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Film Noir, ein Familienalbum für Krimi-Liebhaber und Cineasten

Sam Spade in "Der Malteser Falke". Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions
Humphrey Bogart als Sam Spade in „Der Malteser Falke“. Ein früher Klassiker des Film Noir (C) Taschen/Independent Visions

Wer es schafft, einigermaßen unfallfrei älter zu werden, lässt auf dem Weg eine ganze Menge zurück, gute alte Freunde beispielsweise. Man verliert sich aus den Augen, hätte sich vermutlich nicht mehr viel zu sagen, weil man sich – in welche Richtung auch immer – entwickelt hat und bleibt doch Jahrzehnte lang von den Begegnungen aus der Jugendzeit geprägt.

Coole Vorbilder und schöne Frauen

Meistens sind diese guten, alten und enorm wichtigen Freunde reale Menschen. Bisweilen geht es auch, und ich empfinde das durchaus als Gewinn, um fiktive Charaktere. Philip Marlowe ist so eine Figur, brillant verkörpert durch Humphrey Bogart in „The Big Sleep“. Die literarische Vorlage von Raymond Chandler gehört bis heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur, das gleiche gilt für die Verfilmung von Howard Hawks, auch wenn die Filmtechnik der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittlerweile völlig antiquiert wirkt. Aber so cool, so hart und zynisch und so verletzlich wie Marlowe, ist heute kaum ein Filmfigur. Die vergeblichen Versuche, in einer dreckigen, verdorbenen Weg sauber und anständig zu bleiben, jedenfalls, hatten für jeden heranwachsenden Kinogänger und Krimi-Leser etwas Magisches und höchstes Sehnsuchtspotential: Einmal so cool sein wie Bogart, einmal einer Frau wie Lauren Bacall begegnen.

Bogart, Stewart, Welles, Stanwyck, Bacall und all die anderen

Jetzt gibt es ein Wiedersehen mit diesen Helden einer längst vergangenen Jugend. Der Taschen-Verlag hat den Bildband „Film Noir“ herausgebracht. Der massive Band, der mindestens ein Kilo auf die Waage bringt, stellt für alle Anhänger des düsteren Kriminalfilms eine Art Familienalbum dar. Ich jedenfalls bin auf viele gute alte „Bekannte“ getroffen. „Rebecca“ gehört dazu, „Die Spur des Falken“ selbstverständlich (und ebenso selbstverständlich wieder mit Humphrey Bogart), „Frau ohne Gewissen“, „Der dritte Mann“, „Das Fenster zum Hof“, aber auch „Diva“, „Pulp Fiction“, L.A. Confidential“ oder „The Dark Knight“ als Vertreter jüngerer Hollywood-Produktionen.

Klassiker der gesamten Filmgeschichte

Die Auswahl der Filme zeigt schon, dass das Genre des Film Noir nicht leicht zu fassen ist. Ursprünglich meinte die Filmkritik jenes düstere Gesellschaftsbild, das im und nach dem 2. Weltkrieg in den USA in vielen Filmen als Gegengewicht zu den Durchhalteparolen der Propaganda-Filme gezeichnet wurde. Das Kompendium, das Paul Duncan und Jürgen Miller als „Film Noir“ herausgegeben haben, wirft ein sehr weites Lasso und fängt Klassiker der gesamten Filmgeschichte ein. Zum Film Noir zählt nach dem Willen der Herausgeber als ältester Vertreter „Das Kabinett des Dr. Caligari“ von 1920 und als jüngstes Mitglied der Familie „Drive“ von 2011. Das Dilemma, sich mit strengen Filmwissenschaftlern und ihren Kategorisierungen auseinandersetzen zu müssen, lösen die Herausgeber elegant, in dem Sie ihrem Buch den Untertitel „100 All Time Favorites“ mitgegeben haben. Und über (persönliche) Favoriten kann man ja ohne Ende ergebnislos streiten.

Ein Buch mit hohem „weißt-du-noch-Effekt“

Selbstverständlich begründen Herausgeber ihre Auswahl in kurzen, klugen Einlassungen zu den verschiedenen Epochen: Das größte Vergnügen, das „Film Noir“ dem Leser beschert, ist aber jener Familienalbum-Effekt. Filmplakate, aber vor allem Fotos von Film-Szenen lösen auf fast allen Seiten diesen „weißt-du-noch-Effekt“ aus, weil man Szenen, die man möglicherweise vor 30 oder mehr Jahren das letzte Mal gesehen hat, wiedererkennt. Wem dieses Gefühl des Wiedererkennens fehlt, weil er zu jung oder in Sachen Film spät Berufener ist, dem liefern die Autoren alle wichtigen Informationen, zu Inhalt, Entstehungsgeschichte, Machern&Darstellern und sonstigen „bunten“ Fakten.
Wegen des hohen Wiedererkennungswerts ist „Film Noir“, dem Genre, das es behandelt, widersprechend, ein zutiefst sentimentales Werk. Und davon kann es, da die Welt viel zynischer geworden ist, als sich Filmemacher das einst erdacht haben, eigentlich nie genug geben.
Paul Duncan/Jürgen Müller: Film Noir, Taschen, 688 S., 39,99€

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Eine erfreuliche Lektüre: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“

Hercule Poirot hat einen scharfen Verstand. Er hört, was andere verpassen, er sieht, was andere nicht erkennen, und er stellt die richtigen Zusammenhänge her.  Kein Wunder, dass einem kleinen Körper ein großes Ego gegenübersteht. Die Aufklärungsrate – wie man das heute nennen würde – gibt dem Belgier, der ein polyglotter Handlungsreisender in Sachen Wahrheit war, immer wieder recht.

Mord im Kurswagen Istanbul-Calais

Einer der bekanntesten Kriminalfälle der Weltliteratur führt Hercule Poirot in einen Zug, den Orientexpress. Auf der Reise von Istanbul nach Wien bleibt der Zug im Balkan in einer Schneewehe stecken. Am nächsten Morgen wird eine Leiche gefunden. Die Umstände ergeben, dass nur einer der Reisenden aus Kurswagen Istanbul-Calais zum Täterkreis gehören kann.  In dieser Variante des geschlossenen-Raum-Thrillers folgt eine extrem spannende,  bis zum Schluss fesselnde Suche nach dem Täter. Die überraschende Auflösung eines länger zurückliegenden Entführungsdramas mit tödlichem Ausgang soll hier, auch wenn die Geschichte mittlerweile siebzig Jahre alt ist und weithin bekannt sein dürfte, nicht verraten werden.

Grundlage für einen Hollywood-Klassiker

Agatha Christie, Grande Dame des Krimis, erdachte den Plot in den dreißiger Jahren, als der Zug noch das wichtigste Reisemittel war und sich halb Europa in Bewegung befand. In Deutschland erschien die Kriminalgeschichte um den wunderlichen und wunderbaren Detektiv zunächst unter dem Titel „Der rote Kimono“. Spätestens seit der oscarprämierten Hollywood-Verfilmung mit Albert Finney, Ingrid Bergmann, Sean Connery, Lauren Bacall, Robert Redford und weiteren hochkarätigen Stars aus dem Jahr 1974 nennt auch in Deutschland den Krimi jeder bei seinem richtigen Namen: „Mord im Orientexpress“.

Spannender Einblick ein eine andere Zeit

Die Idee zur Rahmenhandlung kam Agatha Christie, als sie selber einmal während einer Reise mit dem Orientexpress stecken blieb.  Mit ihrem vierzehnten Werk gelang der Britin einer der wichtigsten Krimis der Geschichte. Auch wenn der Roman mittlerweile über siebzig Jahre auf dem Buckel hat, ist er unvermindert zu empfehlen. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Er gewährt zunächst Einblick in eine andere Welt, als noch Zofen, Gouvernanten und Butler die Welt bevölkerten und eine Reise in ein anderes Land für sich noch ein mehrtägiges Abenteuer darstellte. Zudem ist die Sprache, die zwar gelegentlich antiquiert anmutet – so bezeichnet eine Figur ein Buch, das sie liest, als „überaus erfreulich“ –  insgesamt von einer erfrischenden Klarheit.  Christie hat das Talent mit einer Mischung aus scheinbar völlig belanglosen Details und schnell skizzierten großen Linien ein atmosphärisch dichtes Bild zu zeichnen: Das gilt für den Tatort wie für das gesellschaftliche Umfeld gleichermaßen.

Schließlich ist der „Mord im Orientexpress“, verteufelt spannend. Die Lektüre lohnt sogar für diejenigen, die ihn in ihrer Jugend gelesen und die Verfilmung gesehen haben. Der Roman ist derart kunstvoll gewoben, dass er auch bei der „Wiedervorlage“, um es mit den Worten Agatha Christies zu sagen, „überaus erfreulich“ ist.

 

Tatort:Orientexpress

Der „Mord im Orientexpress“ ist, wie der Name schon andeutet, ein Kammerspiel. Der Reiz liegt zum Gutteil darin begründet, dass die Personen und die Handlung in einem eng umrissenen Raum gefangen sind. Den derart definierten Tatort erweckt Agatha Christie perfekt zum Leben. Der Leser fühlt den Glanz der ersten Klasse des Kurswagens Istanbul-Calais genau so, wie die Enge, die Zugabteilen damals wie heute trotz des privilegierten Status ihrer Reisenden zu eigen ist. Das Holz der Wände, das Leinen der Betten, die abgestoßenen Koffer der Reisenden scheinen, obwohl Agatha Christie für derlei Beschreibungen angenehm wenige Worte aufwendet, mit allen Sinne förmlich spürbar. So ersteht trotz des engen Korsetts der Handlung, des eingeschränkten Bewegungsspielraums der Personen eine ganze Ära mit all ihrem lang verblassten Glanz, ihrem ganz eigenen Charme wieder zum Leben. Auch das ein Grund einmal ein Buch hervorzunehmen, das seit Jahrzehnten beinahe vergessen in den Bücherregalen ruht. Zwischen den Buchdeckeln ist nämlich bis heute kein einziges Staubkorn zu finden.

Agatha Christie, Mord im Orientexpress, Fischer, 7,95€

VÖ: 1. Januar 1934

Einen Text von mir dazu gibt es auch auf dem WLG