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Richter Di, ein Ermittler auf der Suche nach konfuzianischer Weisheit

Richter Di ist ein guter Konfuzianer. Er ist seinem Kaiser treu ergeben, studiert die Klassiker, hat einen langen Bart, drei Frauen und greift gelegentlich auch zur Folter. Das ist empörend? Die Zeiten waren nun einmal so. Richter Di ermittelte im China der Tangzeit und lebte in aufgeklärten, aber durchaus rauen Zeiten.

Ein unwiderstehlicher Detektiv

Richter Di ist ein ausgezeichneter Schwertkämpfer, ein loyaler Freund und ein Beschützer der Bedürftigen. Der kaiserliche Beamte füllte, so wollte es sein Schöpfer – der niederländische Autor Robert van Gulik – den konfuzianischen Geist tatsächlich aus. Meistens reichte es denn auch, wenn der Ermittler streng mit Zwangsmaßnahmen drohte. Seine Fälle, niedergeschrieben in sechzehn Kriminalromanen, löste Richter Di mit genauen Beobachtungen, intelligenter Kombinationsgabe – und immer wieder mit der Kraft seiner Persönlichkeit, denen die meisten Untäter nicht wiederstehen konnten. Nur besonders abgefeimte Verbrecher zeigten sich unbelehrbar und endeten am Ende auf dem Schafott.

Grandioser Einblick in die Geschichte Chinas

Die Krimis van Guliks sind eine faszinierende Lektüre. Sie sind zu zuerst spannendste Krimis, darüber hinaus perfekt formulierte Literatur und schließlich ein grandioser Einblick in die chinesische Geschichte. Der Richter Di van Guliks ist ursprünglich eine historisch belegte, später mythisch überhöhte Gestalt, ein vorbildlicher Beamter, der in schwierigen Zeiten für Recht und Ordnung sorgte. Insofern hat van Gulik die Figur des chinesischen Detektivs nur für den Westen erschlossen.

Beamter, Ermittler und Richter in Personalunion

Di Jen-dsia ist tatsächlich Richter. Das heißt, in erster Linie war er Beamter, zunächst Bezirksvorsteher in Peng Lai und anderen exotischen Orten, später in leitender Funktion am kaiserlichen Hof. Vor allem als Vorsteher in der Provinz war er für die Verwaltung eines Bezirkes zuständig, und damit in Personalunion eben auch für Ermittlung und Rechtssprechung in seinem Sprengel verantwortlich. Damit beschrieb van Gulik das tatsächliche Ideal konfuzianischer Regierung durch einen Beamtenapparat, das allerdings am perfektesten in der Songdynastie (960-1279) funktionierte. Damals regierten etwa 12.000 Beamte rund 60 Millionen Menschen. Erstmals war auch das klassenlose  Leistungsprinzip durchgesetzt. Im Prinzip wurde jeder in den Beamtendienst aufgenommen, der die Prüfung bestand. In der Praxis war die Prüfung allerdings so schwierig, dass es ein privilegiertes Leben und viel Zeit für die Studien bedurfte.

Richter Di, ein perfekter Konfuzianer

Robert van Gulik folgt der Karriere seines Richters von den ersten Schritten in der Provinz über die Metropolen bis in die Hauptstadt. Die Skizzen des Alltagslebens, aber auch die Regierungsstrukturen, die politischen Ränke und die Angriffe von außen sind bei aller Beiläufigkeit, mit der der Niederländer sie aufschreibt, so akkurat wiedergegeben, dass sie vor den Augen strenger Sinologen bestehen können. Das reicht von der eher drolligen Beschreibung des richterlichen Haushalts (Di sorgte beispielsweise dafür, dass alle drei Frauen eine eigenen Wohnung und eigene Aufgaben wie Haushaltsführung, Kindererziehung oder Dichtkunst erhielten – alles andere brächte, so der Richter, schließlich nur Zwist im Hause), bis hin zu den Konflikten zwischen Buddhisten und Konfuzianern am kaiserlichen Hof. Diese erschütterten das Reich tatsächlich einst in seinen Fundamenten.

Dem Beamten folgen dabei auf allen Stationen treue Gehilfen, die trotz aller Unterschiede beinahe so etwas wie Freunde des Richters werden. Gemeinsam kämpfen sie gegen das Böse und schützen die Armen, Schwachen und Kranken. Die selbstkritisch-reflektierende Figur Dis, der permanent auf der Suche nach mehr Weisheit ist, verhindert, dass dieses herrlich naiv-romantische Grundthema in Kitsch abgleitet. Auch deshalb ist es ein außerordentliches Vergnügen den Abenteuern Richter Dis zu folgen.

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Klassiker

Packende Ermittlungen im chinesischen Kaiserreich

Di Jen Dsiä ist ein Beamter wie er im Buche steht. Er trägt einen langen Bart, ist seinem Kaiser treu ergeben und folgt den konfuzianischen Prinzipien aufs Wort. Außerdem ist er gleichermaßen weise wie scharfsinnig.

All diese Eigenschaften bescheren dem frühen Multitalent des chineschem Kaiserreiches der Ming-Dynastie das Amt des Bezirksvorstehers. Als Richter Di sorgt er für wirtschaftlichen Wohlstand, gesellschaftliche Ordnung und die Einhaltung der Gesetze. Der Niederländer Robert van Gulik griff in der Mitte des 20. Jahrhunderts die beinahe mythische Figur chinesischer Rechtsgeschichte auf und schuf seinen Richter Di. 15 durchweg perfekte Bände lang schickt van Gulik seinen Richter auf Verbrecherjagd.

„Geisterspuck in Peng-lai“

Am Beginn steht „Geisterspuk in Peng-lai“.  Der noch junge Richter Di tritt seinen ersten Posten jenseits der Hauptstadt an, muss sich mit Straßenräubern, entführten Bräuten und ermordeten Gerichtspersonal herumschlagen. Dabei beweist er, dass er mit einem scharfen Schwert ebenso gut umgehen kann wie mit einem geschliffenem Verstand. Der Richter ermittelt dabei immer mehrere Fälle gleichzeitig, weil das, so entschied van Gulik, am ehesten der Realität entsprach. Der „Geisterspuck“ ist nicht der erste Roman, den der Holländer verfasste, steht aber chronologisch in der Biographie des Richters an erster Stelle, eignet sich also am besten als Einstieg in die chinesische Welt.

Fesselnde Krimis mit wissenschaftlicher Genauigkeit

Die Richter Di-Serie zeichnet sich dadurch aus, dass van Gulik enorm dichte, fesselnde Kriminalromane geschaffen hat, die gleichzeitig in ihrer Beschreibung der kaiserlichen chinesischen Gesellschaft auch noch so präzise sind, dass sie als populärwissenschaftliche Literatur auch unter den Augen gestrenger Sinologen bestehen. Nicht nur der Aufbau des chinesischen Staatswesen (und die ihm innewohnenden Konflikte) ist gut beschrieben, auch Gesellschaft und Alltagsleben erstehen auf den Seiten der Richter-Di-Krimis auf – und das ohne, dass van Gulik irgendwelche westlichen Klischees gebrauchen würde.

Das liegt auch an der Biographie und der Person des Autors. Van Gulik, geboren 1910, wuchs unter anderem in Indonesien auf, lernte früh Chinesisch, Javanisch und Malaiisch. Auf dem Gymnasium in Den Haag lernte er Griechisch, Latein, Deutsch, Französisch und Englisch. Außerdem brachte er sich in seiner Freizeit Sanskrit und Russisch bei. Der Sprachtalent studierte indisches Recht und Sprachen. Am Ende seiner Ausbildung stand die Promotion in Literatur. Danach arbeitete er bis zu seinem Tode 1967 als Diplomat. Von 1934 publizierte er wissenschaftliche Werke, ab 1949 Literatur. Seine Richter-Di-Romane illustrierte das Multitalent selber.

 

Tatort:China

Richter Di kommt herum. Er ermittelt an der Grenze zu Nordkorea, in einem gottverlassenen Nest an der Grenze zur Mongolei, ebenso abgeschieden im Herzen des Reiches, in Kanton – und natürlich in der Hauptstadt. Robert van Gulik schafft es in jedem seiner Romane mit wenigen Worten die Atmosphäre des jeweiligen Landesteiles einzufangen. Im Kern seiner Beschreibungen steht jedoch immer wieder die chinesische Stadt, die als Sitz der Verwaltung das Herz der Bezirke darstellte. Diese pulsierenden Zentren chinesischer Kultur erfüllt van Gulik, wenn er seinen Richter bei dessen Ermittlungen begleitet, mit prallem, beinahe greifbarem Leben.

Robert van Gulik: „Geisterspuk in Peng-lai, Diogenes, VÖ: 1986
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