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Exotik ohne Kitsch aus Havanna von Leonardo Padura

Mario Conde kann den Frauen einfach nichts abschlagen. Deshalb zögert er nicht lange, als ihn seine verführerische Kollegin Patricia Chion bittet, in einem Mordfall zu helfen. So begibt er sich, obwohl er doch eigentlich Urlaub hat, in das Chinesenviertel in Havanna und beginnt mit den Ermittlungen. Es dauert nicht lange und der kubanische Polizist wird in einen Strudel aus archaischen Riten und Bräuchen, ganz weltlichen Verbrechen und persönlichen Verstrickungen gesogen. Wie überall im Ausland bilden die Chinesen eine eingeschworene Gemeinschaft, die zwar, ein toter Chinese belegt das eindrücklich, auch nicht immer fest zusammen halten, aber deshalb noch lange keinem Außenstehenden Einblick in ihre Angelegenheiten gewähren. Das macht die Ermittlungen natürlich mühsam, zumal sich Teniente leicht ablenken lässt, vom Alkohol, von Frauen natürlich, aber auch von allem anderen…

Sätze voller Wucht, ein Plot mit vielen Ablenkungen

„Der Schwanz der Schlange“ von Leonardo Padura ist ein eigentümlicher Krimi. Der Kubaner erzählt voller Wucht, mit Sätzen, die er aus einer eigenwilligen, aber kraftvollen Sprache bildet. Puristen unter den Krimilesern werden sich mit der prallen Aufarbeitung eines in das Jahr 1989 zurückverlegten Kriminalgeschichte schwer tun, weil Padura voller Ablenkungen und Anekdoten steckt, die er in seinem Roman unterbringt.

Wirklich spannend ist das nicht, aber ungemein aufregend, weil Padura seine Leser an  einer faszinierende, fremdartigen Welt teilhaben lässt, die von Chinesen in der kubanischen Diaspora, Abkömmlingen schwarzafrikanischer Sklaven, traditionsbewussten Kreolen und allerlei anderem bunt gemischtem Personal bevölkert wird. „Der Schwanz der Schlange“ bietet so einen Einblick in das sozialistische Kuba, den wohl die wenigsten europäischen Besucher erhascht haben dürften. Das, und der liebevoll erdachte Teniente Mario Conde, der bereits im weit gerühmten Krimizyklus des „Havanna-Quartetts“ aus den neunziger Jahren eingeführt wurde, tragen erheblich zum Lesevergnügen  bei. Tatsächlich hatte Padura die Geschichte bereits in jenen Jahren erdacht und dann über mehrere Jahre liegen gelassen. Jetzt hat er die Geschichte überarbeitet und veröffentlichen lassen. Obwohl seine Erzählung wegen der Entstehungsgeschichte ein wenig aus der Zeit gefallen scheint, funktioniert sie – und die historisch verpackte Systemkritik – bis heute sehr gut.

 

Tatort:Havanna

Es ist heiß in Havanna, unerträglich heiß. Es herrscht Gedränge, die Stadt ist schmutzig und eigentlich nur im betrunkenen Zustand zu ertragen. Dazu sucht der Protagonist Alkohol, auch der ist im sozialistischen Staat oft Mangelware. Teniente Conde sucht träumt daher von der perfekten Bar, eine Bar die er betritt und in der er vom Barkeeper, ohne groß bestellen zu müssen, mit den Worten „das Selbe wie immer“ gleich den perfekten Drink hingestellt bekommt. Diese Phantasie sagt eigentlich alles über das Havanna des Jahres 1989. Leonardo Padura findet immer die richtigen Worte, um seine Heimatstadt jenseits touristischer Vorzeigeprojekte zu beschreiben. Diese Ortskunde gehört neben dem handelnden Personal und den verrückten Ideen zu den Stärken von „Der Schwanz der Schlange“.

Leonardo Padura, Der Schwanz der Schlange, Unionsverlag, 187 S., 18,95€

VÖ: 2012

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Tess Gerritsen schickt einen geheimnisvollen Rächer durch Chinatown

Wenn Chinesen in die Welt hinaus ziehen, nehmen sie ihre Lebensweise mit auf die Reise. Diejenigen, die sich dann in der Fremde niederlassen, passen sich nur soweit an, dass sie nicht weiter auffallen, bleiben ansonsten aber meist unter sich. Das Ergebnis sind regelrechte Chinesenviertel, in vielen US-Metropolen als „Chinatown“ weltberühmt.

Mord im Bostoner Chinesenviertel

In diesen oft fremden Welten hat die Krimi-Autorin Tess Gerritsen ihren neuesten Roman „Grabesstille“ angesiedelt: Touristen finden bei einer Führung durch das Chinesenviertel Bostons eine Hand. Die eilig herbeigerufene Polizei entdeckt zwar alsbald auf dem Dach eines Gebäudes die dazugehörige Leiche, ansonsten aber keine weiteren Spuren – auch weil die chinesisch-stämmigen Bewohner des Viertels sich als erwartet unkooperativ zeigen. Den Mord hat, so scheint es, ein Geist gegangen.

Suche nach einem „Geist“

Erst durch hartnäckige Recherchen finden Gerichtsmedizinerin Maura Isles und Kommissarin Jane Rizzoli erste Spuren, die zu einem ungesühnten Verbrechen aus der Vergangenheit zurückreichen. Damals hatte, so glaubte die Polizei, ein chinesischer Koch bei einem „erweiterten Selbstmord“ mehrere Restaurantgäste und sich selber erschossen. Die Verbrechen – es sollen weitere Morde folgen – aus der Gegenwart lassen den Schluss zu, dass die Polizei tatsächlich nicht korrekt ermittelt hatte.

Chinatown jenseits des Dim-Sum-Klischees

Tess Gerritsen, die selber chinesische Wurzeln hat, führt ihre Leser eine interessante Welt. Zwar ist das Thema der abgeschotteten chinesischen Gemeinden in der Fremde mittlerweile bereits verschiedentlich in Kriminalromanen behandelt worden, aber die US-Amerikanerin gelangt über die Dim-Sum-Klischees hinaus, auch wenn sie meist die bekannten Themen anspricht. Ihre Schilderungen chinesischer Esskultur, aber insbesondere fernöstliche Kampfsportarten und Mythen sind originell aufgearbeitet und bieten rund um wirbelnde Schwerte und sagenhafte Helden in einer modernen, westlichen Welt unterhaltsamen Lesestoff.

Rizzoli&Isles: Ein sympathisches Ermittler-Duo

Zu den Stärken Gerritsens gehört auch ihre Fähigkeit sich sympathisches, beziehungsweise interessantes „Personal“ zu erfinden. Die beiden Hauptdarstellerin, Jane Rizzoli und Dr. Maura Isles sind mittlerweile in einer ganzen Reihe von Kriminalromanen eingeführt und werden dennoch immer wieder mit neuen Facetten dargestellt. Ähnliches gilt auch für die Nebendarsteller, denen viel Leben eingehaucht wird.

Die üblichen Probleme von Krimi-Reihen

„Grabesstille“ ist Teil einer stetig wachsenden Serie. Das merkt man – leider. Tess Gerritsen deutet mehrere Handlungsstränge an, deren Wurzlen in vorherige Folgen zurückweisen oder möglicherweise erst in kommenden Bänden volle Wirkung entfalten sollen. Wirklich verständlich wirken sie nur im Zusammenhang. Wer „Grabesstille“ isoliert liest, wird sich, das übliche Problem einer Krimiserie, über unmotiviert eingeführte und dann fallen gelassene Ideen wundern. Auch der für Europäer immer wieder gewöhnungsbedürftige entspannte Umgang der US-Amerikaner mit dem Konzept der bewaffneten Selbstjustiz ist möglicherweise nicht jedermanns Sache. Beides mindert den Lesespaß eines ansonsten routiniert „herunter“geschriebenen, durchaus spannenden und solide unterhaltsamen Kriminalromans. „Grabesstille“ ist jedoch Pflichtlektüre für alle Fans der Reihe, deshalb an dieser Stelle der Hinweis, dass pünktlich zum Erscheinungstermin marketinggerecht eine auf den Romanen basierende, überaus unterhaltsame US-amerikanische Fernsehserie mit dem Titel „Rizzoli&Isles“ jetzt auch ins deutsche Fernsehen kommt (14. März 2012, 20.15 Uhr, Vox).

 

Tatort:Boston

Schäbige Restaurants, dunkle Keller, Müllberge unter denen Ratten rascheln, blinde Fenster, durch die verborgen neugierige Augen wachsam auf das Treiben in den Straßen blicken – das ist Chinatown in Boston: So zumindest schildert es Tess Gerritsen. Natürlich wird die Szene dem Krimi-Alltag entsprechend düster ausgemalt, aber dennoch entsteht ein Bild einer fremden Kultur inmitten einer (gelegentlich ebenso fremden) amerikanischen Gesellschaft.

Jenseits dieses gründlich ausgeleuchteten Mikrokosmos bleibt Boston blass. Im Kriminalroman „Grabesstille“ spielt die Stadt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wäre problemlos mit jeder anderen Ostküstenmetropole austauschbar. Das aber ist kein Mangel. Wer im Kriminalroman „exotische“ Orte sucht wird mit dem literarischen Reiseziel Chinatown bestens bedient.

Tess Gerritsen, Grabesstille, Limes, 443 S., 19,99€

VÖ: 10. März 2012