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Lauren Beukes „Shining Girls“ erfordert einen toleranten Leser

Es gibt Bücher, die erfordern eine grundsätzlich tolerante Leseeinstellung. Wer also beispielsweise mit übersinnlichen Phänomenen nichts anfangen kann, motivationsfreies Handeln im Kriminalroman oder willkürliche Sprünge in der Handlung schwierig findet, der sollte unbedingt seine Finger von Lauren Beukes „Shining Girls“ lassen.

Ein zeitreisender Mörder in „Shining Girls“

Die Südafrikanerin Beukes hat einen Kriminalroman geschrieben, dessen heimlicher Hauptdarsteller ein Haus ist, das Zeitreisen ermöglicht. Das wird nicht erklärt, das ist einfach so. Genau so selbstverständlich nutzt Harper, ein Opfer der großen Depression in den USA Ende der zwanziger Jahre, das Haus für mörderische Ausflüge in die Zukunft. Die sind aus irgendwelchen Gründen aber bis ins Jahr 1993 begrenzt, weiter kommt der Serienmörder nicht, der unerklärt über die Dekaden hinweg kleine Mädchen zu „Shining Girls“ erklärt und ermordet, wenn sie erwachsen geworden sind. Klingt schräg? Ist es auch.

Lauren Beukes hat beinahe die perfekte Protagonistin erdacht

Wer lesend Toleranz aufbringen kann, wird bei „Shining Girls“ dennoch einiges Vergnügen finden. Das liegt an Kirby. Die überlebt als einzige einen Angriff Harpers. Natürlich ist sie traumatisiert, natürlich versucht sie, ihren Angreifer aufzuspüren. Es ist spannend ihr dabei zuzusehen, wie sie Stück für Stück das Puzzle rund um einen wahnsinnigen Serienmörder mit Hilfe eines ausgebrannten Journalisten zusammensetzt. Auch die Verletzbarkeit, der wütende Trotz, mit dem die junge Frau ihrem Schicksal begegnet, ist gut erdacht und  glaubhaft aufgeschrieben. Eine beinahe perfekte Protagonistin

Viele liebevoll erdachte und interessant aufgeschriebene Details

Zu den Stärken von „Shining Girls“ gehört auch das fragmentarische Portrait einer zerrissenen Stadt und seiner immer neuer Verelendung ausgesetzten Stadtviertel.  Hier denkt sich die Autorin, wie auch beim gesamten handelnden Personal, immer wieder interessante Details aus. Allein das macht „Shining Girls“ lesenswert.

Shining Girls: Wohl eher ein Buch für Freunde des Übersinnlichen

Die Frage, ob es sich lohnt, „Shining Girls“ zu lesen, lässt sich also nicht so ohne weiteres beantworten. Krimi-Vielleser sollten es mal versuchen, weil viele hübsche Ideen verborgen sind, wer unerklärte Übersinnliche Phänomene mag, auch. (Und die Zahl scheint ja immer mehr zuzunehmen.) Wer auf analytische Stoffe und bodenständig-realistische Verbrechen Wert legt, der ist bei Beukes jedoch eher falsch. Anders gesagt, insgesamt eher merkwürdig, aber auch mit vielen faszinierenden, fesselnden Passagen.

 

Tatort:Chicago

Die Südafrikanerin Lauren Beukes hat sich für ihr Krimi-Debüt gründlich in der US-Metropole Chicago umgeschaut. Ihre Erkenntnisse sind großzügig in „Shining Girls“ eingeflossen, so dass zumindest der Chicago-Tourist, viele Orte wiedererkennt und eine Art „Heimat“-Gefühl entwickeln kann. Spannend ist auch der Blick in die Geschichte, und die permanente Verelendung, der die Wirtschaftsmetropole über alle Zeitenläufe hinweg ausgesetzt scheint. Gesellschaftlichen Fortschritt scheint es aller Entwicklung zum Trotz in den Elendsvierteln der Stadt nicht zu geben. Beinahe könnte man meinen, die Zeitreisen des Mörders fänden nicht statt.

Lauren Beukes, Shining Girls, Rowohlt, 393S., 14,99€, VÖ: 1. Februar 2014

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John Grisham hat seit 20 Jahren ein Thema – und das funktioniert

Ein junger Anwalt, David Zinc, erträgt den Druck in seiner Firma, einem juristischen Industriekomplex, nicht mehr und steigt aus. Beinahe wörtlich. Zwar klettert er an einem ganz normalen Morgen noch in den Aufzug, aber in seinem Stockwerk angekommen, fährt er direkt wieder zum Ausgang. Daraufhin geht er zunächst in eine Bar, um sich hemmungslos zu betrinken, landet dann als Angestellter in einer mehr als windigen Anwaltskanzlei, um dort erstens sein Gewissen zu entdecken, zweitens Gutes zu tun, und drittens zum Finale einen spektakulären Auftritt im Gerichtssaal hinzulegen.

Die immer gleiche Geschichte

Die Geschichte kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder. Den Plot hat sich John Grisham für seinen neuesten Gerichtsthriller, na ja, ausgedacht. Seit 1989 schreibt der US-amerikanische ehemalige Anwalt im Prinzip immer wieder die gleiche Geschichte vom jungen Juristen, der sich mit dem Establishment, gemeinen Verbrechern oder auch beiden zugleich anlegt. Das Kuriose daran ist, dass es immer wieder funktioniert. Allen berechtigten Kritiken zu Stil, Plot und Tiefe zum Trotz landet Grisham immer wieder Bestseller und schreibt Romane, denen man sich tatsächlich nur schwer entziehen kann.

John Grisham lebt davon, dass keiner Anwälte mag

Dass sich Grishams Bücher genau so gut lesen wie verkaufen, liegt vermutlich gerade eben an dem immer wieder kehrenden Konstrukt eines Helden, der als Mischung aus Don Quixote und Robin Hood in einem ewig währenden Kampf von „wir-da-unten“ und „ihr-da-oben“ immer auf der richtigen Seite steht. In den USA, in denen der regelmäßige Gerichtstermin offenbar zum Alltag gehört wie in Deutschland die wöchentliche Fahrt durch die Waschanlage, funktionieren die Romane vermutlich auch deshalb besonders gut, weil jeder Anwälte braucht, aber sie genau deshalb keiner mag.

Der ältere Grisham ist deutlich zynischer

Dennoch ist in den über 20 Jahren vom Erstling „Die Jury“ bis zum aktuellen „Verteidigung“ ein Wandel festzustellen. In „Die Jury“ von 1989 stand ein junger, allen Umständen zum Trotz idealistischer Anwalt im Mittelpunkt der Geschichte. Der Scheinwerfer war vollständig auf ihn gerichtet, Gegenspieler wie der medieneitle Staatsanwalt blieben blasse Karikaturen. Mittlerweile hat sich Grisham in die Karikatur verbissen. Beinahe liebevoll beschreibt er die juristischen Versager der jämmerlichen Kanzlei, in der David Zinc nach seinem Ausstieg landet, als versoffene, amoralische, gescheiterte Existenzen. Zinc dagegen bleibt als gedachter Protagonist weitgehend konturenlos. Möglicherweise ist der beinahe 60-Jährige Grisham deutlich zynischer und desillusionierter als der Mittdreißiger. Vielleicht liegt es aber auch nur am Thema.

Ein Fall rund um Schadenersatz

Der ehemalige Anwalt hat sich die Schadenersatz-Spezialisten der Branche vorgenommen und die Praxis aus dem Leid der Menschen exorbitanten Gewinne zu schlagen. In der „Verteidigung“ geht es konkret um Anwälte, die bei einem neuen Medikament Blut wittern. In einer sorgsam inszenierten Kampagne wollen sie den Pharma-Konzern, der das Präparat auf den Markt gebracht hatte, melken. Der Vorstand des Unternehmens beschließt jedoch, endlich einmal zurückzuschlagen und sich nicht, wie sonst üblich auf einen teuren Vergleich einzulassen. Der Showdown startet in Chicago, eben jener Stadt, in der die kleine Kanzlei Zincs sich mit einigen „Opfern“ am großen Entschädigungskuchen laben wollte. Für alle Beteiligten überraschend kommt es zum Prozess.

Was soll man sagen. Man hat es bislang 19 Mal gelesen ­– aber es funktioniert auch beim 20. Mal wieder.

 

Tatort:Chicago

John Grisham beschreibt konsequent einen Ort: Den Gerichtssaal. Der sieht beinahe immer gleich aus. Dunkle getäfelte Wände, hohe Fenster, abgesessene Stühle für Anwälte und Geschworene sowie eine Empore für den Richter. Die „Verteidigung“ spielt in Chicago, aber davon bekommt man wenig mit, die sauberen Vorortsiedlungen, die heruntergekommenen Einkaufspassagen und die gesichtslosen Bürotürme aus Glas, Stahl und Beton sind all-amerikanische Stereotypen, die jeder durchschnittlichen US-amerikanischen Großstadt entnommen seien könnten. Das ist nicht schlimm. Einerseits erfährt man wenig über Chicago, andererseits vieles über den spröde-zerrissenen „Amerikanischen Traum“.

John Grisham, Verteidigung, Heyne, 464 S., 22,99€

VÖ: September 2012