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Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen: Menschliche Abgründe in Münsteraner Wohlfühlatmosphäre

Jung, schön, tot. Das Leben der jungen Anna-Lena Beeck endet in einer dunklen Nacht abrupt auf der Landstraße. Als die Rechtsmediziner die Leiche der jungen Frau obduzieren, stellt sich heraus, dass der tödliche Unfall ein besonders tragisches Ende war. Die Frau war, so wird sich später herausstellen, offenbar einem Monster knapp entkommen, auf der Flucht vor Folter und Misshandlung in Panik auf die Straße gelaufen und dort von einem Auto erfasst worden.

Familienvater und Serienmörder

Bei der Obduktion wird auch offenbar, dass die junge Frau nicht das einzige Opfer ihres Peinigers war. Es stellt sich heraus, dass der schnell „Glatzenmann“ genannte Täter bereits eine ganze Reihe von Frauen im Münsterland., aber auch im benachbarten Holland auf seinem Gewissen hat. Die Ermittlungen gestalten sich auch deshalb schwer, weil es dem Täter offenbar gelingt, zwei Leben zu führen. Der Mörder und Vergewaltiger lebt gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Existenz mit Frau, Kindern und einem anspruchsvollen Job.

Ermittlungen und Beziehungsprobleme in Münster

Der Münsteraner Kommissar Bastian Matt, der in Münster eigentlich nur so eine Art kriminalistischer Ersthelfer ist, wird von der Leiterin der Ermittlergruppe ins Team gerufen. Dass passt ins Karrierekalkül des wackeren Beamten, stellt ihn aber dienstlich wie privat vor die eine oder andere Herausforderung. Matt muss nämlich nicht nur gegen den wachsenden Widerstand seiner Vorgesetzten den Fall, sondern auch die Beziehungsprobleme mit seiner Freundin, der für seinen Geschmack etwas zu unabhängigen Yasi Ana lösen. In beiderlei Hinsicht, ist er mehr als bemüht, aber – wie man heute so schön sagt – eher mittelerfolgreich.

Jürgen Kehrers Lambertus-Singen, der zweite Fall für Bastian Matt

„Lambertus-Singen“ ist der zweite Band von Jürgen Kehrer um den Münsteraner Polizisten Bastian Matt. Wie im ersten Teil verbindet Kehrer erneut gekonnt die heile Welt der nordwestdeutschen Provinz mit den düsteren Abgründen menschlicher Grausamkeit. Kehrer, der bereits den durch die zahlreichen ZDF-Verfilmungen bekannt gewordenen Privatdetektiv Georg Wilsberg (der ebenfalls in Münster ermittelt) erfand, bleibt seinem Erfolgsrezept treu. Er setzt auf sympathische, angenehm schusselige Protagonisten, die auf ihrem Weg durchs Leben, mehr oder wenig zufällig in allerlei Abenteuer stolpern. In der Serie um den Polizisten Matt ist der Gegensatz vielleicht größer, weil die Verbrechen düsterer sind. Aber das funktioniert. Die Kehrer-Krimis bleiben vielleicht nicht lange im Gedächtnis, weil sie weder in Form noch in Inhalt ganz besonders außergewöhnlich sind, aber sie unterhalten mit ihrer eigenwilligen Mischung aus leichter, aber intelligenter Unterhaltung und wohlig-düsterem Krimi-Gruselgefühl höchst angenehm. Und mehr kann man von einem Kriminalroman eigentlich nicht verlangen.

Tatort: Münster

Bastian Matt und seine Kollegen sitzen viel im Auto. Das gehört wohl zu den Kernkompetenzen eines jeden Polizisten, aber die Münsteraner Beamten müssen was das angeht, offenbar besonders viel Sitzfleisch mitbringen. Die Stunden hinter dem Lenkrad, die Jürgen Kehrer seinen Ermittlern in „Lambertus-Singen“ zumutet, verraten viel über die Mühen der norddeutschen Tiefebene. Die Wege sind lang und eintönig, eine von Landwirtschaft geprägte Gegend wird nur gelegentlich von Dörfern unterbrochen. Münster, das Zentrum dieser Region scheint, obgleich die nächsten Großstädte wahrlich nicht weit sind, eine einsame, Geborgenheit bietende Zufluchtsstätte inmitten einer verlassenen Ödnis. Dieses Gefühl schier unerträglicher Weite gibt Kehrer auch ohne dass er die Landschaft in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt, in „Lambertus-Singen treffend wieder.

Jürgen Kehrer, Lambertus-Singen, Rowohlt, 316S., 9,99€, VÖ: November 2014

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Hjorth/Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte: Große Krimi-Kunst mit einem Widerling

Es wird nicht besser. Sebastian Berman lügt, betrügt, demütigt. Der Stockholmer Kriminalpsychologe ist – wenn man es mal auf den Punkt bringt – ein egoistisches, narzisstisches Arschloch. Er gebraucht, so muss man das wohl sagen, für seine Sexsucht wahllos Frauen, zerstört die Karriere-Chancen seiner Tochter (eine Kollegin bei der Reichsmordkommission, der er konsequent verheimlicht, dass er ihr Vater ist) und demütigt seinen Chef und seine Kollegin mit gezielten Beleidigungen, wo er nur kann.

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt unterhalten mit einem Widerling

Im neuesten Band der Serie um den Soziopathen in Diensten der Verbrechensaufklärung, treibt er es noch einmal eine Spur schlimmer. Offen gestanden ist das ganz große Kunst, die die beiden schwedischen Autoren seit einigen Jahren abliefern: Dass es Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt schaffen, Kriminalromane zu schreiben, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln, obwohl sie einen Protagonisten ins Zentrum stellen, der einen eigentlich nur anwidert, spricht für die Qualität der Geschichten, die das Autorenpaar erzählt.

Mord an einer Familie in der schwedischen Provinz

Das gilt auch wieder für „Das Mädchen, dass verstummte“. Mal wieder in der schwedischen Provinz geschieht ein bestialischer Mord. Ein Unbekannter richtet eine ganze Familie hin. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder sterben im Kugelhagel einer Schrotflinte. Die örtliche Polizei ruft rasch die Reichsmordkommission zur Hilfe: Die Ermittler rund um den Leiter der Einheit, Torkel Höglund, machen in kürzester Zeit zwei wichtige Entdeckungen: Die Morde waren sorgfältig geplant – und es gab eine Zeugin.

Verzweifelte Suche nach dem „Mädchen, das verstummte“

Ein weiteres Kind hat offenbar das Massaker überlebt. Mit einem vergleichsweise hohen Organisationsgrad, wenn man das einmal so nennen darf, versteckt sich das ansonsten schwer traumatisierte Mädchen vor der Außenwelt. Das Mädchen zu finden und später zum Reden zu bringen, wird die zentrale Aufgabe für Sebastian Bergman, der die Reichsmordkommission, Leser der Serie wissen es, als Berater und Profiler unterstützt.

Neue Perfidien von Sebastian Bergman

Der schwer gestörte Bergman, für den man im ersten Band noch Mitleid entwickeln konnte, weil er Frau und Tochter im Tsunami 2004 verlor, sortiert sich in seinem kranken Kopf die nächste Perfidie zurecht: Das traumatisierte Mädchen und deren Mutter werden für den Psychologen mit erhöhtem Therapiebedarf zum Familienersatz. Wieder lügt er, um eine Nähe herzustellen, die vorsichtig formuliert bedenklich ist. Mit aller Gewalt drängt er sich das Leben einer zerstörten Familie. Dass er damit dazu beiträgt, den Fall zu lösen, gehört zu den Komplexitäten, die die Reihe von Hjorth/Rosenfeldt so lesenswert machen.

Immer neue überraschende Einfälle des Autoren-Duos Hjorth/Rosenfeldt

Die beiden Autoren rücken, das ist ja genretypisch für skandinavische Autoren, ihren Figuren richtig dicht auf den Pelz: Schwedische Krimis sind immer irgendwie auch ausgewachsene Familiendramen. Gleichzeitig dichten die beiden aber auch richtig raffinierte Plots mit interessanten Wendungen zusammen, garnieren ihre Krimis (auch das „typisch“ schwedisch) mit relevanten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen und verwöhnen die Leser mit immer neuen überraschenden Einfällen – die gerne mal, da kommt die Fernsehvergangenheit beider Autoren durch, als „Cliffhanger“ am Ende des jeweiligen Bandes eingesetzt werden. Im Hinterkopf des Lesers brennt sich so beim Zuklappen des Buches der Gedanke ein „Ich muss mir dringend die Fortsetzung besorgen“. Es hat ja aber auch nie jemand behauptet, dass Autoren nicht geschäftstüchtig sein dürfen.

Warten auf die Fortsetzung…

Nachdem ich Band drei eher skeptisch aus der Hand gelegt hatte, geht es mir nach Band vier wieder so, dass ich trotz des Widerlings Sebastian Bergman genau das will – möglichst bald die Fortsetzung in die Hände bekommen…

 

Tatort:Schweden

Wieder einmal müssen die Ermittler um Torkel Höglund und Sebastian Bergman in die schwedische Provinz. Wie gehabt zeichnen Hjorth/Rosenfeldt ein eher düsteres Bild des ländlichen Schwedens. Der „Tatort“ steht dabei nie im Mittelpunkt, dient eher als mit wenigen Sätzen perfekt „gezimmerte“ Kulisse für menschliche Dramen. Wobei das in „Das Mädchen, das verstummte“ nicht ganz stimmt. So richtig düster udn schrecklich finden die Autoren ihr Provinz-Idyll offenbar denn doch nicht, da sie die Bedrohung der ländlichen Welt durch den Bergbau thematisieren. Wie das ausehen können beschreiben die beiden Schweden bei einem „Abstecher“ ins nordschwedische Kiruna.

Michael Hjorth/Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte, Wunderlich, 586S., 19,95€, 15. Oktober 2014

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Stefan Ahnhem: Ein neuer Akteur in der obersten Liga der Schweden-Krimis

Fabian Risk hat sein Leben gegen die Wand gefahren, und zwar richtig gründlich: Ein Alleingang kostete ihn seinen Job bei der Stockholmer Polizei, die Beziehung mit seiner Frau setzte er wegen einer anderen aufs Spiel, und mit seinem Sohn kommuniziert der Polizist auch schon seit langen nicht mehr richtig. Die „Flucht“ in die alte Heimat soll es jetzt richten. Risk zieht in Sack und Pack nach Helsingborg, wo er einst aufwuchs.

„Und Morgen Du“: Mord statt Neu-Anfang in Helsingborg

Eigentlich hat der Polizist dort erst einmal Urlaub, den er dringend benötigt, um die fragile Beziehung zum Rest der Familie zu kitten. Doch es kommt anders. Seine neue Chefin bittet ihn rascher als erwartet zum Gespräch. Das Kriminaldezernat der südschwedischen Kleinstadt muss einen Mord aufklären. Das Opfer, das regelrecht hingerichtet und anschließend verstümmelt wurde, ist ein Klassenkamerad von Fabian Risk. Der Polizist hat sich kaum in den Fall hineingedacht, als schon der nächste Mord passiert: Erneut wird ein Klassenkamerad Risks brutal abgeschlachtet. Schnell wird klar, was der Mörder sagen will: „Und Morgen Du“, so auch der Titel des neuen Krimis von Stefan Ahnhem, der in Schweden bisher vor allem als Drehbuch-Autor auch in Deutschland bekannter Krimi-Verfilmungen aufgefallen war.

Späte Rache eines Mobbing-Opfers?

Die Polizeitruppe rund um den zu Alleingängen neigenden Risk muss sich mit einem Serienmörder auseinandersetzen, der – so viel scheint sehr schnell klar – in Jugendjahren Opfer fortwährender Mobbing-Attacken war und einen späten Rachefeldzug startet. Obwohl ein Klassenverband doch eigentlich überschaubar sein sollte, will es den Ermittlern nicht gelingen, den Täter zu identifizieren, geschweige denn zu fassen. Ganz im Gegenteil. Der Berg an Leichen, den der gestörte Ex-Pennäler aufhäuft, wird immer höher. Am Ende gerät auch der Polizist selber in Gefahr

„Und Morgen Du“, krimi-gerecht düster und brutal

„Und Morgen Du“ ist in Teilen brutal, häufig sehr düster – und enorm spannend. Stefan Ahnhem hat einen angenehm komplexen und zugleich sehr dichten Krimi geschrieben, der im Vergleich zu der Flut an simplen Thrillern, die den Markt überschwemmen, angenehm viele, kunstvoll verwobene Handlungsstränge aufweist. „Und Morgen Du“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und spielt in jedem Fall in der obersten Liga der Schweden-Krimis mit.

Stefan Ahnhem schreibt mit viel Liebe zum Detail

Die Vielzahl an Handlungsstränge bedingt natürlich eine Menge Personal. Auch hier beweist Ahnhem ein gutes Händchen. Insbesondere einige Nebenfiguren, wie der fiese, intrigante Oberkommissar in Dänemark bereichern das „Bühnenpersonal“. Im Zentrum steht natürlich der Hauptdarsteller Fabian Risk, dem man in seinen teils ungestümen, teils brillanten Alleingängen gerne folgt. Wenn man ein Wort der Kritik äußern möchte, scheint die absolut Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn nicht wirklich glaubhaft: welcher Vater kommuniziert in Zeiten, in denen es doch nur noch „Helicopter-Eltern“ zu geben scheint, mit seinem halbwüchsigen Sohn über Tage hinweg ausschließlich per sms? Man versteht den aus dramaturgischen Zwecken notwenigen Kniff, ärgert sich als Leser dennoch über die kleinen Delle im Glaubwürdigkeits-Lack.

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Serie

Dennoch ist „Und Morgen Du“ wirklich ein sehr gelungenes Debüt. Die beste Nachricht steckt im Klappentext, in dem der Krimi als „erster Teil einer Serie um den Kommissar Fabian Risk“ beschrieben wird. Wenn man sich nach dem Lesen schon auf eine Fortsetzung freut, ist das aus meiner Sicht immer das höchste Lob für einen Kriminalroman.

 

Tatort: Helsingborg

Irgendwas muss es ja auf sich haben mit Schweden: Kaum ein Land produziert so viele Krimis wie das Land der Schären und Seen. Man ist versucht zu glauben, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Verbrechen begeht und die andere Hälfte Geld damit verdient, Krimis darüber zu schreiben und in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Bilder, die dabei transportiert sind, zeichnen von Schweden meist entweder ein Bild einsamen Idylls oder ein Panorama trostloser Einsamkeit. Bei Ahnheim spielt das Land, die Natur und der „Standort“ Helsingborg keine große Rolle (wenn man einmal von der Nähe zu Dänemark absieht). Stefan skizziert eher ein Bild menschlicher Kälte, das Portrait eines Schwedens, in dem unter einer jovialen Oberfläche Kälte und Gleichgültigkeit im Miteinander dominieren. Das ist weitaus interessanter als elegische Schilderungen von einsamen Schären oder dunklen Wäldern.

Stefan Ahnhem, Und Morgen Du, List, 548S, 16,99€ VÖ: 12. September 2014

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„Bones Never Lie“ Kathy Reichs zwingt Temperance Brennan unter die Schatten der Vergangenheit

Es gibt Bücher, zumindest einige wichtige, die prägen einen Leser sein Leben lang. Für einen Krimi, der ja eher der Unterhaltung dient, kommt das auch angesichts der meist eher düsteren Themen natürlich nicht in Frage, aber es gibt Kriminalromane, die bleiben in Erinnerung, über Jahrzehnte hinweg. Das gilt beispielsweise auch für „Déjà Dead,“ beziehungsweise „Tote Lügen nicht“, das Debüt der US-Amerikanerin Kathy Reichs.

Temperance Brennan ermittelt seit 17 Jahren

Das englischsprachige Original der forensischen Anthropologin stammt aus dem Jahr 1997 und war schlicht atemberaubend. So spannend, so dicht und mit gleichzeitig so viel lakonischem Witz hatte damals kaum jemand düstere Krimis oder Thriller geschrieben. Die Qualität der Romane um die forensische Anthropologin Temperance Brennan, die wie ihre Schöpferin in North Carolina und Kanada „lebt“ und „arbeitet“, hielt sich bis ins neue Jahrtausend. (Dass die TV-Serie Bones auf den Romanen von Reichs basiert, dürfte allen Lesern bekannt sein.)

Neu auf dem Markt „Bones Never Lie“ von Kathy Reichs

Jetzt ist auf dem englisch-sprachigen Markt der neueste Band um die ermittelnde Wissenschaftlerin erschienen. „Bones Never Lie“ heißt der neueste Band – und um es gleich vorwegzunehmen, er ist wieder gut. Das „wieder“ ist an dieser Stelle leider notwendig, da sich in den mittlerweile 17 Jahren rund um nur eine Figur im Mittelpunkt natürlich leichte Ermüdungserscheinungen eingestellt hatten. Der eine oder andere Vorgänger von „Bones Never Lie“ der letzten Jahre war offen gestanden eher durchschnittlich, wirkte wie das schnell zusammengeschriebene Drehbuch einer einzelnen Fernsehepisode.

Ein Mörder zieht seine Spur quer durch die USA

Jetzt hat Kathy Reichs wieder einen Band fertiggestellt, der eigentlich alle Anforderungen an einen gelungenen Krimi erfüllt. Temperance Brennan muss sich mit einer ganzen Serie von Morden an jungen Mädchen auseinandersetzen. Über Jahre hinweg, so stellt sich heraus, hat ein Unbekannter, Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein verschleppt, misshandelt und umgebracht.

Mord mit Wurzeln in der Vergangenheit der forensischen Anthropologin

Brennan kommt über einen ihrer alten Fälle bei den Ermittlungen ins Spiel, und muss erst einmal private Probleme lösen. Spuren der Morde führen in ihre kanadische Zweitheimat, helfen könnte nur ihr Ex-Lover, der sich aber nach einem persönlichen Drama vor der Welt versteckt. Keine Frage, dass Temperance Brennan nicht nur den verschollenen Cop auftreibt, sondern auch den Mörder stellt. In beiden Fällen muss sich die ermittelnde Wissenschaftlerin mit den dunkleren Episoden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Ein solider Band 17…

„Bones Never Lie“ hat wieder alles, was zu einem gelungenen Reichs-Krimi dazu gehört: jede Menge Tempo, eine klare, einfache aber unterhaltsame Sprache und einen hinreichend verwickelten Plot, der den Krimi-Leser neugierig auf die Auflösung macht. Ja, es gib auch kleinere Schwächen, Temperance Brennan ermittelt zwar, allerdings kaum noch in ihrem eigenen Labor (was früher einen Großteil der Spannung ausmachte), es tauchen bestimmte Formulierungen auf, die sagen wir mal sehr vertraut sind – und eine wirkliche Weiterentwicklung der Protagonisten lässt die Autorin auch unter den Tisch fallen. Insofern fehlt auch dem neusten Band der atemberaubend-fesselnde Moment des Erstlings, aber das wäre in einem „Band 17“ vermutlich auch etwas zu viel verlangt. So gibt es immerhin solide Krimi-Unterhaltung.

Kathy Reichs, Bones Never Lie, Random House, 340 S., 17,64€, VÖ: 23. September 2014

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Sabine Hofmann&Rosa Ribas: Ein Krimi in einer Zeit des Schweigens und Verschweigens

Barcelona ist eine beliebte Party-Meile für Touristen aus aller Welt. Dass die spanische Metropole aber viel mehr zu bieten hat als Tattoo-Studios und T-Shirt-Läden zeigt ein neuer Kriminalroman. „Das Flüstern der Stadt“ zeigt ein bodenständigeres Barcelona und erinnert an eine dunkle Periode spanischer Geschichte, die nicht so lange vergangen ist, wie man das vermuten würde. Ich habe mit den beiden Autorinnen Sabine Hofman und Rosa Ribas über ihr Buch (hier der Link zu meinem Text über „Das Flüstern der Stadt“), aber auch über Barcelona und die jüngere spanische Geschichte gesprochen

Ist Barcelona ein guter Krimi-Tatort?

Ribas: Im Grunde eignet sich natürlich jede Stadt als Tatort, aber Barcelona ist wegen seiner Struktur, der Architektur und der Geschichte der perfekte Ort für eine Kriminalgeschichte, wie wir sie erzählen wollten. Wenn man Krimis schreibt, sollte man seine Figuren zudem durch Orte bewegen, die man selber kennt, um den Geist der Stadt, der ja für eine Kriminalgeschichte immer wichtig ist, erfassen zu können.

Was macht Barcelona als Krimi-Tatort aus?

Hofmann: Es ist eine alte Stadt, und es ist eine Hafenstadt, eine Metropole, in der viele Milieus nebeneinander existieren. Wenn man die unsichtbaren Grenzen in der Stadt überschreitet, ist man gleich in einer ganz anderen Welt, in der völlig andere Menschen mit ganz eigenen Lebensgewohnheiten leben, die ihr Viertel zudem nur sehr selten verlassen…

Ribas: … weil die Ausprägung dieses Viertel-Denkens in Barcelona sehr stark ist, vergleichbar mit Berlin, wo man ja auch oft von mehreren Städten innerhalb einer Stadt spricht. Wir beschreiben zudem das Barcelona der fünfziger Jahre, im Vorfeld eines großen kirchlichen Kongresses. Das Franco-Regime hatte Barcelona als Veranstaltungsort nicht ausgewählt, weil es so schön war, sondern, um die eigenen Macht über die Stadt zu demonstrieren. Barcelona hat lange Widerstand gegen die Falangisten geleistet – mit der Ausrichtung des katholischen Kongresses signalisierte das faschistische Regime: „Wir machen mit euch, was wir wollen.“ In unserem Buch diese Stadt zu zeigen, die sich nicht beugen wollte, und am Ende doch gebrochen wurde, war uns besonders wichtig.

Wenn man durch das Barcelona Ihrer Schauplätze läuft, wirkt die Stadt besonders düster. Ist Barcelona trotz des heiteren Image, dass sie im Ausland hat, im Grunde eine düstere Stadt?

Ribas: Barcelona hat eine dunkle Seite. Vor allem die Altstadt ist eine sehr enge Stadt. Das hängt mit der Lage zusammen. Barcelona kann nicht wachsen, weil es zwischen Meer und Bergen eingekeilt liegt. Deshalb ist es auch ohne Touristen schon immer eine volle, eine laute Stadt gewesen. Es gibt aber auch einen starken Kontrast in Barcelona: Auf der einen Seite das bourgeoise Barcelona mit seinem unverschämten Reichtum und auf der andere Seite das unvorstellbare Elend, derer, die – den Slums in Brasilien gleich – in einfachsten Verhältnissen in Baracken hausten.

Ich würde mich jetzt gerne Ihrem Buch nähern und dazu vorweg einige Themen nennen, über die ich gerne sprechen würde. Ich habe für mich vier wichtige Hauptstränge identifiziert. Da ist zunächst das Portrait der Stadt Barcelona, dann selbstverständlich die ganze politische Geschichte, dann habe ich – vermutlich wenig überraschend – die Selbstbewusstwerdung einer Frau herausgelesen und schließlich gibt es natürlich die Krimihandlung. Vielleicht können wir uns den Themen in dieser Reihenfolge widmen. Warum haben Sie also den Krimi in der Franco-Zeit angesiedelt?

Ribas: Für uns war das Thema Literatur und Sprache wichtig, und als wir uns bei der Vorbereitung unserer Krimi-Idee damit auseinandergesetzt haben, kamen sehr schnell die fünfziger Jahre in den Fokus, und zwar als Zeit des Schweigens und Verschweigens. Das war dann auch für mich persönlich sehr wichtig, weil dieses Schweigen auch bei uns Zuhause galt. Wir haben zwar über die Vergangenheit gesprochen, aber meine Eltern habe lange Zeit vieles eben auch totgeschwiegen. Es war sehr wichtig, mit meinen Eltern doch einmal über diese Zeit zu sprechen zu können, weil man plötzlich vieles viel besser versteht, auch die ganz persönliche Geschichte. Schließlich hat uns diese Vergangenheit der Unfreiheit mitgeprägt.

Hofmann: Es war überdies reizvoll, sich damit auseinanderzusetzen, wie Verbrechen und deren Aufklärung in einer Diktatur funktionieren, weil man sich ganz sicher sein kann, dass die Polizei in diesem Fall nicht auf der Seiten der „Guten“ und die Wahrheitsfindung nicht im Mittelpunkt ihres Interesses steht. Daher schien es uns spannend, eine Krimihandlung in diese Zeit zu verlegen. Hier verknüpfen sich zwei der Stränge, die Sie genannt haben.

Ribas: Wenn ein Krimi in der heutigen Zeit angesiedelt ist, kann ohne weiteres der Polizist der Gute sein. Spielt er jedoch in der Franco-Zeit, ist es undenkbar, dass ein Polizist eine „Galionsfigur“ des Guten und Gerechten sein kann. In jenen Jahren musste es immer ein Außenseiter sein, der die Wahrheit herausfindet, ein Privatdetektiv oder ein Journalist. Unsere beiden Protagonistinnen sind solche Außenseiter, und als Frauen in jenen Jahren noch viel mehr. Die beiden haben natürlich überhaupt keine Möglichkeit, einen Fall wirklich zu untersuchen, deshalb lassen wir sie auch mehr oder weniger zufällig auf die Beweise stoßen. .

Hat es in Spanien eine öffentliche Aufarbeitung der Franco-Diktatur gegeben? Gab es so eine Art spanische 68-er-Bewegung, die sich mit den Verbrechen der Väter auseinandergesetzt hat?

Ribas: Das fehlt bis heute. Und wir bezahlen es teuer. Man hat versucht, nach Francos Tod einen klaren Schnitt zu machen, aber wir haben erkennen müssen, dass das natürlich nicht geht. Es sind einfach zu viele Wunden offen, es sind so viele Verbrechen ungestraft geblieben. Es tut weh zu sehen, dass es Jahre dauert, die Leiche eine Franco-Opfers aus einem Massengrab zu bergen und würdevoll zu bestatten, selbst wenn man weiß, wo der Betreffende erschossen wurde.

Hofmann: Die Diskussion um die Massengräber jener Jahre und die Exhumierung der Erschossenen hat erst in diesem Jahrtausend begonnen. Es hat über 25 Jahre gedauert, bevor der Prozess in Bewegung kam – und es bleibt bis heute immer noch schwierig für die Angehörigen. Wir haben noch ein anderes Beispiel, ein einfaches, aber sichtbares Zeichen für den Umgang mit dieser Zeit. Das Polizeikommissariat, das in unserem Roman eine wichtige Rolle spielt, hat es tatsächlich gegeben und tatsächlich war es an Ort des Schreckens, wo gefoltert und getötet wurde. Heute ist es ein Hotel mit allem erdenklichen Luxus, glänzender Marmor, und es gibt nicht einmal eine Plakette, die auf die Verbrechen jener Jahre hinweist.

Ihr Buch „Das Flüstern der Stadt“ ist in Spanien bereits im vergangenen Jahr erschienen. Hat das eine Debatte ausgelöst, oder wurde es nur als Krimi wahrgenommen?

Ribas: Ich war viel in Leseclubs unterwegs, wo über das Buch gesprochen wurde. Dort habe ich das starke Interesse gespürt, über die Franco-Zeit zu diskutieren. Gelegentlich hat es sich angefühlt wie ein Dammbruch, weil es so ein großes Bedürfnis gibt, darüber zu reden. Aber man muss das natürlich richtig einordnen: Eine allgemeine Debatte wird in Spanien nicht durch einen einfachen Kriminalroman ausgelöst.

Haben Sie versucht, mit ihrem Roman bewusst die Sprache der 50er Jahre zu treffen?

Hofmann: Ich habe versucht, anachronistische Wörter und Formulierungen zu vermeiden und habe ich eine schlichte und einfache Standardsprache gewählt. Ich bin beim Schreiben der deutschen Fassung immer wieder auf Begriffe gestoßen, wie sie meine Eltern gebraucht haben, so wie „Mäntel wenden“, die ich dann mit großem Vergnügen benutzt habe, weil sie so perfekt in die Zeit passen. Ich bin aber nicht explizit auf das Vokabular Deutschlands der 50er Jahre gegangen. Das hätte falsche Assoziationen geweckt.

Ich würde mich jetzt gerne Ana, ihrer Protagonistin nähern. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass ihr Krimi sich vor allem an eine weibliche Leserschaft richtet.

Hofmann: Wir hatten beim Schreiben keine Zielgruppe im Kopf. Dass im Zentrum zwei Frauen stehen sollten, war eine Entscheidung, die wir zu Beginn getroffen haben, gewissermaßen eine Bauchentscheidung. Im Verlauf der Arbeit hat sich dann herausgestellt,wie interessant es sein kann, die Handlungsmöglichkeiten von Frauen im Spanien der fünfziger Jahren auszuloten.

Ribas: Unsere Figuren können nicht aus ihrer Haut. Wir konnten sie schließlich nicht agieren lassen wie moderne Frauen. Wir haben versucht, etwas zu vermeiden, was wir selber in Romanen hassen, nämlich Figuren, die anachronistisch, also nicht der Epoche entsprechend, in der sie leben,  handeln. Deshalb haben wir eine Protagonistin erdacht, die ambitioniert ist, etwas erreichen will, aber ständig gegen Wände läuft. Und trotzdem probiert sie es weiter und weiter. Da mussten wir uns immer wieder zurücknehmen, wenn wir gemerkt haben: so kann eine Frau in den 50er Jahren nicht denken. Wir haben versucht, mit Details zu zeigen, wie beklemmend diese Zeit war. Wie beispielsweise eine Frau angesehen wurde, die auf der Straße raucht, in den Augen der Gesellschaft konnte sie nur eine Prostituierte sein.

Ich würde Ihnen gerne meine Wahrnehmung schildern, wie ich darauf gekommen bin, dass sich ihr Krimi vielleicht an eine weibliche Zielgruppe richtet. Im gesamten Buch kommt keine positiv besetzte Männerfigur vor. Männer sind – und das scheint in den allgemeinen Krimizeitgeist zu passen – entweder Schurken, Böse oder Trottel, liebenswert zwar, aber eben doch Trottel. Sehen Sie das auch so?

Ribas: Eigentlich nicht, aber natürlich haben wir mit den Rollenbildern gespielt. Unser Kommissar ist am Anfang ein klassischer franquistischer Polizist. Im Verlauf des Romans wird er eher ambivalent, weil wir keine Schwarz-Weiß-Figuren wollten. Also ist er als Polizist ein Schläger, aber gleichzeitig ein liebevoller Vater.

Hofmann: Er ist eben auch in seiner Zeit gefangen.Allerdings sind ja auch unsere Heldinnen nicht strahlend und reinweiß. Ana ist bereit, für ihre Karriere einiges hinzunehmen, sie sieht – beschämt und entsetzt – zu, wie bei einem Verhör eine Zeugin geschlagen wir und arrangiert sich doch mit dem Schläger Castro, weil sie die Berichterstattung über den Mordfall als Chance für ihren beruflichen Wunschtraum begreift.

Haben Sie, damit es in die Zeit passt, auch die kleine Romanze mit hineingepackt. Ich hab beim Lesen gedacht, warum reitet Ihre Ana nicht einfach als verlorene Heldin in den Sonnenuntergang , zieht reif geworden ihres Weges?. Warum muss die noch einen Kerl abkriegen?

Hofmann: Wir haben ihr am Ende die kleine Romanze gegönnt, weil wir den Roman nicht mit zwei einsamen Frauen enden lassen wollten. Was daraus wird, in welcher Hinsicht und wofür sie einen Kerl abkriegt, bleibt ja offen. Wir haben auch hier mit den gängigen Rollenbildern gespielt, ohne ihr ein Verhalten zuzuschreiben, dass ihr damals nicht möglich gewesen wäre.

Offen gestanden haben Sie mir nach der Lektüre ein wenig den Spaß verdorben. Ich hatte mich gefreut, endlich mal einen Krimi zu lesen, der keine Fortsetzung zulässt.. Jetzt haben Sie aber verraten, dass es einen zweiten Band gibt…

Ribas: …Es ist keine Fortsetzung im eigentlichen Sinne. Die Geschichte mit den zwei Frauenfiguren hat in Spanien sehr gut funktioniert, daher war die Versuchung groß, etwas Ähnliches zu machen. Wir sind allerdings einen anderen Weg gegangen: Wir bleiben zwar in der Zeit, aber sonst wird alles anders. Ana ist allein, ohne Beatriz, sie muss Barcelona verlassen und arbeitet in einem kleinen Dorf. Das neue Buch ist viel düsterer. Wenn „Das Flüstern der Stadt“ grau ist, ist der neue Band schwarz. Das war ein großes Risiko, weil die Leser ja häufig mehr von dem Bekannten erwarten. Aber es hat sich gelohnt. Auch das zweite Buch ist in Spanien sehr gut angekommen, wie ein Kritiker schrieb: „Die Franco-Zeit hat jetzt ihren Kriminalroman.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte als Krimi zu erzählen? Man hätte die Handlung ja auch als Roman ohne Krimi-Plot aufschreiben können?

Hofmann: Das hätten wir wahrscheinlich nicht zu zweit geschrieben. Zu den Dingen, die uns von Anfang an so klar waren, dass wir nicht mehr darüber geredet haben, gehörte, dass es ein Krimi sein sollte. Das Genre Krimi eignet sich für eine Zusammenarbeit besonders gut, weil es dort viele Genre-Regeln gibt, an denen man sich abarbeiten kann und auf die man sich nicht neu einigen muss. Außerdem lieben wir Krimis. Es war total spannend, eine Krimi-Handlung in eine bestimme Zeit zu setzen, zu sehen, warum in einer bestimmten Ära Verbrechen begangen werden, oder darzustellen, wie es in dieser Zeit mit Ermittlungen und Wahrheit aussieht.

Spielt beim Schreiben der Reiz, den mal als Leser beim Krimi häufig empfindet, sich geistig sozusagen am Abgrund zu bewegen und einen Blick in die Finsternis zu werfen, auch eine Rolle?

Ribas: Ja unbedingt. Man hat sozusagen die Erlaubnis, sich in den Abgründen der menschlichen Seele umzuschauen.

Die Reise nach Barcelona zum Interview ermöglichte der Rowohlt-Verlag

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Ribas/Hofmann „Das Flüstern der Stadt“: unterhaltsame und ergreifende Krimi-Geschichtsstunde

Bei Verhören fackelt der Kommissar nicht lange. Wenn dem Polizisten eine Antwort nicht gefällt, setzt es einfach ein paar kräftige Ohrfeigen: Sollte ein Verdächtiger daraufhin immer noch nicht gestehen, werden eben drastischere Mittel eingesetzt. Eine hohe „Aufklärungsrate“ ist so garantiert. Klingt putzig? Ist es aber nicht. Die menschenverachtenden Mittel der Diktatur beschreiben die Autorinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann in ihrem Kriminalroman „Das Flüstern der Stadt“.

Rosa Ribas und Sabine Hofmann schildern eine Atmosphäre der Angst

Die Stadt, um die es geht, ist Barcelona, und zwar das Barcelona der frühen fünfziger Jahre. Damals herrschte in Spanien noch General Franco mit seinen faschistischen Falangisten. Die trachteten, die rebellische katalanische Metropole zu unterjochen und gingen dabei nicht eben zimperlich vor. Die Wahrheit spielte in jener Zeit kaum eine Rolle, schon gar nicht auf dem Polizeirevier.

Eher zufällige Ermittlungen durch eine Journalistin

In diese unfreie Umgebung stolpert eher zufällig die Journalistin Ana. Eigentlich ist sie für die Weltanschauung dieser Zeit geschlechtsgemäß „passend“ bei der Zeitung für Klatsch und Mode zuständig. Da der Kriminalreporter verhindert ist, schickt der Chef nach einem Mordfall die junge Frau auf die Wache, nicht etwa, weil er überbordendes journalistisches Interesse hätte, sondern weil die Berichterstattung von den Machthabern angeordnet wurde.

Es dürfte wenig überraschen, dass die junge Journalisten sich als weniger pflegeleicht erweist, als das alle Beteiligten erwartet hatten. Ana will ernsthaft berichten und recherchiert. Zusammen ihrer Cousine Beatriz, einer von den Herrschenden kalt gestellten Sprachwissenschaftlerin, stolpert sie über Beweise für ein – selbst nach Maßstäben der Falangisten – abscheuliches Verbrechen. Die Versuche, Wahrheit und Gerechtigkeit eine Chance zu geben bringen die beiden schnell selber in Gefahr.

Das Flüstern der Stadt, ein faszinierendes Buch

„Das Flüstern der Stadt“ ist ein faszinierendes Buch. Das liegt vor allem am Thema: Dass in Spanien bis weit in die siebziger Jahre ein Diktator mit eiserner Hand die Bevölkerung in Geiselhaft hielt, ist zwar kein Geheimnis, aber doch schnell aus dem Bewusstsein verschwunden. Rosa Ribas und Sabine Hofmann öffnen mit ihrem Kriminalroman ein Fenster in diese finstere Welt voller Unterdrückung und Gewalt. Allein deshalb lohnt es sich, ihren Kriminalroman zu lesen.

Eine Protagonistin, der man gerne folgt

Darüberhinaus ist ganz nebenbei ein schillerndes Portrait Barcelonas entstanden, das durch eine überaus sympathische Hauptfigur durchstreift wird. Der jungen Ana folgt man gerne bei ihren Versuchen, sich in einer männerdominierten und unfreien Gesellschaft durchzusetzen. „Das Flüstern der Stadt“ ist insgesamt so glaubhaft konstruiert, dass man über eine kleinere Schwäche (aus meiner Sicht ist es eine) hinwegsehen mag: Beide Autorinnen sind Literaturwissenschaftlerinnen und leben ihre Lust zu literarischen Querverweisen und Zitaten ein wenig zu großzügig aus: Das führt gelegentlich zu leichten Längen, die aufs Tempo drücken aber nicht wirklich stören: „Das Flüstern der Stadt“ ist – und das ist für mich ein echtes Qualitätsmerkmal – gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam.

Tatort: Barcelona

Barcelonas Altstadt ist eng und düster. Das passt als Tatort für einen Krimi natürlich beinahe perfekt. Rosa Ribas und Sabine Hofmann lassen in „Das Flüstern der Stadt“ ihre Leser glaubhaft am Leben in den Gassen und auf den Straßen teilhaben. Die Fülle, der Lärm und die Enge sind spürbar beschrieben. Sensationell ist die katalanische Nationalbibliothek als Schauplatz ausgewählt. Auch wenn die strengen Bibliothekare den Touristen vermutlich nicht in die wirklich großartigen Säle vorlassen werden, lohnt sich beretis ein Besuch im Innenhof im Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Hier ist es nur wenige hundert Meter von der dauervollen La Rambla entfernt, beinahe idyllisch ruhig. Und historisch bedeutsam ist der Bau, der einst Kranke beherbergte auch…

Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512S., 19,95€ VÖ: 29: August 2014

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Philip Kerr schickt Bernie Gunther in Wolfshunger an die vorderste Front

Man könnte ja anfangen zu nörgeln: Die Geschichten um den braven Polizisten Bernie Gunther werden immer unglaubwürdiger, das Schema ist immer gleich, ein Verbrechen im Nazi-Dunstkreis, Ermittlungen die behindert werden und am Ende eine überraschende Wendung. Auch eine unglückliche Liebe läuft dem Berliner Bullen wie eigentlich in jedem Band wieder über den Weg.

Mordermittlungen an vorderster Front

Natürlich hat der mittlerweile neunte Fall um Bernie Gunther mittlerweile einigen Wiedererkennungswert, und natürlich haut Philip Kerr, seit er seinen Kommissar mitten im zweiten Weltkrieg ermitteln lässt, immer wieder richtig auf die Kacke. Zuletzt musste er sich mit Reinhard Heydrich auseinandersetzen, jetzt schickt ihn gar Joseph Göbbels in „Wolfshunger“ an die Front, und zwar im wahrsten Sinne des Worts. Bernhard Gunther muss bei Smolensk ermitteln. Der Mord an polnischen Offizieren im Wald von Katyn erscheint perfekt für einen Propaganda-Coup geeignet. Gunther, innerlich der Wahrheit verpflichtet, beginnt zu ermitteln, wie eigentlich immer. Und wie schon so oft zuvor, gerät er zwischen die Fronten, setzt sich mit seiner eigenwilligen Art zwischen alle Stühle.

Bernie Gunther, eine geniale Erfindung Philip Kerrs

Auch wenn die Fälle gen Ende also immer unglaubwürdiger werden, lässt die Faszination für den knorrigen Polizisten nicht nach. Vom eingangs erwähnten nörgeln jedenfalls bin ich sehr weit entfernt: Philipp Kerr hat einfach eine geniale Figur geschaffen. Dem Schicksal des traurigen Helden, der stets versucht, in finstersten Zeiten das zarte Licht der Wahrhaftigkeit zu schützen, folgt man immer wieder gerne, gerade, weil sein Schöpfer ihn nicht als strahlenden Helden zeichnet. Bernie Gunther macht sich, die Zeiten lassen nichts anderes zu, immer wieder schmutzig, der modrige Sumpf bleibt unnentrinnbar, gleich wie sehr sich der Polizist abstrampelt, er wird hinabgezogen.

Wolfshunger spielt mit der Faszination für die NS-Zeit

Philip Kerr nutzt, seit er den Polizisten mit seiner „Berlin Noir“-Serie der Vorkriegszeit erfunden hat, raffiniert die Faszination für das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Das funktioniert, weil der Autor Schotte ist (also die nötige Distanz wahren kann), das fesselt aber insbesondere, weil Kerr die Fähigkeit hat, dem Bösen gerade soviel Menschlichkeit und Charisma anzudichten, dass es gerade deshalb in seinen Handlungen noch viel unerträglicher wirkt. Und ganz nebenbei verwebt Kerr mit großem handwerklichen Geschick die ganz große Geschichte mit einem fesselnden Krimi-Plot. Das gilt ausnahmslos vom ersten bis zum jüngsten, dem neunten, Fall „Wolfshunger“.

Tatort: Smolensk

Man weiß jetzt natürlich nicht, ob sich Philip Kerr für seinen Krimi „Wolfshunger“ in Smolensk und Umgebung umgeschaut hat, aber in jedem Fall bedient er die Erwartungen, die man als Leser an eine Kriegszone in den russischen Weiten hat. Die Natur ist unerbittlich, die Weite zehrt an den Nerven. Es ist matschig, es ist kalt, es ist heiß, es ist eigentlich immer unerträglich – und im Wald heulen die Wölfe. Man weiß es wie gesagt nicht, woher Kerr seine Informationen hat, aber es scheint beinahe egal. Neben vielem anderen schildert auch der Schauplatz Smolensk,die immer näher rückende Front und die damit einhergehende Atmosphäre von Angst und Resignation sehr glaubwürdig,

Philip Kerr, Wolfshunger, Wunderlich, 544 S., 22,95€, VÖ: 29. August 2014

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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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Jeffery Deavers Todeszimmer: Spannung mit einem schwer erträglichen Rechtsempfinden

Jeffery Deaver ist offen gestanden einer meiner „Helden“. Der Amerikaner hat mich jedenfalls Mitte der neunziger Jahre das erste Mal mit seinen ungemein raffinierten und extrem spannenden Plots beeindruckt. Kaum jemand konnte meiner Meinung nach in jenen Jahren vergleichsweise fesselnd schreiben. Dass ich mit einer niederländischen Variante des „Bone Collector“ einige Jahre später die schöne Sprache unserer Nachbarn gelernt habe, gehört vermutlich nicht hierher, zeigt aber meine besondere Verbundenheit mit diesem Autor.

 Jeffery Deaver schreibt weiterhin extrem fesselnd

Jetzt hat Jeffery Deaver den neuesten Band seiner Lincoln-Rhyme-Reihe veröffentlicht. Für alle Fans des Autoren: Ja, er hat es mal wieder geschafft. Auch der neueste Band ist so stark verdichtet, dass er diese Qualität besitzt, den Leser für Stunden auf Sofa, den Küchenstuhl, das Mäuerchen vor dem Café (oder wo immer sich der bevorzugte Leseplatz befindet) zu bannen, sodass jede noch so kleine Unterbrechung als störend empfunden wird.

Mord im Auftrag der Regierung

Darum geht’s: Auf den Bahamas geschieht ein Mord. Ein Kritiker der USA, der alternative Projekte unterstützt, wird erschossen – und zwar mit Billigung amerikanischen Behörder, so viel ist von vorneherein klar. Offenbar, so vermutet eine New Yorker Staatsanwältin, war diese Hinrichtung nicht rechtens, weil das Opfer unschuldig sein könnte. Deshalb beauftragt die Juristin den forensischen Experten Lincoln Rhyme mit Ermittlungen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Amelia Sachs und dem gemeinsamen Team machen sich die beiden an die Arbeit. Schnell gewinnen die beiden Erkenntnisse, die nicht ganz ungefährlich sind: 1. Die Spur reicht bis nach Washington, möglicherweise sogar bis zum Präsidenten, 2. Es gibt noch weitere Mordbefehle, 3. Der Gegner ist gefährlich und rückt ihnen selber auf den Pelz und 4. Alle möglichen Finsterlinge behindern die Ermittlungen. Natürlich gelingt den Ermittlern am Ende die Aufklärung.

„Todeszimmer“ funktioniert nur auf einer emotionalen Ebene

Das ist wie gesagt, sehr spannend und routiniert aufgeschrieben. Jeffery Deaver gelingt es, trotz des Seriencharakters seiner Lincoln-Rhyme-Thriller, immer wieder neue Facetten in den jeweiligen Fortsetzungen unterzubringen. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Offen gestanden funktioniert der neueste Band „Todeszimmer“ nur auf einer emotionalen Ebene. Man liest den Plot so weg, mag die seit Jahren bestens vertrauten Figuren, folgt der atemlos vorangetriebenen Handlung und ertappt sich dabei, zwischendurch zustimmend zu nicken. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema löst, sobald man das Buch ausgelesen hat, dann gelinde gesagt Schrecken aus.

Die Hinrichtung als akzeptable Prävention

Es scheint, wenn man Deaver folgt, grundsätzlich richtig zu sein, dass US-Behörden gezielt Menschen umbringen, wenn sie eine Bedrohung darstellen. Die Angelegenheit muss nur nach Recht und Gesetz geschehen, dann geht der Mord zur Verbrechensprävention schon in Ordnung. Auch deshalb, weil die USA eigentlich ausschließlich von Terroristen umgeben sind: Selbst Bürgerrechtler, die sich um Mikro-Kredite und Bildung für Unterprivilegierte kümmern, haben letztlich nichts anderes im Ziel, als aufrechte Amerikaner anzugreifen. Deaver scheint dem omnipräsenten Verfolgungswahn seiner Landleute verfallen. Auch deshalb dreht der Autor – Achtung „Spoiler Alert“ – vermutlich seinen Plot im übrigen so, dass diejenigen, die vermeintlichen Opfer am Ende doch nichts anderes als verhinderte Bösewichte waren – die selbstverständlich den Tod verdienen. Diese Botschaft quillt trotz mannigfaltiger anderer Handlungsstränge (größenwahnsinniger Waffenhändler, geisteskranker Serientäter) nur mäßig subtil verpackt aus beinahe jeder Seite des Buches.

Der Zwang zur neurotisch-politischen Korrektheit

Man ist geneigt zu glauben, und das zeigt das gesamte Dilemma der aktuellen transatlantischer Beziehungen, dass Jeffrey Deaver diese Wendung möglicherweise nur deshalb eingeführt hat, um nicht am Ende noch wegen seines Thrillers unpatriotischer Gedanken verdächtig zu sein, und das ist in den USA der Gegenwart so förderlich für Karriere, soziales Ansehen oder Verkaufszahlen wie der Verdacht, man habe als Restaurantbesitzer irgendwann mal einen sehr entfernten Cousin Osama Bin Ladens bedient. Die Verhältnisse in den USA müssen stimmen: Gut bleibt gut, und böse bleibt böse. Das erinnert an fatal die Zeiten eines McCarthy, nur eben ohne McCarthy.

Insofern liefert Deaver nur ein paranoid-reaktionäres Werk ab – und das ist bei aller bisherigen Sympathie nur schwer zu ertragen.

Jeffery Deaver, Todeszimmer, Blanvalet, 607S., 19,99€, VÖ: 28. Juli 2014

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Das Hexenmädchen von Max Bentow: Düsterer Thriller mit leichtem Déjà-vu-Effekt

Zu Beginn läuft es nicht gut für Nils Trojan, Kriminalkommissar in Berlin. Der arme Mann, seit Jahren von Panikattacken geplagt, bricht ausgerechnet vor seiner Tochter zusammen. Die Halbwüchsige verfrachtet ihren Vater ins Krankenhaus, wo er von den Ärzten belächelt den Abend in eine Tüte atmend verbringt. Die Angst bleibt beherrschendes Thema in Trojans Leben, bis – und da wäre es interessant zu wissen, ob sein geistiger Vater, der Schriftsteller Max Bentow, da eine gewisse Absicht verfolgt – der deutsche Polizeibeamte, sich mit seiner Ex-Frau einen Joint gönnt. Es wäre ja, sollte ein Plan des Autors dahinter stecken, mal ein origineller Therapie-Ansatz: Jedenfalls spielt nach der kleinen Episode mit der Ex die Angst keine Rolle mehr in „Das Hexenmädchen“.

Max Bentow verwandelt gekonnt verlorene Seelen in Serienmörder

„Das Hexenmädchen“ ist seit seinem Debüt mit „Der Federmann“ mittlerweile der vierte Triller von Max Bentow. Der schreibende Schauspieler besetzt mit seinen Büchern das Genre des Psychothrillers. Es sind besonders gestörte Figuren, die die Romane des Berliners bevölkern. Von Traumata getrieben, verwandeln sich immer wieder verlorene Seelen in Serienmörder.

Kommissar Nils Trojan ermittelt in „Das Hexenmädchen“

Diese Düsternis eines Lebens am Abgrund fängt Bentow auch in seinem neuesten Krimi wieder gut ein, ihm gelingt erneut ein Plot, der eine magnetische Wirkung hat. In „Das Hexenmädchen“ werden gleich zu Beginn drei Tote gefunden, denen gemein ist, dass sie grausam verstümmelt wurden. Genauer gesagt, wurde ihnen mit einem glühend heißen Ofen das Gesicht verbrannt. Außerdem verschwinden rasch zwei Kinder. Der Zusammenhang zwischen den „Ofen-Toten“ ist leicht hergestellt, erst Nils Trojan beginnt zu ahnen, dass auch das Verschwinden in einem Zusammenhang stehen könnte. Die Ermittler geraten unter Druck, weil sie fürchten müssen, dass es mit jedem Tag mehr Tote werden können.

„Das Hexenmädchen“, düsterer Thriller mit Lichtblicken an den richtigen Stellen

Für „Das Hexenmädchen“ von Max Bentow gibt es zwei Einschätzungen. Wenn man das Buch für sich nimmt, ist es ein spannender Psychothriller, gut konstruiert, spannend geschrieben, mit hinreichend kaputten Gestalten, die dem geneigten Krimileser einen wohlig gruseligen Schauer durch die Nackenhaare treiben. Allerdings gönnt der Autor seinem Ermittler bei allen Problemen immer seine persönliche (halbwegs) heile Welt. Dass die Finsternis am Ende nicht siegt, ist natürlich schön, für einen richtig düsteren Psychothriller aber auch ein Problem. Bentow bewahrt aber hier die richtige Balance, dass die gelegentliche Lichtblicke glaubhaft, aber nicht kitschig wirken.

Ein kritisches Wort: Bentow gönnt seinen Figuren leider keine Entwicklung

Die zweite Einschätzung zum „Hexenmädchen“ fällt ein wenig kritischer aus. Bentow hat sein Rezept gefunden und ändert es – leider – nicht ab. So entsteht beim Leser, der mehr als einen der Bände Bentows gelesen hat, der Eindruck, der Berliner habe eine Blaupause, die er über neue Manuskripte legt, um dann nur noch bekannte Muster nachzuzeichnen. Das mag den Seltenleser nicht stören, aber der Vielleser in der Kriminalliteratur wird sich angesichts der Fülle der Konkurrenz ein ständiges Déjà-vu nicht antun wollen. Dass es mit ein und derselben Hauptfigur abwechslungsreich geht, haben unter anderem die Schweden Sjowall/Wahlöö (MartinBeck, zehn Bände) oder der Niederländer Robert van Gulik (Richter Di, 15 Bände) gezeigt. Vielleicht ist der Vergleich mit Ausnahmeerscheinungen der Kriminalliteratur, die ihren Figuren massive menschliche und biographische Wandlungen gegönnt haben, ungerecht, aber wer Serien anlegt, muss sich auch daran messen lassen, ob er seine Protagonisten weiterentwickelt: Und hier hat Max Bentow bei aller Sympathie für die einzelnen Folgen Schwächen.

Max, Bentow, Das Hexenmädchen, Page&Turner, 381S, 14,99€, VÖ: Juli 2014

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