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Solide inszenierte Spannung in Ilja Albrechts „Sibirischer Wind“

Kriminalromane mit massiven Glaubwürdigkeitsdefiziten haben meistens ein Problem – zumindest bei mir. So gesehen hat „Sibirischer Wind“ von Ilja Albrecht vom Start weg grundsätzlich einen schweren Stand. Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mischen – so will es der Autor – noch KGB-Spione und andere russische Finsterlinge das Geschehen in Berlin im Allgemeinen und den gesamten Handel mit dem ehemaligen Ostblock auf. Das alles natürlich mit Wissen und Billigung der unterschiedlichsten Regierungsstellen.

Ein Häuflein Aufrechter im Kampf gegen das Böse

Natürlich gibt es bei der Polizei kleines Häufchen Aufrechter, das dagegen vorgeht. Kommissare rund um den Profiler und Aikido-Superkämpfer Kiran Mendelsohn  lassen sich nach dem Mord an einem Wirtschaftskapitän auch von Profi-Killern (die, wenn man mitrechnet, sich langsam dem Rentner-Alter annähern müssten) nicht von der Suche nach der Wahrheit abhalten.

Ein gelungenes Debüt von Ilja Albrecht

Das klingt jetzt sehr negativ? Ist aber gar nicht so gemeint. Es ist nur wichtig, die Grundlagen zu kennen, wenn man sich auf einen Krimi einlässt. Trotz einiger Merkwürdigkeiten ist das Debüt von Ilja Albrecht überraschend gut. Wer sich auf das unwirkliche Szenario, das er zu Beginn aufbaut, einlässt, die Kommissare, die einerseits vollkommen unglaubwürdig und dennoch irgendwie liebenswert sind, wird mit einem sehr soliden, wendungsreichen und zum Finale immer spannender werdenden Kriminalroman belohnt.

„Sibirischer Wind“ folgt dem Muster amerikanischer Thriller-Autoren

Letztlich folgt Albrecht ja nur dem Muster amerikanischer Erfolgsautoren, die für ihre Thriller ja auch die abenteuerlichsten Plots zusammendichten, damit aber ungemein erfolgreich sind, weil sie alle Zutaten zusammenbringen, die eine fesselnde Freizeitlektüre ausmachen: Interessante Ermittler mit Ecken und Kanten, aber auch einem klaren Werte-Koordinaten, einen oder mehrere finstere Schurken mit Tiefgang, eine unglaubliche Skandalgeschichte und den ewigwährenden Kampf das David-artigen „Guten“ gegen das Goliatheske „Böse“. Und natürlich gehört zu so einem Krimi eine ordentliche Verschwörungstheorie von Weltenbrandartigem Ausmaß dazu – und damit packen Autoren mich immer wieder. Und ja, ich weiß, dass das meinem Eingangssatz zur Glaubwürdigkeit im Kriminalroman widerspricht. So ist das halt im Leben: Es gibt viele Wege zum Lesevergnügen, manche führen über intellektuell verschlungene Pfade, manche über außergewöhnlich schöne Sprache, andere über versponnene Ideen und wieder andere über solide inszenierte Spannung.

Brutaler Mord an einem Wirtschaftslenker am Wannsee

Um kurz einmal auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Am Berliner Wannsee wird eines schönen Tages die Leiche eines 72-Jährigen Industriemagnaten gefunden, nach dem dieser brutal hingerichtet wurde. Die BKA-Polizisten Bolko Blohm und bereits erwähnter Kiran Mendelsohn leiten eine kleine Gruppe von Polizisten, die bei ihren Ermittlungen mitten in die Machenschaften diverser russischer krimineller Organisationen geführt werden: Dass dem Team von den verschiedensten Seiten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, macht die Mörderseite nicht gerade einfacher.

Gelegentlich merkwürdig, aber ungemein unterhaltsam

Wer sich also von einem zu Beginn latent anachronistischen Plot (ganz aktuell ist man ja mal wieder geneigt, „dem Russen“ alles Mögliche an Machenschaften zuzutrauen) nicht abschrecken lässt, wird einen Krimi lesen, der von Seite zu Seite an Fahrt aufnimmt und zum Schluss als zwar etwas merkwürdig aber ungemein unterhaltsam in Erinnerung bleibt.

 

Tatort:Berlin

Berlin, mal wieder. Die Hauptstadt ist ein beliebter Krimi-Tatort. Und beinahe zwingend, wenn es um die ganz große Politik geht. Das Berlin von Ilja Albrecht ist jedoch ein ganz und gar artifizielles, so wie es immer wieder entsteht, wenn Berlin-Theoretiker sich die Hauptstadt für ihre Bücher aussuchen. Wirklich viel Ortskenntnis oder glaubhaftes Lokalkolorit bringt der in Frankfurt geborene Autor, der auf Malta lebt, auf seinen Seiten nicht unter. Das macht natürlich überhaupt nichts: Die Stadt ist groß genug, um jede Autorenfantasie in an irgendeiner Stelle der Stadt wahr erscheinen lassen zu können. Mangelnde Genauigkeit nervt dann allerhöchstens Eingeborene und Langzeit-Berliner.

Ilja Albrecht: Sibirischer Wind, Blanvalet, 318S., 8,99€, VÖ: 17. Juni 2014

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Ermittler

Bernie Gunther, verbissener Cop und gefallener Held in einer dunklen Zeit

Am 29. August erscheint „Wolfshunger“, der neunte Band der Berlin-Noir-Serie des Briten Philip Kerr. Ein guter Anlass, den „Helden“ der Serie, den Berliner Kommissar Bernhard „Bernie“ Gunther vorzustellen, schließlich ist er einer der ganz großen seiner Zunft.

Schnaps, Bier und deftige Berliner Hausmannskost. Das sind die Grundnahrungsmittel von Bernie Gunther, dem Berliner Kommissar und Detektiv. Beinahe ist man geneigt, sich über diese Stereotypen, die der Schotte Philip Kerr über seinen Romanhelden ergießt zu empören. Dann aber scheint die kulinarische Einfalt aber doch treffend. Bernie Gunther ist eine Figur des frühen 20. Jahrhunderts, als Pizza und Döner und Thai-Curry noch nicht im Herzen Mittteleuropas angekommen waren.

Bernie Gunther, ein Besessener in Sachen Wahrheit

Natürlich vereinfacht Philip Kerr, natürlich blitzt zwischen den Zeilen gelegentlich sanfter Spott über die aus britischer Sicht eher grobschlächtigen Deutschen. Aber insgesamt hat der Schotte den deutschen Polizisten doch recht gut getroffen. Gunther ist pflichtbewusst, hartnäckig, diszipliniert, meist gehorsam und sehr stur. Letztere Eigenschaft steht allerdings gelegentlich seinem Gehorsam im Wege. Wie viele gute Ermittler aus der Kriminalliteratur ist Gunther ein Besessener, wenn es darum geht, die Wahrheit aufzudecken. Das ist eine noch wichtigere Triebfeder, als den Verbrecher zu überführen. Tatsächlich ist Gunther erst zufrieden, wenn er weiß, wer ein Verbrechen begangen hat. Wie viele Deutsche ist er aber auch ein Durchwurschtler, im Versuch zu überleben, arrangiert er sich mit den jeweiligen Machthabern, die über richtig oder falsch entscheiden.

Eine Krimi-Reihe als Spiegel deutscher Geschichte

Im Fall von Bernie Gunther ist diese Flexibilität, diese moralische Geschmeidigkeit im wahrsten Sinne lebensnotwendig. Gunther wird zur Zeit der Weimarer Republik Kriminalkommissar bei der Berliner Polizei. Als Privatdetektiv, Gestapo-Offizier und Polizist schlägt er sich durch die gesamte NS-Zeit. Insgesamt ist er als Polizist vor allem eher ein aufmerksamer Beobachter, hartnäckiger Verfolger als ein brillanter Kopf. Insbesondere zeichnet ihn das aus dramaturgischen Gründen notwendige Talent sich erstens immer in die falschen Frauen zu vergucken und mindestens genau so oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wobei viel zu oft, das erste (das mit den Frauen), letzteres (falsche Zeit, falscher Ort) nach sich zieht.

Literarischer Flirt mit den Köpfen der NS-Verbrechen

Die Biographie Gunthers, wenn man die Kriminalromane von Philip Kerr so nennen will, umfasst mittlerweile acht Bände, einen neunten gibt es auf Englisch und erscheint im Sommer 2014 auf Deutsch. Die ersten drei Bände spielen in den Vorkriegsjahren des „tausendjährigen Reiches“ und sind als „Berlin Noir“-Serie bekannt geworden. Einige Jahre später hat Kerr eine weitere Trilogie nachgelegt, die in der Nachkriegszeit angesiedelt ist. Mittlerweile beschreibt Kerr Gunthers Leben mitten im Krieg. Die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern scheinen soweit her, dass sich der Schotte immer hemmungsloser traut, reale Nazi-Größen auftreten zu lassen, im neunten Band muss sich Gunther unter anderen mit Feldmarschall Günther von Kluge, Admiral Canaris und Joseph Goebbels auseinandersetzen. Das Spiel mit den Nazi-Größen ist vermutlich auch wirtschaftliches Kalkül, weil es allenthalben eine große Faszination für die Monster deutscher Geschichte gibt. Kerr leistet sich da immer einer Gratwanderung, weil er diesen Verbrechern an der Menschlichkeit, auch wenn er die Verbrechen deutlich nennt, eine beinahe menschliche Kontur gibt.

Viele Stereotype und dennoch ein vielschichtiger Charakter

Dem mühselig-komplizierten Leben Gunthers zu folgen, hat auch nach acht Bänden kein bisschen an Reiz verloren, weil Kerr eine enorm vielschichtige, und zutiefst menschlich-sympathische Figur geschaffen hat. Natürlich folgt er dem Prinzip des „Einsamen Wolfes“, der in einer verdorbenen Welt (natürlich vergeblich) versucht, „das richtige Leben im Falschen“ zu führen.

Bernhard Gunther bleibt allen Untaten zum trotz sympathisch

Gunther funktioniert auch deshalb so gut, weil Kerr ihn nicht glorifiziert. Natürlich leistet sich der deutsche Polizist kleineren Ungehorsam gegen das System, versucht anständig zu bleiben, aber Kerr gesteht ihm das natürlich nicht dauerhaft zu. Immer wieder muss Gunther sich die Hände schmutzig machen, nicht nur im Widerstand gegen das System, sondern immer wieder auch in dessen Namen und für dessen Repräsentanten. Immerhin hasst sich Gunther nach seinen Kriegseinsätzen und spielt mit dem Gedanken an Selbstmord. Die Pflichterfüllung, da ist er vermutlich in den Augen seines literarischen Schöpfers wieder ganz Deutscher, hält ihn davon ab.
Wer sich für historische Krimis interessiert und Krimistoffe mit Seriencharakter mag, dürfte sich mit Bernie Gunther sehr wohl fühlen. Gerade weil er so oft fehl geht.
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Kathrin Langes „40 Stunden“: Ein Krimi für den Urlaubsleser

Der Ermittler ist Moslem, von der Familie unverstanden, selbstverständlich von seiner Frau verlassen und natürlich wegen eins schrecklichen Ereignisses traumatisiert (und suspendiert). Es gibt einen umstrittenen ökumenischen Gottesdienst, dazu passend religiöse Fanatiker, eine Querverbindung nach Afghanistan inklusive einer wegen Ehebruch gesteinigten Frau, einen katholischen Priester, der es mit dem Zölibat nicht so ganz genau nimmt, missliebige Vorgesetzte, einen bösartig-genialen Attentäter und natürlich eine gnadenlose Bombendrohung.

Alle Bausteine aus dem Krimi-Bastelset

Wenn man streng ist, muss man sagen, dass Kathrin Lange im Workshop kreatives Schreiben genau aufgepasst hat und alle Bausteine, die einen ordentlichen Krimi ausmachen, in ihrem Thriller-Debüt „40 Stunden“ untergebracht hat. Das ist für den regelmäßigen Krimi-Leser auf Dauer ein wenig anstrengend, weil sich irgendwann der Gedanke „och nö, nicht da jetzt auch noch“ aus dem vollgestopften Krimi-Gedächtnis-Zentrum ins Bewusstsein drängt.

40 Stunden ist ein ordentlicher Urlaubskrimi

Tatsächlich kann man „40 Stunden“ auch anders sehen. Wenn man diese fiesen kleinen Gedanken zurückdrängt, hat Kathrin Lange einen recht soliden, über weite Strecken spannenden Krimi geschrieben, keinen Klassiker, aber einen von der Sorte, der einem im Urlaub am Pool, in der Hängematte oder auch Im Flugzeug gute Dienste leistet, weil Kathrin Lange im Workshop für kreatives Schreiben eben so gut aufgepasst hat: Das Tempo ist hoch, die Handlung hinreichend komplex, die Figuren sympathisch (bzw angemessen finster). Perfekt für die Urlaubssituation, bei der man ja meist Wert auf reduzierte intellektuelle Transferleistungen legt.

Kathrin Lange versucht zu sehr, alles richtig zu machen

Den Krimi-lesenden Blogger stört bei „40 Stunden“ vielleicht auch nur, dass die Autorin zu sehr versucht hat, alles richtig zu machen: So drängt mit einer gewissen Penetranz immer wieder das Vorhaben, einen richtig spannenden Krimi zu schreiben, in den Vordergrund, das wirkt wie bei einem Musiker, der eine eigentlich sehr schöne Melodie mit Drum-Computer und Hammond-Orgel aufzupeppen versucht und dann zu oft Klangbrei produziert.

Hatz unter Zeitdruck durch Berlin

Darum geht’s: Der Papst kommt nach Berlin, um einen ökumenisches Abendmahl abzuhalten. Das ist umstritten. Das nutzt ein Unbekannter um Faris Iskander, Ermittler mit ägyptischen Wurzeln, auf eine gnadenlose Hetzjagd durch Berlin zu treiben. Immer wieder sprengt der Täter Bomben und tötet Menschen. Es wird schnell klar, dass es auch um Iskander persönlich geht. Viel Zeit hat Iskander, der von seinen Vorgesetzten nicht eben unterstützt wird, nicht zur Verfügung. „40 Stunden“, um genau zu sein.

Tatort:Berlin

Berlin übt auf Touristen einen großen Reiz aus. Das merkt der in Berlin lebende Mensch, wenn er Pech hat, jeden Tag auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Berlin reizt aber auch Krimi-Autoren. Natürlich bietet die Hauptstadt Autoren viele Möglichkeiten, ihre „kriminelle Energie“ auszuleben. In „40 Stunden“ wird ein solide recherchiertes Bild der einzelnen Schauplätze gezeichnet, aber eben auch nur genau das. Insgesamt bleibt das Berlin von Kathrin Lange eher eindimensional, es ist das Berlin derjenigen, die hier mal zu Besuch sind. Das ist kein Mangel, kein Makel, aber ein Hinweis für diejenigen, die wissen wollen, wie die Tatorte im Krimi stattfinden – und darum geht es sich beim „Tatort:Krimi“ am Ende der Texte ja beinahe immer auch.

Kathrin Lange: 40 Stunden, Blanvalet, 414 S., 9,99€ VÖ Februar 2014

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Harald Gilbers gelingt mit „Germania“ ein besonders fesselndes Krimi-Debüt

Ein besonders gutes – und deshalb vermutlich besonders häufig – verwandtes Thema in der Kriminalliteratur, stellt einsamen Aufrechten in einer gnadenlos verdorbenen Welt ins Zentrum der Handlung. Raymond Chandler hat vermutlich mit Philip Marlowe den bislang bekanntesten Detektiv geschaffen, der solch ein richtiges Leben im falschen führt. Eine interessante Version des Themas gelingt, wenn der Plot in totalitäre Systeme verlegt wird. Tom Rob Smith und Sam Eastland lassen ihre Protagonisten durch den Stalinismus stolpern, die Briten Robert Harris und Philip Kerr haben brillante Krimis in die NS-Zeit verlegt.

 Ermittlungen im Bombenhagel

Genau dort hat jetzt auch ein Deutscher einen Krimi-Stoff angesiedelt. „Germania“ spielt in den letzten Tagen des dritten Reichs, als Berlin unter den permanenten Angriffen alliierter Bomber erzittert. Ein Serienmörder lauert jungen Frauen auf, verstümmelt und ermordet sie gnadenlos. Die Behörden entsinnen sich des Juden Richard Oppenheimer, einst Kriminalpolizist, der eigentlich schon lange Berufsverbot hat: Da er mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, wurde er bislang weder deportiert noch umgebracht. Weil die Ermittler der SS einen Nazi als Täter vermuten, scheint der kaltgestellte aber immerhin unbefangene Oppenheimer die richtige Wahl. Der Ex-Polizist, der im Geiste noch immer aufrechter und pflichtbewusster preußischer Beamter ist, macht sich auf die Suche, obwohl er genau weiß, dass seine „Gnadenfrist“ endgültig abgelaufen sein könnte, wenn er den Täter findet und stellt.

Harald Gilbers hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben

Harald Gilbers hat sich den wackeren Polizisten für „Germania“ erdacht – und das hat er im Großen und Ganzen richtig gut gemacht. Der Journalist und Theater-Regisseur  Gilbers hat eine enorm spannende Geschichte erfunden und erzählt sie – das ist für einen Kriminalroman immer das höchste Lob – fesselnd. Die besten Bücher sind doch immer noch die, die man nicht weglegen mag. „Germania“ gehört dazu.

Ein Schönheitsfehler bei „Germania“

Einen Schönheitsfehler hat der Kriminalroman: Titel und Vorspann sind eine außerordentliche Mogelpackung. „Germania“ suggeriert, dass es um die wahnwitzige Megapolis Hitlers gehen könne. Tatsächlich treten der wahnsinnige Diktator, sein Bauherr Albert Speer und ein Modell der Stadt auf den ersten drei Seiten auf – und dann  nicht wieder. Es könnt ein Kunstgriff sein, den Gegensatz der größenwahnsinnigen Planung und der bombennarbigen Totenstadt des Kriegsendes herauszustellen. Nötig wäre ein solcher Kniff nicht. Und so bleibt der Verdacht, dass sich Autor und Verlag auf einen verkaufsfördernden Marketing-Trick geeinigt haben. Das aber stört den insgesamt großartigen Eindruck, den Gilbers Debüt hinterlässt.

 

Tatort:Berlin

Es gibt für den deutschen Leser wohl kaum einen „Tatort“ den er so gut kennt wie Berlin. Das historische Berlin löst dabei beim Leser häufig eine besondere Faszination aus. „Mauer und „das 3. Reich“ sind die am häufigsten nachgefragten Themen bei Touristen aus In- und Ausland. Insofern hat es Harald Gilbers natürlich leicht, die Stadt als Kulisse für seinen Krimi in Szene zu setzen. Das gelingt ihm, obwohl er sich nicht wirklich Mühe gibt. Das historische Berlin blitzt immer wieder durch, aber man hat das Gefühl, dass der Münchner Gilbers allein in einigen Bildbänden recherchiert hat. Die Wege, die er seinen Ermittler Richard Oppenheimer zurücklegen lässt – und das auch noch größtenteils zu Fuß – sind jedenfalls nicht  besonders plausibel. Da man die Stadt in aller dichterischen Freiheit dennoch gut wieder erkennt, macht auch das oberflächliche Berlin-Bild Spaß.

Harald Gilbers, Germania Knaur, 535S., 9,99€, VÖ: November 2013

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„Die Totentänzerin“: Max Bentows Kommissar ist mittlerweile ein alter Bekannter

Irgendjemand in Berlin hat etwas gegen Liebespaare, insbesondere dann, wenn der Mann deutlich älter ist als die Frau. Jedenfalls wird Kriminalkommissar Nils Trojan von Tatort zu Tatort getrieben. Immer wieder findet er dort ermordete Paare, sorgfältig wie zum Liebesspiel drapiert. Nur, dass den Männern der Schädel eingeschlagen wurden und die Frauen einen langsamen, qualvollen Tod starben.

Max Bentow zieht in „die Totentänzerin“ eine blutige Spur durch Berlin

„Die Totentänzerin“ heißt der dritte Fall von Max Bentow. Wie bei „der Federmann“ und „die „Puppenmacherin“ geht es wieder hoch her in Berlin. Eine dicke Blutspur zieht sich durch die Stadt. Dieses Mal scheint sie sogar im Kommissariat von Nils Trojan zu enden. Die Frau seines Chefs jedenfalls, verhält sich außerordentlich merkwürdig, hat wiederholt Erinnerungslücken und lässt sich spielend mit den Tatorten in Verbindung bringen. Aber ist sie auch eine Mörderin? Trojan und sein Team ermitteln – und geraten bald selber in Gefahr.

Spannend geschrieben, unterhaltsam trotz insgesamt blassen Personals

Mit dem dritten Band präsentiert Max Bentow mittlerweile beinahe einen alten Bekannten. Die Thriller des unter Pseudonym schreibenden Schauspielers bleiben dabei zwiespältig. Die Handlung wird mit höchster Geschwindigkeit vorangetrieben, das sorgt für Spannung und hält den Leser bei der Stange. Dabei hilft auch Bentows klare, einfache, dabei aber nicht simple Sprache.  Mir persönlich fehlt aber bei der Begründung für den Plot, bei der Psychologie, wenn man so will, der Tiefgang. Der gehört aber bei einem Krimi, der sich Psychothriller nennt, dazu. Auch bleiben die Figuren, die „die Totentänzerin“ bevölkern weiter blass. Bentow variiert die Konturen, die er seinen Darstellern bei seinem Debüt „der Federmann“ verlieh, nur minimal, er setzt nur zwei (Therapeutin/Freundin und Tochter) Seitenstränge fort.

Guter Krimi-Stoff für einen Sofa-Nachmittag

Mit dem handelnden Personal bleibt aber auch „die Totentänzerin“ insgesamt leicht oberflächlich. Als leichte Sonntagnachmittagslektüre für die beginnenden nasskalten Herbsttage ist der Krimi dabei dennoch gut geeignet. Gut lesbar, schnell konsumierbar, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Für einen Nachmittag auf dem Sofa ist das, ähnlich einem ordentlichen Hollywood-Actionfilm, völlig in Ordnung.

Max Bentow, Die Totentänzerin, Page&Turner, 379S., 14,99€ VÖ: 2. September 2013

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Bei Jan Fabers „Kalte Macht“ wirkt jedes Haifischbecken wie ein Streichelzoo

Politik ist ein mörderisches Geschäft Das muss auch die junge Politikerin Natascha Eusterbeck erkennen, als zur parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeskanzleramt berufen wird. Die Kanzlerin möchte, dass die Mittdreißigerin vordergründig die Effizienz der Stäbe und Abteilungen untersucht, ihr zweiter, hochvertraulicher Auftrag lautet, dass sie mit dem Blick der Außenstehenden das Kanzleramt auf versteckte Seilschaften und Netzwerke untersucht.

Verschwörung im Kanzleramt

Eusterbeck macht sich an die Arbeit und muss schnell erkennen, dass im Vergleich zur deutschen Machtzentrale jedes Haifischbecken ein Streichelzoo ist. Die Nachwuchspolitikerin wird bespitzelt, bedrängt, bedroht. Schnell wird der Frau klar, dass sie sich auf ein lebensgefährliches Spiel eingelassen hat. Schnell deckt sie aber auch eine gigantische Verschwörung auf, in die die hochrangigsten Politiker Deutschlands verstrickt sind.

Ein Mann, den der Verlag „Jan Faber“ nennt, hat „Kalte Macht“ geschrieben. Angeblich kennt selbst der Verlag den Autoren nicht, es soll sich um einen „Berater mehrerer hochrangiger Regierungsmitglieder“ handeln, vermutlich aber ist es ein politischer Korrespondent eines Nachrichtenmagazins oder einer nationalen Tageszeitung.  Die Tarnung vermutlich ein Schachzug der Marketingabteilung, die denken sich solche kreativ-originellen Ideen  ja gerne mal aus.

UnterhaltsameParallelen zur wirklichen Welt bei Jan Fabers Kalte Macht

Die Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist jedenfalls beabsichtigt und nur mit einem hauchdünnen Schleier kaschiert. Die in „Kalte Macht“ namenlose Kanzlerin ist selbstverständlich Angela Merkel, der Finanzminister sitzt zwar nicht im Rollstuhl, ist aber dauerhaft versehrt und entsprechend humorlos, der Kanzleramtsminister wiederum ist ein ausgemachter Widerling, der auch deshalb an Roland Profalla erinnert.

Präziser Blick in den Maschinenraum der bundesdeutschen Macht

Die Ähnlichkeit mit lebendenden Personen, der glaubhafte Einblick ins Kanzleramt, macht jedenfalls den Reiz von „Kalte Macht“ aus. Die Beschreibungen aus dem „Maschinenraum der Politik“, die Präzision, mit der Jan Faber (wir behalten Autorennamen mal bei) das Innenleben des Kanzleramtes seziert, fesseln den Leser so nachhaltig, als sei er der Kanzlerin, die spinnenhaft im Inneren des Amtes sitzt persönlich in ihr Netz gegangen.

Mord an Alfred Herrhausen als Grundlage des Plots für „Kalte Macht“

Jan Faber vermag es, in bester US-amerikanischer Thrillertradition, seine Handlung mit höchstem Tempo voranzutreiben, zumindest über zwei Drittel der knapp 450 Seiten liefert einen mitreißenden Plot ab, der ohne großes Vorgeplänkel beginnt und dann rasant an Fahrt aufnimmt. „Kalte Macht“ hat allerdings eine (eigentlich eher zwei) Schwäche. Faber konstruiert einen politischen Mord, an einem hochrangigen Banker, und leiht sich den Mord an Alfred Herrhausen, der 1989 bei einem Bombenattentat starb. Hier wird die Nähe zur Realität zum Problem. Jan Faber hängt zwar unter anderem einem Altkanzler die Mitwisserschaft an, kann sich dann aber doch nicht ganz dazu durchringen, die Geschichte konsequent zu Ende zu denken. Jedenfalls kommt es dann doch zu einem gewöhnlichen Show-down wie aus einem US-Spionage-Thriller der 70er Jahre.  Das funktioniert, springt aber unter der Latte durch, die Faber sich mit seiner Idee selber gelegt hat. Es scheint, als sei dem Mann am Ende leicht die Puste ausgegangen, auch einige Spuren, die er zuvor gelegt hat, versanden. Insgesamt ist „Kalte Macht“ trotz kleinerer Schönheitsfehler eine absolut lesenswerte Krimi-Entdeckung.

 

Tatort: Berlin

Die Bundeskanzlerin bewohnt einen Trakt im 7. Stock des Bundeskanzleramtes, einige „unwichtigere“ Staatssekretäre ebenfalls, allerdings im anderen Flügel. Vieles von dem, was Jan Faber schreibt, kann man vermutlich auch so recherchieren, seine Kenntnis der Detail lassen aber vermuten, dass er dort zumindest einmal eine besondere Tour erhalten hat, seine Kenntnis aus dem Bundespresseamt und die Tatsache, dass er ausgerechnet diesen Dienst besonders genau beschrieben hat, deuten auf den journalistischen Hintergrund des Mannes hin. All das, was Jan Faber beschrieben hat, hätte ich als Journalist mit Erfahrungen im politischen Betrieb in einer ähnlichen Detailgenauigkeit beschreiben können. Das soll die Arbeit von Jan Faber nicht schmälern, höchstens einen Hinweis auf den Autoren als Teil des Berliner Korrespondentennetzwerkes liefern. Ansonsten beschreibt Faber punktuell die Lebensmittelpunkte Berliner Politik. Ja, sie gehen gerne ins Borchhardt, und ja sie wohnen irgendwo in Mitte, möglicherweise direkt an den Hackeschen Höfen, und nein, es wundert nicht, dass die politische Kaste (und das meint Politiker wie Korrespondenten gleichermaßen) dann nicht so ganz genau weiß, wie es das Leben in Berlin so spielt.

Jan Faber, Kalte Macht, Page&Turner, 444S., 19,99€, VÖ: 15. Juli 201

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Seine beste Idee lässt Jörg Liemann in Blutige Spuren links liegen

Der Auftakt ist vielversprechend.  Die Portugiesin Maria Isabel Dacosta kurvt voller Sehnsucht nach portugiesisch-brasilianischer Lebensfreude sentimental aufgeladen durch die trübe Berliner Nacht. Ohne ersichtliche Eile, aber zielgerichtet nähert sie sich einem Tatort, schließlich ist sie Polizistin im Einsatz. In einer Villa am Stadtrand trifft sich zunächst auf Probleme in Gestalt eines unkooperativen BKA-Beamten und kurz darauf auf Spuren, die auf eine grausam verstümmelte Leiche deuten.

Ein durchschnittlicher Kommissar mit Nebenberuf

Leider, so muss man sagen, rückt die interessante Erscheinung Dacosta schnell in den Hintergrund. Sie ist lediglich Teil eines Ermittlerteams um Kommissar Kai Sternenberg. Der ist bedauerlicherweise der mittlerweile übliche durchschnittliche Mann in besten Jahren mit einem psychologisch „interessanten“ Nebenerwerb, unerklärten Problemen und einer deutlich jüngeren Geliebten.

Jörg Liemann hat wenig mehr als eine gute Idee

Leider,  so muss man weiterhin sagen, bleibt es in Jörg Liemanns „Blutige Spuren“ bei der einen interessanten, nicht wirklich ausgearbeiteten Idee. Natürlich gibt es einen furiosen Auftakt mit zahlreichen, mysteriösen Toten, die gelinde gesagt kuriose Biografien aufweisen.  Völlig unterschiedliche Charaktere und ein verwirrender Tatort im Grunewald stellt die Ermittler zunächst vor einige Rätsel. Irgendwann bilden sich aus Handlungssträngen Zusammenhänge, aber wirklich nachvollziehbar verläuft die Geschichte nicht

Insgesamt ist „Blutige Spuren“ ein eher durchschnittlicher Krimi mit einem wenig überzeugenden Plot und wenig durchkonstruierten Ideen. Auch wenn es vermutlich Geschmackssache ist, wirken Kriminalromane, die Dialoge in Dialekt wiederzugeben, immer leicht provinziell. Das gilt für Berlinerisch genau so wie für fränkische oder sonstige Mundarten.

 

Tatort:Berlin

Bei ihren Streifzügen durch Berlin lassen sich, da ist „Blutige Spuren“ einigermaßen glaubwürdig, die Wege der Polizisten einigermaßen nachvollziehen. Die ganze Hauptstadt wird dabei zum Spielplatz der Kriminalisten: Vom Grunewald über Reinickendorf und Spandau bis nach Schöneberg reicht das „Revier“ der Polizisten. Dennoch bleibt die Hauptstadt in den Schilderungen Jörg  Liemanns einigermaßen blass. Das aber ist bei aller Kritik legitim, schließlich darf die Kulisse im Krimi, wenn der Ort für die Handlung nicht gerade eine zentrale Rolle spielt, dezent im Hintergrund bleiben.

Jörg Liemann, Blutige Spuren, Goldmann, 8,99€, VÖ: 18. März 2013

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Dirk Kurbjuweit versetzt einen Familienvater in Angst und Schrecken

Architekten führen, so die weit verbreitete Meinung, ein meist angenehmes Leben. So scheint es auch bei Randolf Tiefenthaler. Er hat Frau und Kinder, ein gut gehendes Büro und kürzlich den größeren Teil eines Hauses in Berlin Lichterfelde, einem Vorort am äußersten Stadtrand, gekauft.

In einer Souterrain-Wohnung lebt ein weiter Mitbewohner des Hauses, der freundliche Herr Tiberius. Nach und nach zeigt sich, dass der Mann im Keller nicht ganz so nett ist, wie es zunächst schien. Auf Kuchen folgen Zudringlichkeiten, Briefe, Annäherungsversuche an Tiefenthalers Frau –  und , als diese erfolglos bleiben, Anklagen und Verleumdungen. Immer wieder streut der gestörte Mann beispielsweise, dass die Tiefenthalers ihre beide Kinder sexuell missbrauchen.

VerzweifeltesTagebuch eines Famienvaters

Das Leben der Familie wird immer weiter zerstört, auch weil Tiefenthaler erst auf die Kraft des Dialoges und dann auf den Rechtsstaat setzt.  Dass das ganze blutig endet, nimmt Dirk Kurbjuweit, der Autor von „Angst“ im Prinzip vorweg. Der Leser  erhält Einblick in eine Art retrospektives Tagebuch des Architekten, dass dieser nach dem Tod des Herrn Tiberius verfasst. Offenbar hatte Tiefenthalers Vater das Gesetz in die eigenen Hände genommen und den gefährlichen Mitbewohner zum Schutz seiner Enkelkinder erschossen.

In den Tagebuchaufzeichnung des Familienvaters erfährt der Leser aber noch viel mehr. Er liest über eine ebenfalls, wenn man so will, gestörte Persönlichkeit, die als Kind den Vater fürchtete, weil dieser ein Waffennarr war, der ohne Pistole nicht aus dem Haus ging, eine Persönlichkeit, die aber offenbar auch nicht zu einer wirklichen Ehe in der Lage ist und die Abende lieber alleine in der Anonymität verbringt.

Portrait eines Stalking-Opfers

„Angst“ ist ein zwiespältiges Buch, natürlich ist das Thema Stalking spannend und die Schilderung eine subtilen Schreckens, der eher in Erwartungen als in Taten begründet liegt, krimi-gerecht furchteinflößend. Andererseits ist, obwohl Kurbjuweit als hervorragender Autor gilt, von dem es gelegentlich heißt, dass er beim „Spiegel“ anderen Autoren die Texte schön schreibt, „Angst“ für meinen Geschmack deutlich zu kurzatmig geraten. Vermutlich hat sich der Autor in die Denkweise des rationalen Architekten hineinfühlen wollen, das Ergebnis ist jedoch ein gelegentlich oberflächlich wirkendes Tempo. Auch der Protagonist wirkt eher weinerlich und ich-bezogen als sympathisch oder wenigstens mitleiderregend. Das könnte daran liegen, dass Kurbjuweit offenbar eigene Erfahrungen, selbst Erlebtes in „Angst“ verarbeitet hat. Als Selbsterfahrungsbericht hat „Angst“ daher einige gewisse emotionale Kraft, als Krimi, als unterhaltende Spannungslektüre, fehlt dem Roman mindestens die Spannung.

Tatort:Berlin

Reinickendorf und Lichterfelde sind eigenwillige Bestandteil Berlins, die Schlafstädte am nördlichen beziehungsweise südlichen Rand der Stadt verbindet eine interessante Bevölkerungsstruktur. Viele gut situierte Familien leben hier, Bürgerliche, die Angesichts bevorstehenden Nachwuchse das Nest in Form eines Eigenheimes gebaut haben teilen sich die Stadtviertel mit einem eher kleinbürgerlichen, engstirnigen Ur-Berliner Milieu. In dies Welt entführt Dirk Kurbjuweit seine Leser gleich in doppelter Hinsicht. In zahlreichen Rückblenden schweift der Autor in die sechziger und siebziger Jahre zurück und lässt die Stimmung einer eingemauerten, wie im Belagerungszustand befindlichen Stadt auferstehen. Das dürfte den älteren Lesern vertraut sein und den jüngeren einen interessanten Blick in die jüngste Geschichte bieten.

Dirk Kurbjuweit, Angst, Rowohlt-Polaris, 252 S., 18,95€

VÖ: 18. Januar 2013



Thalia.de

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Jonas Winner vergisst bei „Der Architekt“ das Dach

Ein Gerichtssaal in Moabit. Auf der Anklagebank sitzt ein renommierter Architekt, dem die grausame Morde an seiner Frau und seinen beiden Kindern vorgeworfen wird. Durch einen Zufall gerät der junge Drehbuchautor Ben, bei dem sich Erfolglosigkeit und Charakterschwäche in etwa die Waage halten, in die Verhandlung und ist sofort gefesselt.

Es griffe zu kurz zu vermuten, dass der junge Mann einfach nur ein Geschäft wittert. Die Abscheulichkeit des Verbrechens, das Charisma eines potentiellen Unholds faszinieren den Autor, und er beschließt, ein Buch über den Prozess zu schreiben. Mit mehreren gewagten Manövern gelingt es ihm, das Vertrauen des Anwalts, der Familie und schließlich des Angeklagten zu gewinnen. Bald schon wird Ben in einen Strudel immer verstörender werdenden Ereignisse hineingezogen, bei dem nicht ganz klar ist, ob sie eine Kette von Zufällen, perverses Spiel oder raffinierter Plan sind. Jedenfalls offenbaren sich immer mehr Geheimnisse um Macht, Einfluss und dunkle Begierden.

Düsterer Plot, dünne Auflösung in Jonas Winners „Der Architekt“

Jonas Winner hat sich den düsteren Plot für seinen Thriller „Der Architekt“ ausgedacht. Das Ergebnis dieser Bemühen ist, wie man so schön sagt, zwiespältig. Winners Psychothriller besticht von Beginn an mit hohem Tempo, vielen komplexen Einfällen und einer durchweg düsteren Grundstimmung. Lange, das darf man im Genre auch erwarten, wird der Leser über Intentionen und Pläne der handelnden Figuren im Unklaren gelassen. So weit, so gut.

Natürlich, da ist Winner ganz deutscher Autor, wird das ganze intellektuell überhöht und mit einer Prise Proseminarwissen deutscher Architekturgeschichte gewürzt. Das scheint zwar, angesichts des Titels notwendig, wirkt vor allem angesichts der allzu banalen Auflösung überflüssig. Dass Winner viele gute Ideen anreißt, diese aber letztlich nicht wirklich zu Ende bringt, ist vielleicht die entscheidende Schwäche des Thrillers. Nach furiosem Auftakt gleicht er einem bis zum bersten gefüllten Luftballon, dem am Ende mit leisem Pfeifen die Luft und damit die Spannung ausgeht.

 

Tatort:Berlin

Jonas Winner hat einen der unerträglichsten und einen der unerkannt spannendsten Orte Berlins beschrieben. Das Amtsgericht Moabit mit seiner kaiserlichen Architektur verströmt bis heute wilhelminisch-preußische Strenge, die Aura verstaubter Akten und den Geruch von Bohnerwachs. Dennoch ist das Gebäude ein faszinierender Ort demokratischer Rechtsstaatlichkeit, ein beeindruckend zeitloses Fundament bundesrepublikanischer Stabilität in einer unruhigen Zeit.

Für diese fiebrig, schnelllebige und vollkommen oberflächliche Welt steht der zweite, der unerträgliche Ort, eine von Winner beschriebene Bar in der Veteranenstraße. Hier, in der Mitte des neuen Bezirks Mitte, treffen sich die jungen, schönen, sich ob ihrer puren Existenz für Bedeutsam haltenden Neu- und Jungberliner. Natürlich ist es nicht immer dieselbe Bar: Alles, was länger als einen Wimpernschlag Bestand hat, ist für diese Szene schon nicht mehr in. Insofern mäandern diese „Bars“ die Straßen rauf und runter. Erkennbar sind diese Treffs an den uniform „individuellen Haarschnitten und Outfits und am „Tiefgang“, der meist die Höhe der neuesten I-Phone-Generation nicht überschreitet.

 Jonas Winner, Der Architekt, Knaur, 380 S, 9,99€

VÖ: 1. Oktober 2012

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Max Bentow schreibt gut, aber bei sich selber ab

Der Kommissar hat massive Probleme. Er laboriert noch an einer Verletzung, die er sich beim seinem letzten spektakulären Fall zuzog, er hat Schwierigkeiten, seine Dienstwaffe abzufeuern und er wird nachhaltig von schweren Panikattacken gejagt.  Es ist, kurz gesagt, ein Rätsel, wie Nils Trojan diensttauglich geschrieben werden konnte. Da der Berliner Polizist eine Romanfigur ist, geht das aber schon mal.

Max Bentow lässt mit Bauschaum morden

Der Versuch der Reintegration ins Arbeitsleben wird jedoch durch eine neue Mordserie unterbrochen. Ein perfider Mörder erschleicht sich das Vertrauen junger Frauen, lockt sie in ihr Verderben und tötet sie, indem er sie in einen Kokon aus Bauschaum hüllt. Nils Trojan erkennt schnell Parallelen zu einem Fall aus der Vergangenheit, bei dem der Täter seine Opfer ebenfalls in einem Sarkophag aus dem klebrigen Baumaterial grausam ersticken ließ. Das Problem: Der damals Verdächtige kam bei einer Verfolgungsjagd ums Leben, kommt also für die jüngsten Taten nicht in Frage. Es beginnen mühsame Ermittlungen und der getriebene Kommissar begibt sich einmal mehr in Gefahr.

Interessantes Personal

Eigentlich hat Max Bentow mit seinem zweiten Kriminalroman nach „Der Federmann“ alles richtig gemacht. Auch „Die Puppenmacherin“ ist spannend erzählt, folgt einem krimi-tauglich komplexen Plot und nimmt hinreichend überraschende Wendungen. Auch das Personal aus Opfern, Verdächtigen und Zeugen ist interessant ausgewählt und gezeichnet.

Leider entwickeln sich die eigentlichen Hauptfiguren nicht weiter. Nils Trojan kämpft weiter gegen seine Panikattacken, um den Zugang zu seiner Tochter und die Beziehung zu seiner Therapeutin Jana Michels. Genauer gesagt scheint sich der Kommissar im Kreis zu bewegen: Nun könnte man sagen, so ist eben das Leben, aber auch in der Kriminalliteratur freut man sich doch über Fortschritt.

Kopie eines Erfolgsrezeptes

Ein wenig kommt so der Eindruck auf, als habe Max Bentow sein persönliches Erfolgsrezept für einen Krimi gefunden und einfach kopiert. Das ist geschäftstüchtig, trägt aber nicht sehr weit (zumal das Thema – ein wahnsinniger Massenmörder – ebenfalls aus dem Erstling übernommen wurde). Das Gesamtbild des zweiten Falls um den Berliner Kommissar stellt sich also zwiespältig dar. So spannend die Puppenmacherin erzählt ist – spätestens beim nächsten Band, sollte es eine weiter Fortsetzung geben, würde man dann doch eine neue Idee, einen weiteren Einfall erwarten.

 

Tatort:Berlin

Wie schon im ersten Band radelt der Kommissar wieder durch Berlin, bewegt sich dabei aber überwiegend in der südlichen Hälfte der Stadt. Interessant dabei ist, dass die unsichtbare Linie, die weniger Ost und West, als vielmehr Nord und Süd trennt, sich auch in der Kriminalliteratur wiederfindet. Der Innenstadtgürtel mit Bürotürmen und Einkaufsstraßen der sich von Ku’damm über Potsdamer Platz und Unter den Linden bis zum Alexanderplatz zieht, wirkt wie ein Deich zwischen Nord und Süd. Nur selten gelangen die Bewohner der jeweiligen Hälften auf die andere Seite.

Max Bentow, Die Puppenmacherin, Page&Turner, 382 S., 14,99€, VÖ: Juli 2012