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Bernie Gunther, verbissener Cop und gefallener Held in einer dunklen Zeit

Am 29. August erscheint „Wolfshunger“, der neunte Band der Berlin-Noir-Serie des Briten Philip Kerr. Ein guter Anlass, den „Helden“ der Serie, den Berliner Kommissar Bernhard „Bernie“ Gunther vorzustellen, schließlich ist er einer der ganz großen seiner Zunft.

Schnaps, Bier und deftige Berliner Hausmannskost. Das sind die Grundnahrungsmittel von Bernie Gunther, dem Berliner Kommissar und Detektiv. Beinahe ist man geneigt, sich über diese Stereotypen, die der Schotte Philip Kerr über seinen Romanhelden ergießt zu empören. Dann aber scheint die kulinarische Einfalt aber doch treffend. Bernie Gunther ist eine Figur des frühen 20. Jahrhunderts, als Pizza und Döner und Thai-Curry noch nicht im Herzen Mittteleuropas angekommen waren.

Bernie Gunther, ein Besessener in Sachen Wahrheit

Natürlich vereinfacht Philip Kerr, natürlich blitzt zwischen den Zeilen gelegentlich sanfter Spott über die aus britischer Sicht eher grobschlächtigen Deutschen. Aber insgesamt hat der Schotte den deutschen Polizisten doch recht gut getroffen. Gunther ist pflichtbewusst, hartnäckig, diszipliniert, meist gehorsam und sehr stur. Letztere Eigenschaft steht allerdings gelegentlich seinem Gehorsam im Wege. Wie viele gute Ermittler aus der Kriminalliteratur ist Gunther ein Besessener, wenn es darum geht, die Wahrheit aufzudecken. Das ist eine noch wichtigere Triebfeder, als den Verbrecher zu überführen. Tatsächlich ist Gunther erst zufrieden, wenn er weiß, wer ein Verbrechen begangen hat. Wie viele Deutsche ist er aber auch ein Durchwurschtler, im Versuch zu überleben, arrangiert er sich mit den jeweiligen Machthabern, die über richtig oder falsch entscheiden.

Eine Krimi-Reihe als Spiegel deutscher Geschichte

Im Fall von Bernie Gunther ist diese Flexibilität, diese moralische Geschmeidigkeit im wahrsten Sinne lebensnotwendig. Gunther wird zur Zeit der Weimarer Republik Kriminalkommissar bei der Berliner Polizei. Als Privatdetektiv, Gestapo-Offizier und Polizist schlägt er sich durch die gesamte NS-Zeit. Insgesamt ist er als Polizist vor allem eher ein aufmerksamer Beobachter, hartnäckiger Verfolger als ein brillanter Kopf. Insbesondere zeichnet ihn das aus dramaturgischen Gründen notwendige Talent sich erstens immer in die falschen Frauen zu vergucken und mindestens genau so oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wobei viel zu oft, das erste (das mit den Frauen), letzteres (falsche Zeit, falscher Ort) nach sich zieht.

Literarischer Flirt mit den Köpfen der NS-Verbrechen

Die Biographie Gunthers, wenn man die Kriminalromane von Philip Kerr so nennen will, umfasst mittlerweile acht Bände, einen neunten gibt es auf Englisch und erscheint im Sommer 2014 auf Deutsch. Die ersten drei Bände spielen in den Vorkriegsjahren des „tausendjährigen Reiches“ und sind als „Berlin Noir“-Serie bekannt geworden. Einige Jahre später hat Kerr eine weitere Trilogie nachgelegt, die in der Nachkriegszeit angesiedelt ist. Mittlerweile beschreibt Kerr Gunthers Leben mitten im Krieg. Die Geschehnisse auf den Schlachtfeldern scheinen soweit her, dass sich der Schotte immer hemmungsloser traut, reale Nazi-Größen auftreten zu lassen, im neunten Band muss sich Gunther unter anderen mit Feldmarschall Günther von Kluge, Admiral Canaris und Joseph Goebbels auseinandersetzen. Das Spiel mit den Nazi-Größen ist vermutlich auch wirtschaftliches Kalkül, weil es allenthalben eine große Faszination für die Monster deutscher Geschichte gibt. Kerr leistet sich da immer einer Gratwanderung, weil er diesen Verbrechern an der Menschlichkeit, auch wenn er die Verbrechen deutlich nennt, eine beinahe menschliche Kontur gibt.

Viele Stereotype und dennoch ein vielschichtiger Charakter

Dem mühselig-komplizierten Leben Gunthers zu folgen, hat auch nach acht Bänden kein bisschen an Reiz verloren, weil Kerr eine enorm vielschichtige, und zutiefst menschlich-sympathische Figur geschaffen hat. Natürlich folgt er dem Prinzip des „Einsamen Wolfes“, der in einer verdorbenen Welt (natürlich vergeblich) versucht, „das richtige Leben im Falschen“ zu führen.

Bernhard Gunther bleibt allen Untaten zum trotz sympathisch

Gunther funktioniert auch deshalb so gut, weil Kerr ihn nicht glorifiziert. Natürlich leistet sich der deutsche Polizist kleineren Ungehorsam gegen das System, versucht anständig zu bleiben, aber Kerr gesteht ihm das natürlich nicht dauerhaft zu. Immer wieder muss Gunther sich die Hände schmutzig machen, nicht nur im Widerstand gegen das System, sondern immer wieder auch in dessen Namen und für dessen Repräsentanten. Immerhin hasst sich Gunther nach seinen Kriegseinsätzen und spielt mit dem Gedanken an Selbstmord. Die Pflichterfüllung, da ist er vermutlich in den Augen seines literarischen Schöpfers wieder ganz Deutscher, hält ihn davon ab.
Wer sich für historische Krimis interessiert und Krimistoffe mit Seriencharakter mag, dürfte sich mit Bernie Gunther sehr wohl fühlen. Gerade weil er so oft fehl geht.
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Philip Kerr schreibt mit Böhmisches Blut ein weiteres Bernie-Gunther-Kapitel

Die Krimihandlung? Mehr oder weniger bei Agatha Christie geklaut. Die Bösewichter? Einfach der Geschichte entnommen. Das Prinzip? Schon mehrfach benutzt. Eigentlich müsste man Philip Kerr mindestens der Ideenlosigkeit, wenn nicht eines Plagiats anklagen, so wenig originell scheinen die Elemente, die er in seinem neuesten Kriminalroman um Bernie Gunther verwendet.  Doch dem Schotten sind all diese „Verfehlungen“ nachzusehen, weil er mal wieder einen teuflisch spannenden Krimi geschrieben hat.

Ein neuer Fall für Bernie Gunther

„Böhmisches Blut“ heißt der neueste Fall des Berliner Kriminalkommissars Bernhard Gunther, Wie schon im Vorgänger schickt Kerr seinen Protagonisten mitten in die düsterste Zeit deutscher Geschichte. Gunther ist verstört vom Einsatz an der Ostfront zurück in Berlin. Und als Mitglied der SS war er wohl an den schlimmsten Greueltaten beteiligt. Jetzt verrichtet er wieder, die Deutschen sind laut Kerr nun mal so, pflichtbewusst seinen Dienst im Polizeipräsidium am Alex.

Gunther als Leibwächter eines SS-Generals

Mitten in Morde und andere Missetaten ereilt ihn der Ruf seines Herren nach Prag. Reinhard Heydrich, Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, verlangt nach dem schrulligen Bullen, mit dem er bereits in Frankreich zusammenarbeitete. Heydrich erzählt Gunther nach dessen Ankunft, dass er um sein Leben fürchte. Der Polizist solle während einer Zusammenkunft hochrangiger Nazi-Funktionäre, SS- und Wehrmachtsoffiziere als eine Art Leibwächter auf Heydrich aufpassen.

Böhmisches Blut: Ein Mord bei Prag

Tatsächlich geschieht in dem abgelegenen Schloss bei Prag bald ein Mord. Der Tote, ein Adjutant Heydrichs, wird erschossen in einem abgeschlossenen Raum aufgefunden, von der Waffe fehlt aber jede Spur. Heydrich beauftragt Gunther mit den Ermittlungen. In eine Art Kammerspielsituation versucht Gunther mit Vernehmungen aller Beteiligten die Tat zu rekonstruieren. Er merkt schnell, dass es um mehr geht als einen bloßen Mord an einem Offizier.

Philip Kerr kann es einfach. Er nimmt seinen Leser bei jedem seiner Krimis auf eine enorm spannende Reise mit, deren hohes Tempo den Leser bis zur letzten Seite ins Sofa, in den Sessel, auf dem Stuhl (oder wo auch immer die bevorzugte Leseposition ist) drückt.

Schwerstverbrecher deutscher Geschichte als Darsteller

Die Faszination für die Bernie-Gunther-Reihe erklärt sich nicht nur durch die Erzählkunst Kerrs, nicht nur durch die immer wieder in einem intelligent verwobenen Gespinst, komplexer Handlungsstränge, sondern vermutlich zum guten Teil durch den historischen Rahmen. Vermutlich kann sich nur ein Brite trauen, Heydrich und all die anderen deutschen Schwerstverbrecher an der Menschheit mit einer gewissen Nonchalance als Haupt- und Nebendarsteller unterhaltsamer Kriminalromane auferstehen zu lassen. Aber es ist vermutlich die selber Faszination, die dazu führt, dass die Journalisten auch vom SPIEGEL  (und anderen Publikationen) immer neue „Originaldokumente“ des tausendjährigen Reiches hervorzaubern. Man wartet ja immer noch auf „die Tagebücher des Dackels von Görings Förster“ oder ähnliches.

 Nur kleinerer Ungehorsam gegen das System

Triebfeder für derlei journalistische Anstrengung ist vermutlich (hoffentlich) noch immer der Versuch, das Böse zu verstehen. Kerr hält sich damit nicht wirklich auf. Seine Gratwanderung auf den Klippen über dem Abgrund deutscher Geschichte gelingt, weil er sehr deutlich die düsteren (realen) Figuren, die er auftreten lässt, als Schurken schildert. Sein Bernhard Gunther ist mindestens nach seinen eigenen Kriegserlebnissen mindestens suizidgefährdet. Kerr erlaubt Gunther zudem kleineren Ungehorsam gegen das System, ohne ihn – das wäre dann wohl zu einfach – zum wirklichen Widerstandskämpfer werden zu lassen.

Philip Kerr wird einfacher – aus gutem Grund

Mitten im Krieg bezieht Kerr anders als in den vorherigen Bänden deutlichere Position. Er verzichtet, ebenfalls anders als in vielen vorherigen Gunther-Krimis wie „Mission Walhalla“ auf zeitliche Sprünge und nimmt auch damit seinem Protagonisten einiges an Ambivalenz. Vor und Nachkriegszeit, in die Kerr die meisten Kerr. Krimis angedockt hatte, botem dem Autor bei moralischen Fragen um das „richtige Leben im falschen“, der vielen Krimis seit Raymond Chandler Reiz verleiht, einigen Spielraum. Der Krieg nicht.

Philip Kerr, Böhmisches Blut, Wunderlich, 478S, ??€, VÖ: Januar 2014

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