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Leena Lehtolainens Familiensaga um eine moderne Abenteuerin

Ein guter Name ist oft die „halbe Miete“, auch bei einem Roman. Der Klang entscheidet in Heldengeschichten, Märchen und Sagen oft darüber, ob eine Figur glaubwürdig oder sympathisch wirkt. So gesehen ist Hilja Ilveresko ein genialer Einfall. Er wirkt bodenständig normal und doch  beinahe auf der ganzen Welt exotisch, deutet auf Geschichten in fernen Welten hin.

Hilja Ilveresko, Ermittlerin am Rande einer bürgerlichen Existenz

Die Figur, die sich hinter Hilja Ilveresko verbirgt ist denn auch eine moderne Abenteuerin. Wie viele Vorbilder in der Kriminalliteratur, von Sherlock Holmes über Philip Marlowe bis hin zu Lisbeth Salander, lebt die Finnin eher am Rande bürgerlicher Existenz, ist nur mit brüchigen Trossen im sicheren Hafen der Gesellschaft vertäut, jederzeit bereit sich loszureißen, um mehr treibend als zielstrebig unerforschte, gelegentlich gefährliche Gefilde anzusteuern. Hilja Ilveresko wuchs als Beinahe-Waise in der finnischen Wildnis auf, wurde Leibwächterin und schlägt sich, seitdem das schief ging, mit allerlei Gelegenheitsjobs durchs Leben, kann schießen ,kämpfen  und kellnern – und nimmt sich die Männer, die sie will.  Ganz nebenbei pflegt sie noch ein Alter Ego, verkleidet sich, wenn es die Situation verlangt als Mann.

Leena Letholainens „Löwe der Gerechtigkeit“ ist eigentlich kein Krimi

Wenn man strenge Maßstäbe anlegt, ist Hilja Ilveresko vollständig unglaubwürdig, aber genau das macht den Reiz der Figur aus. Die finnische Detektivin, die sich die erfolgreiche Schriftstellerin Leena Lehtolainen zur Abwechslung Autorinnen-Alltag als Zweit-„Heldin“ erdacht hat, ist eine höchst unterhaltsame Märchenfigur. Da macht es gar nichts, dass die Handlung im zweiten Band der Trilogie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Nach „Die Leibwächterin“ geht, so die Ankündigung, Ilveresko in „Der Löwe der Gerechtigkeit“ erneut auf Verbrecherjagd. Genau genommen ist „Der Löwe der Gerechtigkeit“ jedoch eher eine Familiensaga, allerdings ohne Familie. Der Leibwächterin geht zunächst in Italien der Geliebte verloren, dann beobachtet sie einen Mord und schließlich treiben  allerlei Unterweltfiguren, die man in Band eins bereits bezwungen wähnte, wieder ihr Unwesen.  Außerdem erfährt der Leser so einiges über die Familie und Vorgeschichte der Detektivin. Das ist, im Sinne eines Krimis, insgesamt mäßig spannend aber dennoch höchst unterhaltsam, allein weil man der durchgeknallten Frau mit Luchs-Tick auch durch die abstrusesten Situationen einigermaßen gerne folgt.

Tatort:Finnland

Man würde ja gerne wissen, ob Leena Lehtolainen speziell  für den deutschen Markt schreibt, ihre Tatorte jedenfalls legen das nahe. Viele Deutsche reisen gerne in den Norden, um aus den überfüllten Städten in skandinavische Einsamkeit zu fliehen. Das Konzept von einsamer Hütte in idyllischer Landschaft muss wohl das romantische Gen des Volkes, das den Spaziergang in der Natur erfunden hat, aktivieren. Jedenfalls bleibt das Helsinki Lehtolainens einigermaßen blass, während die Hütten, die Seen und Waldlandschaften plastisch und glaubhaft inmitten weitläufiger nordischer Einsamkeit stehen und situationsgerecht behaglich-einladendes Licht oder unheimliche Düsternis verströmen. Dem kann man sich jedenfalls nur schwer entziehen.

Leena Lehtolainen, Der Löwe der Gerechtigkeit, Kindler, 348S., 19,95€

VÖ: 19. Januar 2013



Thalia.de

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James Thompson weckt den Wunsch auf ablenkungsfreie Lesezeit

Kari Vaara hat es wahrlich nicht leicht. Sein Knie ist schwer lädiert. Im Gesicht trägt er eine Narbe, seit auf ihn geschossen wurde und er hat Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Zu Hause wartet seine Frau hochschwanger auf die Geburt des ersten Kindes. Zum Verdruss des Mittvierzigers hat sich noch die eher anstrengende Verwandtschaft aus den USA, der Heimat seiner Frau, anlässlich der Geburt bei ihm einquartiert

Ein Bündel Probleme für den Kommissar

Im Büro muss er sich mit missgünstigen Kollegen und einem Partner herumschlagen, bei dem nicht klar ist, was stärker ausgeprägt ist. Das Ego oder die Schießwut. Zu allem Überfluss hat er noch einen Chef, der ihm vorschzureiben versucht, welche Ergebnisse seine Ermittlungen bringen sollen. Dennoch geht der Kommissar unverdrossen seiner Arbeit nach.

Der US-Amerikaner James Thompson hat sich den finnischen Ermittler erdacht – und das hat er gut gemacht. Auch wenn der Autor seinem Kari Vaara ein Bündel an Problemen schnürt, dass im wahren Leben schier unmöglich zu schultern scheint, folgt man dem trinkfesten Finnen auch in seinem zweiten Fall sehr gerne durch die Seiten.

Eine vielschichtige Geschichte

Thompson hat mit „Totenwinter“ einen Kriminalroman abgeliefert, der vor allem wegen der nicht durchgehend völlig sympathischen, aber immer zutiefst menschlichen Hauptfigur fesselt. Außerdem hat der Amerikaner eine vielschichtige, interessante, lehrreiche und extrem spannende Geschichte erdacht, die den Wunsch auf ablenkungsfreies Lesen bis zur Auflösung weckt.

Zahlreiche Verstrickungen im hohen Norden
Kari Vaara muss zunächst den Mord an einer schönen, jungen Frau aufklären die buchstäblich zu Tode gepeitscht an der Seite ihres bewusstlosen Reitlehrers und Geliebten gefunden wird, der sich auf den ersten Blick als Täter aufdrängt. Außerdem soll der Kommissar die Verstrickungen eines greisen Kriegshelden in die Greuel der Nazi-Zeit untersuchen. Beide Fälle sollen nicht die einzigen Rätsel bleiben, die Vaara in „Totenwinter“ in einen tiefen Sumpf  aus Leidenschaft, Verderbtheit und Boshaftigkeit treiben, in dem der Polizist häufiger die Orientierung zu verlieren droht.

Unterhaltsames Spiel mit Vorurteilen
Dass der US-Amerikaner Thompson, der in Helsinki mit einer Finnin verheiratet lebt, seinem finnischen Polizisten eine Amerikanerin als Ehefrau an die Seite stellt, erhöht den Reiz des Romans noch einmal weil er unterhaltsam mit gegenseitigen Vorurteilen und Klischees spielt. Das überdeckt auch den einzigen kleineren Schönheitsfehler. Der Roman ist weitgehend im Präsenz erzählt – und das wirkt immer ein wenig ungelenk.

Viele Handlungsstränge, hohes Tempo

„Totenwinter“ überzeugt in mehrfacher Hinsicht, und nicht zuletzt deshalb, weil Thompson ein Talent dafür hat, eine vielschichtige, gekonnt verästelte Geschichte zu erzählen, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, oder das Tempo herauszunehmen.

 

 

Tatort: Helsinki
Helsinki ist eine merkwürdige Stadt. Sie erscheint oft gesichtslos mit bunt durcheinander gewürfelten Stilen: Sozialistischer Realismus, stalinistischer Prunk, westliche Vielfalt und nordische Klarheit wechseln sich auf engstem Raum ab. Gleichzeitig strahlt die Stadt eine gewisse abweisende, besser vielleicht introvertierte Grundstimmung aus. Das daran liegen, dass die Stadt nun mal sehr weit im Norden liegt und sich den größten Teil des Jahres mit zurückhaltend formuliert ungemütlichem Wetter herumärgern muss und Bewohner deshalb wie Bebauung eher nach Innen gekehrt erscheinen. Dort aber gibt es zahlreiche kleine Fluchten, idyllische Orte. Diese ambivalente Stimmung hat James Thompson gut eingefangen, auch ohne dass konkrete Orte im literarischen Stadtplan wiederzufinden wären. Während andere nordische Autoren sich gerne auf die Tristesse ihrer Tatorte beschränken, beschreibt  Thompson gekonnt die eigenwillige Komplexität einer strengen Schönheit im hohen Norden.

James Thompson, Totenwinter, Rowohlt, 9,99

VÖ: Oktober 2011