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Rose Gerdts verleiht Bremen in Dornenkinder einen Hauch von Gotham-City

Dornenkinder, der neue Krimi von Rose Gerdts, verbindet wieder genauso gekonnt wie unaufdringlich spannende Handlung, interessante Protagonisten und gesellschaftliche Relevanz

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Rose Gerdts Morgengrauen, ein herausragender Regionalkrimi

Beim Versuch, in dessen Schrebergarten den Nachlass seines  Vaters zu ordnen, wird ein Bremer Polizist überfallen, niedergeschlagen und schwer verletzt. Das ruft seine Kollegen, das Ermittlerduo Frank Steenhoff und Navideh Petersen, auf den Plan. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, wer ihrem Kollegen aufgelauert hat. Schnell finden sie heraus, was der Leser schon weiß. Der Angriff hängt mit Morden in Amsterdam und München zusammen und führt weit in die dunkelsten Phasen der deutschen Geschichte zurück.

Ein Fall mit Wurzeln in der NS-Zeit

Rose Gerdts setzt sich in „Morgengrauen“, dem fünften Fall ihres sympathischen Ermittlerpaares mit den Untaten Bremer Polizisten währen der NS-Zeit in Litauen auseinander. Verschiedene Poizeibataillone erledigten hinter der Front die Drecksarbeit, spürten Partisanen und Flüchtlinge auf und  betätigen sich blutig als Richter und Henker. Gerdts erzählt in „Morgengrauen“ nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern auch vom Leid der Opfer – und das macht sie sehr emotional.  Bislang war die Krimis um Steenhoff und Peterson solide, deutlich über das Mittelmaß deutscher Regionalkrimis hinausgehende Reihe. „Morgengrauen“ ist schlicht gesagt vor allem wegen des seines Themas herausragend. Die Geschichte um den litauischen Anwalt, der Wiedergutmachung für das Leiden seines jüdischen Vater sucht, ist fesselnd und mitreißend erzählt. Die Bremer Kriminalgeschichte der Jetztzeit bildet einen angemessenen, hinreichend mit falschen Spuren versehenen Rahmen.

Allzu nette Ermittler

Für ganz große Krimikunst fehlt den Figuren, die sich Rose Gerdts erdacht hat, vielleicht die nötige Tiefe. Frank Steenhoff und Navideh Petersen sind wie bereits in Schattenschmerz (unter dem Link meine Meinung zum Buch) sympathisch, man glaubt ihnen ihr Bemühen, aber letztlich bleiben sie blass, auch weil sie insgesamt, so wie die meisten Figuren einfach zu nett sind. Es fehlen die mindestens ambivalenten Charaktere, die dem guten Kriminalroman eine düstere Tiefe verleihen. Dennoch unterhalten die Kriminalromane von Gerdts – und das ist ja das wichtigste.

 

Tatort:Bremen

Mittlerweile, das ist wohl das 21. Jahrhundert, beherbergt das zentrale Polizeigebäude in Bremen (unter dem Link einige Eindrücke nach meinem letzten Besuch)  einen Biergarten. Platz genug gibt es. Irgendwann im 19. Jahrhundert muss die Bürgerschaft beschlossen haben, dass die Einwohner der doch eher provinziellen Hansestadt, besonders intensive polizeiliche Fürsorge benötigen und setzen einen gigantischen Komplex in die Innenstadt. Als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins erhielt die rund 150 Meter lange Fassade allerlei neogotische Verzierungen. Türmchen und Brücken verleihen dem Gebäude heute eine beinahe burgartige Anmutung. Bis zum Marktplatz und Roland sind es vom Hauptquartier der Ermittler von Rose Gerdts nur knapp 200 Meter. Dort warten die Hauptattraktionen, Marktplatz und Roland. Beinahe gegenüber des grantigen Polizeigebäudes bewacht der schüler-einschüchternde Bau des Alten Gymnasiums dem Eingang um Schnoor, einst Hafenarbeiterviertel, heute Puppenstube der Stadt. Wer Gerdts Spuren in ihrem Roman folgt, wird feststellen, dass sie ihre Protagonisten sehr akkurat durch die Hansestadt an der Weser führt. Die Beschreibungen stimmen bis hin zur Minigolfanlage an der Autobahnbrücke für Radler und Fußgänger, die übrigens zum auf eine skurrile Weise schönsten Teil Bremens führt, dem unberührten Umland. In Bremens Osten liegen Kilometer lange Deichwege, Äcker und Überschwemmungswiesen, die auf karge Weise eine idyllische Weite zeigen und mit dem beständig pfeifenden Wind an die Nähe zum Meer und der weiten Welt erinnern.

Rose Gerdts, Morgengrauen, Rowohlt, 315 S., 9,99€

VÖ: März 2013





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Bremen, ein geeigneter Schauplatz für Kriminalromane?

Was sagt das über eine Stadt, wenn im Untersuchungsgefängnis mitten in der Innenstadt ein Biergarten zu finden ist. Nun, entweder ist diese Stadt besonders friedlich, oder besonders pleite. In Bremen trifft beides zu. So richtig kann man sich das Verbrechen hier nicht vorstellen, wenn man durch schier endlose Straßen mit „Bremer Reihenhäusern“ läuft.

Die besten Tage der Stadt sind definitiv vorbei. Vom Hanseatenstolz der Unabhängigkeit einer Bürgerschaft vom Fürstentum weht nur noch ein leises Echo durch die Stadt. Zu lange trugen die Menschen den Niedergang nach Werften- und Hafensterben auf ihren Schultern. So ist die Freie- und Hansestadt Bremen ein Ort auf der Identitätssuche. Dennoch erinnern einige Orte an die große Vergangenheit, ist vor allem an der Weser, aber auch an den Deichen am Stadtrand noch immer die Weite und die Freiheit spürbar.

Polizeigebäude und Untersuchungsgefängnis in Bremen
Polizeigebäude und Untersuchungsgefängnis in Bremen (c) Kanter

Das Untersuchungsgefängnis

Für einen ordentlichen Krimi-Tatort gehören Polizei und Strafverfolgungsbehörden einfach dazu. In Bremen liegt der Komplex überraschend zentral, zwischen Dom, Rathaus und den alten Wallanlagen. Die Bürgerschaft wollte vermutlich dem irrlichternden Volk, das mit den Schiffen aus allen Winkeln der Welt in die Stadt kam, ein unmissverständliches Signal setzen. „Mit uns ist nicht zu spaßen“ scheint das alte Polizei- und Gefängnisgebäude aus jeder Fuge zu knurren. Hoch und massiv ragt es über die umliegenden Gebäude und bildet eine langen, Straßenfront. Im Inneren befinden sich mehrere Höfe, vergitterte Fenster, schwere Türen und in luftiger Höhe massiv gesicherte Brücken. Und dann, neben der Tordurchfahrt, wirbt ein Schild für den Biergarten.

Puppenstube Bremens. Der Schnoor (c) Kanter
Puppenstube Bremens. Der Schnoor (c) Kanter

Das Schnoorviertel

Alle, die sich über den dörflichen Charakter Bremens lustig machen, waren vermutlich im Schnoor. Hier ist ein altes Quartier erhalten, dass je nach dem, wen man fragt, einst Kapitäns-, Hafenarbeiter- oder Handwerkerviertel war. Heute sind in den puppenstubenartigen, scheinbar kaum kniehohen  Häuschen in verwinkelten Gassen Cafés,Kunsthandwerker und kleine Geschäfte. Immerhin reicht die Geschichte des Viertels weit in die Vergangenheit zurück und ist schön anzuschauen. Das Ganze hat deutlich mehr Flair als die düstern-backsteinroten Fassaden der ebenfalls berühmten Böttcherstraße oder etwa die 70er-Jahre-Zweckbauten der einschlägigen Einkaufsstraßen.

Ehemaliger Speicher an der Weser (c) Kanter
Ehemaliger Speicher an der Weser (c) Kanter

Ein Hauch von Gotham

Wer von der Weser-Promenade, auch Schlachte genannt, auf die andere Fluss-Seite blickt, entdeckt dann doch noch ein Hauch von Gotham-City. Ein alter Wasserspeicher scheint zumindest hinreichend düster, um als Start- und Landeplatz für den Fledermaushelden herhalten zu können. Dass in der Stadt kein Unglück passiert, dafür sorgen in Bremen allerdings ganz andere. In unmittelbarer Nachbarschaft ist die Zentrale der DGzRS. Hinter dieser Abkürzung, die deutlich vor Zeiten medialer Selbstdarstellung entstand, verbirgt sich die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Von Bremen aus werden Rettungseinsätze auf allen deutschen Gewässern – und wenn es sein muss, auf allen Weltmeeren – koordiniert. Die DGzRS unterhält dazu eine ganze Flotte von Rettungskreuzern an der Küste. Alle durch Spenden finanziert. Deshalb also ausnahmsweise mal der Aufruf: Spenden! Und das das geht hier, bei den „Seenotrettern“.

Wer ansonsten mal Düsternis in Bremen braucht, begebe sich vor die Tore der Stadt. Hier gibt es noch immer kilometerlange Deichwege vor Überschwemmungs- und Marsch-Wiesen, von denen aus man bis zum Horizont einfach mal nichts sieht (abgesehen von trinkenden Boßel-Gruppen und agilen Rentner zu Rad vielleicht) Insbesondere an stürmischen Herbsttagen macht sich hier Einsamkeit und damit gruselige Krimistimmung breit.

Bremen-Krimis:

Rose Gerdts: Schattenschmerz

Rose Gerdts, Morgengrauen




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Selbst im beschaulichen Bremen gibt es Raum für das Verbrechen

Die Freie und Hansestadt Bremen ist im Rest der Republik eigentlich nur für zwei Dinge bekannt. Stellvertretend für das Land steckt jeder einzelne Bürger unentrinnbar bis zu den Ohren in Schulden und die Stürmer des ortsansässigen Fußballclubs treiben mit ihren permanenten Fehlschüssen selbst dem hartgesottensten Butenbremer die Tränen in den Augen. Ansonsten zeichnet sich die einstmals blühende Hafenstadt durch weitgehende Ereignislosigkeit aus. Ausgerechnet in dieses norddeutsch-spröde Idyll verlegt Rose Gerdts ihre Krimis – die gute Frau kann aber auch nicht anders, schließlich ist sie Reporterin bei der lokalen Tageszeitung.

Ermittlungen nach einem „Bombenalarm“
Geerdts hat die Kommissare Frank Steenhoff und Navideh Petersen erfunden. Die beiden werden in „Schattenschmerz“ frühmorgens in eine innerstädtische Wohnsiedlung mit angeschlossenem Park gerufen. Ein Mitarbeiter des Grünbauamtes ist beim Rangieren im Park über eine Mine gefahren. Das kostet seinem Kollegen das Leben. Da unmittelbar darauf eine weitere Mine gefunden wird, werfen die Behörden die ganz große Maschine an und beginnen, in allen möglichen Löchern nach Terroristen zu suchen. Ganz so einfach ist die Sache nicht, wie die beiden ursprünglich mit der Ermittlung betrauten Polizisten schnell herausfinden.

Aus dem Bauch einer Behörde
„Schattenschmerz“ ist ein solide konstruierter Kriminalroman. Die Geschichte ist stimmig und für einen Krimi hinreichend verwickelt aufgeschrieben. Die Figuren sind sympathisch und sprachlich bewegt sich Gerdts ebenfalls auf einem qualitativ sehr guten Niveau. Dennoch bleibt am Ende ein ambivalentes Gefühl zurück. Gelegentlich erscheint „Bombenalarm“ einfach zu gut recherchiert. Die Beschreibungen aus dem Kommissariat wirken absolut glaubwürdig, aber will der Leser wirklich wissen, wie es in deutschen Amtszimmern zugeht? Vermutlich eher nicht. Auch die Figur der Kommissarin Navideh Petersen lässt zwiespältige Gefühle zurück. Die junge und natürlich umwerfend gut aussehende iranisch-stämmige Polizistin, emanzipierte sich durch eine Heirat früh von ihrem konservativen Elternhaus und lebt seither ein selbstbestimmtes Leben als Polizistin mit wechselnden sexuellen Präferenzen. Kurz, eine Figur wie sie der Dozent im Workshop für kreatives Schreiben vermutlich lieben würde, die aber in eine Bremer Polizeirevier so gar nicht passen will. Ähnliches gilt auch für die anderen Figuren.

Durchschnitt auf hohem Niveau
Vielleicht liegt hier das Problem: Figuren und Handlung sind gut konstruiert, der Roman ist sehr solide aufgeschrieben, bleiben bei allem Realismus aber nicht immer glaubwürdig. So bleibt der Roman auf hohem Niveau doch nur durchschnittlich. Letztlich reiht sich „Schattenschmerz“ in den stetigen Produktionsfluss von Regionalkrimis ein, die seit geraumer Zeit in die Buchhandlungen drängen. In diesem Genre ragt der zweite Krimi von Rose Gerdts bei aller Nörgelei aus der Masse heraus und eignet sich beispielsweise bei einer weihnachtlichen Zugfahrt bestens als Reiselektüre.

 

Tatort:Bremen

Bremen ist eine nette kleine Großstadt. Auch wenn das Land chronisch pleite ist, entstehen an beinahe allen Rändern seit Jahren neue Siedlungen aus willkürlich hingewürfelten charismafreien Legoland-Häusern. Bremen nagt sich immer mehr in die umgebenden Wiesen, Fleete und Deiche hinein. Dieses karge Umland gehörte neben dem Hafen trotz (oder vielleicht sogar wegen) der unterschwelligen Tristesse zu den schönsten Seiten der Stadt. Beides gerät in Bremen unter die zivilisatorischen Räder. Beides kommt bei Rose Gerdts nicht vor. Alle anderen wichtigen Orte, der Marktplatz, die Böttcherstraße, die Wallanlagen, das unvermeidliche „Viertel“, das Weserufer und das von Villen überzogene Reichenviertel Oberneuland findet seinen Raum in „Bombenalarm“. Der Kriminalroman eignet sich gleichermaßen als Heimatroman und als literarische Visitenkarte für Bremen-Neulinge.

Rose Gerdts, Schattenschmerz, Rowohlt, 9,99€
VÖ: Dezember 2011