fügung jetzt zu seinem Chef wird.

„Weißglut“ ist wie sein männlicher Hauptdarsteller: Derbe, direkt, auf den Punkt geschrieben und hinter einer rohen Schale hoch emotional und ungemein mitreißend. Kurz: die perfekte Unterhaltung im Krimi-Gewand.

Tatort:Norrebro

Norrebro ist ein Stadtteil Kopenhagens mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. Seither ist das Viertel dauerhaft im Blickpunkt. Der einstige Arbeiterbezirk wurde früh von Studenten bevölkert, hat heute einen hohen Anteil von Anwohnern mit Migrationshintergrund – und ist berühmt-berüchtigt für seine bunte, alternative Lebenswelt, aber auch für notorische Krawalle und eine relativ hohe Kriminalitätsrate. Jesper Stein porträtiert diesen lebendigen, aber problembeladenen Stadtteil mit sehr viel Liebe als ein verlorenes Viertel, dem sich zu entziehen für seinen Kommissar aber unmöglich scheint: In schlechter, wie aber auch in guter Hinsicht. Für die harten Krimis um Kommissar Steen ist Norrebro so die perfekte Kulisse.

Jesper Stein, Weißglut, KiWi, 415S., 12,99€, VÖ: 8. Januar  2015

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Rose Gerdts verleiht Bremen in Dornenkinder einen Hauch von Gotham-City

Dornenkinder, der neue Krimi von Rose Gerdts, verbindet wieder genauso gekonnt wie unaufdringlich spannende Handlung, interessante Protagonisten und gesellschaftliche Relevanz

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Jan Fabers „Der Lobbyist“ – nur teilweise unterhaltsamer Krimi-Durchschnitt

Es gibt einen neuen Krimi von Jan Faber. Der Thriller „Der Lobbyist beschäftigt sich mit den Strippenziehern in den Hinterzimmern der Macht.

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Stephan Ludwig: Zorn – Wie sie töten. Ein Gelungener Mix aus Groteske und Grausamkeit

Das Mittagessen ist mittlerweile der absolute Höhepunkt im Alltag von Zorn geworden. Denn dann geht der Polizist zu seinem ehemaligen Kollegen, der den Job quittiert hat und seither eine Art Restaurant betreibt. Es gehört zu den skurrilen Einfällen von Stephan Ludwig, dass sein heimlicher Held, der „dicke Schröder“ in seinem „Restaurant“ mehr oder weniger nur für sich, eine Nachbarin, seine Mutter und eben seinen ehemaligen Vorgesetzten kocht. Viel Raum für Besinnlichkeit beschert der Autor dem derzeit vermutlich merkwürdigsten Ermittler-Duo der deutschen Krimi-Landschaft allerdings nicht.

Brutale Morde einer Sadistin

Eine Serienmörderin ist unterwegs in der Stadt, mordet scheinbar wahllos auf Bahnhöfen, im Altenheim oder im Gemüseladen. Da Zorn alleine ermittelt – und das bekanntlich meist eher lust- und erfolglos – bleiben die ersten Morde der Täterin der Polizei zunächst verborgen. Dem Leser hingegen wird die sadistisch veranlagte Frau bereits sehr früh vorgestellt. Berit Steinherz heißt die mordende Altenpflegerin, die sich zudem noch einen ihr hörigen Gehilfen hält. Zusammen ziehen sie eine blutige Spur durch die Stadt.

Atemloses Duell in „Zorn – wie sie töten“

Zorn beginnt wie immer erst dann zu ermitteln, als es eigentlich schon zu spät ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, und immer mehr Menschen geraten in Gefahr. Obgleich die Täterin bekannt ist, entwickelt „Zorn – wie sie töten“ ein gehöriges Maß an Spannung. Der Leser kann einem atemlosen Duell folgen, in dem sich die Ermittler – hier wieder in erster Linie der dicke Schröder – und die Täterin gegenseitig belauern. Am Ende steht dann ein veritabler Show-down, der einen würdigen Abschluss eines fesselnden Kriminalromans bildet.

Eine gelungene Mischung aus Farce und Spannung

Stephan Ludwig hat eine ganz eigene Mischung gefunden: Es gibt einen Namen gebenden bis zur Groteske unfähigen Kommissar, der dennoch sympathisch ist, auch weil er sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten immer bewusster wird. Dazu stellt Ludwig ihm mit Schröder einen Partner an die Seite, mit dem Zorn ein kongenial vertrotteltes Komiker-Duo gibt. Auf der anderen Seite nutzt der Autor die volle Härte gnadenloser Düsterkeit aus der Gesellschaft gefallener Serienmörder. Zorn metzelt in seinen Krimis mit einer Lust, dass der Leser gelegentlich schon einen stabilen Magen braucht. Einfache Kost sind Morde und die Seelenlage der Täter wie sie Stephan Ludwig beschreibt, jedenfalls nicht.
Wer beim Krimi auf „harten Stoff“ steht, wird Ludwigs Konzept, Farce und düsterste Tragödien zu verknüpfen, zu schätzen wissen, ergibt sich daraus doch eine ungemein unterhaltsame Krimi-Lektüre.
Stephan Ludwig, Zorn, wie sie töten, Fischer, 406S., 9,99€, VÖ: 20. Oktober 2014

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Die besten Krimis des Jahres 2014

Die besten Krimis des Jahres: Auch 2014 hatte ich wieder viel „Material“ in den Händen – und es war wieder  einige raußergewöhnlich gutes und spannende Bücher dabei. Deshalb auch in diesem Jahr wieder ein Überblick über die meiner Meinung nach gelungensten Krimis und Thriller. Die mittlerweile schon fast traditionelle Top-5-Liste der Spannung.

Tom Hillenbrand: Drohnenland

Eine düstere Zukunftsvision, die eigentlich alle Schreckenszenarien abhandelt. Überwachungsstaat, Korruption, Herrschaft der Konzerne, Klima-Katastrophe Tom Hillenbrand verwendet die ganz großen Themen als perfekte Kulisse für einen gelungenen Kriminalroman – der noch lang ein Erinnerung bleibt.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., April 2014

Rosa Ribas, Sabine Hofmann: Das Flüstern der Stadt

Ein bedrückendes Stück Zeitgeschichte arbeitet das deutsch-spanische Autoren-Duo in „Das Flüstern der Stadt“ auf. Barcelona unter der Knute der Falangisten der Franco-Ära in den fünfziger Jahren ist die heimliche Hauptdarstellerin in einem intelligent erdachten Krimi mit sympathischen „Ermittlerinnen“.

Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512S. 29. August 2014

Jochen Frech: Hochsommermord

Vergleichsweise unspektakulär kommt „Hochsommermord“ daher, ein Kriminalroman geschrieben von einem Polizisten. Gerade weil das Debüt von Jochen Frech nicht versucht, mehr zu sein, als ein solider, unterhaltsamer Krimi, ist es so sympathisch. Frech schafft das Kunststück, Wohlfühlatmosphäre und spannende Krimihandlung zu verknüpfen.

Jochen Frech, Hochsommermord, btb, 318S., Januar 2014

Elisabeth Elo: Die Frau, die nie fror.

Die surrealste Idee des Krimi-Jahres hatte Elisabeth Elo. Die Amerikanerin stattete ihre Protagonistin nicht nur mit einer sehr komplexen Biographie sondern auch mit der Fähigkeit aus, kaltes Wasser gut zu vertragen. Das nutzt die Hauptfigur denn auch, um ein Verbrechen mitten im Nordatlantik aufzuklären. Klingt schräg? Ist aber gut gemacht.

Elisabeth Elo, Die Frau, die nie fror, Ullstein, 505 S., März 2014

Joakim Zander: Der Schwimmer

Wer verworrene Verschwörungstheorien mag ist bei Joakim Zander genau richtig. Der Schwede schreibt von den Missetaten eines US-Geheimdienstes, gedeckt durch finstere Gestalten in der EU-Bürokratie in Brüssel. „Der Schwimmer“ ist sehr spannend und sehr mitreißend. Die perfekte Lektüre für dunkle Winterabende.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 1. September 2014

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„Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen: Starkes Thema zwiespältig umgesetzt

Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in Berlin. Vier Frauen wurden verschleppt, misshandelt, erdrosselt und am Ende achtlos weggeworfen. Die Polizei ist sehr sicher, den Täter gefunden zu haben. Allein der junge Psychiater Dalus zweifelt an der Schuld seines ehemaligen Patienten obgleich de wahrlich kein Sympathieträger ist.

Suche nach einem Serienmörder und der lieben Verwandtschaft

Das ist die Ausgangslage in „Bevor die Nacht kommt“ von Simon Jaspersen. Dalus muss nicht nur seinen Patienten auftreiben, bevor die Polizei, die nicht gerade zimperlich ist, den Mann zu Tode hetzt. Auch seine Schwester, die der junge Mediziner vor Jahren aus den Augen verlor, ist verschwunden, nachdem sie kurz zuvor noch überraschend ihren Besuch angekündigt hatte.

Verschwörung in den 20er Jahren

„Bevor die Nacht kommt“ spielt in den Nachkriegsjahren des 1. Weltkrieges mit allen Verwerfungen und politischen Wirrungen, die jene Zeit mit sich brachte. Simon Jaspersen rührt daraus einen sehr interessanten Plot mit vielen überraschenden Wendungen, einer veritablen Verschwörung und einer schier übermächtigen Zahl an Bösewichten zusammen. Insofern ist „Bevor die Nacht kommt“ ein sehr reizvoller, lesenswerter Kriminalroman.

Kriminalroman mit zwiespältiger Resonanz

Insgesamt hat das Debüt bei mir jedoch eine zwiespältige Resonanz ausgelöst. Ich habe ein Faible für historische Krimis und bin großer Fan von Philip Kerrs „Berlin Noir“-Serie um Bernie Gunther, die in der Vorkriegszeit zum 2. Weltkrieg spielt. Dort wo der Schotte Kerr ohne Hemmungen jedes Klischee über Deutsche hervorholt und mit einer gewissen Lust ein grobes, aber eben doch sehr dichtes, emotionales und deshalb stimmiges Bild des historischem Berlins pinselt, bewahrt der Hamburger Jaspersen eine merkwürde Distanz. Ich fand jedenfalls die alte Reichshauptstadt in „Bevor die Nacht kommt“ nie wirklich greifbar.

Diffuses Stadtbild, schwer greifbare Protagonisten

Das unbehagliche Gefühl des Diffusen ist mir beim Lesen nicht nur beim Tatort sondern auch bei den Protagonisten erhalten geblieben. Natürlich erfährt man vieles über den Psychiater Dalus, dessen Schwester und ihre gemeinsame Familiengeschichte, aber insgesamt sind mir die beiden, vor allem aber auch alle anderen Figuren nicht wirklich Nahe gekommen. Schwer zu sagen, ob Jaspersen das nicht besser hinbekommen hat, er es vielleicht sogar genau so wollte, oder ich beim Lesen einfach nur eine schlechten Tag hatte. Auf jeden Fall hat mich „Bevor die Nacht kommt“ trotz des perfekten historischen Aufhängers nicht restlos überzeugen können.

Tatort:Berlin

Eigentlich bleiben zur Darstellung des historischen Berlins in „Bevor die Nacht kommt“ nur zwei Fragen offen. Eine dreht sich um kulinarische Themen, die andere um die Illumination der Stadt.

Die erste Frage: Gab es 1920 in Berlin eine chinesische Garküche? Das wäre noch interessant herauszufinden, ob die Esskultur damals schon derart internationalisiert war. Der Psychiater Dalus besuchte in Berlin jedenfalls in einer Szene besagte Garküche. Zwar gab es seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in bildungsbürgerlichen Schichten eine gewisse Faszination für die chinesische Kultur (die Faszination erstreckte sich aber keineswegs auf die Menschen, die als eher minderwertig betrachtet wurden). Ob die Faszination so weit ging, dass es die chinesiche „Fastfood“-Restaurants nach Berlin schafften, ist zumindest fragwürdig…

Die zweite Frage: Dalus blickt bei einem nächtlichen Spaziergang auf eine Neon-Reklame. Das brachte mich zu der Frage, ob es 1920 eigentlich schon Neon-Reklamen gab? Antwort, ja, gab es: Offen ist allerdings, ob sie seinerzeit bereits für Reklame an Häusern eingesetzt wurden. Die frühen Leuchtwerbungen wurden, hier kann ich mich allerdings leider nur auf einen Wikipedia-Artikel stützen durch Glühbirnen erhellt Außerdem war offenbar, wenn man den Wikipedia-Autoren glauben darf, noch bis 1923 ein aus dem Weltkrieg stammendes Leuchtwerbungsverbot in Kraft.

Dass soll jetzt ausdrücklich nicht die Fähigkeit oder Integrität des Autoren in Frage stellen, sondern nur mein individuelles Unbehagen mit dem Berlin-Bild, das Simon Jaspersen zeichnet: An den Stellen, an denen es greifbar wird, bleibt es unglaubwürdig. Das ist natürlich für das Gelingen einer Fiktion auch nicht nötig, aber für einen Krimi, wie ich ihn mag, der sich zudem historischer Ereignisse bedient, eben doch wichtig.

Simon Jaspersen, Bevor die Nacht kommt, Rowohlt, 439S., 9,99€, VÖ: 24. Oktober 2014

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Tom Hillenbrands „Tödliche Oliven“: Gelungener Krimi um schmierige Geschäfte

Es gibt Menschen, die werden konsequent vom Pech verfolgt. Eigentlich wollen diese Zeitgenossen doch nur von Überraschungen unbehelligt ein bequemes Leben führen, aber das geht all zu oft schief – und sie stürzen Kopfüber ins Chaos. Natürlich geben genau diese Menschen die perfekten Krimi-Helden ab. Das gilt auch für Xavier Kieffer. Der von Tom Hillenbrand erdachte Luxemburger Koch und Gastronom stolpert in „Tödliche Oliven“ jetzt bereits zum vierten Mal in ein Szenario, das von Mord, Erpressung, Korruption, globalen Verschwörungen und allerlei anderen finstern Verbrechen dominiert wird.

Ein missglückter Ausflug für Xavier Kieffer

Es beginnt, wie könnte es anders sein, in aller Unschuld. Kieffer möchte sich eine Auszeit gönnen und mit seinem Freund aus Schulzeiten, Alessandro Colao gemeinsam nach Italien fahren. Der Wein- und Ölhändler besitzt dort eine Ölmühle und – beinahe noch wichtiger – detailliertes Wissen über die besten Restaurants. Natürlich kommt Kieffer zu spät zum Treffpunkt, der Freund ist weg.

„Tödliche Oliven“: Falsche Freunde in finanzieller Not

Schnell stellt sich raus, dass Colao nicht etwa aus purer Ungeduld Luxemburg verließ, sondern bereits seit Tagen verschwunden ist. Kieffer macht sich also alleine auf den Weg Richtung Italien, um den Freund zu finden. Er stellt nicht nur fest, dass sein Jugendfreund sich in finanzieller Notlage auf die falschen Freunde eingelassen hatte, sondern gerät schnell auch selber in Gefahr. Die Mafia hat, welche Überraschung, bei ihren schmierigen Geschäften rund ums Öl für neugierige Köche eher wenig Verständnis. Das kann – und das wird nicht gut ausgehen.

Ein Krimi von Tom Hillebrand, bei dem man sich am Ende klüger fühlt

„Tödliche Oliven“ ist ein höchst unterhaltsamer Krimi. Tom Hillenbrand, der meiner Meinung nach dem mit der schrecklich-schönen Zukunftsvision „Drohnenland“ den bislang besten Kriminalroman des Jahres 2014 geschrieben hat, besitzt ein gutes Gespür dafür, leichte Unterhaltung und große Themen miteinander zu verbinden. Seine Kriminalromane besitzen dadurch im besten Sinne „gesellschaftliche Relevanz“. In „Tödliche Oliven“ beschäftigt sich Hillenbrand also mit dem italienischen Olivenöl und allen miesen Geschäften, die darum betrieben werden. Offenbar wird deutlich mehr hochklassiges Olivenöl konsumiert als produziert. Wie die Differenz in Küchen und Esszimmer gerät, will man nach der Lektüre von „Tödliche Ernte“ eigentlich lieber nicht wissen. Dennoch fühlt man sich, und das ist ja auch nicht das Schlechteste, am Ende klüger.

Eine perfekte Identifikationsfigur für Durchschnitts-Dussel

In jedem Fall schafft Hillenbrand für mich einen Dreiklang, der Kriminalromane zur perfekten Unterhaltung werden lässt: ein wichtiges Thema, aufgeladen mit einer glaubhaften Verschwörungstheorie, eine spannende, raffiniert verschlungene Krimihandlung und sympathisch-liebenswerte Protagonisten. Mir jedenfalls ist nach meinem zweiten Kieffer-Fall der Luxemburgische Koch schon richtig ans Herz gewachsen. Der Genuss-Mensch, der nur am Herd brilliert und ansonsten lediglich eine ausgeprägte Beharrlichkeit als Kompetenz bei seinen „Ermittlungen“ in die Waagschale werfen kann, taugt für die meisten Durchschnitts-Dussel als perfekte Identifikationsfigur. Meine Verfolgungsjagden jedenfalls wären, auch ohne, dass ich Kettenraucher wäre, vermutlich ähnlich erfolgreich wie die von Xavier Kieffer.

 

Tatort:Luxemburg

So ganz genau weiß man es ja nicht. Ist Luxemburg jetzt ein Dorf oder eine Großstadt. Wenn man Tom Hillenbrand glauben darf, geht es zwischenmenschlich wie in der Provinz zu, während das kriminelle Niveau Metropolenpotential besitzt. Jedenfalls hat Hillenbrand einen liebevollen Blick auf das kleine Großherzogtum und gönnt sich – und seinen Lesern – den einen oder anderen Seitenhieb auf die EU-Bürokratie, die sich in Luxemburg immer mehr ausbreitet. Insofern bekommt man einen schönen Einblick in einen sehr exotischen Ort mitten in Europa.

Tom Hillenbrand, Tödliche Oliven, KiWi, 322S, 9,99€, VÖ: 6. November 2014

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