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Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012

 

 

 

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Parker Bilal gewährt einen faszinierenden Einblick in die Hölle von Kairo

Der Mann erwartet nicht mehr viel. Vom Leben mit tiefen Spuren gezeichnet, zieht er, einem alternden Wolf in der Tundra gleich, einsam seine Kreise durch die Straßenschluchten. Obgleich er ahnt, das es keine Hoffnung gibt, versucht er in einer verdorbenen Welt lebend das Richtige zu tun. Dieses Konzept des gebrochenen Ermittlers gehört zu den klassischen Mustern des Kriminalromans. Dashiell Hammett hat es benutzt, und in jüngerer Zeit ließen Henning Mankell, Philipp Kerr oder Tom Rob Smith ihre Ritter von der traurigen Gestalt ihre einsamen Kämpfe für die richtige Sache ausfechten.

Ein einsamer Wolf in Kairo

Eine all zu bekannte, abgenutzte Konstruktion könnte man meinen, die Parker Bilal in seinem Kriminalroman „Die dunklen Straßen von Kairo“ einsetzt. Dennoch funktioniert sie ganz ausgezeichnet, weil der Autor das Prinzip gekonnt abwandelt. Makana lebt in Kairo am Ufer des Nil. Dort lässt er sich durch das Leben treiben. Die Verbindung zu einer bürgerlichen Existenz ist so brüchig wie die Trossen, die den Haufen Sperrholz, den er Hausboot nennt, am Ufer halten. Wie sein Boot steckt er fest, würde – so vermutet man – wenn die letzte Verbindung risse, in den Stromschnellen des Lebens untergehen. Makana war einst Polizist im Sudan. Auf der Flucht vor fanatischen Islamisten, die die Kontrolle über seine Heimat übernahmen, verlor er Frau und Tochter. Er selbst überlebte knapp.

Verzwickte Suche nach einem Fußballstar

Eines Tages heuert ein Multimillionär, dem neben zahlreichen Unternehmen auch ein Fußball-Club gehört, den ehemaligen Polizisten an. Makana soll einen Spieler finden, der seit Tagen verschwunden ist. Der Ermittler begibt sich auf die Straßen von Kairo und muss tief in den  Unterleib des ägyptischen Molochs eintauchen. Schnell wird klar, das Schmutz und Staub auf den Straßen das geringste Problem sind. Makana fördert bei seiner Suche jede Menge Dreck zutage, dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit und so manche Leiche.

Blick auf das Ägypten Mubaraks

Der sudanesisch-britische Autor Jamal Mahjoub hat „Die dunklen Straßen von Kairo“ unter dem Pseudonym Parker Bilal geschrieben und in die neunziger Jahre zurückverlegt. Eine gewisse künstlerische Distanz erscheint angesichts der explosiven Lage in den nordafrikanischen Ländern klug. Der „historische“ Rückgriff erlaubt aber auch einen präzisen Blick auf das Ägypten Mubaraks, das mit harter Hand und der Hilfe des Geheimdienstes brutal regiert wird. Es zeigt ein zerrissenes Land, das zwischen Aufstieg und Untergang schwankt und von fundamentalistisch-gewalttätigen „Heiligen Kriegen“ bedroht wird.  Deshalb kommt es trotz der jüngsten Umbrüche keineswegs zu spät. Vielmehr trägt der Rückblick zum Verständnis der Lage am Nil bei.

Eine faszinierende Stadt, ein starker Ermittler

Parker Bilal ist ein faszinierender Kriminalroman gelungen. Von der ersten Seite an kann der Leser in eine laute, verstörende, schreckliche und doch großartige Metropole eintreten und kommt auf dem Weg durch das Buch kaum aus dem Staunen heraus. Bilal beschreibt mit hinreißendem Blick auf die Details eine Metropole, die so gar nicht geheimnisvoll orientalisch, sondern im Kampf zwischen Tradition und Moderne gefangen ist und allmählich allem scheinbaren Wachstum zum Trotz von Innen zerstört zu werden droht.

Zu den Stärken von „Die dunklen Straßen von Kairo“ gehört zweifelsohne auch der kettenrauchende Ermittler. Man fühlt mit dem traurigen Detektiv, der versucht, Anstand zu bewahren und sich an seinen Versuchen, das Richtige zu tun, immer mehr aufreibt. Makana ist, wie eingangs erwähnt, als literarische Figur vielleicht nicht originell erdacht, aber in jedem Fall sehr gut – man ist geneigt zu sagen, perfekt – neu inszeniert.

Durch den Schauplatz Kairo, den Ermittler und die politische Komponente wird „Die dunklen Straßen von Kairo zum außerordentlich unterhaltsamen Leseerlebnis, auch wenn sich Bilal am Ende angesichts der Vielfalt seiner Ideen ein wenig im eigenen Plot verläuft und erzählerische Gradlinigkeit vermissen lässt. Dennoch bleibt nur ein Fazit: Lesen!

 

Tatort:Kairo

Das Kairo Bilals ist eigentlich bereits mit dem Wohnort des Ermittlers perfekt beschrieben. Ein grob zusammengezimmertes, permanent kurz vor dem Sinken stehendes Hausboot liegt am Nilufer, direkt neben einer Schnellstraße, die genau wie der gewaltige Strom von einer monströsen Hochbrücke überspannt wird. Makanas Blick fällt auf Beton und einen nicht abreißenden Strom aus Blech. Er sieht aber auch ein winziges Stück Garten zwischen Flussufer und Straßenrand, auf dem seine Vermieterin Gemüse anbaut und die entfernte Silhouette der Stadt.

Parker Bilal gewährt einen tiefen Einblick in die Metropole Kairo, der dem reisenden Touristen vermutlich verwehrt bleibt. Bilal treibt seinen Ermittler zwar auch durch die verwinkelten Gassen der Altstadt und über Basare, schickt ihn aber auch in Neubauviertel, in denen erst halbfertige Betonskelette bereits wieder zu modern beginnen. Die wenigen Häuser der Reichen erscheinen in Bilals Kairo wie Trutzburgen, festungsartig ausgebaute Prunkbauten, die an Schutzbunker in Endzeitthrillern aus Hollywood erinnern.

Wegen dieser Beschreibungen der ägyptischen Hauptstadt, von Karolina Fell treffend aus dem Englischen übersetzt, hat der Roman Parker Bilals die Qualität eines Bildungsromans – und das ist für das Genre des Kriminalromans, wenn er sich so spannend liest, wie „Die dunklen Straßen von Kairo“ eindeutig ein Ritterschlag

Parker Bilal, Die dunklen Straßen von Kairo, Rowohlt, 444 Seiten, 9,99€

VÖ: Januar 2012

Einen Text von mir über das Buch gibt es auch in der Literarischen Welt