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Harald Gilbers gelingt mit „Germania“ ein besonders fesselndes Krimi-Debüt

Ein besonders gutes – und deshalb vermutlich besonders häufig – verwandtes Thema in der Kriminalliteratur, stellt einsamen Aufrechten in einer gnadenlos verdorbenen Welt ins Zentrum der Handlung. Raymond Chandler hat vermutlich mit Philip Marlowe den bislang bekanntesten Detektiv geschaffen, der solch ein richtiges Leben im falschen führt. Eine interessante Version des Themas gelingt, wenn der Plot in totalitäre Systeme verlegt wird. Tom Rob Smith und Sam Eastland lassen ihre Protagonisten durch den Stalinismus stolpern, die Briten Robert Harris und Philip Kerr haben brillante Krimis in die NS-Zeit verlegt.

 Ermittlungen im Bombenhagel

Genau dort hat jetzt auch ein Deutscher einen Krimi-Stoff angesiedelt. „Germania“ spielt in den letzten Tagen des dritten Reichs, als Berlin unter den permanenten Angriffen alliierter Bomber erzittert. Ein Serienmörder lauert jungen Frauen auf, verstümmelt und ermordet sie gnadenlos. Die Behörden entsinnen sich des Juden Richard Oppenheimer, einst Kriminalpolizist, der eigentlich schon lange Berufsverbot hat: Da er mit einer „arischen“ Frau verheiratet ist, wurde er bislang weder deportiert noch umgebracht. Weil die Ermittler der SS einen Nazi als Täter vermuten, scheint der kaltgestellte aber immerhin unbefangene Oppenheimer die richtige Wahl. Der Ex-Polizist, der im Geiste noch immer aufrechter und pflichtbewusster preußischer Beamter ist, macht sich auf die Suche, obwohl er genau weiß, dass seine „Gnadenfrist“ endgültig abgelaufen sein könnte, wenn er den Täter findet und stellt.

Harald Gilbers hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben

Harald Gilbers hat sich den wackeren Polizisten für „Germania“ erdacht – und das hat er im Großen und Ganzen richtig gut gemacht. Der Journalist und Theater-Regisseur  Gilbers hat eine enorm spannende Geschichte erfunden und erzählt sie – das ist für einen Kriminalroman immer das höchste Lob – fesselnd. Die besten Bücher sind doch immer noch die, die man nicht weglegen mag. „Germania“ gehört dazu.

Ein Schönheitsfehler bei „Germania“

Einen Schönheitsfehler hat der Kriminalroman: Titel und Vorspann sind eine außerordentliche Mogelpackung. „Germania“ suggeriert, dass es um die wahnwitzige Megapolis Hitlers gehen könne. Tatsächlich treten der wahnsinnige Diktator, sein Bauherr Albert Speer und ein Modell der Stadt auf den ersten drei Seiten auf – und dann  nicht wieder. Es könnt ein Kunstgriff sein, den Gegensatz der größenwahnsinnigen Planung und der bombennarbigen Totenstadt des Kriegsendes herauszustellen. Nötig wäre ein solcher Kniff nicht. Und so bleibt der Verdacht, dass sich Autor und Verlag auf einen verkaufsfördernden Marketing-Trick geeinigt haben. Das aber stört den insgesamt großartigen Eindruck, den Gilbers Debüt hinterlässt.

 

Tatort:Berlin

Es gibt für den deutschen Leser wohl kaum einen „Tatort“ den er so gut kennt wie Berlin. Das historische Berlin löst dabei beim Leser häufig eine besondere Faszination aus. „Mauer und „das 3. Reich“ sind die am häufigsten nachgefragten Themen bei Touristen aus In- und Ausland. Insofern hat es Harald Gilbers natürlich leicht, die Stadt als Kulisse für seinen Krimi in Szene zu setzen. Das gelingt ihm, obwohl er sich nicht wirklich Mühe gibt. Das historische Berlin blitzt immer wieder durch, aber man hat das Gefühl, dass der Münchner Gilbers allein in einigen Bildbänden recherchiert hat. Die Wege, die er seinen Ermittler Richard Oppenheimer zurücklegen lässt – und das auch noch größtenteils zu Fuß – sind jedenfalls nicht  besonders plausibel. Da man die Stadt in aller dichterischen Freiheit dennoch gut wieder erkennt, macht auch das oberflächliche Berlin-Bild Spaß.

Harald Gilbers, Germania Knaur, 535S., 9,99€, VÖ: November 2013