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Jesper Stein treibt in Weißglut zum Vergnügen der Leser seinen Ermittler über dessen Grenzen hinaus

Es ist harter Stoff, den uns Jesper Stein da zumutet. Sein Kommissar Axel Steen zerstört sich langsam aber sicher selber. Er stößt, wo er nur kann, seinen Mitmenschen vor den Kopf, natürlich in erster Linie solchen, denen er nahe steht. Seinen Verstand benebelt er durch regelmäßigen Haschischkonsum. Dazu passend, lässt er seine Wohnung und sein äußeres Erscheinungsbild verkommen. Auch bei seinem Arbeitgeber, der Kopenhagener Polizei hat Steen kaum noch Freunde.

Ein Polizist im freien Fall

Vor dieser Ausgangslage stößt der Polizist in „Weißglut“ bei der Suche nach einer adäquaten Beschäftigung auf einen von seinen Kollegen missachteten Vergewaltigungsfall im Stadtteil Norrebro. Weil das Opfer sehr aufmerksam war, kann Axel Steen eine Verbindung zu einem älteren Mordfall herstellen. Dieser sogenannte „Blackbird“-Fall, bei dem eine Studentin ebenfalls vergewaltigt und anschließend ermordet hatte, kostete den Polizisten seinerzeit die Ehe und beinahe alle Freunde.

In „Weißglut“ wird Axel Steen zum ermittelnden Berserker

Steen, soviel weiß man aus dem ersten Band „Unruhe“ bereits, ist ein Besessener, wenn es um die Suche nach Tätern gibt. Die Motivation für das Berserkerhafte bei den Ermittlungen ist auch in „Weißglut“ noch nicht völlig erklärt, aber man erfährt schon, dass hinter der Fassade des harten Cops viel Mitgefühl, aber – soviel wird klar – auch eine große Portion Schuldgefühl steckt.

Jesper Stein lässt einen kalt berechnenden Serientäter antreten

Jedenfalls treibt Axel Steen gegen alle Widerstände die Ermittlungen voran: Schnell wird klar, das im Kopenhagen, dessen Bewohner sich selber oft so idyllisch-provinziell denken, ein gnadenloser Serientäter sein Unwesen treibt, der nicht nur brutal, sondern überaus kalt berechnend vorgeht, und so zum schwierigen Gegner wird, der den Kopenhagener Polizisten wieder weit über dessen Grenzen hinaus treibt.

Axel Steen, eine vielschichtige Hauptfigur höchst unterhaltsamer Krimis

Einen wesentlichen Teil der Faszination für Kriminalromane von Jasper Stein entsteht mit dem Protagonisten, mit Axel Steen. Der Polizist ist so vielschichtig und widersprüchlich angelegt, dass es trotz seiner vielen schlechten Eigenschaften ein Vergnügen ist, ihm beim Leben und Leiden zuzusehen. So ungehobelt und unsensibel er oft ist, so liebevoll kümmert er sich um seine Tochter, die er für seinen Geschmack nur all zu selten zu sehen bekommt. Es hilft für seine innere Ausgeglichenheit auch nicht, dass der neue Partner seiner Ex-Frau durch eine unselige Fügung jetzt zu seinem Chef wird.

„Weißglut“ ist wie sein männlicher Hauptdarsteller: Derbe, direkt, auf den Punkt geschrieben und hinter einer rohen Schale hoch emotional und ungemein mitreißend. Kurz: die perfekte Unterhaltung im Krimi-Gewand.

Tatort:Norrebro

Norrebro ist ein Stadtteil Kopenhagens mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. Seither ist das Viertel dauerhaft im Blickpunkt. Der einstige Arbeiterbezirk wurde früh von Studenten bevölkert, hat heute einen hohen Anteil von Anwohnern mit Migrationshintergrund – und ist berühmt-berüchtigt für seine bunte, alternative Lebenswelt, aber auch für notorische Krawalle und eine relativ hohe Kriminalitätsrate. Jesper Stein porträtiert diesen lebendigen, aber problembeladenen Stadtteil mit sehr viel Liebe als ein verlorenes Viertel, dem sich zu entziehen für seinen Kommissar aber unmöglich scheint: In schlechter, wie aber auch in guter Hinsicht. Für die harten Krimis um Kommissar Steen ist Norrebro so die perfekte Kulisse.

Jesper Stein, Weißglut, KiWi, 415S., 12,99€, VÖ: 8. Januar  2015

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Stefan Ahnhem: Ein neuer Akteur in der obersten Liga der Schweden-Krimis

Fabian Risk hat sein Leben gegen die Wand gefahren, und zwar richtig gründlich: Ein Alleingang kostete ihn seinen Job bei der Stockholmer Polizei, die Beziehung mit seiner Frau setzte er wegen einer anderen aufs Spiel, und mit seinem Sohn kommuniziert der Polizist auch schon seit langen nicht mehr richtig. Die „Flucht“ in die alte Heimat soll es jetzt richten. Risk zieht in Sack und Pack nach Helsingborg, wo er einst aufwuchs.

„Und Morgen Du“: Mord statt Neu-Anfang in Helsingborg

Eigentlich hat der Polizist dort erst einmal Urlaub, den er dringend benötigt, um die fragile Beziehung zum Rest der Familie zu kitten. Doch es kommt anders. Seine neue Chefin bittet ihn rascher als erwartet zum Gespräch. Das Kriminaldezernat der südschwedischen Kleinstadt muss einen Mord aufklären. Das Opfer, das regelrecht hingerichtet und anschließend verstümmelt wurde, ist ein Klassenkamerad von Fabian Risk. Der Polizist hat sich kaum in den Fall hineingedacht, als schon der nächste Mord passiert: Erneut wird ein Klassenkamerad Risks brutal abgeschlachtet. Schnell wird klar, was der Mörder sagen will: „Und Morgen Du“, so auch der Titel des neuen Krimis von Stefan Ahnhem, der in Schweden bisher vor allem als Drehbuch-Autor auch in Deutschland bekannter Krimi-Verfilmungen aufgefallen war.

Späte Rache eines Mobbing-Opfers?

Die Polizeitruppe rund um den zu Alleingängen neigenden Risk muss sich mit einem Serienmörder auseinandersetzen, der – so viel scheint sehr schnell klar – in Jugendjahren Opfer fortwährender Mobbing-Attacken war und einen späten Rachefeldzug startet. Obwohl ein Klassenverband doch eigentlich überschaubar sein sollte, will es den Ermittlern nicht gelingen, den Täter zu identifizieren, geschweige denn zu fassen. Ganz im Gegenteil. Der Berg an Leichen, den der gestörte Ex-Pennäler aufhäuft, wird immer höher. Am Ende gerät auch der Polizist selber in Gefahr

„Und Morgen Du“, krimi-gerecht düster und brutal

„Und Morgen Du“ ist in Teilen brutal, häufig sehr düster – und enorm spannend. Stefan Ahnhem hat einen angenehm komplexen und zugleich sehr dichten Krimi geschrieben, der im Vergleich zu der Flut an simplen Thrillern, die den Markt überschwemmen, angenehm viele, kunstvoll verwobene Handlungsstränge aufweist. „Und Morgen Du“ ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und spielt in jedem Fall in der obersten Liga der Schweden-Krimis mit.

Stefan Ahnhem schreibt mit viel Liebe zum Detail

Die Vielzahl an Handlungsstränge bedingt natürlich eine Menge Personal. Auch hier beweist Ahnhem ein gutes Händchen. Insbesondere einige Nebenfiguren, wie der fiese, intrigante Oberkommissar in Dänemark bereichern das „Bühnenpersonal“. Im Zentrum steht natürlich der Hauptdarsteller Fabian Risk, dem man in seinen teils ungestümen, teils brillanten Alleingängen gerne folgt. Wenn man ein Wort der Kritik äußern möchte, scheint die absolut Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn nicht wirklich glaubhaft: welcher Vater kommuniziert in Zeiten, in denen es doch nur noch „Helicopter-Eltern“ zu geben scheint, mit seinem halbwüchsigen Sohn über Tage hinweg ausschließlich per sms? Man versteht den aus dramaturgischen Zwecken notwenigen Kniff, ärgert sich als Leser dennoch über die kleinen Delle im Glaubwürdigkeits-Lack.

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Serie

Dennoch ist „Und Morgen Du“ wirklich ein sehr gelungenes Debüt. Die beste Nachricht steckt im Klappentext, in dem der Krimi als „erster Teil einer Serie um den Kommissar Fabian Risk“ beschrieben wird. Wenn man sich nach dem Lesen schon auf eine Fortsetzung freut, ist das aus meiner Sicht immer das höchste Lob für einen Kriminalroman.

 

Tatort: Helsingborg

Irgendwas muss es ja auf sich haben mit Schweden: Kaum ein Land produziert so viele Krimis wie das Land der Schären und Seen. Man ist versucht zu glauben, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Verbrechen begeht und die andere Hälfte Geld damit verdient, Krimis darüber zu schreiben und in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Bilder, die dabei transportiert sind, zeichnen von Schweden meist entweder ein Bild einsamen Idylls oder ein Panorama trostloser Einsamkeit. Bei Ahnheim spielt das Land, die Natur und der „Standort“ Helsingborg keine große Rolle (wenn man einmal von der Nähe zu Dänemark absieht). Stefan skizziert eher ein Bild menschlicher Kälte, das Portrait eines Schwedens, in dem unter einer jovialen Oberfläche Kälte und Gleichgültigkeit im Miteinander dominieren. Das ist weitaus interessanter als elegische Schilderungen von einsamen Schären oder dunklen Wäldern.

Stefan Ahnhem, Und Morgen Du, List, 548S, 16,99€ VÖ: 12. September 2014

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Jesper Stein bringt „Unruhe“ nach Kopenhagen

Manchmal sind die alten Ideen doch die Besten. Das gilt sogar für Figuren in Kriminalromanen. Axel Stehen jedenfalls hat viele Vorbilder. Er ist ein verbissener Cop, der mit seinen Ermittlungsmethoden und seiner gnadenlosen Hartnäckigkeit bei seinen Vorgesetzten aneckt und deshalb immer kurz vor dem Rauswurf steht. Natürlich hat ihn seine Frau verlassen, natürlich, das hat sich im 21. Jahrhundert den aktuellen gesellschaftlichen Bild im Vergleich zu den frühen Vertretern des Genres geändert, ist er dennoch ein treusorgender Vater, der seine Tochter viel zu selten sieht.
Der Däne Jesper Stein hat sich die Figur Axel Steen für „Unruhe“ erdacht. Und um es gleich zu sagen: Die Figur funktioniert – trotz oder vielleicht gerade wegen der mangelnden Originalität. Es macht außerordentlich viel Spaß dem Polizisten bei seinen Ermittlungen in Kopenhagen zu folgen.

Ein Mord am Rande von Demonstrationen in Kopenhagen

Steen ist, auch das gehört zum Image, vermutlich der einzige Cop von Kopenhagen, der in einem alternativen Wohnbezirk lebt. So ist er jedenfalls schnell zur Stelle, als bei Unruhen anlässlich der Räumung eines Jugendzentrums ein Toter gefunden wird. Mitten im Trubel der Demonstrationen hat ein Unbekannter auf einem Friedhofsgelände einen Mann ermordet.

Kommissar Steen stellt unbequeme Fragen

Der Fall erhält sehr schnell Brisanz. Das Opfer ist dem ersten Anschein nach ein Autonomer. Der Täter, auch dieser Verdacht steht im Raum, könnte aus den Reihen der Polizei stammen. Tatsächlich stößt Kommissar Steen bei seinen Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten, auch bei seinen eigenen Kollegen. Keine Frage, dass sich der Polizist, der im übrigen von ständiger Todesangst und permanenten Sexträumen (das lass ich mal unkommentiert) geplagt wird, sich trotz zahlreicher Einschüchterungsversuche nicht abhalten lässt, unbequeme Fragen zu stellen. Fragen, deren Antworten tatsächlich auf einen mittelgroßen Polizeiskandal hindeuten.

Ein gelungenes Debüt von Jesper Stein

Jesper Stein, Journalist und Kriminalreporter, hat ein durchweg gelungenes Debüt hingelegt. „Unruhe“ ist schnörkellos und spannend erzählt, das Szenario düster, der Gesellschaftsentwurf angemessen pessimistisch. So gehört sich das für einen ordentlichen Krimi, zumal für einen der aus dem skandinavischen Raum kommt. Wer Serien mag, der sei darauf hingewiesen, dass der Band den Untertitel „Der erste Fall für Kommissar Steen“ trägt. Fortsetzung dürften also folgen.

Tatort: Kopenhagen

Das Kopenhagen von Axel Steen wird von Unruhen erschüttert, die alternative Szene begehrt gegen brutale Polizisten auf. Es kommt zu Straßenschlachten, in deren Schatten allerlei finstere Gestalten ihre kriminelle Energie ausleben. Das aus mitteleuropäischer Sicht eher beschauliche Kopenhagen wird hier zu düster-bedrohlichen Kulisse, dessen Straßen von Banden und Verbrechern kontrolliert werden. Das mag man kaum glauben, aber das funktioniert in „Unruhe“ außerordentlich prächtig. Wer also einen anderen, kälteren Blick auf die dänische Hauptstadt werfen will, sollte bei Jesper Stein auch aus bildungsbürgerlichen Aspekten nachlesen.
Jesper Stein, Unruhe, KiWi, 476S, 12,99€, VÖ: 7. November 2013

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„Schrei unter Wasser“ folgt haargenau der Bauanleitung für Psychologen-Krimis

Junge Psychologin mit tragischer Vergangenheit heuert bei der Polizei an, stößt auf Widerstand engstirniger, älterer männlicher Kollegen, baut zwischenzeitlich Mist, gerät in Gefahr und löst wider Erwarten doch den Fall. Dieses Szenario hat man im Kriminalroman gefühlte tausend Mal gelesen. Jeder Krimi, der dieses Thema verwendet, steht also unter dem Verdacht, besonders langweilig zu sein.

Eine neue Ermittlerin im gebrauchten Kleid

Zwei Dänen haben jetzt dieses Szenario wieder hervorgeholt. Jeannette Øbro und Ole Tornbjerg haben „Schrei unter Wasser“ geschrieben und sich ohne Hemmungen haargenau an die „Bauanleitung“ für den Psychologen-Thriller gehalten. Das Überraschende dabei: Es funktioniert. Das Autorenpaar hat ihrer Hauptfigur, einer jungen Dänin mit britischem Vater, gekonnt soviel Leben eingehaucht, dass der Leser trotz des Dejá Vu der Handlung mit viel Vergnügen folgt: Die Profilerin Katrine Wraa ist eine höchst sympathische, extrem glaubwürdige Protagonistin. Dazu haben die Autoren der Polizisten einen passenden Co-Ermittler an die Seite gestellt, dessen Aufmerksamkeit vom Fall allzu oft von seiner pubertierenden Tochter abgelenkt wird.

Ein guter Krimi für den dunklen Herbstabend

Das Duo wird gleich am ersten Arbeitstag der jungen Psychologin zum Haus eines Arztes gerufen, der ermordet und schneebedeckt im eigenen Garten liegt. Es folgt eine, nach heutigen Krimimaßstäben unspektakuläre Suche nach dem Täter. Zu den Schwächen von „Schrei unter Wasser“ gehört neben dem allzu bekannten Grundthema ein Plot, der vergleichsweise gradlinig verläuft. Ohne große Überraschungen – und für regelmäßige Krimileser – schnell vorhersehbar, kristallisieren sich Täter und Motiv heraus.

Wer innovative und gleichermaßen innovative Kriminalliteratur such, ist beim Autoren-Duo Øbro und Tornbjerg falsch. Dennoch reiht sich das Debüt gut in die skandinavische Krimitradition ein, die mit ihren ausgefeilten Charakterstudien häufig eher komplexen Familiendramen als Thrillern gleichen. „Schrei unter Wasser“ ist ein gelungenes Exemplar dieses nordischen Subgenres und nur, wenn man so will, zum falschen Zeitpunkt erschienen. Eigentlich ist die dänische Neuheit ein Stoff für den dunklen Herbstabend, an dem man sich auf dem heimischen Sofa sitzend mit einem guten Buch und wohl dosiertem Nervenkitzel sinkende Temperaturen und schwindendes Tageslicht vom Hals halten will.

 

Tatort:Kopenhagen

Es ist dunkel, es ist kalt. Der dänische Winter beißt offenbar gnadenlos zu. Diese Stimmung transportieren Jeanette Øbro und Ole Tornbjerg. Die Einsamkeit des abgelegenen Ferienhäuschens, dass die Neu-Kopenhagenerin vor den Toren der Stadt bezieht kommt in den Schilderungen gut zur Geltung, auch wenn der sommerurlaubende Dänemark-Urlauber sich die wüstenartige Abgeschiedenheit auf Seeland kaum vorzustellen vermag. In ihrem Erstling bewegen sich die Autoren ohnehin eher rund um Kopenhagen herum. Konturen erhalten erwähntes Ferienhäuschen und die vornehmeren Vorortsiedlungen, in denen Ärzte eben so leben. Das Zentrum Kopenhagens bleibt blass, man ahnt die Konturen der Stadt rund um Polizeizentrale und Krankenhaus eher, beschrieben werden sie nicht. Das ist kein Mangel, lediglich eine Feststellung, aber ohnehin sind bei „Schrei unter Wasser“ die Binnenwelten der Protagonisten wichtiger als der reale Schauplatz.

Jeanette Øbro /Ole Tornbjerg, Schrei unter Wasser, Fischer, 445 S., 9,99€