Kategorien
Neu

Spannung unter einer Staubschicht: „Der Deal“ von David Ignatius

Das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gehört zu den abgelegensten Flecken der Erde. Hier halten sich seit Jahrhunderten beinahe unverändert archaische Traditionen auf eigentümliche Weise zivilisierter wilder Stammesverbände. Hier Fuß zu fassen, ist bislang noch keiner ausländischen Macht, keiner westlichen Kulturidee gelungen.

Nach Briten und Russen holen sich derzeit, so muss man das leider festhalten, die USA am Hindukusch eine nachhaltig blutige Nase: Die Idee unter Missachtung unverstandener Kulturen ganze Landstriche abwechselnd mit Dollar-Bündeln und Granaten zu bombardieren, bringt den Kampf gegen steinzeitlich anmutende religiöse Fundamentalisten bislang nicht zu einem erfolgversprechenden Ende.

Die dubiosen „Deals“ einer Geheimorganisation

In dieses unerquickliche Szenario siedelt der US-Schriftsteller David Ignatius seinen neuesten Thriller „Der Deal“ an. Eine supergeheime Geheimorganisation der USA soll in dem Gebiet mit allen Mittel Frieden erkaufen. Das ist zumindest der Plan des Kopfes der Organisation, einem ehemaligen CIA-Agenten, dem der US-Geheimdienst nicht mehr geheim genug war. Allerdings läuft die Sache schnell aus dem Ruder und die Agenten der sogenannten „Hit-Parade“ sterben bei ihren Einsätzen grausame Tode. Irgendjemand, so die Erkenntnis, hat dafür gesorgt, dass das Geheimnis der supergeheimen Geheimorganisation in die falschen Hände gerät.

David Ignatius lässt eine Spionin ermitteln

In der Zentrale der Gehim-Organisation arbeitet die junge Sophie Marx als Leiterin der Gegenspionage. Sie wird von ihrem Chef dazu auserkoren, die Mörder zu finden. Keine Frage, dass ihr das am Ende mehr oder weniger gelingt. Bis dahin hat sie jedoch so manche Intrige zu überstehen und manches Rätsel zu lösen. Der Gegner ist schlau – und bedient sich perfiderweise der Mittel seiner Gegner.

Nur Lügner und Betrüger

„Der Deal“ ist ein spannender Thriller, der nach allen Regeln der Kunst die Mittel und Methoden der modernen Geheimdienste aufschreibt. Anders als vom Verlag angedeutet handelt es sich jedoch nicht um einen Action-getriebenen James-Bond-artigen Plot mit (kampftechnisch) omnipotenten Superhelden, sondern viel mehr um einen intelligent erdachten Politthriller, der sich einigermaßen kritisch mit der US-Politik in Zentralasien auseinandersetzt. Die handelnden Personen sind überwiegend in der Sache ignorante, aalglatte Lügner und Betrüger, deren Ziele undurchschaubar bleiben. Die Agenten der Supermacht kommen noch nicht einmal als fehlgeleitete Patrioten durch, denen alles gestattet ist, weil sie für das „großartigste Land der Welt“ spionieren. Ignatius Agenten intrigieren, weil sich nicht anders können. Sie sind berufsmäßige Lügner, Betrüger und Mörder – und machen deshalb genau das. Ihren Gegenspielern lässt Ignatius wenigstens Rache und religiösen Fanatismus als Motiv.

Ein altmodischer Thriller rund um die CIA

Obwohl Ignatius einen Spionagethriller geschrieben hat, der auf moderne Mittel der „Kriegsführung“ eingeht, und mit dem langwierigen Kriegschauplatz einen aktuellen Fokus besitzt, wirkt „Der Deal“ auf merkwürdige Weise altmodisch. Das liegt vermutlich an den Kürzeln, die den Roman bevölkern. Eigentlich erwartet doch niemand mehr ernsthaft irgendetwas Neues von CIA&Co zu erfahren. Auch die Demontage der einst „strahlenden Helden“ des Kalten Krieges haben andere Autoren schon gründlich unternommen. Insofern bietet – so widersprüchlich das klingt Hochspannung unter einer irritierend dicken Staubschicht.

 

Tatort:Pakistan

„Der Deal“ hat viele Schauplätze. Washington, Los Angeles, London, Dubai, Islamabad. Für einen Agententhriller gehört sich das auch so. Eine große Rolle spielen diese Orte nicht. Auch das ist durchaus Genretypisch. Einem Ort jedoch versucht David Ignatius sich zu nähern: Pakistan. Das ist insofern verdienstvoll, als er deutlich zu machen sucht, weshalb die USA dort zu scheitern drohen. Ignatius taucht also in eine Welt fremdartiger Stammesverbände und lokaler Machtstrukturen ein, allerdings nur, um kurze Zeit später wieder mit der Erkenntnis aufzutauchen, dass im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan ein eigensinniger und hinterlistiger Menschenschlag mit einem überaus merkwürdigen Ehrbegriff haust. Das ist natürlich oberflächlich und beinahe unerträglich klischeebeladen – aber dennoch hilfreich, wenn es die Erkenntnis transportiert, dass andere Menschen gelegentlich anders sind. Wenn das mehr Menschen verstünden (insbesondere in der internationalen Politik), wäre schon eine Menge gewonnen.

David Ignatius, Der Deal, Rowohlt, 476 S. 9,99€

VÖ: April 2012

 

Kategorien
Neu

Ein Krimi aus der Frontstadt des Kalten Krieges

Ein Szenario des Schreckens: Mitten im Kalten Krieg beschließt eine kleine Gruppe innerhalb des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA, dass es Zeit wird, die Konfrontation mit der UdSSR auf ein neues Niveau zu heben. Eine raffinierte Verschwörung soll den nach Ansicht der Hardliner schlaffen Präsidenten John F. Kennedy in eine offene Konfrontation mit der sowjetischen Führung treiben. Als passender Ort für die Eskalation wählen die Kriegstreiber die Frontstadt Berlin.

Die letzten Stunden vor dem Mauerbau

In dieses Szenario schickt Uwe Klausner seinen Berliner Kriminalpolizisten Tom Sydow. Der erfahrene Ermittler stößt bei einem Mordopfer, das in einem S-Bahnwagen gefunden wird, auf zahlreiche Ungereimtheiten. Als immer weitere Tote auftauchen, und Sydow und sein Team immer weitere Hinweise auf Manipulation entdecken, spitzt sich die Situation zu. Die deutschen Polizisten müssen sich nun mit Geheimagenten aus beiden Lagern auseinandersetzen. Die Uhr tickt zum Ultimatum. Der Bau der Mauer, dass allerdings weiß der Kommissar zu Beginn nicht, ist nur noch wenige Stunden entfernt.

Das „Kennedy-Syndrom“ von Uwe Klausner“

„Kennedy-Syndrom“ heißt der Roman von Uwe Klausner, der pünktlich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August erscheint und munter mit Spekulationen zum Thema „Wer wusste was“ spielt. Klausner webt dazu Handlungsstränge in den USA und Berlin zusammen. Weder der CIA, noch der US-amerikanische Präsident noch die Westberliner Polizeiführung kommen dabei besonders gut weg.

Der Kriminalroman Klausners hinterlässt nach der Lektüre allerdings zwiespältige Gefühle. Klausner vermag es eine Geschichte zu erzählen, die Verdichtung der Handlung auf die wenigen letzten Tage vor dem Mauerbau gelingen ihm zur spannenden Geschichtsstunde. Dennoch wirkt das Thema, ein Agententhriller, der in den sechziger Jahren spielt, leicht angestaubt.

Marken und Moden der sechziger Jahre

Das gilt auch für die Sprache. Klausner stattet seine Akteure mit dem Wortschatz jener Jahre aus. Das ist sehr anfangs sehr amüsant, auch weil der Autor Moden, Marken und Begriffe der Sechziger wieder ausgräbt und liebevoll inszeniert. Aber leider verwendet er diesen Stil auch für seine eigenen Beschreibungen – und das wirkt mitunter altbacken. Als Berlin-Krimi oder für Freunde historischer Momentaufnahmen ist „Das Kennedy-Syndrom“ dennoch sehr gut geeignet.

 

Tatort:Berlin

Das Berlin des „Kennedy-Syndroms“ ist das alte Westberlin. Die Stadt ist geteilt, aber noch offen. Die Figuren halten sich daher an Plätzen auf, die in jenen Jahren – und eigentlich bis zum Fall der Mauer – zentral für das Leben im Westteil der Stadt waren, heute jedoch an den Rand der Wahrnehmung gedrängt sind, auch weil sich das Zentrum wieder Richtung Osten verschoben hat. Uwe Klausner lässt dieses „alte“ Berlin als in Charlottenburg, Schöneberg und Zehlendorf noch das Herz der Stadt schlug, wieder auferstehen. Beim Lesen ergeben sich – zumindest für den Leser, der jene Mauerjahre bewusst miterlebt hat – zahlreiche Déjà-Vu-Erlebnisse. Für sie, aber ganz besonders für die Nachgeborenen das „Kennedy-Syndrom“ vielleicht weniger ein Krimi: Das Kennedy-Syndrom ist nicht nur für eine politische Zeitreise geeignet sondern auch als historischer Stadtführer.

 

Uwe Klausner, Kennedy-Syndrom, Gmeiner, 11,90 €

VÖ: 13. August 2011