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Christine Cazons „Mörderische Côte d’Azur“: Ästhetik der fünfziger Jahre

Es gibt, um das Fazit vorweg zu nehmen, zwei Möglichkeiten „Mörderische Côte d’Azur“ von Christine Cazon zu bewerten. Die erste, etwas einfachere Variante lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Ein solider, mäßig spannender, eher durchschnittlicher, aber insgesamt einigermaßen unterhaltsamer Krimi.

Pseudo-authentische Sprachfragmente bei Christine Cazon

Die zweite, offen gestanden einigermaßen ungnädige Einordnung, wäre mit einem knappen „unerträglich“ abgehandelt. Ein solch deutliches Urteil verlangt natürlich eine Begründung. Und die fällt in diesem Fall höchst subjektiv, wenn man so will in erster Linie Stilfragen betreffend, aus. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Romanfiguren zur Bekräftigung lokaler Zuordnung Dialektfetzen oder in diesem Fall Rudimente fremder Sprachen in den Mund gelegt werden. Tatsächlich aber wird in „Mörderische Côte d’Azur“ dem Leser nicht nur ständig „Bonjour-“ oder „Monsieur“ entgegengeschleudert, sondern immer wieder, in erratischen Abständen auch „n’est ce pas-“ oder „Ah-bon“. Fehlt eigentlich nur noch ein gelegentliches „Oh-la-la“, damit auch der Dümmste begreift: Dieser Krimi spielt in Cannes, und das liegt in Frankreich.

Ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre

Ich finde, Krimis müssen in erster Linie unterhalten. Insofern dürfen sie die Anforderung des Hochfeuilletons an permanenten sprachliche Innovation in der Literatur weitgehend ignorieren, aber ein ästhetischer Rücksturz in die fünfziger Jahre muss andererseits wirklich auch nicht sein. Letztlich ersetzen diese französischen Fragmente das genaue Hinschauen auf tatsächliche „exotische“ Eigenheiten anderer Kulturen. Insofern verschenkt „Mörderische Côte d’Azur“ permanent Steilvorlagen in den freien Krimi-Raum. Das Stilmittel des Sprachfragment erinnert vielmehr an Karl May und seine Beschreibungen von Regionen, die er nie gesehen hatet. Das passt zu ersten Spekulationen, dass es sich bei Christine Cazon, die laut Klappentext mit „Mann und zwei Katzen in Cannes lebt“ um ein Pseudonym handelt.

Ein Mord bei den Filmfestspielen in Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“

Die Krimi-Idee ist dabei eigentlich nicht schlecht. Kommissar Léon Duval, der sich von Paris nach Cannes hat versetzen lassen, wird noch während seines eigenen Umzuges in den Festspielpalast gerufen. Mitten während einer Filmvorführung wird ein profilierter Regisseur erschossen.  Kommissar Duval, natürlich permanent „Monsieur le Commissaire“ genannt und sein Team begeben sich auf die Suche. Schnell stellen sie fest, dass der gefeierte Dokumentarfilmer gleich mehrere dunkle Flecken in seiner Vergangenheit hat. Duval nimmt sich noch Zeit, gleichzeitig mit seiner Ex-Frau zu schlafen und ausgiebig mit einer  jungen, schönen Journalistin zu flirten, bevor er den Täter überführt.

Tatort:Cannes

Französische Floskeln ersetzen den präzisen Blick. So könnte man die Beschreibung des  Tatort Cannes in „Mörderische Côte d’Azur“ kurz zusammenfassen. Man weiß nicht, wie gut sich die Autorin sich in der südfranzösischen Stadt auskennt, hat aber dauerhaft das Gefühl mit Stereotypen überhäuft zu werden. Ja, Stau. Ja, einfache kleine Restaurants mit sensationellem Essen. Ja, Touristen. Ja, schicke Yachten im Hafen vor der Promenade. Und ja, natürlich ein Irrsinn während der Filmefestspiele. Das hätte man aber offen gestanden alles auch ohne sich länger als der durchschnittliche frankophile Tourist in der Stadt aufzuhalten, herausgefunden – und aufschreiben können.

Christine Cazon, „Mörderische Côte d’Azur“, Kiwi, 331S., 9,99€, VÖ: Februar 2014

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Gnadenlose Härte in Massimo Carlottos „Die Marseille-Connection“

Eine breite, tiefrote Spur zieht sich durch Marseille. Es ist eine blutige Spur, gelegt von einer zutiefst amoralischen Gesellschaft. Es ist nichts Neues, dass unter den bürgerlichen Fassaden der Metropolen Schattengesellschaften existieren. In der südfranzösischen Hafenstadt scheint der Firnis der Zivilisation, unter dem ein Abgrund von Gewalt und Verbrechen droht, besonders dünn. Genauer gesagt scheint die sogenannte bessere Gesellschaft von tiefen Rissen durchzogen. Das behauptet zumindest Massimo Carlotto in seinem neuesten Kriminalroman „Die Marseille Connection“.

Ein neuer Verbrechertypus in „DIe Marseille-Connection“

Der Italiener Carlotto hetzt in seinem düsteren Gesellschaftsentwurf verdorbene Charaktere unterschiedlichster Herkunft aufeinander. Da ist zunächst ein Bolivianer, der zuhause einen Bandenkrieg verlor und als Drogenkurier ins Exil gejagt wurde, dann spielt der einheimische Gangsterboss mit einem korsischen Netzwerk eine wichtige Rolle. Außerdem steht ein neuer Verbrechertyp im Zentrum der Erzählung, es sind vier junge Erfolgsmenschen, bestens ausgebildet und mit besten Aussichten auf die Zukunft, dennoch das perfekte Verbrechen planen  und – wie es grausamen Kindern nun mal oft zu eigen ist – die alte Generation überrollen wollen.

Eine Polizistin mit dubiosen Methoden

Zusätzlich mischen korrupte Lokalpolitiker und  auch der russische Geheimdienst im Spiel um Geld, Macht und Informationen im Marseiller „Nachtleben“ mit. Mittendrin befindet sich zudem noch die abgebrühte Polizistin Bernadette Bourdet, die selber nicht gerade eine Lichtgestalt ist.

Der Blick des Insektenforschers aus ein finsteres Biotop

Alle „Spieler“ in dem Szenario befinden sich auf einer sehr abschüssigen Straße Richtung Verdammnis, um mal ein emotionales Wort zu gebrauchen: Die große Emotion nämlich lässt Carlotto außen vor, er nähert sich seinen Protagonisten mit einem distanzierten Interesse, dem ein Botaniker dem Leben im Insektenbau folgt. Gerade diese gnadenlose Distanz in der Beschreibung macht „Die Marseille Connection“ so außerordentlich gut.

Grusel der härteren Gangart in „die Marseille-Connection“

Für Krimi-Leser, die sich über flächendeckende Hoffnungslosigkeit in der Literatur freuen, bietet Carlotto erzählerisch unendliche Weidegründe. Kein Hoffnungsstreif am Horizont stört die Auseinandersetzung mit dem Elend des menschlichen Daseins.  Man muss kein Misanthrop sein um das zu mögen. Gelegentlicher Grusel auch in der härteren Variante gehört zum Krimi einfach dazu. Wenn man etwas kritisieren möchte, könnte man den Ideenreichtum Carlottos nennen, vielleicht fasst er ein oder zwei Themen zu viel an, die jeweils für einen eigenen Roman Stoff genug böten.

Tatort: Marseille

Wenn man Massimo Carlotto glauben darf, gibt es in Marseille eigentlich kaum einen Menschen, der ehrlicher Arbeit nachgeht. Selbst die Immobilienmakler versuchen inmitten der Bandenkriege und krummen Geschäfte noch ihren Schnitt zu machen. Vermutlich ist das sehr ungerecht zu der Stadt an der Mittelmeerküste, aber der Verlockung, den Schmelztiegel zur Verbrechermetropole zu stilisieren, sind ja auch schon die Macher von „The French Connection“ erlegen. Im 21. Jahrhundert ist alles halt nur eine Nummer größer: Das Verbrechen, die Härte, die Stadt.

Massimo Carlotto, Die Marseille Connection, Tropen, 18,95€, VÖ: Oktober 2013

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Franck Thilliez beschäftigt sich mit der Manipulation des Geistes

Lucie Hennebelle bekommt einen verstörenden Anruf. Ein entfernter Bekannter hat einen sehr alten Film gesehen und ist ob der quälenden Bilder erblindet. Die Polizistin aus Lille kommt dem Mann zu Hilfe und beginnt zu ermitteln. Franck Sharko, Spezialist bei einer Sondereinheit in Paris, wird zu einem besonders gruseligen Tatort gerufen. Gleich ein halbes Dutzend Leichen mit grausamen Verstümmelungen und aufgesägten Schädeln werden verscharrt aufgefunden. Sharko schaut sich um. Es dauert nicht lange und die Wege der Polizistin aus der Provinz und des Großstadtbullen kreuzen sich. Gemeinsam kommen sie einer groß angelegten, weit in die Geschichte zurück reichende Verschwörung auf die Spur.

Grausige Experimente um geheime Botschaften

Franck Thilliez, der sich „Öffne die Augen“ erdacht hat, greift bei seinem Thriller tief in die Kiste gruseliger wissenschaftlicher Erkenntnisse und verbindet Tatsachen und Vermutungen zu einem ganz eigenen Stoff. Der Franzose beschäftigt sich dabei mit der Überlistung des menschlichen Auges und der Manipulation des Geistes. Für das Auge nicht sichtbare Bilder, sei es, weil sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, sei es, weil sie im Hauptbild verborgen sind übermitteln laut Thilliezs Recherchen dabei geheime Botschaften. Eine Technik, die – so Thilliez – in Werbung und Wahlkampf seit Jahrzehnten üblich ist, in seinem Fall aber für grausige Experimente verwendet wurde.

Franck Thilliez zieht eine blutige Spur durch „Öffne die Augen“

„Öffne die Augen“ ist so in doppelter Hinsicht kein einfacher Stoff. Der Autor bringt auf dem Seiten jede Menge wissenschaftliche (oder zumindest pseudowissenschaftliche) Erklärungen unter und er setzt auf düstere Effekte. Es zieht sich eine Spur von Sadismus und Gewalt durch den Krimi. Zwar spendiert er beiden Kommissaren, wie mittlerweile branchenüblich, ein üppiges Privatleben, aber von heiler Welt kann in beiden Fällen keine Rede sein. Eher schon ist von grenzwertigen psychologischen Profilen auszugehen. Lucie Hennebelle hat zwei Töchter, keinen Mann, aber eine dominante Mutter. Eines der beiden Kinder ringt zudem mit dem Tod. Die Tochter Sharkos ist bereits tot, aber sie verfolgt den Kommissar durch den Alltag und ist beinahe seine wichtigste, zumindest unentrinnbarste Gesprächspartnerin. Trotz ihrer Deformationen wirken die Polizisten, wenn nicht immer sympathisch, so doch glaubwürdig. Und das hilft ja immer bei der Krimi-Lektüre.

Ein solider Thriller um eine Verschwörungstheorie

Franck Thilliez hat einen nicht immer einfachen, aber meist interessanten Thriller geschrieben, der, das scheint bei seinen Landsleuten beliebtes Motiv, thematisch das ganz große Rad dreht. Wer also weitreichende, mit wissenschaftlich klingenden Erläuterungen glaubwürdig konstruierte Verschwörungstheorien, deren Aufklärung die Ermittler über mehrere Kontinente führt, mag, der ist mit „Öffne die Augen“ bestens bedient. Etwas ärgerlich ist allerdings eine handwerkliche Panne, für die der Autor nichts kann. Die deutschen Übersetzer, beziehungsweise vermutlich die Strategen aus der Marketingabteilung, haben der Kommissarin unterschiedliche Namen gegeben: Im Text heißt die Dame konsequent Lucie Hennebelle, im Klappentext hartnäckig Lucie Hennebert. Das ist natürlich nebensächlich, wirkt aber latent lieblos.

 

Tatort:Frankreich

Einen konkreten Tatort gibt es bei Franck Thilliez nicht. Seine Verbrechen passieren unter anderem in Lille, Notre-Dame-de-Gravenchon, in Belgien, Kairo und Kanada. Thilliezs Kosmos ist also der Globus, entsprechend sparsam fallen also die Beschreibungen der Tatorte aus, das ist bei einem „globalen“ Thriller kein Mangel, nur für Freunde ausgefeilter Orts-Nachempfindungen wird es schwierig. Dennoch hat der Franzose die Atmosphäre seiner Schauplätze gut eingefangen, das gilt insbesondere für den ägyptischen Moloch Kairo, aber auch für die abgelegene Hütte in der kanadischen Provinz.

Franck Thilliez, Öffne die Augen, Goldmann, 478 S., 17,99€

VÖ: 9. Juli 2012

 

 

 

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Eher Skizze als Thriller: Yves Ravey und seine „Buderliebe“

Es gibt Bücher, da reicht es schon, wenn man sie in die Hand nimmt – und schon fühlt man sich ein ganzes Ende klüger. So ist das auch mit „Bruderliebe“ von Yves Ravey. Ein kleines Bändchen vom Umfang eines schmalen Taschenbuches, allerdings mit Hardcover und einem edel-dunkel gestalteten Umschlag. Die ganze Gestaltung suggeriert schon: „Achtung! Nur für Intellektuelle“.

Meist stehen in derartigen Bändchen präzise formulierte Geschichten mit großartig erdachten Formulierungen zum Niederknien. Bei „Bruderliebe“ ist das alles etwas anders. Yves Ravey hat einen Krimi geschrieben: Zwei Brüder treffen nach 20 Jahren wieder aufeinander und beschließen die Tochter des Chefs des Jüngern, die zudem einst in dessen Zentrum des romantischen Interesses stand, zu entführen, um eine größere Menge Lösegeld zu erzwingen. Daraus entspinnt sich eine leidlich ränkevolle Geschichte.

Immerhin Raum für Interpretationen?

Dem schmalbrüstigen Umfang des Bändchens entsprechend, hat Yves Ravey eher die Skizze eines Thrillers verfasst als tatsächlich einen Kriminalroman. Vieles bleibt im Vagen, nur flüchtig angedeutet. Das lässt Raum für Interpretationen und könnte natürlich einen besonderen, mysteriösen Reiz entfalten. Hier ist es jedoch überwiegend banal. Außerdem entwickeln sich kaum echte Spannungselemente. Eine Todsünde für jeden Krimi.

Bedauerlicherweise erfüllt Ravey auch nicht die Erwartung an sprachliche Höchstleistung, die die Verpackung verspricht. Seine Kurzerzählung liest sich ordentlich, besticht aber nicht durch innovative Konstruktionen oder Beschreibungen, die auf den Punkt sensationell genau sitzen. „Bruderliebe“ ist so ein überflüssiges Buch, das noch nicht einmal Spaß macht – und klüger wird man auch nicht.

 

Tatort: Frankreich.

Viel erfährt man nicht vom Tatort. Die Handlung ist irgendwo in einem abgelegenen Bergkaff an der französisch-schweizerischen Grenze angesiedelt. Warum einer der beiden Brüder, ein Kämpfer (für wen eigentlich?) in Afghanistan ausgerechnet von der Schweiz aus nach Frankreich einreisen muss, bleibt vermutlich das Geheimnis des Autoren. Immerhin kann man sich die Ödnis abgelegener Bergwelten, mit der Yves Ravey in seine Krimi-Skizze unscharf hinterlegt, einigermaßen vorstellen. Landschaft und Menschen der Grenzregion wirken so, also sei die Zeit Ende der siebziger Jahre stehen geblieben. Eine Vorstellung, die auf den ersten Blick abscheulich wirkt, aus der Distanz aber ein gewisses, beinahe schon archäologisches Interesse weckt.

Yves Ravey, Bruderliebe, Kunstmann, 110 S., 14,95€

VÖ 23. Februar 2012 

 

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Klassiker

Ein perfektes Duo: Georges Simenon und Kommissar Maigret

Das waren noch Zeiten. Zur Pause ließ der Kommissar für seinen Assistenten und sich an langen Arbeitstage belegte Baguettes und Bier kommen. Nicht eins, sondern gleich drei, natürlich. Überhaupt gab es rein dienstlich reichlich Gelegenheiten zum trinken.  Absinth, Weißwein, Bier – und als Mittel gegen Kälte – auch den einen oder anderen Cognac.
Kommissar Maigret hatte kein einfaches Leben als Ermittler, aber der begeisterte Pfeiferaucher lebte, zumindest was die Duldung kleinerer Laster anging, in seligen Zeiten. 1929 betrat der hünenhafte Ermittler erstmals die literarische Bühne.

Unorthodoxe Ermittlungsmethoden

Gleich in seinem ersten Fall muss sich Maigret mit einer Art internationaler Verbechersyndikat auseinandersetzen: „Pietr der Lette“ leitet eine Verbrecherorganisation, die europaweit operiert, vermögende Bürger um ihr Geld bringt und auch vor Mord nicht zurück schreckt. Der Kommissar, den sich der belgische Schriftsteller Georges Simenon erdachte, hat dabei unorthodoxe, aber nichts desto trotz erfolgreiche Ermittlungsmethoden. Die Polizisten rücken den Verbrechern ganz schlicht beinahe buchstäblich auf die Pelle, folgen all ihren Bewegungen auf Schritt und Tritt, um sie so nervös zu machen und zu verräterischen Fehlern zu verleiten.  Natürlich stellt sich im Verlauf heraus, dass Verbrecher doch nicht so einfach denken, wie sich das die Bürohengste in den Polizeizentralen so ausdenken. Auf Maigret, der sich seinen Fällen stets mit Haut und Haar verschreibt,  jedenfalls wartet kriminalistische Schwerstarbeit.

Ein Polizist mit viel Verständnis für Missetäter

Die Reihe um den Pariser Ermittler mit dem großen Verständnis für alle gescheiterten Seelen erhält ihren besonderen Reiz dadurch, dass sie für uns heute in einer komplett anderen Welt spielen: Über 80 Jahr steht der erste Band der Reihe, „Maigret und Pietr der Lette“ jetzt schon in den Buchhandlungen. Elektrisch Licht, Telefon und Taxi waren noch erwähnenswerte Besonderheiten. In Maigrets Büro sorgte noch ein handbefeuerter Ofen für angenehme Wärme. (Den er auch in Zeiten nach der Einführung einer Zentralheizung behalten sollte) International wurden gelegentlich über die nagelneue Organisation „Interpol“ Telegramme ausgetaucht.

Enorm intensive und glaubwürdige Krimis

Das Paris Maigrets wirkt nostalgisch bis exotisch, ersteht aber in den Beschreibungen Simenons vibrierend zu Leben und wirkt trotz der zeitlichen Ferne sehr vertraut. Deshalb „funktionieren“ die Kriminalromane Simenons bis heute hervorragend. Die Zeiten waren andere, die Umstände gelegentlich faszinierend skurril, aber die Sehnsüchte, Wünsche und Motive der Menschen haben sich in 82 Jahren nicht wirklich verändert- und damit auch nicht die Intensität und Glaubwürdigkeit der Maigret-Krimis.
„Pietr der Lette“ ist der erste von insgesamt 75 Maigret-Romanen, die den Weltruhm von Georges Simenon begründen. Ganz „nebenbei schuf der schreibwütige Belgier noch 120 Romane jenseits des Maigret-Universums.

Die Entstehung des Krimi-Erstlings ist dabei so faszinierend wie sein „Schöpfer“ selber, der 1903 in Lüttich geboren wurde und 1989 in Lausanne verstarb. Wenn man dem Autor glauben darf, entstand der „Lette“ in vier Tagen an Bord einer Yacht im Hafen von Amsterdam.  Das erscheint insofern glaubwürdig, als Simenon bis dahin sein Geld als Autor von schnell verfassten Groschenromanen verdiente. Die Maigret-Premiere war der erste Versuch, einen literarischen Kriminalroman zu schreiben – und der erste Roman, den Simenon nicht unter einem Pseudonym veröffentlichte.

 

Tatort:Paris

Kommissar Maigret ermittelt in Paris. Oft sucht er vornehme Orte auf, muss sich in Hotels oder der Oper einquartieren und wirkt dort meist wie ein Fremdkörper. Zumindest versucht ihn das Personal des öfteren abzuwimmeln. Das Paris Maigrets befindet sich auch eher in den Seitenstraßen, im Café um die Ecke, in der kleinen Bar des einfachen Volkes. Hier fühlt sich der Kommissar wohl, hier fängt Simenon die Stimmung des Pariser Alltagslebens perfekt ein. Die französische Hauptstadt Simenons ist ein historischer Ort. So sollte man insbesondere die frühen Maigret-Romane auch lesen. Die Beschreibungen heruntergekommener Mietskasernen jedenfalls geben einen guten Einblick ins Paris der Vorkriegszeit. Der Glanz, die Pracht, aber eben auch die Hoffnungslosigkeit, die Tristesse jedenfalls sind so eindringlich beschrieben und haben eine derart überzeugende innere Wahrhaftigkeit, dass man sie auch heute bei einem Paris-Besuch wiederentdecken kann – wenn man so genau hinschaut, wie das Georges Simenon und sein literarischer Begleiter Jules Maigret einst taten.

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette, Diogenes, 9 €

VÖ: 1929 (D 1959)

Einen Text von mir zum Buch gibt es auch auf dem WLG

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Diagnose Mord

Ärzte, insbesondere junge Mediziner haben es oft nicht leicht. Das gilt vor allem dann, wenn ihnen die Patientin unter der Nase weg entführt wird. So passiert es der Notärztin Ella Bach in der Charité. Zusammen mit ihrem Rettungsassistenten hatte sie nach einem anonymen Anruf eine übel zugerichtete Frau aus einer Wohnung in Kreuzberg abgeholt und in die Rettungsstelle in Berlin-Mitte transportiert. Dort kommt ihr ihre schwer verletzte Patientin dann abhanden.
Es soll noch viel dicker kommen. Am nächsten Morgen findet sie ihren Freund, Ex-Lover und Kollegen Max tot in seiner Wohnung. Spätestens in diesem Moment geht der jungen Frau auf, dass etwas ganz entschieden nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Notärztin beginnt, zu Entführung und Mord Fragen zu stellen und gerät dadurch alsbald in einen reißenden Strudel der Ereignisse. Ella Bach tappt lange im Dunkeln. Von wirklicher Ermittlung – schließlich ist sie letztlich doch nur Medizinerin – kann bei ihrer hartnäckigen Suche nach den Hintergründen keine Rede sein. Schnell wird immerhin klar: Es geht um weit mehr als eine simple Beziehungstat.
Claus Cornelius Fischer hetzt in seinem neuesten Roman „Erlösung“ seine Hauptdarstellerin erst durch Berlin und später quer durch Frankreich. Die Geschichte um Ella Bach liest sich gut weg, der Spannungsbogen stimmt, wenn man über einen kleineren Schönheitsfehler hinwegsehen mag. Die Grundidee der ermittelnden Ärztin wirkt konstruiert, die Figur der Konventionen sprengenden Medizinerin nicht wirklich glaubhaft. Wer das ignorieren kann, wird mit „Erlösung“, das bereits im März auf den Markt kam, viel Spaß haben.

 

Tatort:Berlin

Man sieht den Autoren förmlich vor sich, wie er mit dem Stadtplan die Strecke abläuft. Die Wegbeschreibungen durch Berlins Mitte sind akribisch nachgezeichnet. Dennoch bleibt der Schauplatz das Berlin der Touristen – die Charité in Mitte, Wohnungen am Hackeschen Markt, in Kreuzberg und Schöneberg, das Diplomatenviertel. Das ist nicht sonderlich aufregend, wird der wilden, bunten Stadt Berlin nicht wirklich gerecht, hat aber einen hohen Wiedererkennungswert auch, vielleicht besser vor allem, für Menschen, die nicht in der Hauptstadt leben.
C.C. Fischer, Erlösung, Blessing, 19,95 €