Kategorien
Ermittler

Hercule Poirot, ein genialer Ermittler mit kleinen Schwächen

Der Mann hat es wirklich nicht leicht. Permanent wird er für einen Franzosen gehalten. Sein heiß geliebter Schnurrbart ist regelmäßig Gegenstand des Spotts, seine elegante und penibel gepflegte Erscheinung wird viel zu oft ignoriert. Außerdem hat der Privatdetektiv eine Dienstzeit auf den Buckel, die jedem verbeamteten Polizisten die Tränen in die Augen und gewerkschaftlichen Beistand an die Seite treiben würde.

Belgischer Polizist im Exil
1920 löste Hercule Poirot seinen ersten Fall, erst 1975 endete die Serie seiner Abenteuer mit seinem Hinscheiden: Es ist dabei keineswegs so, dass der Mann seinen ersten Auftritt als jugendlicher Heißsporn hingelegt hätte. Die Kriegswirren trieben den Belgier ins Exil nach England. Seine neue Heimat betrat er, so wollte es Agatha Christie, die sich den schrulligen Detektiv erdachte, als Polizeibeamter mit bereits legendärem Ruf.

Ermittler mit makelloser Bilanz
Angesichts einer solchen Lebensleistung könnte man der Versuchung  erliegen, Poirot zu bedauern. Das aber würde der findige Detektiv empört zurückweisen. Abgesehen von seinem Bart ist der Belgier nämlich in erster Linie auf seinen Verstand stolz und auf seine makellose Bilanz beim Überführen allerlei durchtriebener Verbrecher.

Viel Gefühl für Gerechtigkeit
Wer Hercule Poirot einmal bei seinen Ermittlungen begleitet hat, wird über dessen kleinere allzu menschlichen Schwächen hinwegsehen, denn er fesselt seine Begleiter mit seinem scharfen Blick für die Details, dem genauen Gehör für die Lücken in Aussagen und einer schier unglaublichen Kombinationsgabe,  aus allen Fakten die wichtigen und damit die richtige Lösung herauszufinden.

Bei aller unerbittlichen Suche nach der Wahrheit bewahrte sich der Belgier dabei jedoch immer eine tiefe Menschlichkeit und ein untrüglichem Gefühl für Gerechtigkeit.

Weltruhm für Hercule Poirot
Hercule Poirot sorgte nicht nur für seinen eigenen Weltruhm. Er bescherte Agatha Christie den Beginn einer Weltkarriere – und das in mehreren Schritten.  Ihr Erstling „Das fehlende Glied in der Kette“, in dem zugleich Hercule Poirot seinen ersten Auftritt hatte, machte sie bekannt, „Alibi“ von  1926 sicherten ihr die Gunst der weltweiten Kritik, spätestens „Mord im Orientexpress“ von 1934 und „Tod auf dem Nil“ von 1937 verhalfen dem literarischen Duo zu unsterblichen Weltruhm – auch weil sich Hollywood diesen beiden Stoffen jeweils in absoluter Starbesetzung annahm.

Wenig Talent für Bescheidenheit
Es wäre interessant gewesen, zu beobachten wie Hercule Poirot mit seinem Hang zur Eitelkeit mit dem medialen Rummel um seine Person umgegangen wäre. Vermutlich, so bleibt zu hoffen, hätte ihn das nicht wesentlich verändert.  Vielleicht hätte er mit leicht glänzenden Augen in einer nur mäßig dezenten Bewegung über seinen Schnurrbart gestrichen, die Umwelt mit einer geistreichen Bemerkung in gewohnter Unbescheidenheit über seine Brillanz informiert – und sich dann noch wieder kopfüber in die nächste Ermittlung gestürzt, um Wahrheit und Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

Kategorien
Klassiker

Eine erfreuliche Lektüre: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“

Hercule Poirot hat einen scharfen Verstand. Er hört, was andere verpassen, er sieht, was andere nicht erkennen, und er stellt die richtigen Zusammenhänge her.  Kein Wunder, dass einem kleinen Körper ein großes Ego gegenübersteht. Die Aufklärungsrate – wie man das heute nennen würde – gibt dem Belgier, der ein polyglotter Handlungsreisender in Sachen Wahrheit war, immer wieder recht.

Mord im Kurswagen Istanbul-Calais

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weltliteratur führt Hercule Poirot in einen Zug, den Orientexpress. Auf der Reise von Istanbul nach Wien bleibt der Zug im Balkan in einer Schneewehe stecken. Am nächsten Morgen wird eine Leiche gefunden. Die Umstände ergeben, dass nur einer der Reisenden aus Kurswagen Istanbul-Calais zum Täterkreis gehören kann.  In dieser Variante des geschlossenen-Raum-Thrillers folgt eine extrem spannende,  bis zum Schluss fesselnde Suche nach dem Täter. Die überraschende Auflösung eines länger zurückliegenden Entführungsdramas mit tödlichem Ausgang soll hier, auch wenn die Geschichte mittlerweile siebzig Jahre alt ist und weithin bekannt sein dürfte, nicht verraten werden.

Grundlage für einen Hollywood-Klassiker

Agatha Christie, Grande Dame des Krimis, erdachte den Plot in den dreißiger Jahren, als der Zug noch das wichtigste Reisemittel war und sich halb Europa in Bewegung befand. In Deutschland erschien die Kriminalgeschichte um den wunderlichen und wunderbaren Detektiv zunächst unter dem Titel „Der rote Kimono“. Spätestens seit der oscarprämierten Hollywood-Verfilmung mit Albert Finney, Ingrid Bergmann, Sean Connery, Lauren Bacall, Robert Redford und weiteren hochkarätigen Stars aus dem Jahr 1974 nennt auch in Deutschland den Krimi jeder bei seinem richtigen Namen: „Mord im Orientexpress“.

Spannender Einblick ein eine andere Zeit

Die Idee zur Rahmenhandlung kam Agatha Christie, als sie selber einmal während einer Reise mit dem Orientexpress stecken blieb.  Mit ihrem vierzehnten Werk gelang der Britin einer der wichtigsten Krimis der Geschichte. Auch wenn der Roman mittlerweile über siebzig Jahre auf dem Buckel hat, ist er unvermindert zu empfehlen. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Er gewährt zunächst Einblick in eine andere Welt, als noch Zofen, Gouvernanten und Butler die Welt bevölkerten und eine Reise in ein anderes Land für sich noch ein mehrtägiges Abenteuer darstellte. Zudem ist die Sprache, die zwar gelegentlich antiquiert anmutet – so bezeichnet eine Figur ein Buch, das sie liest, als „überaus erfreulich“ –  insgesamt von einer erfrischenden Klarheit.  Christie hat das Talent mit einer Mischung aus scheinbar völlig belanglosen Details und schnell skizzierten großen Linien ein atmosphärisch dichtes Bild zu zeichnen: Das gilt für den Tatort wie für das gesellschaftliche Umfeld gleichermaßen.

Schließlich ist der „Mord im Orientexpress“, verteufelt spannend. Die Lektüre lohnt sogar für diejenigen, die ihn in ihrer Jugend gelesen und die Verfilmung gesehen haben. Der Roman ist derart kunstvoll gewoben, dass er auch bei der „Wiedervorlage“, um es mit den Worten Agatha Christies zu sagen, „überaus erfreulich“ ist.

 

Tatort:Orientexpress

Der „Mord im Orientexpress“ ist, wie der Name schon andeutet, ein Kammerspiel. Der Reiz liegt zum Gutteil darin begründet, dass die Personen und die Handlung in einem eng umrissenen Raum gefangen sind. Den derart definierten Tatort erweckt Agatha Christie perfekt zum Leben. Der Leser fühlt den Glanz der ersten Klasse des Kurswagens Istanbul-Calais genau so, wie die Enge, die Zugabteilen damals wie heute trotz des privilegierten Status ihrer Reisenden zu eigen ist. Das Holz der Wände, das Leinen der Betten, die abgestoßenen Koffer der Reisenden scheinen, obwohl Agatha Christie für derlei Beschreibungen angenehm wenige Worte aufwendet, mit allen Sinne förmlich spürbar. So ersteht trotz des engen Korsetts der Handlung, des eingeschränkten Bewegungsspielraums der Personen eine ganze Ära mit all ihrem lang verblassten Glanz, ihrem ganz eigenen Charme wieder zum Leben. Auch das ein Grund einmal ein Buch hervorzunehmen, das seit Jahrzehnten beinahe vergessen in den Bücherregalen ruht. Zwischen den Buchdeckeln ist nämlich bis heute kein einziges Staubkorn zu finden.

Agatha Christie, Mord im Orientexpress, Fischer, 7,95€

VÖ: 1. Januar 1934

Einen Text von mir dazu gibt es auch auf dem WLG