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Joakim Zanders Der Schwimmer: Politthriller und Familiendrama

Kriminalromane sind eines der wichtigsten Exportgüter Schwedens jenseits praktischer Buchregale. Da ist dann natürlich oft Durchschnitt dabei, gelegentlich aber auch außerordentlich Gelungenes. So ist das auch mit Joakims Zanders „Der Schwimmer“.

Die Geschichte um den alternden CIA-Agenten und die junge schwedische Juristin ist gleichzeitig verschachtelt komplex und spannend zielstrebig konstruiert. Das passt auch zum Thema, das hochpolitisch scheint, eigentlich aber um eine einfache Vater-Tochter-Beziehungsgeschichte kreist.

Das Schwimmbecken wird in „Der Schwimmer“ zum Fluchtpunkt

Das sind die Handlungsstränge: Da ist der CIA-Agent, der im Damaskus der achtziger Jahre bei einem Attentat seine Frau verliert, die Tochter weggeben muss, nach dem doppelten Verlust nur mühsam wieder auf die Beine kommt und letztlich bei seinem Arbeitgeber, dem US-amerikanischen Geheimdienst, ein Fremdkörper bleibt. Ruhe findet er nur beim Schwimmen.

Gnadenlose Jagd auf eine einsame Schwedin

Dann ist da die schwedische Juristin Klara Walldéen, die in Brüssel als Referentin einer Abgeordneten arbeitet und trotz Karriere und profiliertem Lover zwischen allen Stühlen zu schweben scheint In weiteren Erzählsträngen trifft der Leser auf einen Wissenschaftler, der sich mit Misshandlungen im Krieg beschäftigt und seiner Ex Klara Walldéen Informationen zukommen lässt, die lebensgefährlich werden sollen: Unter anderem ein kokainsüchtiger Lobbyist, schmierige Anwälte und gewalttätige Verbrecher machen bis zu einem furiosen Showdown in der einsamen Schärenwelt der Ostsee Jagd auf die Schwedin. Sie alle wollen ein grausames Verbrechen vertuschen.

Politthriller und Familiendrama

Joakim Zander macht das, wie ich finde, sehr gut. Er benutzt das „Haifischbecken“ Brüssel und die modernen Verhörmethoden der USA, die von Kritikern ja nicht völlig zu unrecht als behördlich gebilligte Folter bezeichnet werden, als Kulisse für eine im Grunde sehr persönliche Geschichte. Vater und Tochter müssen mit dem Verlust leben, auch wenn diese frühe Trennung nur der Vater bewusst durchlitten hatte. Im Leben beider klafft seither eine Lücke, die sie zwar funktionieren, aber nicht wirklich glücklich werden lässt: Das Gefühl der Verlorenheit erzählt Zander ohne viele Worte darauf zu verwenden beinahe beiläufig, aber zugleich sehr glaubwürdig und bewegend.

Zander steht mit dieser Mischung von großer Politik und persönlicher Tragödie in bester schwedischer Krimi-Tradition. Denn das macht die besseren schwedischen Krimis aus: Dass sie Gesellschaftskritik und individuelle Dramen perfekt verquicken, also zugleich empören und bewegen, und dabei dennoch ihre erzählerische Leichtigkeit bewahren.

Joakim Zander, eine Krimi-Neuentdeckung

Man könnte als von einer echten Krimi-Neuentdeckung sprechen. Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Joakim Zander ist Jurist und hat selber in Brüssel beim EU-Apparat gearbeitet: Er verfügt durch seine eigene Biografie also über reichlich Anschauung – und die hilft ja meistens beim Schreiben. Es wird interessant zu sehen, wie sich Joakim Zander schlägt, wenn er ohne „Insiderwissen“ auskommen muss.

Tatort:Schären

Damaskus, Stockholm, Kabul, Langley, Brüssel: Joakim Zander hat sich für sein Debüt eine große Bühne gezimmert. Der Schwede schafft es, jeden seiner „Tatorte“ mit wenigen Worten gekonnt in Szene zu setzen. Die spezielle Stimmung, die diese Orte ausmacht, findet sich in „Der Schwimmer“ gelungen wieder. Der packendste „Tatort“ ist jedoch eine kleine Schäreninsel vor der Küste Schwedens.

Bei Zander ist der Schärengürtel kein paradiesischer Fluchtort für deutsche Touristen. Seine Schären sind dunkel, kalt, sturmumtost und einsam. Eher ein bedrohlicher als ein idyllischer Ort, der dennoch Heimat und Fluchtburg werden kann. Diese Widersprüchlichkeit lässt sogar die viel beschrieben schwedischen Schären noch einmal interessant und geheimnisvoll erscheinen. Auch das ist, obgleich es nur um eine Nebensächlichkeit wie die Kulisse für einen Krimi geht, eine Leistung.

Joakim Zander, Der Schwimmer, Rowohlt, 431S., 14,99€, VÖ: 1. September

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Tom Hillenbrands Drohnenland: Sensationell guter Krimi und düsterer Blick in die Zukunft

Wer viel liest, wird zwangsläufig über eine große Bandbreite von Büchern stolpern: gute, schlechte, Dutzendware. „Drohnenland“ von Tom Hillenbrand gehört eindeutig in die Kategorie „sensationell gut“. Der Krimi ist das Buch, das mich in 2014 bislang eindeutig am meisten begeistert hat, es ist gleichermaßen faszinierend wie fesselnd.

Ein perfekter Krimi, mit einer kleinen Einschränkung

All diejenigen, die bereits jetzt überlegen, sich „Drohnenland selber zu kaufen, sollten sich einer wichtigen, kleineren Einschränkung gewahr sein. Ich mag Science-Fiction. Ich mag auch im Kriminalroman Weltuntergangsszenarien, Verschwörungstheorien und politische Spekulationen. Wer – und das soll es ja geben – mit diesen Themen grudnsätzlich Schwierigkeiten hat, könnte bei „Drohnenland“ verkehrt sein.

Ein düsteres Szenario in „Drohnenland“

Tom Hillenbrand beschreibt ein Leben in einer Europäischen Union, in der erstens die Niederlande als Folge der Klimakatastrophe abgesoffen sind, zweitens die Bürger durch allgegenwärtige Drohnen beinahe der totalen Überwachung unterliegen und drittens ein allgegenwärtiges Informationsnetzwerk, das erschreckend präzise Verhaltensweisen (und damit potentielle Verbrechen) vorherzusagen vermag, mindestens unterschwellig einen totalitären Polizeistaat entstehen ließ.

Mord an einem Abgeordneten als Auslöser für eine gnadenlose Jagd

Der Polizist Aart Westerhuizen wird von einem beinahe allwissenden Polizeicomputer zur Leiche eines Europa-Abgeordneten gerufen. Der Mann liegt erschossen auf einem regendurchweichten Acker vor den Toren von Brüssel. Trotz der lückenlos erscheinenden Überwachung fehlt vom Täter zunächst jede Spur. Selbst das Motiv für den Mord bleibt lange im Dunkeln. Da eine Abstimmung über eine neue EU-Verfassung bevorsteht, schlägt der Fall in den Brüsseler Machtzentralen hohe Wellen: Westerhuizen und seine Daten-Forensikerin Ava Bittmann geraten erst unter Druck und später in sehr reelle Gefahr, der sie eigentlich nur in eine digitalen Welt entkommen können. Die Gegner jedenfalls kommen, ohne zu viel zu verraten, von allen möglichen erwartbaren und überrachenden Seiten.

Tom Hillenbrand entwirft eine wohlig unheimliche Zukunftsvision

Deshalb mag ich „Drohnenland“ so sehr: Zunächst einmal ist Hillenbrand ein enorm spannender Kriminalroman mit überaus gelungenen Figuren, denen man gerne durch die Handlung folgt, gelungen. Dann greift Hillenbrand aktuelle technische Diskussionen, Trends und Erfindungen (Google Glasses) auf, verwurstet – wenn man das so respektlos sagen darf – sie gekonnt und setzt sie zu einer glaubwürdigen und (für eine Fiktion) wohlig unheimliche Zukunftsvision zusammen. Das gleiche macht er mit bereits bekannten politischen Strömungen, die er sich für seine Krimi-Zukunft zurechtspinnt. Und zu guter Letzt steckt „Drohnenland“ voller hübscher kleiner Einfälle und Seitenhiebe. Das Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers beispielsweise lässt er halb in der Elbe versinken, der Redaktionsraum von Spiegel Online dient nur noch einer Bande von Hausbesetzern als Zuflucht.

Tom Hillenbrand hat eine eigene Welt erschaffen

Insgesamt ist Tom Hillenbrand also ein sehr großer Spaß gelungen, auch weil er es schafft, auf überschaubaren Raum mit wenigen Worten das ganz große Bild zu zeichnen. Themen, die andere auf tausend und mehr Seiten ausbreiten, skizziert er sehr überzeugend mit einigen wenigen Nebensätzen. Er hat in Drohnenland eine eigene Welt erschaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

 

Tatort: Brüssel

Holland ist weg, ein Teil der Nordsee. Die USA kommen nur noch mit einem Nebensatz vor, dass „sie keine Rolle mehr spielen“, Machtzentren liegen in Korea, in Moskau und London. Die Europäische Union hat sich vom Süden Italiens getrennt, aber einen Teil der Sahara annektiert. Das sind in etwa dies Rahmenbedingungen, die das Leben in Brüssel bestimmen.

Die Machtzentrale ist Brüssel, das sich vom Technokratennest in eine Megapolis verwandelt hat: Es gibt großzügige Boulevards, Paläste und verdreckte Slums. Über scheint der Atem des Verfalls zu wehen. So ganz genau weiß man nicht, ob der europäische Gedanke, der neue Superstaat, der sich in seiner Hauptstadt manifestiert noch eine Zukunft hat. Natürlich lässt sich der Zukunftsthriller „Drohnenland“ von Tom Hillebrand nicht als Stadtführer für die belgische beziehungsweise europäische Hauptstadt verwenden. Der Tatort Brüssel aus der Zukunft hat (natürlich) nur noch wenig mit der Stadt von heute zu tun. Trotzdem zeichnet Hillebrand so ganz nebenbei auch noch ein glaubwürdiges Bild des künftigen Brüssels. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, ob mir das nicht doch Sorgen bereiten soll.

Tom Hillenbrand, Drohnenland, KiWi, 423S., 9,99€, VÖ: 15. Mai 2014

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„Ich mag es, wenn es kracht“ – Marc Elsberg über „Blackout“

Marc Elsberg ist nicht sehr nett. Er schaltet Europa den Strom ab – einfach so und vollständig. In seinem Thriller „Blackout“ beschreibt der Österreicher ungemein spannend und höchst unterhaltsam einen Alptraum. Elsberg, der im Übrigen eigentlich doch ganz nett, ist entwirft ein Szenario, bei dem eine Attacke auf einen eigentlich unbedeutenden Teil der Stromversorgung sich zu einem nicht mehr zu kontrollierenden Flächenbrand auswächst. In einem Gespräch erzählt der Autor, wie er auf diese und andere Ideen kam.

 

Was ist Ihr liebstes elektrisches Gerät?

Elsberg: Das ist eine schwierige Entscheidung zwischen I-Phone und I-Book. Am Ende gewinnt wahrscheinlich die Kaffeemaschine.

Sie haben einen Thriller rund um einen europaweiten Stromausfall geschrieben. Können Sie sich ein Leben ohne Strom vorstellen?

Elsberg: Definitiv nicht. Ich bin auf jeden Fall ein Mensch, der die Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation sehr schätzt – und diese Annehmlichkeiten gibt es nur mit Strom. Dazu gehört auch die ganze Vernetzung der modernen Gesellschaft, auf die ich nicht nur als Autor bei meinen Recherchen angewiesen bin. Aber auch alles andere, Licht, Fernsehen, Aufzug im Haus. Ich wohne unter dem Dach – ohne Aufzug in den fünften Stock? Naja, hielte natürlich fit…

Sie deuten das prä-elektrifizierte Leben in „Blackout“ als kleines Idyll an. Dort gibt es Inseln der Selbstversorger, die ohne Strom auskommen, ein Bergdorf in Österreich, der Hof in der niederländischen Provinz. Das haben Sie nicht als kleine Fluchten erdacht?

Elsberg: Das ist in dieser Situation, wenn überall die Versorgung zusammenbricht, ein Idyll. Es ist sicher ganz nett, ein Feuer im Kamin zu haben, aber auf diesem Niveau leben zu müssen, ist nur ein paar Tage lang lustig.

Als romantische Vorstellung also ganz nett…

Elsberg: …genau, aber nur als Abenteuer mit Rückfahrkarte.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Europa, den Strom abzuschalten?

Elsberg: Ich wollte etwas über kritische Infrastrukturen schreiben und da kommt man sehr schnell darauf, dass die Elektrizität das Fundament für alle kritischen Strukturen des modernen Lebens ist. Die Frage war, wie dramatisiert man das am besten, bei einer Sache, die normalerweise für uns alle aus der Steckdose kommt. Die Antwort war dann sehr einfach: Strom abschalten. Daraus ergab sich schnell die gesamte Geschichte.

Sie zerstören in ihrem Thriller mutwillig fragile Systeme. Das kann man ja durchaus gesellschaftskritisch lesen. Lässt sich bei der Verflechtung der Systeme heute überhaupt noch gegen bedrohliche Abhängigkeiten gegensteuern?

Elsberg: Man kann es kritisch lesen. Ich würde aber nur soweit gehen, dass ich denke, dass man sich sehr genau überlegen sollte, wie man die Systeme sichert, von denen man sich so sehr abhängig macht. Unsere gesamte Wirtschaft funktioniert nun einmal nur noch hochkomplex und mit den unsichtbaren Helferlein im Hintergrund – und niemand will auf den Komfort verzichten, den der Status Quo mit sich bringt. Keiner will doch zurück ins 19. Jahrhundert. Insofern würde ich nie sagen, man muss dagegen steuern, aber man muss sehen, wie man damit vernünftig umgeht.

Auch wenn Sie einen Thriller geschrieben haben und unterhalten wollen, machen Sie aber Abhängigkeiten deutlich, die man meistens verdrängt.

Elsberg: Das ist eine der Absichten gewesen, zu zeigen, wie sehr wir von der Elektrizität abhängen und wie sehr alles vernetzt ist. Das Spannende dabei ist, dass viele Leute das noch immer nicht sehen, nur ihren Sektor vor Augen haben und die Vernetzung nicht erkennen wollen – und das kann in einer modernen Welt nicht auf Dauer funktionieren.

Sind die Menschen zu gutgläubig? Oder geht es vielleicht gar nicht anders und man muss die Fragilität unserer Systeme ausblenden?

Elsberg: Es geht doch nicht mehr anders: Die Menschen müssen in unseren Zeiten wahnsinnig viel glauben, weil sie nicht mehr alles wissen können. Das Leben ist mittlerweile hochkomplex. Gleichzeitig stehen enorm viele Informationen zur Verfügung. Insofern müssen wir, um das Leben bewältigen zu können, zu einem gewissen Grad leichtgläubig sein.

Sie beschreiben verschiedene Krisenszenarien, beispielsweise über Kühe, die auf Höfen verenden, über das Elend in den Krankenhäuser und über die dünne zivilisatorische Firniss, die in einigen Ländern schnell im Militärputsch mündet. Was war bei Ihren Recherchen die erschreckendste Erkenntnis?

Elsberg: Auf einer rationalen Ebene: Die erschütternde Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen über die Vernetzung der Systeme. Auf einer emotionalen Ebene natürlich immer dann, wenn es ums Sterben geht, ob es nun Millionen von Nutztieren in Europa sind oder eben Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern, die nicht mehr versorgt werden können. Besonders berührt hat mich aber auch die Situation derjenigen, die kranke Menschen betreuen. Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte, die im Krisenfall vor Entscheidungen stehen, vor die man nie gestellt werden möchte.

Glauben Sie, dass Sie die menschlichen Verhaltensweisen angesichts der Mega-Katastrophe eher geschönt oder eher überzeichnet haben?

Elsberg: Weder noch. Es ist bei einem solchen Szenario sehr schwer abzuschätzen, was passieren wird. Ich bin ja eher Optimist und glaube, dass die Menschen eine lange Zeit kooperativ bleiben und menschlich miteinander umgehen. Erst, wenn es ganz hart wird und es nichts mehr zu essen und trinken gibt oder Seuchen ausbrechen, wird es zu unschönen Szenen kommen. Das wird in unterschiedlichen Tempi verlaufen. Großstädte sind anfälliger als das ländliche Gebiete. Ich glaube nicht, dass – wie es oft in Spielfilmen dargestellt wird, von vorneherein ein Armageddon ausbricht.

Diese positive Einschätzung habe ich beim Lesen ebenfalls empfunden.

Elsberg: Ich glaube nun einmal, dass der Mensch kein Tier, kein nackter Affe ist. Außerdem habe ich bei den Recherchen sehr genau gesehen, wie das in andern Notsituationen abgelaufen ist. Schauen Sie sich die Solidarität bei der Oderflut an oder im Münsterland im Winter 2005/2006. Dort waren die Menschen nach schweren Stürmen tagelang ohne Strom. Hurrikan Katrina war ebenfalls ein gutes Beispiel. All diese Vorbilder zeigen: in halbwegs zivilisierten Ländern bleibt die Lage bis zu einem gewissen Punkt ruhig, benehmen sich die Menschen einigermaßen zivilisiert. Irgendwann kippt das aber. In New Orleans beispielsweise ist die Zivilgesellschaft an einem bestimmten Punkt eingebrochen, aber auch weil es dort eine Menge  nur teilzvilisierte Rassisten gibt. Aber auch dort wurden improvisierte Krankenhäuser eingerichtet. Es ist also nicht nur Optimismus, der mich zu meinen Einschätzungen und Beschreibungen bringt, sondern auch von vielen realen Szenarien abgeleitet.

Haben Sie aus den Recherchen für Ihr Leben Konsequenzen gezogen?

Elsberg: Ich habe etwas mehr an Vorräten zu Hause und habe im allgemeinen einen gut gefüllten Tank im Auto.

Man darf natürlich ein Buch nicht zu ernst nehmen, aber es ist eine Qualität von Blackout, dass man beim Lesen tatsächlich überlegt, ob man genug Kerzen, Batterien oder Konserven zuhause hat.

Elsberg: So war es auch gedacht. Ich wollte eine spannende Geschichte erzählen. Wenn die Leute darüber hinaus etwas mitbekommen, dass sie zum nachdenken anregt, freut mich das natürlich.

Sie haben über viele Seiten auf die Darstellung der Täterseite verzichtet, ein dramaturgischer Gewinn. Wäre es möglich gewesen, dass ganz ohne Täterjagd zu beschreiben?

Elsberg: Das hatte ich am Anfang mal überlegt. Ich wollte es dem Leser ermöglichen, sehr lange darüber nachzudenken, wer oder was der Auslöser der Katastrophe ist, weil ich diese Unsicherheit sehr gut fand.

Aber am Ende brauchten Sie doch noch die Täter?

Elsberg: Ja. Auch als Leser bin ich am Ende ein Freund von klaren Verhältnissen. Ich glaube, dass das die Leser erwarten. Es hat einen intellektuellen Reiz, eine Geschichte ohne Auflösung enden zu lassen, aber ich glaube, dass ist nur für eine Minderheit interessant. Man will doch die große Katharsis am Schluss. Ich auch. Deshalb habe ich es dann auch so geschrieben.

Viele Krimis transportieren meist über die Ermittler, die Protagonisten, menschliche Wärme. Blackout lebt eher vom distanziert analytischen Blick. War das Absicht, wenn ja warum?

Elsberg:  Das ist bis zu einem gewissen Grad Genre-gebunden. Mein Thriller ist sehr stark handlungsgetrieben. Im klassischen Krimi, insbesondere bei Serien, liest man nicht wegen der Handlung, sondern wegen der Hauptfigur, man will deren Schicksal mitverfolgen…

…Der Krimi hat sich zum Familiendrama verwandelt?

Elsberg: Genau. Deshalb muss man bei dieser Sorte Krimis die Charaktere in den Vordergrund stellen. Bei einem Science- oder Tec-Thriller, wie ich ihn geschrieben habe, steht die Handlung im Vordergrund. Ich selber lese gelegentlich auch schwedische Autoren, bei denen das oft vertreten ist. Aber mir ist das zu langweilig – und deshalb überblättere ich das dann auch häufig. Seitenlange selbstmitleidige Introsepktionen und Betrachtungen über die Schlechtigkeit der Welt in Krimis interessieren mich nicht.  Letztlich macht einen Mensch nicht aus, was er denkt, sondern wie er sich entscheidet, was er tut. Deshalb bin ich einer, der eher auf Handlung steht – außerdem mag ich es, wenn es kracht – und deswegen schreibe ich das dann auch so.

Was macht dann einen guten Krimi aus?

Elsberg: Da gibt es meiner Ansicht nach mehrere Komponenten. Das kann die Handlung sein, ein sehr involvierender Charakter, das kann in einigen Fällen sogar nur die Sprache sein. Wenn alles drei zusammenkommt, ist es optimal, dann haben wir einen richtig guten Krimi.

Hier steht mein Text über Marc Elsbergs „Blackout“